:: Im Abseits – Nichtwähler und ihre Gründe

Nichtwähler. Auch sie stehen im Fokus von TV-Debatten, Polit-Talks und Prognosen im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl. Ob die AfD aus ihrem Lager Stimmen gewinnen könnte, wird gerätselt, Fernsehspots mühen sich, sie zum Urnengang zu motivieren, und die Urteile, die über diese Leute gefällt werden, reichen bis zur Schmähung: Daß sie durch die Wahlverweigerung die Legitimation verspielten, an der politischen Debatte überhaupt noch teilnehmen zu dürfen, sich „hinterher zu beschweren“ also, heißt es da etwa. Politiker selbst nehmen die Wahlmüdigkeit von etwa 17 Millionen Menschen traditionell als Ausdruck einer unbegründeten Politikmüdigkeit, hervorgegangen aus dem Mißverständnis, „die da oben“ interessierten sich nicht für „uns hier unten“ und worden ohnehin „machen, was sie wollen“; ein falscher Eindruck natürlich, denn in Wirklichkeit würde man ja, und so weiter, und so fort.

Die Dokumentation Nichtwähler – Die stärkste Kraft im Staat des Bayerischen Rundfunks vom vergangenen Mittwoch machte sich die Mühe, den umgekehrten Weg zu gehen – zu den Nichtwählern. Um – statt über sie zu reden – herauszufinden, was sie (nicht) motiviert.

Ironischerweise sind sie leicht zu finden; der Nichtwähler hat gewissermaßen seinen Ort, an dem man ihn antrifft. Aufsuchen muß man nur die in deutschen Städten (wenn auch nicht in Berlin, soweit Herr Sathom das beurteilen kann) existierenden wahlkampffreien Zonen – ganze Bezirke bzw. Viertel, in denen die Parteien sich nicht einmal mehr die Mühe machen, Wahlplakate aufzuhängen. Die Grenzen dieser Gebiete zu denen, die stark beworben werden, verlaufen entlang der Einkommensgrenzen. Wie ein Riß geht die Spaltung durch manche Städte, zeigt, daß sich die Politik für die Bezirke der Bessergestellten interessiert, die „sozial Schwachen“ nicht anzusprechen versucht. Tatsächlich, zeigt die Dokumentation, wird bevorzugt dort geworben (durch Haustürbesuche etwa), wo man ohnehin stärkste Kraft ist, bei den eigenen Wählern also, deren Abstimmungsverhalten ohnehin sicher scheint – als ginge es nicht so sehr darum, Unentschlossene oder Anhänger anderer Parteien zu werben, sondern die bestehende Klientel zu pflegen, ihr Aufmerksamkeit zu bekunden.

Ein erstes Indiz, daß der Eindruck der „Abgehängten“, „die Politik“ interessiere sich nicht für sie, zutrifft? Erstreckt sich dieses Desinteresse auch auf die Politik, die nach der Wahl gemacht wird, also auch auf das Handeln gewählter Politiker, das nur den Interessen ihrer jeweiligen Klientel dient, den Rest der Gesellschaft vernachlässigt? Die Dokumentation kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

Einer Studie der Universität Osnabrück zufolge hatten in den letzten fünfzehn Jahren wirklich gut verdienende, wohlhabende Gesellschaftsschichten weitaus größere Chancen, daß Politik zu ihren Gunsten gemacht wird, als die Ärmeren. Was sich durchsetze, seien vornehmlich die Wünsche der Reichen. Den Forschern zufolge besteht dabei „eine klare Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen.“ Der Wille von Bürgern mit geringem Einkommen hätte „eine besonders niedrige Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden.“ Die Wahlforscherin Dr. Sigrid Roßteutscher kommt u.a. zu dem Fazit, daß vornehmlich die Interessen bürgerlicher und gehobener Schichten bedient würden. Ganz eindeutig hätten Regierende jeglicher politischen Couleur – eben auch die SPD – in den letzten Jahren und Jahrzehnten Politik und Gesetze gegen die Interessen der Arbeiter und „kleineren Leute“ gemacht.

Ein erstes Fazit der Sendung: Der Eindruck der „Abgehängten“ der Gesellschaft, die Macher der Politik interessierten sich weder für sie noch ihre Anliegen, täuscht nicht. Sie sind „den Politikern“, sind „denen da oben“ tatsächlich egal – mehr noch, jene handeln zugunsten privilegierter „Lieblingsbürger“ sogar gegen ihre Interessen. Es handelt sich also nicht um einen Irrtum falsch informierter Menschen, um bloßes, irrationales Gefühl.

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:: Herr Matthies liest Wahlplakate. Herr Sathom liest Matthies.

Noch was Liegengebliebenes.

Herr Sathom arbeitet immer noch ab; diesmal etwas, das mit dem vorangegangenen Artikel in Verbindung steht. Dort ging es um die These, daß die immer noch sehr breite bürgerliche Mittelschicht nichts am Problem der Armut ändert; es von Teilen dieser Schicht sogar stabilisiert wird. Was natürlich nicht der Eigenwahrnehmung dieses, meist gut verdienenden und nach eigener Auffassung höher gebildeten, Bürgerstandes entspricht. Wie sieht diese aus? Lesen wir Zeitung.

Die Zufriedenheit des Bildungs-Mittelschichtlers mit dem Bestehenden, seine Verachtung derer, die es weniger gut getroffen haben, tropft einem ja auch gelegentlich aus seinen bevorzugten Presseorganen entgegen; denn der Durchschnittsjournalist stammt schließlich auch aus dieser Schicht. Das, was den Bürger der Mittelschicht vom Pöbel abhebt, ihn mithin legitimiert, materiell besser dazustehen als dieser, ist nach seiner eigenen Auffassung seine Bildung. Inwiefern diese aus mehr besteht als einigen Vorurteilen über den Rest der Menschheit, die er mal gehört und sich gut gemerkt hat, kann man fragen. Die Einstellung jedenfalls schimmert häufig durch; und sie paart sich manchmal mit einer habituellen, gemütlich-belustigten Herablassung bei der Betrachtung der Welt.

Will man eine Vorstellung davon gewinnen, wie dieser hochgebildete Bürger tickt, liest man am Besten die Glossen seiner Tagespresse. Als besonders ertragreich erweist sich hier immer wieder der Berliner „Tagesspiegel“; und dort geradezu als Fundgrube der unnachahmliche Bernd Matthies, seines Zeichens Chefredakteur.

Schon seit einigen Wochen lungert eine seiner Glossen auf Herrn Sathoms Zeitungsstapel herum (hier ist sie noch online). Der Autor hatte sich darin der überall sprießenden Wahlplakate vorgenommen; und von seinem Streifzug heimgebracht, was er nun in lustig-elaboriertem Sprachcode ausbreitete, ein Sammelsurium für den, der wiederum ihn in seinem Bau erforschen will.

Zugegeben: Wenn die Feder mächtiger ist als das Schwert, führt Herr Matthies eine gewitzte Klinge. Das liest sich flott, geschliffen formuliert, wenn auch zu routiniert geschrieben, um nicht fad zu schmecken; zu gefällig vielleicht, keineswegs so sperrig, daß es dem an die Stilgesetze des Deutschaufsatzes gewöhnten Leser weh täte. Erkenntnisgewinn bringt es keinen, denn was Herrn Matthies zu den Wahlplakaten, den Parteien und überhaupt zum Thema Wahlkampf bewegt, könnte auch beliebigen Passanten einfallen, die bloß kein öffentliches Forum dafür fänden. Kurz, es ist belanglos, gleichgültig, trägt nichts bei zu dem, was ohnehin allgemein über die Qualität heutiger Wahlkämpfe verlautet. Sich halbseitig in einer angesehen Hauptstadtpostille über das zu verbreiten, was andere nur stumm während der Pendelfahrt denken, scheint eines der Privilegien des gebildeten Meinungsmachers. (Oder vielleicht das eines Chefredakteurs? Dann hätte der’s aber fein, die Mitarbeiter müßten immer richtige Zeitungsartikel schreiben, doch er selbst fände stets ein Plätzchen für die Erleuchtungen, die einem neulich beim Sonntagsspaziergang kamen; hei, was da los wäre, dürfte Herr Sathom mal Chefredakteur sein! Wann immer er beim Computerspiel so eine Obermistbratze erledigt hat, wär da aber ein Leitartikel fällig!)

Man schmökert das flugs weg, findet tatsächlich ein, zwei originelle Redewendungen, und um den Gag mit Christian Lindners Bartschatten, den dieser hinterlassen kann wie die Katze aus Alice im Wunderland ein Grinsen, kann Herr Sathom den Herrn Matthies sogar beneiden. Die Glosse entlockt dem Leser, zumal wenn er dem Verfasser gleichgesinnt ist, gewiß das eine oder andere Grinsen zufriedener Übereinstimmung; und vielleicht ist das ja der Zweck des Ganzen. Was es soll, ob es einem Erkenntniszweck folgt und welcher, verdammt nochmal, das sein könnte, fragt man sich nach der Lektüre schon; hat aber, wenn schon keine anderen, so doch Erkenntnisse über den Verfasser gewonnen.

:: Der Speckgürtel vor der Wahl

Kürzlich erklärte jemand in einer Fernsehsendung (Herr Sathom ist so durchgezappt, weiß nicht mehr, in welcher), die meisten Menschen in Deutschland litten unter der falschen Vorstellung, daß die Gesellschaft pyramidal aufgebaut sei, also aus wenigen Reichen an der Spitze und einer großen Masse verarmter Menschen im untersten Stockwerk bestünde. Vielmehr gäbe es zwar wirklich einige wenige, sehr reiche Bürger, dann am unteren Ende halt so’n paar Millionen Arme, dazwischen jedoch eine gut aufgestellte, sehr breite Mittelschicht, wie eine dazugehörige Grafik zeigte. Kurz: Die deutsche Gesellschaft ist keine Pyramide. Sie ist ein Brummkreisel!

Das ist zunächst richtig; aber eben nicht tröstlich, sondern gerade das Problem. Der Brummkreisel steht auf dem Kopf, die Spitze zeigt nach oben; der verarmte Fuß ist doch recht breit. Das Leid und die Not der Minderlöhner, Aufstocker, Multijobber und ganz Abgehängten, der aufgrund ihrer sozialen und/oder ihres Migrationshintergrunds Diskriminierten, lindert das zudem keineswegs; diese Millionen (plus armutsgefährdeter Kinder) sind da, und es geht ihnen dreckig. Darüber hinaus stehen sie den Reichen eben nicht als Interessengruppe direkt gegenüber. Dazwischen sitzt eben jene Mittelschicht saturierter, mit dem Status Quo einverstandener, weil durch ihn privilegierter Bürger, die auch bei den anstehenden Wahlen gegen jede Veränderung, gegen „soziale Gerechtigkeit“ stimmen werden, weil sie nichts anderes interessiert als der Erhalt ihrer eigenen Position; einer, die nicht nur materiell erschwinglich ist, sondern ihnen auch ermöglicht, sich als „staatstragende Mitte“ wichtig, besser als die Versager da unten zu wähnen.

Statt von einem Brummkreisel könnte man auch von einer Speckschicht reden (auch diese Assoziation legt die Grafik nahe); einem Schmerbauch, feist und behäbig, selbstzufrieden und voller Eigendünkel, dessen Inhabern das Schicksal eines anderen Teils der Gesellschaft völlig gleichgültig ist. Und das ist kein ganz unzutreffendes Bild. Gewiß, das ist wichtig, beschreibt es nicht für die ganze „Mitte“, ist dieser Begriff doch einigermaßen unpräzise; allerdings wohl durchaus für diejenigen ihrer Kreise, die einen ausgeprägten Dünkel mit sich herumtragen, gründe dieser nun in materiellem Erfolg oder vermeintlicher kultureller Überlegenheit. Die sich als gebildet und höher kultiviert verstehende Mitte jedenfalls wähnt sich zurecht privilegiert; und findet es normal, sogar völlig richtig, wenn die zuschanden werden, die es angeblich durch Bildungsfaulheit und auch sonst mangelnde Anstrengung selbst verschuldet haben. Dabei profitiert sie in Wirklichkeit von der ungerechten Verteilung von Gütern und Chancen, von den Strukturen, an denen die „Unterschicht“ scheitert. In einem Staat, der selbst kaum in Bildung investiert, schickt sie ihre Sprößlinge auf Privatgymnasien, die sich Otto Minderlöhner nicht leisten kann, votiert wie einst in Hamburg gegen die Abschaffung eines selektiven Dreiklassenschulsystems; kann sich Anwälte leisten, die Lehrer und Schulen verklagen, bekommt das eigene Kind keine Gymnasialempfehlung. Ein Kind, nebenbei, das sich später die Masterarbeit von bezahlten Ghostwriting-Profis schreiben lassen kann, während andere sie sich neben dem Streß eines Studentenjobs mühsam abquälen. Ihr stehen qua Portemonnaie Wege und Chancen offen, die einem Teil der Gesellschaft verbaut sind – und durch ihr Verhalten, z.B. bei Wahlen, sorgt sie dafür, daß sie das auch bleiben.

:: Die CEOs und das sinkende Schiff

So. Nachdem Herr Sathom nun schon längere Zeit aus diversen Gründen (geht euch nix an) blogverhindert war, wird’s Zeit, endlich mal wieder loszutippen. Dazu muß er zunächst einige Erzeugnisse seines nikotinberauschten Hirns nachliefern, die in den letzten Wochen liegengeblieben sind; aufgewärmter Kaffee also, doch da es sich um Themen handelt, die ins Allgemeingültige führen, hoffentlich trotz der verstrichenen Anlässe relevant.

Man hört ja übrigens aus Entenhausen in letzter Zeit auch so gar nichts mehr, wenigstens nicht viel; vielleicht, weil der Donald nach Charlottesville von seinem Umfeld geknebelt und an einen Stuhl gefesselt wurde, dieser General Kelly da macht ja womöglich einen ganz ordentlichen Job. Oder dem Präsidenten fehlt sein Einbläser Steve Bannon, womit wir auch schon beim Thema wären.

Reden wir über die Nachbeben von Charlottesville.

Weil Donald Trump Schluckbeschwerden bekommt, wenn er sich von rassistischen, gewalttätigen Demonstranten eindeutig distanzieren soll, haben sich kürzlich zahlreiche Wirtschaftsgrößen aus seinen business councils, den beiden wirtschaftlichen Beratergremien, verabschiedet; so lange, bis Trump diese – unter dem Vorwand, den Druck von den verbliebenen Mitgliedern nehmen zu wollen – aufgelöst hat. Und sich zuletzt, vielleicht nachdem John Kelly lange genug „Tausend Stecknadeln“ mit ihm gespielt hat, auch von seinem bösen genius familiaris Bannon trennte.

So weit, so gut. Belegt das, daß die global und kapitalistisch ausgerichtete Wirtschaft für Weltoffenheit, Toleranz und Menschenwürde steht, ein Gegengewicht zum nationalistischen Abschottungswahn darstellt, wie es neoliberale Kreise gern behaupten, wenn sie Emmanuel Macron oder Christoph Lindner als Antidot für Le Pen und Pegida anpreisen? Zeigten die Konzerngrößen hier moralische Haltung, ethische Überzeugung? Haben sie den US-Präsidenten aus hehren Gewissensgründen aufgegeben, wie etwa Kenneth Frazier, Chef des Pharmakonzerns Merck, für sich in Anspruch nahm?

Man könnte das meinen, bis man sich klarmacht, daß dieselben Leute sich durch die bisherigen Parolen und Verhaltensweisen dieses Präsidenten keineswegs gehindert fühlten, in seinen Gremien zu sitzen. Es ist ja nicht so, als hätte Trump seit Amtsantritt oder bereits im Wahlkampf Zweifel an seiner Fremden- und Frauenfeindlichkeit, oder seinen homophoben Ansichten aufkommen lassen. Mexikanische Mauer, „Muslim Ban“, „Grab their pussies!“ – all das war deutlich sichtbar, und rührte an niemandes Gewissen.

Stephen Colbert von der Latenight-Show A Closer Look hatte schon recht, als er nach den Austritten witzelte, daß für den abgesprungenen Richard Trumka, der Trumps Verhalten als „the last straw“ bezeichnete, die bisherigen Ausfälle des Präsidenten wohl nur „fun straws“ – witzig-bunte Designstrohhalme – gewesen seien. Nun ist Trumka allerdings Gewerkschaftler (dem auch erst nach Charlottesville, also nach Monaten der Zusammenarbeit, plötzlich auffiel, daß Trumps Manufacturing Council nie dazu gedacht gewesen sei, Arbeitern wirklich zu helfen); was für ihn gilt, betrifft aber die Konzernvertreter ebenso.

Wenn sich also Kenneth Frazier auf „persönliche Gewissensgründe“ beruft, kann man durchaus fragen, weshalb sein Gewissen vorher schwieg. Hat er, der nach den Ereignissen von Charlottesville als erster ging, den Rassismus des Präsidenten bzw. eines Teils seiner Anhänger zuvor nicht bemerkt? Lebten alle Beteiligten bis zu Trumps erster Rede zu den Ausschreitungen unter einem Stein?

:: Der sanfte Trump

Seit Emmanuel Macrons Amtsantritt begleitet ein seltsames Begrüßungskonzert jeden Schritt des neuen französischen Staatspräsidenten. Es erklingt u.a. aus dem benachbarten Deutschland. Nicht, daß sich nur in Frankreich selbst auch skeptische und besorgte Stimmen erheben würden; kritische Berichterstattung findet sich ebenso hierzulande: Ein Artikel in der FAZ etwa analysiert Macrons neoliberale Ausrichtung ebenso wie die Probleme, die sein „aus Vertretern der Zivilgesellschaft“ zusammengesetztes Personal mit sich bringt, das, wie der Autor vermerkt, politisch nicht so jungfräulich ist, wie oft der Anschein erweckt wird.

Es sind vielmehr bestimmte Interessengruppen, die sich seit den französischen Wahlen – der des Präsidenten, und der des Parlaments – auf dieser Seite des Rheins an der Verklärung des jungen Hoffnungsträgers abarbeiten. Und daß ausgerechnet Peter „Wer braucht soziale Gerechtigkeit, laß doch die Reichen Almosen geben, wie sie grad zufällig Lust haben“ Sloterdijk von Macron als „Erscheinung“ im Range einer Jeanne D’Arc schwurbelt (dito FAZ), sollte einen ja immerhin ein wenig mißtrauisch machen. Dem zuerst verlinkten FAZ-Artikel ist eigentlich in der Sache nichts hinzuzufügen; es lohnt sich jedoch die Frage, wer den neuen Präsidenten eigentlich außerhalb Frankreichs so feiert, und warum.

Bundesdeutsche Politiker und manche Intellektuelle wetteifern da um die lauteste Lobeshymne auf die Lichtgestalt. Nicht weniger als der Retter Europas soll er sein, Reformator Frankreichs, Held eines wieder erstarkenden Liberalismus, der zwar vor allen Dingen ein wirtschaftlicher ist, aber, nicht wahr, neoliberale und kapitalfreundliche Politik erzeugen ja Freiheit und Weltoffenheit quasi als Abfallprodukt, und Macron, immerhin Bezwinger der furchtbaren Marine Le Pen, steht für Hoffnung, Optimismus, Mut anstelle der Angst, die jene predigt; Schlagworte wie „Reform“ aber ziehen hierzulande ohnehin allemal. Glaubt man den Texten, die da Manchen aus der Tastatur purzeln, ist Emmanuel Macron schon kein Sterblicher mehr, sondern vom Himmel gestiegener Sohn der Sonne – wie sein Namenspatron ein Erlöser, der die Hülle des bloß Menschlichen jedoch längst abgestreift hat.

Andere betrachten den Messias kritischer, und durchaus besorgt. Ihn, heißt es mahnend, hätten die Franzosen keineswegs gewählt, bloß gegen Le Pen gestimmt; was immerhin die hier gern vertretene Auffassung relativiert, dort hätte man sich für etwas entschieden, das deutsche Politiker gern in Macron verkörpert sehen möchten (im Wesentlichen wohl eine Germanisierung der Grande Nation, was ihren Umgang mit „sozial Schwachen“, Arbeitslosen und Arbeitnehmern angeht). Es ist so gesehen nicht Macron, der Marine Le Pen verhinderte; es waren die Franzosen, da sie ihn mangels sonstiger Alternativen zähneknirschend wählten. Und einiges am Verhalten des neuen Präsidenten weckt bei seinen Untertanen Befremden.

Es gilt u.a. die Rede des Präsidenten in Versailles. Sie behandelte auch Macrons Großprojekt, die Moralisierung der Politik. Zwei Maßnahmen sollen diese fördern – einmal ein Gesetz, das die Anstellung von Familienangehörigen verbietet, zum anderen die Berufung von Vertretern der Zivilgesellschaft, Personen also, die nicht im Politikbetrieb groß geworden, nicht über die Jahre durch Parteiklüngelei und Pöstchenwirtschaft verdorben worden sind. Das hört sich gut an, so lange man übersieht, daß viele dieser Vertreter Unternehmer sind, daß also z.B. Arbeitgeber über die geplante Änderung des Arbeitsrechts entscheiden – ganz so, als setzte man gleich Lobbyvertreter ins Parlament; daß also die neuen Abgeordneten durchaus ihre eigenen Interessenkonflikte mitbringen (weshalb einige, nachdem diese ruchbar wurden, auch bereits wieder gehen mußten). Hier werden Nuancen interessant. In seiner Versailler Rede nämlich forderte Emmanuel Macron, daß mit der Suche nach korrupten Parlamentariern nun aber gefälligst auch langsam wieder Schluß sein müsse. Er fand Worte, die den Eindruck erwecken, die Medien betrieben eine böswillige Hexenjagd; und verlangte, das solle nun aufhören. Anders ausgedrückt – was ihn auch an die Macht brachte, der Überdruß an „Volksvertretern“, die alles andere als das Volk vertreten, soll nun, für die eigene Regierung, nicht mehr gelten; die Kritik am politischen Establishment habe jetzt, da seine Anhänger es stellen, zu verstummen. Es kommt ja das neue Gesetz. Alles wird gut, regelt sich ab jetzt von selbst; die Medien dürfen gern wieder in eine andere Richtung blicken.

:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Morgen entscheidet Frankreich, wer das Land die nächsten Jahre als Präsident/in führt: Marine Le Pen, die für Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck und gegen Europa steht, oder Macron, auch hier in Deutschland erhoffte Lichtgestalt und Messias, der braunen Gefahr zu wehren, dabei zugleich mit dem Finanzkapital verbandelt und bereit, „notwendige Reformen“ durchzuführen, die an die hiesige Agenda 2010 erinnern, wobei er sein geplantes, drastisches Strafsystem pausbäckig als „Recht auf Arbeitslosigkeit“ verbrämt (der Trick: Arbeitslosengeld bekäme auch, wer selbst kündigt – jedenfalls so lange, bis er zweimal eine Tätigkeit, für die er vielleicht gar nicht qualifiziert ist, abgelehnt hat). Was Macron mangels eigener Partei und parlamentarischer Unterstützung genau bewirken kann, bleibt dabei zunächst unklar, aber auch gleichgültig – für alle, die ein Regime Le Pen zu Recht fürchten, ist er der Heiland des Augenblicks, für seine Mission schon mit dem passenden Vornamen gesegnet, Emmanuel, in der christlichen Tradition eine Bezeichnung für den auferstandenen Herrn. Ein Erlöser, so strahlend, daß Herr Lindner von der FDP gern der deutsche Macron würde, allein, das Zeug dazu hat er wohl so wenig wie dereinst Rolf Kauka das zum „deutschen Walt Disney“, zu dem man ihn gern stilisiert hätte. Ob man mit Macron/Le Pen nicht lediglich die Wahl zwischen Teufel und Beelzebübin hat, fragen sich andere, und eine Bewegung, die zum Nichtwählen bzw. zur Abgabe ungültiger Stimmzettel aufruft, gerade das als Ausdruck politischen Willens ansieht, findet ebenfalls viele Anhänger.

Die anstehende Schicksalswahl – die diese Bezeichnung zur Abwechslung verdient – soll hier als Anlaß dienen, einen kurzen Rückblick auf den Erfolg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren zu werfen, und dabei eine seiner Merkwürdigkeiten zu beleuchten.

Im letzten TV-Duell vor der Wahl hielt Le Pen ihrem Gegner u.a. vor, er stünde als Ultraliberaler für einen „Krieg aller gegen alle“. Diese Äußerung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Einerseits verbirgt sich hinter der Äußerung, auch wenn sie hier als eher flapsige Parole daherkommt, eine beklemmend realistische Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Herr Sathom hat in diesem Blog schon vor längerer Zeit die These aufgestellt, der Euphemismus der „Wettbewerbsgesellschaft“ beschönige einen wirtschaftlichen Bürgerkrieg Jeder gegen Jeden; verhülle, daß wir es nicht nur normal, sondern richtig finden, daß es in der Gesellschaft „Gewinner“ und „Verlierer“ gäbe, wobei die letzteren – anders als im spielerischen Wettbewerb – Elend und Not, gegebenenfalls den Kältetod als Obdachloser, zu gewärtigen haben, gerechte Strafe des „Lebens“ für diejenigen, die „zu spät kommen.“ Der Gedanke ist uns so eingefleischt, daß wir ihn nicht einmal in Frage stellen, unsere Kinder von einem Förderkurs in den nächsten hetzen (sofern wir es uns leisten können), um sie zu Supersoldaten für den globalen Leistungskampf von Morgen abzurichten; daß wir uns selbst ständig zu „optimieren“ suchen, uns entsolidarisiert haben, beständig gegeneinander statt miteinander leben. Geführt wird dieser Krieg nicht nur zwischen den einzelnen Individuen, sondern auch den Schichten: Die „Abgehängten“, „Geringqualifizierten“, die „Globalisierungsverlierer“ sind vom gesellschaftlichen Mainstream eben nicht nur „vergessen“ worden, wie es jetzt allenthalben heißt, sondern aktiv bekämpft. Sie wurden in demütigende Minderlohnverhältnisse gezwungen, um Teilhabe und und Rechte gebracht, als Faulpelze und Sozialschmarotzer verleumdet; mit dem Vorurteil, sie würden nur jammern und die Verantwortung für ihr Versagen auf andere abschieben wollen, hat man sie effektiv geknebelt und jeglicher Mitsprache beraubt.

Andererseits stehen die Rechte, und mit ihr Mme. Le Pen, kaum für einen gesellschaftlichen Zustand, der nicht kriegerisch wäre. Der Krieg ist für die Zeit nach der Wahl bereits erklärt – den Zuwanderern sowieso, den Homosexuellen, dazu all jenen, die nicht das klassische, bürgerliche Familienmodell leben, und überhaupt den Frauen, ob sie nun allein erziehen, abtreiben oder sonst etwas tun müssen oder wollen, daß ihrer „naturgewollten“ Rolle widerspricht. Ein von der Rechten regiertes Land – das beweist u.a. Ungarn – befindet sich allerdings in einem dauernden Kriegszustand gegen Teile der Bevölkerung, wie er jedes autoritäre Regime, auch Putins Rußland oder Erdogans Türkei, kennzeichnet. Auch der Vorwurf des wirtschaftlichen Liberalismus ist eigentümlich. Wirft man einen Blick in die Parteiprogramme – auch das der deutschen AfD – zeigt sich schnell, daß gerade die Rechte wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar sind. Was sie den Vertretern eines globalen Freihandelskapitalismus vorwirft, propagiert sie selbst, zeigt sich gnadenlos gegenüber den ärmeren Schichten; verschoben ist lediglich der Fokus.

:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Nun also auch hier doch noch einmal Trump; hilft ja nix. Allerdings nicht, um sich unter die Chronisten der Katastrophenmeldungen zu reihen – nicht, daß die ersten Amtstaten des neuen US-Präsidenten nicht katastrophal genug wären, doch es hieße, lediglich zu wiederholen, was derzeit aus allen Medienkanälen über uns hereinbricht, und von beinahe jeder anderen Thematik ablenkt –, sondern weil ein spezifischer Aspekt der Debatten über Trump verdient, in größeren Bezug gesetzt zu werden.

Es geht um eine Frage, die derzeit viele Trump-Gegner in den USA umtreibt, und teils wie eine verzweifelte Hoffnung auf Amtsenthebung, teils ängstlich, teils mit Häme diskutiert wird; eine Frage, die längst auch deutsche Diskussionen erreicht hat. Drücken wir es „volkstümlich“ aus:

Ist Donald Trump verrückt?

Weisen seine persönlichen Angriffe, das Nachäffen eines körperlich beeinträchtigten Journalisten, die verbalen Ausfälle gegen Frauen, seine manische Twitter-Besessenheit (der er sich offenbar lieber widmet, als Entscheidungen sorgfältig zu überlegen), seine Meinungswechsel (Zweistaatenlösung in Palästina hüh, dann hott), seine unbeendeten Sätze und vieles mehr, auf eine Persönlichkeitsstörung hin? Lügt Trump, wenn er behauptet, bei seiner Amtseinführung wären Menschenmassen anwesend gewesen, wenn er „alternative Fakten“ präsentiert, oder leidet der Präsident an Realitätsverlust?

Grundsätzlich lassen sich drei Strömungen unterscheiden. Die einen halten Trump schlichtweg für durchgeknallt. Unterschiede gibt es hier lediglich in der Frage nach Grad und Natur der Störung: Der bezwingend witzige Keith Olbermann vom GQ-Magazin nennt in seiner YouTube-Serie The Resistance durchaus beunruhigende Symptome, um sich auf eine explizite Diagnose festzulegen: „He’s mad.“.Andere Vertreter dieser These vermuten beim 69-jährigen Trump frühe Anzeichen von Alzheimer bzw. Demenz; und in der Sendung Hart aber fair zählt der Psychiater Borwin Bandelow Indizien für eine narzißtische Persönlichkeitsstörung auf (von ca. Min. 39:22 – 48:48), wenn er auch mit einer Ferndiagnose vorsichtig bleiben will.

Die Gegenposition besteht in der Auffassung, daß Trumps Verhalten nichts mit „Aussetzern“ oder mangelnder Impulskontrolle zu tun hätte. Es handele sich um Verhandlungsmethoden, die er bereits als Geschäftsmann verwendet habe; die Unsicherheit, was er tun werde, die Einschüchterung und Verächtlichmachung anderer, all das wären Verhaltensweisen, die den businessman Trump kennzeichnen, und die er nun ins politische Leben übertrage. Die Kognitionspsychologin Elisabeth Wehling wiederum betrachtet alles,was Trump tut oder sagt, als sorgfältig geplant, choreographiert; bei seinem scheinbar unzurechnungsfähigen Verhalten handele es sich um eine als framing bezeichnete Methode der psychologischen bzw. sprachlichen Manipulation, bei der an tiefsitzende Ressentiments (gegen Latinos, Afrikaner, Frauen, Homosexuelle etc.) der Zielgruppe appelliert werde – eben an deren Gedankenwelt, ihren „frame“.

:: Von hier an: Trump

Keine Sorge, das kommt auch noch vor. Der neue US-Präsident wird heute eingesetzt; zu ihm hangeln wir uns schon hin.

Befassen wir uns aber zunächst mit einer besonders lustigen AfD-Forderung. Nein, nicht dem Mist, den Björn Höcke verzapft hat, und der im Augenblick alle so aufregt, von wegen es bräuchte eine erinnerungspolitische Wende, und das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein „Denkmal der Schande“ – das alles hätte man längst wissen können. Wes Geistes Kind die AfD-Führungsriege ist, lag lange schon offen, und auch das Ausmaß ihrer ideologischen Bräune; wer da jetzt erstaunt tut oder sich erst nach Höckes Anfall von Ehrlichkeit empört, hat die vergangenen Jahre unter einem Stein verbracht.

Es klingt daher zwar gewitzt, wenn Sascha Lobo, jener leicht überschätzte Erklärer der platzeprallen sozialen Harnblasen des Internet, auf Spiegel Online fordert, sich Höckes Rede aber auch ja anzusehen, damit diesmal keiner hinterher sagen könne, er habe nichts gewußt; Herr Lobo liegt gern schon einmal halb daneben, diesmal aber völlig richtig – nur ist er leider zu spät dran. Wissen kann man das, was sich da nun so offensichtlich zeigte, schon lange. Herr Lobo hat allerdings recht, wenn er schreibt, daß fünf Nazis in einer Gruppe von hundert Leuten diese zwar nicht insgesamt zu Nazis machen, daß jedoch das Verhalten der restlichen fünfundneunzig, sobald diese wenigen ihre Fahnen und Parolen sprechen lassen, durchaus bedeutsam sei. Verbannen sie die fünf nicht aus ihrer Gruppe, könne oder müsse dieses Verhalten sehr wohl als „Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden.“ Stimmt. Diejenigen AfD- und Pegida-Anhänger, die darauf beharren, nur „besorgte Bürger“ statt Nazis zu sein, müssen erklären, weshalb sie dann mit welchen gemeinsam marschieren. Warum sie ihre Besorgnisse – ganz gleich, wie berechtigt diese sind – nicht in säuberlicher Scheidung von jenen vortragen. Wer NPD-Kader und andere Rechte in seiner Mitte duldet, hat keine Ausrede. Oder, wie das amerikanische Sprichwort sagt: You lie down with dogs, you get up with fleas; ohne Tiervergleiche in seiner hiesigsprachigen Entsprechung: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das könnten sich auch jene Politiker und Journalisten einmal sagen, die dafür plädieren, nicht alle „in eine Topf zu werfen“ – da hineingeworfen haben die sich nämlich längst selbst. Insofern auch das nichts Neues, aber gut und offenbar notwendig, daß Herr Lobo noch einmal daran erinnert.

A propos säuberlich: Es gehört ja zu den beliebten Erzählmotiven der Rechten, daß die Scheidung zwischen Rechts und Links nicht mehr existiere. Von Seiten der Rechten ist diese Behauptung eine rein taktische; sie liefert jedem, der sich AfD, Pegida, „Identitären“ usw. anschließen will, eine nützliche Ausrede, weshalb er deswegen nicht „rechts“ sei. Erstaunlich jedoch ist, wie beflissen teils auch bürgerliche Medien und Politiker diese gedanklich schlampige, unsachliche Entdifferenzierung übernehmen. Vielleicht, weil sie dem Establishment ermöglicht, linke und andere Kapitalismuskritik gleich mit abzuqualifizieren, sie mit dem gemeinsamen Etikett „Populismus“ zu versehen? Hier scheint es ganz genehm, unterschiedliche Dinge in denselben Topf zu werfen und kräftig umzurühren.

Aber wie gesagt – lassen wir das. Widmen wir uns lieber etwas Ulkigem an diesem Tag, da John Carpenters Escape from L.A. – oft als ernst gemeinter, aber schlecht gemacher Apokalypsenfilm mißverstanden, tatsächlich eine Satire – Wirklichkeit zu werden droht. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens lustig.

Die AfD möchte nämlich auch gern, und hier beweist sie Sinn für Humor, daß das pfälzische Dorf, dem Donald Trumps Vorfahren entstammen, touristischer Wallfahrtsort werde. Die Einwohner des Örtchens sind, von Ausnahmen abgesehen, eher wenig begeistert. Für Deutschlandradio Kultur ist die Forderung Anlaß zu ein wenig Ahnenforschung. Und siehe da: Trumps Großvater war ein illegaler – nun, nicht Einwanderer, sondern Auswanderer. Er drückte sich nämlich darum, von seinem Landesfürsten und Leibeigner die Erlaubnis zum Verduften einzuholen, weshalb dieser ihn später auch nicht zurückhaben wollte. Auch der Prinzregent Luitpold habe sich auf entsprechende Anschreiben ungnädig gezeigt, heißt es; gewissermaßen eine Ablehnung des Asylgesuchs eines Rückkehrers. Damit nicht genug – den Grundstein zum trumpschen Vermögen legte der Opa offenbar unter anderem durch Bordellbetrieb. Ja da schau her. All das ist vielleicht nicht notwendig zu wissen, und ebenfalls nicht neu – aber zumindest noch einmal eine pikante Fußnote, kurz bevor das Tier 666 der nächste Präsident den Thron besteigt. Wird Senator Palpatine Donald Trump die galaktische Republik zerschlagen Amerika wieder groß machen, und Europa zerlegen? Popcorn, bitte.

Kommt alles, wie von Carpenter prophezeit? Seine andere Satire, Sie leben!, hat das Wüten des Finanzkapitalismus ja inzwischen bestätigt. Wie war das noch in Die Fürsten der Finsternis? „Dies ist eine Warnung aus der Zukunft“? Und kann Trump eine volle Amtszeit durchhalten? Verlassen wir uns hier nicht auf einen Pfuscher wie Nostradamus, hören wir gleich die Experten: Und es wurde ihm ein Mund gegeben, der große Dinge und Lästerungen redete; und es wurde ihm Macht gegeben, zweiundvierzig Monate zu wirken (Offenbarung 13,5). Na, das sieht doch ganz gut aus; im letzten Jahr wird irgendwas sein.

Nun, fröhlich geht die Welt zugrunde; und das ist ja immerhin auch was wert. Das Deutschlandradio weiß dank einer erfolgreichen Totenbeschwörung übrigens auch, was Karl Marx von alledem gehalten hätte: Ein hörenswerter Beitrag.

:: Adieu Marcel – Goodbye Robert

Immer mehr alte Heroen treten ab. Wer die eigene Biographie in welcher Weise prägte, in welchem Ausmaß der oder die Betreffende das eigene Lebensgefühl wiedergab oder beeinflußte, bestimmt das Gefühl des Verlusts sicherlich mit; so treffen ihre Tode unterschiedlich intensiv. Nach Leonard Cohen mußte kürzlich auch Greg Lake beklagt werden; Fans bestimmter Musikrichtungen mögen das heftiger betrauern als andere, die mediale Wahrnehmung mag je nach Star-Status variieren. Manche gehen vielleicht kaum bemerkt. Robert Vaughn etwa, sein Ableben überschattet von dem Cohens, erfuhr weniger Aufmerksamkeit, und war doch vielen Zeitzeugen der 70er und 80er Jahre vermutlich das vertrautere Gesicht. Für sie alle gilt: Immer markiert ihr Scheiden auch das Schwinden einer Zeit. Vergangen ist sie ohnehin; doch die sich an den Zeitgeist, die Stimmung dieser Jahrzehnte erinnern, müssen sich mit jedem Tod getrennter von denen wissen, die mit den alten Gesichtern, Filmen oder Büchern nichts mehr verbinden. Herr Sathom findet leider erst jetzt die Muße, an die folgenden Protagonisten ihrer Zeit zu erinnern; zwei verspätete Nachrufe.

Am 04.12.2016 verstarb Marcel Gotlieb, Comicfans – älteren zumindest – bekannt unter dem Künstlernamen Gotlib.*

Es fällt schwer, dem einigermaßen angemessenen Nachruf des Tagesspiegels noch etwas hinzuzufügen; was Gotlibs Werk ausmachte, die deformierenden Mutationen, die seine Figuren im zustand der Überraschung oder Hysterie durchlebten, findet dort ebenso Erwähnung wie die Rolle, die Marcel Gotlieb für die Entwicklung der französischen Comicszene spielte: Als Mitbegründer des Verlags L’Echo des Savanes und der Zeitschrift Fluide Glacial half er, das satirische, auch sexuell weitgehend tabufreie Erwachsenencomic (das sich allerdings wirklich an Erwachsene richtete, statt bloß Pornographie für pubertierende Knaben zu bieten) diesseits des Atlantiks zu etablieren. Nachtragen müßte man vielleicht, wie nachhaltig sein visueller und erzählerischer Stil spätere Künstler beeinflußte. Gotlibs Ausdrucksmittel setzten sich in der Comic-Ikonographie fest, so daß heutige Zeichner sie vielleicht zitieren, ohne den Ursprung des einen oder anderen zu kennen (etwa, wenn überraschte Charaktere ein übergroßes und ein winzig zusammengeschurrtes Auge zur Schau tragen); ähnlich wie Claire Bretéchers allgemeiner Zeichenstil, der etwa Ralf König und Franziska Becker beeinflußte, hat Gotlibs Art der Darstellung ihre Spur im Genre hinterlassen. So zeigt sich sein Einfluß auch im frühen Werk von Philip „FIL“ Tägert (dort einmal sogar mit der Fußnote „Pfiffig, was? Wie von Gotlib.“ referenziert), was sich übrigens auch von Édika und Nikita Mandryka sagen läßt, die der deutschen Leserschaft in den achtziger Jahren durch das Magazin U-Comix bekannt wurden; umgekehrt mögen Zeichner des amerikanischen MAD-Magazins, besonders Don Martin, ihrerseits Gotlib inspiriert haben.


 

* Als bürgerlicher Name wird in der französischen und englischen Wikipedia „Gottlieb“ mit Doppel-t angegeben; deutsche Quellen, nicht nur Wikipedia, verwenden grundsätzlich nur ein t, während französische uneinheitlich vorgehen. Herr Sathom kann nur vermuten, daß es sich bei Gottlieb um den ursprünglichen Familiennamen handelte, der später, vielleicht vor dem Hintergrund der Familiengeschichte (Verfolgung durch die Nazis und Ermordung des Vaters im KZ), zu Gotlieb romanisiert wurde. Der Ausstellungstext des Musée d’art et d’histoire du judaïsme, der den Familiennamen der Eltern mit zwei t angibt, scheint darauf hinzudeuten.

:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach

Herr Sathom hat sich getäuscht. Er prophezeite der merkelschen Adjektivbildung „postfaktisch“ kurze Lebensdauer – zu umständlich, zu inhaltlich blödsinnig sei sie, um sich durchzusetzen.

Doch inzwischen – nachdem sich eilfertige Denker rasch anheischig machten, sie zu „kontrafaktisch“ zu verbessern – hat sie Karriere gemacht. Zumindest, wenn man Debatten und Äußerungen der letzten Wochen beobachtet, scheint sie gekommen, um zu bleiben.

Denn sie erweist sich als nützlich.

Zum einen eignet sie sich vorzüglich zur Abwehr jeglicher Kritik. Menschen, die sachlich begründete Zweifel an TTIP und CETA hegen, am Kapitalismus in seiner jetzigen Form, die allesamt dabei nicht rechts orientiert sind, kann man mit der Diagnose „postfaktisch“ – wie im vorangehenden Artikel gezeigt – hervorragend in einen Topf mit irgendwelchen Idioten werfen, ihre durchaus rationalen Argumente ignorieren, kurz, alles, was der Weltdeutung der Herrschenden widerspricht, als irrational vom Tisch wischen (und ggf. mit dem Populismusverdacht behaften). Herrschaft und Vernunft können endlich wieder identisch gesetzt werden.

Zugleich vereitelt diese Einordnung erfolgreich jede effektive Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus bzw. Faschismus – zumal eine selbstkritische. Die Verachtung des Anderen, Kern faschistischer Welt- und Menschenbilder, ist der bürgerlichen Mitte ja nicht fremd; sie verachtet den Armen, den „Verlierer“, die an den „Rändern der Gesellschaft“. Das Gerede vom „braunen Sumpf“ (der menschlichen Scheiße), vom hellen und dunklen Deutschland und vom Pack, so wie noch vor wenigen Jahren das von „Sozialschmarotzern“ unter den Empfängern staatlicher Hilfen, sie alle drücken im Grunde dieselbe manichäische Teilung der Menschen in Lichtgestalten und Dreck aus, die auch der Rede des Nazis von „Ariern“ und „Untermenschen“ innewohnt. Mitte und Obere waren in Denken und Sprache nie weit entfernt von dem, was sie jetzt fürchten; bedient wurden entsprechende Ressentiments allemal gern.

Und mehr als das. Wurde rechte Gewalt ruchbar, galt die Sorge hiesiger Politiker lange Zeit zuerst der Sorge um Deutschlands Ruf in der Welt, nicht den Opfern oder Hintergründen. Und als im Verlauf der „Wende“ in Hoyerswerda der Mob fast ungehindert brandschatzen konnte, bestand die christkonservative Reaktion darin, eine Verschärfung der Asylgesetze zu fordern, um solchen Umtrieben zu wehren. Lange Zeit konnte die Rechte sich auf heimliche Kumpanei verlassen, mindestens darauf, daß sie bekam, was sie wollte, wenn sie nur ordentlich Krach schlug, und bloß nebenher ein bißchen meuchelte. Angela Merkels „Verbrechen“ in den Augen ihrer christlich-konservativen Parteigenossen, einiger Medien und der AfD- und Pegida-Anhänger besteht vielleicht eigentlich darin, diesen gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt zu haben, als sie Flüchtlinge willkommen hieß. Für die soziale Frage haben sich die derzeitigen Rechtspopulisten und ihre Fans vor der Flüchtlings-„Krise“ jedenfalls nicht die Bohne interessiert, soweit sie aus der gesellschaftlichen Mitte stammen und nur „Abstiegsängste“, aber noch keine reale Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Sie tun es auch jetzt nicht (und auch sonst keiner; sonst wäre die LINKE an der Macht); nicht ungleiche Chancen oder Sozialabbau stören sie, sondern daß das System der ungleichen Verteilung nicht zu ihren Gunsten ungerecht ist.

Überhaupt ist das Denken der Verachtung, auf dem dieses System ruht, weiterhin überall verbreitet; auch unter denen, die sich nicht rechts einordnen. Die Vorurteile gegen Ausländer, betrachtet man sie näher, gleichen denen, die in den Jahren der Verdrängung der Gewerkschaften und des geförderten Hau-Ruck-Kapitalismus gegen Arme, „Verlierer“ und „Versager“ ins Feld geführt wurden, aufs Haar; sie wurden mit identischen Mitteln verächtlich gemacht. Hier findet sich, was der französische Soziologe Didier Eribon „Sozialrassismus“ getauft hat. Und im Kampf gegen die neue Rechte wird ausgerechnet dieser reaktiviert, wenn deren Erfolg als Aufstand der zu kurz gekommenen Idioten abgehakt wird. Auf die Idee, daß da nur zurückschallt, was man lange in den Wald gerufen hat, daß die Populistenanhänger einfach zugespitzt und hochtransformiert ausleben, was man sie gelehrt hat – wie nämlich mit Menschen umzugehen sei – kommt kaum jemand.