:: Gebildete Menschenverachtung

Guten Tag.

Willkommen bei der Sendung mit dem Herrn Sathom. Heute: Wie stellt man es eigentlich an, sich und die eigene soziale Schicht als elitär und überlegen darzustellen, Angehörige anderer sozialer Gruppen dagegen abzuwerten – und zugleich so zu tun, als täte man das nicht, und sei sogar selbst das Opfer von Vorurteilen? Insbesondere dann, wenn einem Kritik am eigenen Standesdünkel entgegenschlägt?

Da hilft uns ein vor einiger Zeit in der taz erschienener Artikel; er kann als Beispiel für die Anwendung dieser Methode dienen. Wobei man diese auch in anderen Meinungskommentaren meist bürgerlicher Medien immer wieder mal findet.

Unter dem Vorwand, die machtpolitischen „Kalküle des Kanzlers“ Olaf Scholz zu behandeln, führt uns die Autorin der taz-Kolumne einige dieser Tricks vor. Für Faulpelze, die keine Quellen lesen wollen: Sie handelt im Wesentlichen davon, daß Olaf Scholz sich angeblich anschickt, in populistischer Manier abwertende Vorurteile über eine selbstgerechte, woke Elite zu verbreiten, um die „Kleinen Leute“ hinter sich zu bringen. Wenigstens müht die Autorin sich redlich, einen entsprechenden Vorwurf an ziemlich dünnen Haaren um drei Ecken zu zerren. Übrigens: Ich bin gewiß kein Fan von Olaf Scholz, weder vor der Wahl noch jetzt; aber um seine Person geht es auch gar nicht. Im genannten Meinungskommentar übrigens auch nicht. Sondern eben darum, die bürgerlich-neoliberale Schicht als ausschließlich positive Kraft darzustellen, der ein zurückgebliebener Stammtischmob gegenüber steht. Wobei alle „Elitären“ eben durch die Bank als gut, alle Anderen ebenso blockartig als „schlecht“ dargestellt werden.

Wie geht sie nun dabei vor, und was können wir daraus lernen, falls wir sowas auch mal machen wollen?

1.) Vermeiden Sie offenen Klassismus.

Schreiben sie nicht, daß die Angehörigen ärmerer, oder bildungsbenachteiligter, Bevölkerungsschichten dumm geboren sind; das ist, was Thilo Sarrazin tun würde. So wie er die soziale Benachteiligung auf genetische Minderwertigkeit zurückzuführen, wäre schon kein Klassismus mehr, sondern das, was der französische Soziologe Didier Eribon „Sozialrassismus“ nennt. Das wäre plump und ein bißchen politisch unkorrekt. Schreiben sie also z.B., wie die taz-Autorin: „Die Rede ist viel von sogenannten normalen Menschen, in Abgrenzung gegen die Eliten und im Kern damit gegen jenes [sic!] aufgeklärte bürgerliche Klientel, das Grüne und FDP repräsentieren.“

Puh. Dieser Satz leistet eine Menge Arbeit. Zerlegen wir die mal in ihre einzelnen Schritte.

Erstens: Behauptet wird die Existenz einer Elite; anders als bei Verschwörungstheoretikern ist diese allerdings positiv besetzt, besteht nämlich aus „aufgeklärten“ Leuten. Die Grünen und die FDP repräsentieren diese Leute; die Wählerschaft beider Parteien stellt also diese Elite. Die ist bürgerlich, also wiederum identisch mit dem Bürgertum. Bürgerlich = aufgeklärt = Grüne & FDP, das in eins gesetzt macht die gesellschaftliche Avantgarde aus. Der Umkehrschluß: Wer nicht zu dieser Klientel gehört, ist nicht aufgeklärt, das Gegenteil von Elite. Dieses negative Vorurteil gegenüber den „sogenannten normalen Menschen“ muß jedoch nicht eigens ausgesprochen werden – es ergibt sich implizit aus dem Gesagten. Der Trick also: Die Betonung der eigenen Vorzüge transportiert immer auch ihr Gegenteil, die Abwertung der Anderen; nur muß man dann nicht daherkommen wie ein böser Menschenverächter. Damit wären wir bei:

2.) Arbeiten Sie mit Implikationen.

Also: „Statt die da unten sind blöd geboren und moralische Versager“ lieber „Die da oben sind gebildet, aufgeklärt und moralisch überlegen“, und den Rest der Phantasie von Leserin und Leser überlassen. Aus Scholz‘ – zugegebenermaßen plump jovialer – Behauptung, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hielten sich nicht für „was Besseres“, flicht die Autorin den Verdacht, hier würden Vorurteile gegenüber einer „elitären neuen Mittelklasse“ geschürt, einer, die sich auf Kosten der Arbeitenden bereichere und einen „woken“ Lebensstil diktiere.

:: Assange, der Unsichtbare

Kürzlich erhielten die Philippina Maria Ressa und ihr russischer Kollege Dmitri Muratow, mutige, investigativ arbeitende Journalistinïnnen, den Friedensnobelpreis – zu recht. Doch in einem Artikel der Kontext:Wochenzeitung stellt Autor Wolfram Frommlet eine heikle Frage: Warum eigentlich wurde ein anderer Aufdecker dunkler Geheimnisse völlig ignoriert, der derzeit unter Bedingungen, die man durchaus als Folter bezeichnen kann, in Großbritannien einsitzt – Julian Assange?

Die Frage mag zunächst unangemessen scheinen, eine Art Whataboutism – eine Mäkelei, die außer Acht läßt, daß die Preisträgerïnnen sich ja auch durchaus verdient gemacht haben; doch Frommlet verlangt keineswegs, daß Assange den Preis an ihrer Stelle hätte erhalten sollen, sondern fragt: Wenn man den Preis teilen konnte, um zwei Personen zu berücksichtigen, warum dann nicht auch dritteln?

Klar – es gibt immer noch mehr Leute, die unter Lebensgefahr Journalismus betreiben, und man kann eben nicht alle auszeichnen (oder den Preis vierteln, achteln, usw.); dennoch legt der Autor seinen Finger in eine offene Wunde. Die nämlich, daß Assange nicht nur beim Nobelpreis übergangen wurde, sondern daß sein Schicksal – Preise hin, Preise her – von den westlichen Medien weitgehend ignoriert wird. Und das, obwohl er unter Bedingungen festgehalten wurde und wird, die laut dem UNO-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, durchaus als eben das gelten können: Folter. Und obwohl mittlerweile Belege dafür existieren, daß die CIA unter Trump plante, Assange in London zu entführen, oder gleich dort zu ermorden.

Gewiß: Es ist nicht so, daß überhaupt nicht berichtet würde; und viele Ärzte- und Journalistenverbände verwenden sich für Assange. Und keinesfalls kann es hier darum gehen, die Verdienste der diesmaligen Preisträgerïnnen zu schmälern. Nicht nur insofern hat der Kontext-Autor einen unglücklichen Aufhänger gewählt; denn ein Vorwurf, daß die westlichen Medien, auch und gerade die Öffentlich-Rechtlichen, das Thema ignorieren würden, wäre eindeutig falsch. Das zeigt sich schon daran, daß es sich bei den hier verlinkten Quellen immerhin auch um Berichte dieser Medien handelt. Doch es fällt schon ein merkwürdiges Ungleichgewicht in der Berichterstattung auf, etwa zwischen der über den Fall Navalny und den von Assange, oder andere bedrohte und verfolgte Journalistïnnen. Assange, so konstatiert der Autor im Anschluß an die britische Zeitung Independent, sei „erfolgreich als Paria dämonisiert“ worden; ein Aussätziger, an den – wie auch an Edward Snowden – niemand rührt oder denkt. Die mediale bzw. journalistische Aufmerksamkeit auf Fälle wie den Navalnys und den Assanges ist jedenfalls deutlich ungleich verteilt.

Woran liegt das? Daß nach den umfangreichen Enthüllungen zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange noch irgendwer in journalistischen Zirkeln nicht weiß, daß es sich um eine orchestrierte Verleumdungsaktion der schwedischen Behörden handelte, ist kaum vorstellbar; ebenso könnten alle informierten Fachleute längst wissen, daß Assange, den sie während seines Aufenthalts in der Ecuadorianischen Botschaft gern als zunehmend irren Waldschrat mit wucherndem Bart zeichneten, durch seine Isolation (und Kameraüberwachung seitens einer privaten Sicherheitsfirma) in diesen Zustand getrieben wurde.

Einige Verdachtsmomente.

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:: Abkackende Wahlplakate: Number Five.

Abspann: Apokalypse Resterampe

Okay, ehrlich: Diese Artikelreihe muß unvollständig bleiben. Es gäbe noch viel mehr Parteien, zu deren Wahlplakaten etwas zu sagen wäre – wie zum Mißverhältnis zwischen Wahlkampfthemen und real drängenden Problemen überhaupt; aus arbeitsbedingtem Zeitmangel blieb leider nichts übrig, als nur diese kursorischen Schlaglichter zu werfen. Hier noch ein paar Resteindrücke, und dann leider Schluß:

Manche Wahlwerbungen zeigen den Anflug von Verzweiflung. In Berlin-Neukölln, Johannisthaler Chaussee, sind das z.B. gelbe Handzettel, die man nicht wirklich Plakate nennen kann, und die am Zaun auf dem Mittelstreifen zwischen den richtigen klemmen; sie werben für einen Herrn Christian Pape und tragen eine Webadresse sowie den Slogan „Wähler:innen wählen“. Und das war’s. Tja, was auch immer, Herr Pape. Try harder next time.

Was soll man zur AfD sagen? Da bleibt eigentlich nicht viel, vielleicht, daß ihr Slogan „Deutschland. Aber normal.“ ziemlich nichtssagend wäre, wüßte man nicht, was diese Partei mit „normal“ meint. Nämlich nicht den häufigsten Fall oder das statistische Mittel, sondern eine rigide Vorstellung davon, was „naturgemäß“ richtig oder „gesund“ sei – eine bestimmte Sexualität zum Beispiel; was eine lebhafte Vorstellung davon vermittelt, wie es unter einer AfD-Regierung denjenigen erginge, die gemäß dieser Definition nicht „normal“ sind. Die Plakate der Partei sind ansonsten diesmal ziemlich langweilig, und liefern die zu erwartenden Parolen ab. Nur ein einziges ist Herrn Sathom dadurch aufgefallen, daß es versucht, clever zu sein: „Dürfen wir noch nach Kreta, Greta?“ fragt es listig, doch die Frage wirkt auf Herrn Sathom kurios; er kann er sich nämlich nicht erinnern, daß Greta irgendwann versucht hätte, ihm zu verbieten, nach Kreta zu fahren. Das Problem ist wohl eher, daß man vielleicht irgendwann nicht mehr nach Kreta fahren kann, weil es z.B. im ansteigenden Meer abgesoffen, oder in der Glut der Klimakatastrophe zum Wüsteneiland verödet ist – oder weil man zu beschäftigt damit ist, sich mit anderen postapokalyptischen Mutanten um die letzten Wasserlöcher zu kloppen, um noch ans Verreisen zu denken.

Herr Sathom imaginiert sich mal schnell als nietenbelederten Biker, der mit seiner Gang versucht, den Schergen des Tesla-Konzerns die letzte vorhandene Trinkwasserquelle Mitteldeutschlands zu entreißen. Nur kurz. Zur Entspannung.

Ahhh gut. Ähem. So, weiter. Die Frage ist auch deshalb bescheuert, weil Greta hierzulande gar nicht zur Wahl steht, hinterher also gar nichts verbieten könnte. Ja, ja, schon klar, es geht um Angstmache vor der Ökodiktatur und so, aber irgendwie funktioniert die Pointe nicht; das Gefuchtel mit der bösen Greta-Handpuppe ist einfach zu neben der Realität (dürfte bei Stammwählerïnnen vermutlich gerade deswegen funktionieren).

:: Abkackende Wahlplakate: Part the Fourth

Heute in diesem Theater: Armin, lasset.

Neulich ist Herrn Sathom ein Wahlplakat für den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet aufgefallen; dazu nur kurz was.

Die Parole darauf lautet: „Entschlossen für Deutschland.“ Daneben sitzt und lächelt Herr Laschet. Es ist ein Lächeln, das ihn zuerst wie einen harmlosen, vielleicht etwas einfältigen, älteren Herrn wirken läßt; auf den zweiten Blick wirkt es gezwungen, ängstlich, als dächte er: „Scheiße, hoffentlich merkt keiner, daß ich’s nicht drauf habe.“ Armin Laschet lächelt, als bräche ihm gleich vor Überforderung der Angstschweiß aus. Wie einer, der weiß, daß er der Falsche für diesen Job ist; und der nur vor einer Sache mehr Angst hat als davor, Kanzler zu werden: Daß alle es merken könnten. Oder längst wissen. Entschlossen zumindest wirkt Herr Laschet hier auf keinen Fall.

Leute, so macht man sowas einfach nicht. Für das Plakat hätte man besser Clint Eastwood genommen. Oder Arnold als Terminator. Oder einen Muskeltyp, der schreiend versucht, ein renitentes Gurkenglas zu öffnen. Irgendwen. Irgendwas – einen Stein, einen Holzpfosten, ein solargetriebenes Wackeltier. Nur nicht Armin Laschet.

Letztlich bringt dieses Plakat die Crux des Kandidaten auf den Punkt. Alle öffentlichen Auftritte, alle Medienkommentare der letzten Wochen – die man sich insofern auch hätte sparen können – komprimiert es zu der simplen Erkenntnis: Armin Laschet kann’s nicht.

Na ja. Mehr gibt’s dazu auch nicht zu sagen.

Außer:

Guck mal, Armin, so geht „entschlossen“.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und so „zuversichtlich“.

 

 

 

 

 

 

 

 


Urheberrechtshinweis: Bilder Copyright © 2021 Herr Sathom

:: Abkackende Wahlplakate: Opus III

Apokalyptisch: Das Team des Todes!

Wahlplakate können unfreiwillig komisch, kontraproduktiv, nichtssagend oder floskelhaft sein; doch die einer bestimmten Partei haben ein ganz anderes Problem. Es ist nämlich egal, was draufsteht, ob Positionen, Forderungen, oder Schlagworte. Und zwar, weil schlicht der Name der Partei den Verstand sofort davon ablenkt. So daß ihn nur eine Frage beschäftigt: Who the fuck is Todenhöfer?

Ja, das gibt es: Eine Partei, die sich „Team Todenhöfer“ nennt. Nicht Partei für dies oder jenes, oder liberale, christdemokratische, kommunistische usw. Partei, sondern TODENHÖFER!

Ist wohl ein klassischer Fall von „Der Name ist Programm“.

Oder eine Sekte. In der ein Typ, der Todenhöfer (irgendwie ein guter, grusliger Schurkentitel) den Ton angibt und so Sachen sagt wie „Laßt das Jungfrauenopfer für den Schwarzen Tod BEGINNEN!“.

Also ich weiß ja nicht, ob ich irgendwen mit „Tod“ im Namen wählen würde, aber ich bin jetzt schon neugierig. Wer ist Herr Todenhöfer, und was will er (was die übrigen Parteimitglieder wollen, scheint unwichtig, denn ihre Bezeichnung als „Team“ verstärkt den Eindruck einer autokratischen Eminenz, hinter der sich gesichtslose Gestalten im Schatten sammeln, um ihren Herrn und Meister zu unterstützen).

Na schön, genug phantasiert. Was läßt sich über Herrn Todenhöfer in Erfahrung bringen – ist er wirklich der Sensenmann? Herr Sathom zieht seine Tarnkleidung an und begibt sich auf das Schlachtfeld erbitterter Redakteurskriege, das da Wikipedia heißt. Zuerst zum Wiki-Eintrag der Partei.

Ach so, eins vorab: „Die Gerechtigkeitspartei“ nennen die sich auch noch, so quasi als Untertitel. (Merkt euch das, das wird nachher noch wichtig.)

Jut. Also. Hm, hm.

Das sind erstmal keine brutal schlechten Ziele, soweit der kurze Artikel sie benennt, bloß daß das Todesteam eine irgendwie grenzwertige Einstellung zu den Coronamaßnahmen zu haben scheint (so richtig klar wird das nicht, man sei gegen den „gesellschaftlichen Ausschluss Ungeimpfter“, den so ja niemand wirklich will – es sei denn, das Rauchverbot in Gaststätten wäre ein „gesellschaftlicher Ausschluss von Raucherïnnen“). Daß ausgerechnet Mezut „I like Erdoğan“ Özil die Partei unterstützt, macht allerdings stutzig. Und ja, ich weiß, wie da stilistisch wirkt, stützt, stutzig, aber da müßt ihr durch.

Auch seltsam: Daß der Spiegel das Team als „rechte Randpartei“, und die Zeitung Neues Deutschland sie als neoliberal einstuft, obwohl die Rubrik „Ziele“ im Artikel das nicht hergibt.

Das ist alles weder eindeutig noch ergiebig; es scheint, wir müssen uns doch auf die Wiki-Seite zur Person Todenhöfer begeben, um herauszufinden, was den Mann und „seine“ Partei zum Ticken bringt (womit sich allerdings der erste Eindruck, sie sei nur ein Anhängsel ihres „Obergurus“, verstärkt).

Oh. Hm. Das klingt alles schon ein wenig bedenklicher. Herr Sathom setzt die Gasmaske auf und zielt über den Lauf seiner getreuen Luntenflinte.

:: Abkackende Wahlplakate: Canto Secundo

Diesmal: The Unbelieveable Franziska

Puh, wen soll man bloß wählen? Vielleicht SPD? In Berlin kandidiert ja nicht nur der Olaf Scholz, sondern auch die Franziska Giffey, für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin nämlich.

Plakate zeigen Frau Giffey, wie sie vor der gammeligen Türe eines Altbau-Mietshauses sitzt, neben einem kernigen, tätowierten Urberliner, und mit seinem Wuschelhund spielt; oder wie sie, vielleicht in ihrer Mittagspause, spontan in das Ballspiel unschuldiger Kinder in irgendsonem Park eingreift. Eine Politikerin zum Anfassen, nah an den „kleinen Leuten“, nicht im Elfenbeinturm versteckt, sondern draußen auf der Straße. (Nebenbei, wie viele Elfen muß man eigentlich umbringen, um aus ihren Gebeinen einen Turm errichten zu können? Das ist doch pervers.)

In ihren stets ultrakonservativen, merkelhaftem Kostümchen und frisch lackierten Pumps wirkt sie dabei ein bißchen unglaubwürdig; irgendwie, als wären die Fotos vielleicht gestellt oder so, und als ob sie sowas in Wirklichkeit nie tun würde. Also jetzt nicht so, als wäre das tatsächlich passiert, während zufällig ein Fotograf dabei war. Na ja. Ist vielleicht nur ein böser Verdacht, aber ich kann mir nicht helfen (ich bin eben halt ein schlechter Mensch).

Oder es liegt daran, daß Frau Giffey insgesamt irgendwie unglaubwürdig wirkt. Ich meine, nicht in dem Sinn, daß man denkt „OH MEIN GOTT, ICH KANN ES NICHT GLAUBEN!“, wie man es beim Anblick Philip Amthors tut, sondern eher so „Njä, ich weiß nicht, irgendwie trau ich der nicht“. Vielleicht nur, weil mich dieses Business-Outfit bei meinem mißtrauischen Vorurteil gegen Leute erwischt, die so etwas tragen.

Also, versuchen wir, objektiv zu sein. Wofür steht Frau Giffey?

So. Aha. Und sonst?

Hm, okayyy. Aber war da nicht noch was?

Naja, gut … das ist nun inzwischen schon gar nicht mehr ungewöhnlich bei unseren „Leistunsgträgern“. Ein bißchen Geschummel bei der Doktorarbeit gehört da schon zum guten Ton. Ist quasi die Eintrittskarte in den Kreis der Macher-Elite. Ach nee warte die Masterarbeit auch … ? Ach so, nicht ganz.

Ja, hm, pfff … . Das klingt jetzt nicht alles schlecht. Also, was die politischen Positionen angeht, auch wenn ich nicht 100%ig auf der gleichen Linie wäre. Mal abgesehen davon, daß ich der SPD seit Schröder sowieso nichts mehr glaube. Aber diese Plakate, die sind echt ein Problem.

Ich schätze, wir erleben hier einen der typischen Fehlschläge, die man erzielt, wenn man nicht auf Inhalte setzt, sondern versucht, Kandidatïnnen ein bestimmtes Image zu verleihen, das dann irgendwie auch für ihre innere Haltung, und die zu erwartende Politik stehen soll – und wenn diese Person dann aber so gar nicht geeignet ist, dieses Image glaubhaft zu verkörpern. Bei manchen Politikerïnnen klappt das ganz gut, bei der Angela etwa, bei anderen nicht so, beim Armin zum Beispiel. Für der SPD ihrem Olaf funktioniert es, weil Eigenschaften, für die er anfangs belächelt wurde – eine gewisse Behäbigkeit, eine Aura des Langweilers – ihn so wirken lassen wie eine männliche Merkel-Variante, wie jemanden also, von dem eines nicht zu erwarten ist: Jeglicher Reformeifer, oder sonst eine Veränderung des Status Quo. Also genau das, was deutsche Wählerïnnen wollen.

Was auch nicht hilft, ist die Übertreibung. Politikerin begegnet zufällig im Park spielenden Kindern und macht mit, oder setzt sich zu einem vom Leben ausgezehrten Altbaubewohner in den Dreck? C’mon.

Witzig auch der auf den Plakaten zu findende Satz. Er lautet, immer wieder: Ganz sicher Berlin. Was soll das nun wieder heißen? Daß man sich ganz sicher in Berlin befindet, wenn man dieses Wahlplakat sieht? Daß Frau Giffey, auch wenn sie nicht gewählt würde, ganz sicher in Berlin bleiben wird (anders als einst Herr Weizsäcker wortbrüchigen Angedenkens)? Daß Berlin ganz sicher feststeht, also z.B. morgen noch da ist? Ist ja fast wie die Kernparole der Freien Wähler, die auch merkwürdig vage und nichtssagend bleibt.

Tja, wenn soll man wählen? Ich weiß immer noch nicht. Vielleicht doch wieder DIE PARTEI. Die sind wenigstens lustig. Obwohl, sie fordern ja jetzt, Nazis zu töten – aber das würden die doch bestimmt nicht wirklich machen, falls sie mal aus Versehen an die Macht kämen.

Oder?

:: Abkackende Wahlplakate

Folge 1: Freie Wähler.

Was Feuilletonisten können, kann ich schon lange – denkt sich Herr Sathom und tut der Welt ungefragt seine Eindrücke von den allgegenwärtigen Wahlplakaten kund.

Fangen wir an mit den Freien Wählern, weil zwei ihrer Plakate ihn neulich zu tiefschürfenden Betrachtungen veranlaßten.

Das erste zeigt einen Flamingo – merkwürdigerweise golden statt rosa – umgeben von ausgegrauten Schwänen, Reihern und anderem Geflügel. Neben dem anmutigen Tier steht: Freiheit. Darunter: Zu sein, was man ist.

Herrn Sathom bringt das zum Grübeln. Denn, äh – kann man überhaupt jemand anders sein, als wer man eben gerade ist? Sicher, man kann daran arbeiten, aber das wäre ein längerer Prozeß; im konkreten Augenblick hat man eigentlich nicht die Möglichkeit dazu. Zu sein, wer oder was man ist, stellt also genau genommen keine Freiheit dar – sondern eine Form von Unfreiheit. Man ist tatsächlich gezwungen, zu sein, wozu einen Sozialisation, bisherige Erlebnisse, getroffene Entscheidungen usw. formten; so daß man, derart determiniert, augenblicklich gar niemand anderes sein kann.

Kurz, daß man ist, wer man ist, kann man a) nicht ändern und und ist b) ohnehin schon ein gegebener Fakt. Was das mit Freiheit zu tun haben soll, bleibt das Geheimnis der Freien Wähler – ebenso, weshalb man sie wählen sollte, um dieses Ziel zu erreichen, das man ja, wie gesagt, schon per se erreicht hat.

Ja nee, schon klar – gemeint ist damit natürlich etwas anders. Unter all den grauen Wasservögeln ein buntes Exemplar zu sein, „man selbst“ eben, und auch so leben können; sich nicht dem Konformitätsdruck der anderen beugen zu müssen; nicht angepaßt einer Norm unterwerfen. Darum soll’s wohl gehen. Inwiefern einem die Freien Wähler dabei helfen können, sollte man sie wählen, bleibt offen. Stehen sie auf Seiten der LGBTQIA+usw.usw.- Community? Oder meinen sie Freiheit vom Maskendiktat der Impftyrannei? Sind sie neoliberal? Kurz, wollen sie etwas, dem man zustimmen würde, oder etwas, wogegen man wäre? Fragen über Fragen. Das Plakat beantwortet keine; es führt nur zu der nicht beantworteten Frage, was die Freien Wähler eigentlich wollen – bzw. täten, würden sie die Fünfprozenthürde nehmen.

Dito beim zweiten Plakat. Dieses zeigt das Konterfei eines älteren Herrn, offenbar ein Direktkandidat, und proklamiert: Mario Rhode. Freiheit. Zu sein, was man ist.

Herr Sathom weiß ja jetzt nicht, ob er sich die Freiheit wünscht, Mario Rhode sein zu können – oder was das nun wieder heißen soll. Daß wir für die Freien Wähler stimmen sollen, damit Mario Rhode Mario Rhode sein kann? Ist er das nicht sowieso schon? Oder wenn nicht, wer ist er jetzt gerade? Welcher diabolische deep state hindert Mario daran, der Mario zu sein, und zwingt ihn, wer anders zu sein, ein, hm, sagen wir vielleicht … Luigi?

Immer vorausgesetzt, Herr Sathom versteht den Satz auf dem Wahlplakat nicht völlig falsch. Denn ich bin ja nun kein Linguist, also eigentlich nicht qualifiziert, in eine tiefere semantische Analyse einzusteigen; dennoch scheint mir, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen den Formulierungen „zu sein, was man ist“ und „zu sein, wer man ist“ besteht. Anders ausgedrückt: Wenn es den Freien Wählern – wie oben vermutet – um die Freiheit geht, man selbst zu sein, müßte es dann auf ihren Plakaten nicht besser heißen, „Zu sein, wer man ist“? Wollte man z.B. wissen, welche Persönlichkeit, Überzeugungen, alternativen Lebensentwürfe einen Menschen ausmachen, würde man fragen, wer er oder sie ist; und ihm oder ihr eben die Freiheit dazu zugestehen. Was jemand ist, fragt man ja eher, wenn man wissen will, welchen ver§$%/&ckten Job er oder sie ausübt. Geht es der Partei also in Wirklichkeit um etwas anderes – meinen sie die Freiheit, Bäcker, Schuster, Fahrradliefersklave zu sein? Und nicht die, seiner Persönlichkeit gemäß zu leben? Oder ist die Parole bloß ungeschickt formuliert?

Und wenn ich schon dabei bin: Was zum Teufel soll das mit den Punkten. Freiheit, zu sein, was man ist – das ginge doch auch, also wieso diese Interpunktion. Für die Emphase? Deshalb der Punkt hinter der Freiheit? Wäre dann ein Ausrufezeichen nicht noch energischer? Und überhaupt: Wieso eigentlich Freie Wähler? Die wollen doch gewählt werden – müßten sie dann nicht Freie zur Wahl Stehende heißen oder Freie Wählbare oder was weiß ich?

Oh naja. Sicher, die Messitsch hier ist, daß die Freien Wähler halt irgendwie für Freiheit stehen. Und Selbstverwirklichung. Aber um herauszufinden, was sie wirklich anstreben, muß man ins Wahl- bzw. Parteiprogramm schauen. Und was finden wir da?

:: Die Spaltung der Gesellschaft

Ist ja gerade in aller Munde. Landauf, landab, überschlagen sich die Medien mit besorgten Fragen wie „Spaltet der Haß unsere Gesellschaft?“, oder liefern die Antwort gleich als „Wie der Haß unsere Gesellschaft spaltet“ ab; und heute abend (19:20 Uhr) befaßt sich der Verleger Jakob Augstein laut TV-Programm in der 3sat-Sendung „Die deutsche Identitätssuche“ u.a. mit der Frage, ob die „zunehmende Moralisierung“ unsere Gesellschaft „zersplittert“. Je nach ideologischem Hintergrund können die Ursachen der Spaltung also an unterschiedlichen Orten vermutet werden: Mal sind es moralinsaure Emanzen, mal alte weiße Männer, mal der maskierte Impfzwang höchstpersönlich. Der Haß ist allerdings besonders beliebt; ihn sehen die meisten Kommentatorïnnen überall im Gebüsch lauern und Flächenbrände entfachen, während er selbst irgendwie, na, halt unmotiviert so da ist. Einig ist man sich nur, daß diese Spaltung gerade stattfindet, und uns alle entzweit.

Na ja, ähm … nein. Herr Sathom ist ja nun auch schon eine Weile dabei (alter weißer Mann und so), d.h. er lebt schon einige Zeit in dieser Gesellschaft und beobachtet sie fast ebenso lange (bis zu einem bestimmten Alter beobachtest du ja eher nur dein soziales Umfeld aus Plüschtieren). Und ihm scheint daher, daß fast alle Darstellungen des Problems, soweit sie in den bürgerlichen Medien erfolgen, falsch sind.

Dabei handelt es sich vor allem um zwei Fehler.

Der erste besteht in einer Verwechslung von Ursache und Symptom; der andere in der Wahrnehmung, daß das Ganze erst jetzt stattfindet, ganz aktuell durch Corona verstärkt, daß es also eine neue Entwicklung darstellt.

Herr Sathom hat da ganz andere Erfahrungen gemacht; auch, weil er selbst längere Zeit arm war, jedenfalls sich mit extrem geringem Einkommen durchschlagen, und das Leben einmal aus der Perspektive der „Zukurzgekommenen“ erleben mußte. Und selbst wenn man das nicht muß, ist es ja kein wirkliches Geheimnis, daß es immer mehr Menschen sozial schlechter geht; man muß nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen. Es erfordert keine aufwendige Forschungsarbeit, zu bemerken, wie die Zahl der Bettlerïnnen, der Flaschensammlerïnnen, kurz, der wirklich am Boden angekommenen Leute seit der Wende erst deutlich zunahm, und irgendwann regelrecht explodierte.

Der erste Punkt wäre also: Die Spaltung der Gesellschaft findet nicht jetzt erst statt; sie ist längst ein etablierter Fakt. Spätestens beginnend mit der Agenda 2010, ist sie das Ergebnis einer fortgesetzten, neoliberalen Politik, die einseitig die Wohlhabenden bevorzugt, die „sozial Schwachen“ hingegen ignoriert, oder sogar aktiv schädigt, wenn es den Reichen, oder der oberen Mittelschicht, nützt.

Diese Spaltung ist also vorwiegend eine ökonomische, in bevorzugte und benachteiligte Gruppen; woraus aber weitere Bruchlinien hervorgehen, z.B. schlechtere Bildungschancen. Wirtschaftliche „Spalten“ in der Gesellschaft sind jedoch nicht die einzigen, denn Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus können hinzukommen – wer z.B. arm und nicht weiß geboren wird, findet sich in einer ganz besonders ungemütlichen Schnittmenge wieder.

So oder so ist diese Spaltung längst vorhanden, und wird aktuell lediglich vermehrt sichtbar. Das geschieht teilweise durch die Proteste der Betroffenen selbst, z.B. gegen Rassismus; teils aber auch seitens einer bisher an sich recht gut gestellten, privilegierten Mittelschicht, die plötzlich fürchtet, die Erosion der sozialen Verhältnisse möchte auch sie erreichen, so daß sie morgen zu denen gehören könnten, die sie heute noch verachten. „Pegida“ und die AfD, aber auch große Teile der Quatschdenker-Bewegung wären Beispiele für bisher brave, gut situierte Bürger, die sich plötzlich von wildwütigen Migrantenhorden, „dem Staat“ oder „den Eliten“ bedroht sehen.

Damit wären wir bei der zweiten falschen Annahme. Denn der „Haß“, der da allgemein als Spaltungsgrund angenommen wird, meinetwegen auch seine milderen Formen, also Wut, Zorn, Ärger, oder die „moralisierende“ Cancel-Keule, sind Folgen dieser ganz realen Spaltung, nicht ihre Ursachen. Die Menschen sind wütend, weil sie unter der strukturell bedingten Spaltung leiden – oder weil sie, bisher Profiteure der ungerechten Ressourcen- und Chancenverteilung, ihren Abstieg fürchten, wenn andere soziale Gruppen ihren Anteil einfordern. Ihre Wut ist Folge, nicht Ursache, der Spaltung.

Wenn diese Hypothese stimmt, wie kommt es dann, daß mediale und politische Kommentatorïnnen diesen „Spaltungsprozeß“, der ja keiner ist – er hat längst stattgefunden – so falsch deuten?

:: Rausholen und aufnehmen

Es ist beschämend: Nachdem die Karre in Afghanistan nun mal in den Dreck gefahren ist – dazu, von wem, über welchen Zeitraum, und seit wann, hier eine gute Zusammenfassung – bangen zahllose Afghanïnnen um ihr Leben, weil sie ausländischen Streitkräften, privaten Hilfsorganisationen, NGOs geholfen haben – als Dolmetscherïnnen zum Beispiel; hinzu kommt die Zahl derer, die sich z.B. für Frauenrechte engagierten, die als Lehrerïnnen Mädchen unterrichteten, Journalistïnnen, kurz, sehr, sehr viele Menschen. Die Rede ist hier also nicht nur von Ortskräften der Bundeswehr, oder überhaupt des Militärs. Nicht alle, die jetzt in Gefahr schweben, haben direkt mit den Streitkräften zusammengearbeitet; viele haben sich einfach „nur“ engagiert.

Der Sieg der Taliban mag überraschend schnell gekommen sein – weshalb es jetzt auch allenthalben heißt, man habe sie Lage falsch eingeschätzt oder unterschätzt, und Fragen aufkommen, wie das geschehen konnte (weshalb, z.B. Warnungen aus der deutschen Botschaft konsequent ignoriert wurden). Für viele dieser Helferïnnen, die an eine bessere Zukunft glaubten und auf sie hinarbeiten wollten, kommt also schon jede Hilfe zu spät; abgeschnitten im eroberten Land sitzen sie irgendwo fest, während die Häscher schon Jagd auf sie machen – trotz anderslautender, vollmundiger Versicherungen.

Das Beschämende ist nicht, daß das so ist – an dieser Lage läßt sich ja nichts ändern; sondern, daß es nicht so hätte kommen müssen. Das Tempo der Ereignisse ist nämlich keine Ausrede – weil sie schon seit Monaten absehbar waren.

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:: Angst und Armut als Kapital

Neulich berichtete die linksversiffte Postille neues deutschland über die Augsburger Sozialsiedlung „Fuggerei“; den Umstand, daß die Zahl der Bewerber für diese (in einiger Hinsicht eigentümliche) Siedlung zunimmt, kommentiert der Artikel mit dem bemerkenswerten Satz: „Als sei der Sozialstaat nicht mehr fähig, Armut zu verhindern.“

Ähm … ach was, echt jetzt? Kleiner Tipp: Stimmt, ist er nicht; war er auch noch nie. Soll er nämlich auch gar nicht.

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist vor allem zunächst eines: kapitalistisch organisiert. Armut aber ist im Kapitalismus kein Unfall, der einigen Unglücklichen halt passiert; sie ist ausdrücklich erwünscht. Sie ist kein Fehler im System, kein tragisches Schicksal; sie ist gewollt, es soll sie geben.

Der Reiche braucht den Bettler mehr, als umgekehrt

Das hat verschiedene Gründe. Betrachten wir zwei:

Erstens, die Menge des Geldes, das sich im Umlauf befindet, muß begrenzt bleiben. Gäbe es immer mehr davon, hieße das: Inflation. Die findet zwar unvermeidlich statt, sollte aber begrenzt werden – wie die Hyperinflation der Weimarer Zeit beweist, mit ansonsten katastrophalen Folgen. Anders gesagt: Je weniger es von etwas gibt, desto wertvoller wird es; damit Geld genug Wert behält, darf es nicht zu viel davon geben (daß Geld nicht wirklich einen Wert hat, sondern wir nur alle übereinkommen, so zu tun, ändert daran nichts). Das ist nun an sich noch kein kapitalistisches Problem – wird es aber, wenn eine Gesellschaft ermöglicht, sogar fördert, daß Einzelne Unmengen an Kapital – also Geld – an sich raffen. Äh, ich meine, „akkumulieren“. Erlaubt oder fördert eine Gesellschaft, daß Einzelpersonen oder Konzerne gewaltige Geldmengen an sich ziehen, dann kann das nur geschehen, indem ein Großteil der Bevölkerung immer ärmer wird – die Gesamtmenge des Geldes darf ja nicht steigen. Geld ist eine begrenzte Ressource; verfügen Wenige über sehr viel davon, müssen Viele zwangsläufig weniger davon haben. Und werden diese Reichen immer reicher, müssen alle anderen zwingend ärmer werden.

Einer der Mechanismen, die das ermöglichen, heißt „Ausbeutung“ – also die Praxis, daß z.B. Pflegekräfte, Fahrradkuriere oder Angestellte im Online-Versandhandel für Hungerlöhne schuften, während sich Inhaber oder Aktionäre die Taschen vollstopfen.

Zweitens: Armut ist das perfekte Druckmittel. Jedes Mitglied unserer derzeitigen Gesellschaft lebt mit dem ständigen Angstdruck, eventuell arm werden zu können. Das betrifft längst nicht mehr nur Angehörige der „Unterschicht“ oder des „Prekariats“. Es kann jeden erwischen: Jobverlust, dazu vielleicht noch eine Scheidung, oder die falschen Wertpapiere für die Altersvorsorge angeschafft, oder eine astronomische Mieterhöhung – schon sind auch Angehörige der Mittelschicht nicht mehr sicher vorm Abrutschen. Hinab in die Ränge derer, auf die man gestern vielleicht noch verächtlich herabgeblickt hat. Vielleicht unterstellte man ihnen Faulheit, oder anderes Versagen, um die eigene Furcht zu beschwichtigen (kann mir nicht passieren, ich bin ja fleißig, talentiert, leistungswillig) – doch eben dieser Versuch der Verleugnung zeigt, daß man eigentlich spürte: „Mich kann es auch erwischen“. Für Viele wird das Schreckensszenario in der Pandemie real; doch auch davor spürten wir diesen Angstdruck alle, werden ihn auch nach Covid weiter spüren, unabhängig von Einkommen und Status, und reagieren darauf mit zunehmendem Egoismus, Ellbogenmentalität, Feindseligkeit untereinander.

Angst als Kapitalanlage

Und auch das ist gewollt – die Knute der Armutsdrohung macht uns gefügig, bereit, uns ausbeuten zu lassen. Oder, wie der US-amerikanische Krimiautor Raymond Chandler in einem Vergleich von Sowjet-Kommunismus und Kapitalismus einmal formulierte: „Bei beiden dieselbe Überbeanspruchung des Individuums, um die äußerste Leistung aus ihm herauszuholen, […] dieselbe augenblickliche Rücksichtslosigkeit, mit der man fallenläßt, was schwach zu werden beginnt, dieselbe Verachtung für das Individuum als Person […]“.1) Ja, auch im Kommunismus wird man unterdrückt, wie in vielen Herrschaftssystemen; dort halten sie dir eine Knarre an den Kopf, hier drohen Not und Elend für dich und deine Familie, ggf. Erfrieren in der Gosse. Man könnte es auch so formulieren: Der Kapitalismus hat die Eigenschaft, alles in ausbeutbare Ressource zu verwandeln, auch den Menschen – und er nutzt daher eben auch die Armut, und unsere Angst vor ihr, als solche. Schlägt aus ihnen, sozusagen, Kapital.


1) Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes, Zürich 1975, S.175

Des Herrn Sathom Meckerecke