:: Passivität als politisches Programm: Nachtrag

Ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Artikel (lest den zuerst, weil sonst wißt Ihr nicht, worum’s hier geht):

Ich habe dort die Floskel der „Eigenverantwortung“ erwähnt. Sie appelliert an die Verantwortung der einzelnen Bürgerïnnen, deren entsprechendes Handeln dem Staat ermöglichen soll, sich seinerseits aus der Verantwortung für fundamentale Fragen – etwa der Daseinsvorsorge – zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch, daß in einem neoliberal ausgerichteten Staatswesen die Verantwortung eigentlich nur von oben nach unten delegiert wird. D.h. die Mächtigen entledigen sich ihrer Verantwortung, indem sie den Schwächeren die alleinige Verantwortung für deren Schicksal zuschreiben – ggf., nachdem sie ihnen die Möglichkeit zu wirklich eigenverantwortlichem Handeln genommen haben. Beispielsweise, indem eigene Verantwortung für private Altersvorsorge propagiert wird, man zugleich aber durch Schaffung eines Niedriglohnsektors vielen abhängig Beschäftigten die finanziellen Mittel raubt, privat vorzusorgen. Wer das nicht kann, gilt dem Verkünder der „Eigenverantwortung“ als „selbst schuld“ an seiner Altersarmut. Diejenigen, die etwas verfügen (etwa die Agenda 2010), entledigen sich dadurch der Verantwortlichkeit für ihr Handeln (oder Unterlassen); die Verantwortung tragen – d.h. ggf. auch die Konsequenzen ausbaden – sollen die, über die das jeweilige Diktum verhängt wurde. Und zwar ganz gleich, ob sie das angesichts ihrer Möglichkeiten – die eingeschränkt sein können durch strukturelle Benachteiligung, Diskriminierung o.ä. – überhaupt können.

Dieses Muster der Delegation von Verantwortung wirkt sich natürlich auch in der Corona-Krise aus, läßt sich jedoch schon lange beobachten. Als Angela Merkel z.B. 2015 ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ sagte, meinte sie eigentlich: Ihr schafft das; in den Kommunen, als Trottel Freiwillige und Ehrenamtliche, werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen. Der Bund muß erstmal gar nichts tun, außer: Zugucken. Interessant dabei, daß Flüchtlingsunterkünfte gern in Schulturnhallen eingerichtet wurden; damals wie heute schienen die Interessen von Schülerïnnen weit unten auf der Prioritätenliste zu stehen. Diese komplette Zurückweisung eigener Verantwortung seitens der Mächtigen („Wir haben alles richtig gemacht“) ist für diese natürlich bequem; sie erklärt die Beliebtheit der Theorie vom passiven Staat bei ihren Anhängerïnnen.

Rezo bringt auch das perfekt auf den Punkt, wenn es ums Thema Maskentragen geht; ziemlich gleich zu Beginn seines Videos redet er davon, wie private Initiativen zu Beginn der Krise 2020 besser für rücksichtsvolles Verhalten warben als der Bund („Really? Ihr habt riesige Ressourcen von Manpowers [sic] am Start und ihr kriegt es nicht auf die Kette, es müssen diese Leute in ihrer Freizeit machen?“). Er benennt auch klar das ziel- und planlose Agieren der Politik; und haut mit einem Straßenverkehrs-Vergleich mal eben das ganze Eigenverantwortungsgesülze in die Pfanne. Ich kann das nicht nachmachen und hier auch nicht gut alles zitieren, also guckt es euch an. DAS IST EIN BEFEHL IHR KÖNNT EUCH HIERMIT BEVORMUNDET FÜHLEN – GANZ WIE DER HORST!

Zweitens: Betrachtet man das Wesen der strukturellen Probleme, die die Corona-Krise verschärfen – die schlechte Ausstattung der Schulen, den Rückzug des Staates aus dem Gesundheitssystem und anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – kommt zur im Vorartikel beschriebenen Haltung ein weiteres ideologisches Moment hinzu: Das der Austerität, der „Schwarzen Null“. Geld soll gespart werden (statt es von den Reichen einzutreiben), gemäß der Doktrin, daß der Staat sich nicht verschulden dürfe; eine Idee, die auf falschen Vorannahmen und Angstmacherei beruht. Dazu gehört der Mythos, daß wir unsere Schulden den kommenden Generationen aufbürden; ein Märchen, wie gerade erst wieder John Oliver vorgeführt hat.

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:: Passivität als politisches Programm: Warum die Politik (nicht nur) bei Corona versagt

Und: Warum Rezo fast recht hat, aber nicht ganz.

Machen wir uns nichts vor: Die Corona-Politik der Bundesregierung – aber auch die der Länder, Kommunen und Städte – ist ein einziger Clusterfuck. Eine Katastrophe; ein Abgrund an Versagen; ein Panoptikum der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Aber – und das, um mal eine Hauptursache dieses Versagens vorwegzunehmen – die Verursacher meinen, sie machten alles richtig; und sie glauben das wirklich. Woran das liegt, und weshalb das Problem weit über die Handhabung der Pandemie hinausgeht (meines Erachtens jedenfalls), will ich im Folgenden zu erklären versuchen.

Zunächst zum Vergleich: Kaum daß die Amis Trump los geworden sind, impfen sie wie verrückt; bereits ein Drittel der US-Bevölkerung hat die Erstimpfung erhalten. Im internationalen Ranking der Staaten, die demnächst eine Herdenimmunität bzw. Durchimpfung erreichen werden, liegen die USA auf Platz drei. Deutschland? Auf Platz zehn. Hinter Brasilien. Wirklich, reife Leistung, Leute.

Zugleich meldet die heute-show am 09.04., daß in Großbritannien in Kürze alle(!) Bürger wöchentlich Selbsttests zugeschickt bekommen. Soviel zu den Möglichkeiten, wenn man ein konkretes Ziel hat – und einen Plan, wie man es erreicht.

Ein Ziel, ein Plan – damit wären wir schon bei den Stichworten, bei denen es hierzulande hapert. Aber woran liegt das?

Gelegentlich ist hier von „Staatsversagen“ die Rede; das führt allerdings in die Irre. Es handelt sich nicht um ein Versagen des Staates, sondern einer ganz bestimmten Politik; und zwar einer, ironischerweise, für die eine größtmögliche Passivität des Staates den Kern ihrer Ideologie bildet.

Aber der Reihe nach. Daß die deutsche Politik angesichts der Pandemie ein recht trauriges Schauspiel abliefert, wird ja nicht erst seit gestern beklagt; kürzlich hat sich auch Rezo – zunächst auf Twitch, dann in einem aus den Twitch-Posts zusammengeschnittenen YouTube-Video – in gewohnter Manier, und ziemlich vernichtend, geäußert. Im großen und Ganzen hat er mit allem, was er da sagt, recht; so recht, daß alle, die sich über die Art des Vortrags und die Wortwahl ereifern, Herrn Sathom gern mal seinen haarigen Alte-Weiße-Männer-Rücken runterrodeln können. Das Video – dem ich fast völlig zustimme, zumal es erfrischend befreiend ist – sollte man sich unbedingt ansehen; es gibt nur einen Punkt, in dem sich Rezo m.E. irrt. Und zwar, was die Ursache dieses Versagens – bzw., in seiner Formulierung, das „krasseste“ Versagen – angeht.

Dabei ist er eigentlich schon auf der richtigen Spur. Wiederholt beschreibt er das Verhalten der Regierenden als „Arbeitsverweigerung“; und spricht davon, daß sie einer Agenda des Nichthandelns folgen, die in einer Krise absolut schädlich sei („Das Krasseste is, daß diese Leute Nicht-Handeln als Defaultwert sehen, als Grundwert, was die einfach so grundsätzlich machen.“). Die größte Verfehlung allerdings liege, so Rezo, in einer Geringschätzung der Wissenschaft seitens der Politikerïnnen: „Das Krasseste ist, finde ich, die unterliegende Wissenschaftsfeindlichkeit, die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten. […] Das ist das Krasseste. Ist diese tiefsitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor den Prinzipien der Logik, den Prinzipien von rationalem Denken.“

Ähm, na ja … jein. Die Verachtung der Wissenschaft ist sicherlich zutreffend beobachtet; allerdings eher ein Symptom als eine Ursache. Diese liegt tiefer, und existiert schon lange – und prägt deutsche Politik weit über die augenblickliche Situation hinaus. Wir haben es, und das sieht Rezo schon ganz richtig, mit einer Form politischen (Nicht-)Handelns zu tun. Einer, die allerdings Ausdruck einer ganz bestimmten, schon vor 16 – 20 Jahren etablierten Ideologie ist.

:: TV-Tipp: Rollerball (1975)

Und weil ich gerade dabei bin (zwar leider knapp dran, aber ich habe es selbst gerade erst bemerkt): arte zeigt am Montag, dem 22.03., um 21:45 Uhr den Science-Fiction-Film Rollerball (1975), offenbar ohne demnächst geplante Wiederholungen.

Ein 2002 produziertes Remake, das mit dem Original so gut wie nichts zu tun hat – schon gar nicht, was dessen Qualität anbelangt – ist vermutlich einer der schlechtesten Filme aller Zeiten, und sei nur erwähnt, um Verwechslungen zu vermeiden (ein pikantes Detail dazu aber unten). Das Original dagegen, ein Klassiker des Genres, paßt in verschiedene Kategorien. Einerseits als für damalige Verhältnisse außerordentlich brutaler Actionfilm, zumindest, soweit es Mainstream-Produktionen betrifft, mit einem bestens geeigneten James Caan in der Hauptrolle; andererseits als düstere soziale Dystopie, in der die Welt von Konzernen regiert wird, die an die Stelle staatlicher Regierungen getreten sind (hallo Nevada).

Um die Massen zu kontrollieren, gibt es Rollerball – einen brutalen Teamsport, der an Gladiatorenkämpfe erinnert. Als Veteran des Spiels und Liebling des Publikums wird Jonathan E. (Caan) der dekadenten Elite gefährlich; man fürchtet, er könne aufgrund seiner Popularität Einfluß auf die Massen gewinnen, was für ihn, obwohl er tatsächlich keine entsprechenden Ambitionen hegt, lebensgefährlich wird. Ich will hier nicht zu viel verraten; daher folgen nur einige kurze Spoiler (ggf. den folgenden Absatz überspringen).

SPOILER ANFANG: Zu den eindringlichsten Sequenzen des Films gehört Jonathan E.s Besuch beim Supercomputer Zero. Jonathan, der bereits herausgefunden hat, daß alle Bücher digitalisiert und danach vernichtet wurden, will herausfinden, auf welcher Grundlage die Konzerne ihre Entscheidungen treffen (wie sich zeigt, wurden die digitalisierten historischen Aufzeichnungen editiert, also verfälscht); der Computer – eine Art denkender Flüssigkeit – gilt als einer der Speicher des gesammelten menschlichen Wissens. Es stellt sich heraus, daß Zero – den die Konzernchefs offenbar seit geraumer Zeit nicht mehr konsultieren– vollkommen wahnsinnig ist und Informationen verlegt, durcheinanderbringt oder vergißt. Die Sequenz trägt zur Atmosphäre des Films bei, der eine in Teilen wahnsinnige Welt zeigt – z.B., wenn superreiche Partygäste Bäume zum Spaß mit Laserpistolen abfackeln. (Hinweis: In der ursprünglichen Spoilersektion hatte ich einige Details falsch angegeben, da ich den Film vor Ewigkeiten gesehen, und Einzelheiten falsch erinnert hatte; ich habe das korrigiert). SPOILER ENDE

Rollerball ist kein vergnüglicher Film, so wenig wie etwa Silent Running/Lautlos im Weltraum – sondern ein atmosphärisch starker, verstörender Ausblick in eine dystopische Zukunft, der mit harten Actionsequenzen nicht geizt. Die Mischung aus düsterer Zukunftsvision und bitterböser Satire, die oft nahezu irrsinnige Züge annimmt (und dadurch den Irrsinn der gezeigten Welt verdeutlicht), ist dabei typisch für Filme der Zeit (Kubricks Doktor Seltsam und A Clockwork Orange wären andere Beispiele).

Ah, und noch das pikante Detail: Das vermasselte Remake von 2002 beendete auch die Karriere des Regisseurs John McTiernan, immerhin verantwortlich für Klassiker wie Predator, Die Hard und Jagd auf Roter Oktober. Grund hierfür war ironischerweise, daß McTiernan mit dem Produzenten in Streit darüber geraten war, was für eine Art Film das Remake werden sollte; worauf er einen Privatdetektiv anheuerte, um diesen Produzenten illegal abzuhören (offenbar, um ihn bei negativen Äußerungen über andere Studiobosse, oder bei falschen Aussagen gegenüber dem Studio zu „ertappen“). McTiernan wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er dazu gegenüber dem FBI falsche Aussagen gemacht hatte, und konnte seitdem in Hollywood nie wieder richtig Fuß fassen. (Ich habe keine Ahnung, weshalb er nicht wegen des illegalen Auftrags selbst verurteilt wurde; Wikipedia macht keine Angaben dazu, und ich habe keine Lust, das langwierig zu recherchieren.)

Wir wissen nicht, was für einen Film McTiernan machen wollte; was entstand, ist ein abgrundtief schlechtes Remake – für das ausgerechnet der Regisseur, der es (vielleicht) verhindern wollte, sich auch noch mit je einem Stinkers Bad Movie Award für die schlechteste Regie und das schlechteste Remake schmücken darf.

:: TV-Tipp: Abramakabra

Es hat lange keine „TV-Tipps“ mehr gegeben, obwohl sie eine der frühesten Kolumnen dieses Blogs waren. Einen Grund für die jahrelange Pause wüßte Herr Sathom nicht einmal anzugeben; auch, daß wieder einmal einer erscheint, ist dem bloßen Zufall zu verdanken.

Denn ARD ONE wiederholt derzeit die Serie Abramakabra von 1972. Leider offenbar nicht in der Mediathek verfügbar, aber hier – mit Wiederholungsterminen – vermerkt, handelt es sich um ein Sketchformat mit Dieter Hallervorden und Helga Feddersen, das bereits vor Nonstop Nonsens produziert wurde – der Serie also, die viel eher mit dem frühen Hallervorden in Verbindung gebracht wird. Es ist kaum bekannt – so wenig tatsächlich, daß Herr Sathom, trotz seines weißen Altmännertums, noch nie davon gehört hatte; anscheinend auch deshalb, weil es bisher nie, mit Ausnahme einzelner Folgen, wiederholt wurde.

Dabei ist Abramakabra eine bemerkenswerte Produktion, ungewöhnlich für ein Comedy-Format jedenfalls, und Nonstop Nonsens vielleicht sogar überlegen (Geschmackssache, zugegeben). Die Sketche sind makaber und schwarzhumorig angelegt, wobei der Humor zuweilen sehr schwarz wird; neben sehr bissiger, intelligenter Satire findet sich dabei auch reine Comedy. Böse und auf den Punkt gebracht sind in der ersten Folge z.B. Uwe Dallmeier als Jagdpächter, der erklärt, was den abendländischen Waidmann vom Metzger oder vom „primitiven“ Urwaldjäger unterscheidet, und sich dabei selbst als der „Wilde“ entlarvt; und eine deutlich auf Axel Springer gemünzte Parodie, in der Dieter Hallervorden als Verleger – höchst eloquent und kultiviert – einem Klempner erklärt, weshalb seine blutrünstigen Zeitungen mit ihren Hetzkampagnen eigentlich den zivilisatorischen Fortschritt fördern.

Die Sketche, die auf bloße Comedy abzielen, sind etwas einfacher gestrickt; die Nummer mit dem Banküberfall hätte so auch als „Gespielter Witz“ bei Nonstop Nonsens laufen können. Allerdings sind die Pointen clever und überraschend – „Witzigkeit“ à la „Ha ha, er ist hingefallen“ fehlt zumindest in der ersten Folge völlig.

Der Titel der Serie ist vielleicht insofern irreführend, als Zauberei nicht vorkommt, deutet aber treffend den makabren Zug an. Heutzutage erfordert die Serie daher vielleicht eine Trigger-Warnung. In drei Sketchen kommen Morde vor; einer davon thematisiert Gewalt gegen Frauen in einer auf die Spitze getriebenen Weise, die m.E. deutlich feministisch ist, aber von überempfindlichen, leicht zu triggernden Zeitgenoss*innen ohne Unterscheidungsvermögen mißverstanden werden könnte (ich will hier nicht noch mehr spoilern, als ich schon verraten habe; aber die Darstellung beider Figuren und die „Botschaft“ sollten deutlich genug sein).

Wie gesagt ist diese Empfehlung reiner Zufall; Herr Sathom, an sich kein großer Hallervorden-Fan, ist reingezappt. Und hängen geblieben; erst, weil es gerade nichts anderes gab und er beim Essen TV glotzen wollte, dann, weil es ihm überraschend gut gefiel.

Daß die Serie – zumindest bis zu diesem Zeitpunkt – nicht in der Mediathek bereitgestellt wird, ist bedauerlich; da sie im Rahmen der „Großen Hallervorden Fernseh-Edition“ auf DVD erschien, stehen dem vermutlich rechtliche Gründe entgegen, was hieße, daß hier auch keine Nachbesserung zu erwarten ist. Immerhin gibt es Wiederholungstermine, die der Website der ARD entnommen werden können (s.o.). Alternativ bieten Seiten wie fernsehserien.de auch eine Terminvorschau an.

Da Herr Sathom bisher nur die erste Folge gesehen hat, kann er für die weitere Serie nicht garantieren; erfüllt diese das Versprechen, kann er hoffentlich demnächst sagen: Abramakabra ist ein zu Unrecht vergessenes Fernsehjuwel der frühen 1970er (ähnlich wie Loriots Cartoon), das heute so vielleicht nicht mehr produziert würde – clever, boshaft, schwarzhumorig bis hin zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber den moralischen Überzeugungen oder Empfindungen des Publikums; gut, daß es aus der Mottenkiste geholt wurde und nun noch einmal besichtigt werden kann. Eine Augenscheinnahme wird jedenfalls empfohlen.

:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: Konzernregierung statt Demokratie?

Klingt wie ein überzogenes Angstszenario aus einem dystopischen Science-Fiction-Film der Cyberpunk-Ära: Statt demokratisch gewählter Regierungen beherrschen Konzerne die Welt; aus Staatsbürger*innen werden Angestellte, oder eher: Leibeigene – gleich denen der Feudalzeit.

Is aber so (herzlichen Glückwunsch zum 50. übrigens, Sendung mit der Maus). Oder jedenfalls vielleicht bald.

Im US-Staat Nevada wurde bereits im Februar eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die Big-Tech-Konzernen ermöglichen soll, eigene Regierungen auf dem Gebiet dieses Staates zu installieren. Soll heißen: Auf einem Gebiet, das der Konzern aufkauft, ist die Autorität der gewählten Staatsregierung teilweise ausgehebelt; die Konzernführung kann u.U. Gesetze erlassen, jedenfalls eine eigene Gerichtsbarkeit unterhalten, Steuern eintreiben und das Schulwesen organisieren.

Zumindest anfangs sollen diese „Zonen“ noch als Bestandteil der Counties (kleinere Regierungsbezirke innerhalb eines Staates) agieren; diese sollen sich jedoch nach und nach aus der Verantwortung zurückziehen, um den Geschehnissen im nunmehr weitgehend unabhängigen Googlevanien oder Blockchainopia freien Lauf zu lassen.

Die letztliche Formulierung des Gesetzes ist noch nicht abzusehen, da es sich vorläufig um einen Entwurf handelt. Dieser reicht allerdings aus, Besorgnis zu erregen. Beispiel Gesetzgebung: Ob ein solcher Konzernstaat eigene Gesetzgebungsgewalt hätte, ist unklar. Technisch gälte er als eigenständiger County des Staates Nevada; Counties sind in den USA, je nach Staat, sehr unterschiedlich organisiert und besitzen teils eingeschränkte, teils keine legislativen Befugnisse. In Nevada haben zumindest bestimmte Stadtstaaten (Incorporated Towns) eingeschränkte Gesetzgebungsgewalt; ähnliches gilt für Counties (z.B. bei Zulassung oder Verbot von Prostitution). Wesentlich ist dabei, daß solche Gesetze nicht gegen die übergeordneten des Staates Nevada verstoßen (die allerdings sehr konzernfreundlich sind). Möglicherweise könnte sich ein Konzern-„County“, abhängig von den Freiräumen, die das Staatsrecht gewährt, z.B. die Arbeits- und Umweltgesetze selbst schreiben. Was das angesichts der längst geläufigen Methoden und Firmenphilosophien großer Konzerne – Union-Bashing etwa, die Bekämpfung von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen, und skrupellose Umweltzerstörung wie z.B. beim Fracking – bedeuten würde, kann man sich vorstellen.

Würden nicht etablierte Medienoutlets über diese Gesetzesinitiative berichten – etwa die Nachrichtenagentur AP (hier), oder Stephen Colbert in seiner Late-Night-Show (hier) –, müßte man dieses Szenario für den feuchten Traum eines Verschwörungstheoretikers halten. Und natürlich könnte man es achselzuckend abtun, als exzessiven Vorstoß einiger Politiker, vermutlich böser Republikaner (aber denkste; siehe nächste Seite). Tatsächlich handelt es sich um den jüngsten Exzeß einer höchst gefährlichen, schon lange stattfindenden Entwicklung.

:: Happy Birthday, Buffy Sainte-Marie

Seltsamerweise bin ich auf Buffy Sainte-Marie erst irgendwann in den 2010er Jahren aufmerksam geworden; und ich könnte mir vorstellen, daß die meisten Menschen hierzulande auf die Erwähnung des Namens immer noch mit „Buffy wer?“ reagieren dürften, obwohl Sainte-Marie seit geraumer Zeit international weitaus bekannter geworden ist.

Merkwürdig ist das deshalb, weil ich einer Generation angehöre, deren „musikalisches Erwachen“ Ende der 1970er/Anfang der 80er in eine Zeit fiel, die u.a. – neben Punk, New Wave, Neuer Deutscher Welle etc. (Reggae und was weiß ich noch, es tat sich einiges) – eben auch von amerikanischer Folk Music geprägt war. Als deren Protagonist*innen waren Joan Baez, Simon and Garfunkel, Cat Stevens (mittlerweile Yusuf Islam) bei uns allgemein bekannt und beliebt. Und das galt nicht nur für die Öko-Teetrinker-Fraktion, sondern auch für Leute, die sonst eher auf The Police oder die Boomtown Rats standen. Nun waren all diese Musiker*innen zu diesem Zeitpunkt schon gewissermaßen Artefakte der späten 1960er (was nicht negativ gemeint ist; musikalische Trends hielten sich damals länger). Es ist also seltsam, daß ich von einer ebenso lange auf diesem Feld aktiven Musikerin nie etwas gehört hatte, zumal einer, die in Kanada und auch weltweit ziemlich erfolgreich war.

Die Erklärung lautet vermutlich, daß das Meiste, was wir damals (und heute) an internationaler Musik kannten, aus den USA importiert wurde. Denn Sainte-Marie, als Native American politisch aktiv für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner*innen, stand in den USA der 70er Jahre auf der „Schwarzen Liste“. Diese Praxis des Blacklistings u.a. seitens der US-Präsidenten Johnson und Nixon führte etwa dazu, daß betroffene Musiker*innen nicht von Radiostationen gespielt wurden; kurz, daß sie in der US-amerikanischen Musikindustrie faktisch nicht existierten. Aktivist*innen der Red Power-Bewegung und andere politisch mißliebige Künstler*innen waren damit – so wie des Kommunismus verdächtige Filmschaffende aufgrund der „Schwarzen Liste“ Hollywoods – damit praktisch out of business. Damit gehörten sie vermutlich auch nicht mehr zu den Leuten, deren Platten über den großen Teich importiert wurden.

Und so bemerkte ich Buffy Sainte-Marie zum ersten Mal in einer Dokumentation über die Geschichte der Folk Music, vielleicht auf arte, ich weiß es nicht mehr, in der sie auch eher per Nebensatz abgehandelt wurde; immerhin genügten die wenigen Szenen und Aufnahmen ihrer Stimme, mich auf Internetrecherche zu schicken, und siehe da, es hat sich gelohnt.

Sainte-Marie war in all den Jahren durchaus erfolgreich, und nicht nur im Bereich aktivistischer Folk Music aktiv; für die Schnulze „Up where we belong“ aus dem Film Ein Offizier und Gentleman von 1982 erhielt sie zusammen mit Jack Nitzsche einen Golden Globe und den Academy Award; in den 70ern erschien sie regelmäßig in der Sesamstraße (wo sie, eine Fernsehpremiere, ihrem Sohn die Brust gab und den Muppets erklärte, was sie da machte). Diese Auftritte sind in Deutschland völlig unbekannt, da nach vehementen Elternprotesten die synchronisierte US-Sesamstraße durch eine desinfizierte, deutsche Fassung ohne Mülltonnen-Oscar, Proletenkinder aus Sozialbaughettos und Menschen anderer Hautfarbe ersetzt wurde. (Das Lustige daran ist, daß dieselben Eltern nicht merkten, daß man ihnen bei der Gelegenheit einen schwulen Bären und die kratzbürstige Emanze Tiffy unterjubelte. Ich frage mich bis heute, ob das Absicht war und sich die Leute in Jim Hensons Creature Shop kaputtgelacht haben).

Das Wichtigste ist natürlich die Musik. Kraftvolle, von tribalen bzw. nativen Elementen geprägte Songs, deutlich spirituell angehaucht (was ich nicht brauche, mich aber auch nicht stört), gesungen von einer Frau, die selbst im hohen Alter nichts von ihrer Ausstrahlung, Kraft und Stimmgewalt verloren hat. Und deren Werk nicht nur Folk, sondern auch Rock, Elektro, und Country Folk abdeckt.

Buffy Sainte-Marie, geboren am 20. Februar 1941 im Cree-Reservat Piapot 75 im Qu’Apelle Valley der kanadischen Provinz Saskatchewan, wird 80. Herr Sathom feiert mit seinen zwei Lieblingssongs:

Buffy Sainte-Marie & Band: Starwalker

Buffy Sainte-Marie & Tanya Tagaq: You Got To Run (Spirit Of The Wind)

:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Kürzlich gab es ja einige Aufregung um die WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”, in der sich einige Gäste – darunter Thomas „Ich werd alt“ Gottschalk und weiß der Teufel, wer die anderen Schnösel und die eine Frau da waren – u.a. echauffierten, daß sie nicht mehr Z1#3<n3;-Soße sagen dürfen oder M(rassistische Bezeichnung hier einsetzen)-Kopf und was nicht noch. Eine Sendung, in der die Beteiligten nach allgemeinen Einvernehmen rassistische Klischees, vornehmlich antiziganistische, reproduzierten und sich aufregten, daß die Betroffenen selbst nicht mehr als Soßenzutat genannt werden möchten. Weil nämlich schon allein wegen der Ermordung zahlloser Sinti und Roma in der NS-Zeit. Kann man nachvollziehen. Bloß die versammelten Promis nicht (und genügend andere Leute ebenfalls nicht). Die fühlen sich nämlich irgendeines heimeligen Wohlgefühls nostalgischer Erinnerung an kinderselige Tage beraubt, weil in der guten Alten Zeit haben wir schon immer so gesagt.

Die Äußerungen solcher Leuchttürme deutscher Leitkultur zogen natürlich weidliche Kritik im gesamten Internet nach sich – Shitstorm nennen das die, die solche Kritik nicht dulden oder hören wollen. Und wirklich – vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung sollte das ja auch nicht so schwer sein. Sagen wir z.B. „Paprikasoße“.

Kommen Sie, versuchen Sie’s mal. Erst Paprika, dann Soße. Pap-ri-ka-so-ße. Paprikasoße.

Geht doch, oder? Ist doch ganz einfach, nicht?

Scheinbar nicht. Herr Sathom will hier gar nicht auf die in der Sendung geäußerten Ansichten kritisch eingehen – das haben Andere genügend getan – sondern angesichts solcher, scheinbar nicht enden wollender Diskussionen eine Frage stellen, die ihn gelegentlich beschäftigt: Warum regen sich viele weiße Privilegierte (Promis, Kolumnisten, usw., usw.) eigentlich über das Ansinnen auf, eine sensiblere Sprache zu benutzen? Oder überhaupt die ihnen „Anderen“ – von anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung z.B. – zu respektieren?

Denn was verlieren sie denn, wenn sie einen blöden Soßennamen nicht mehr benutzen dürfen? Hängt ihr Selbstwertgefühl wirklich an so etwas?

Mal ehrlich: Herrn Sathom – selbst ein alter, weißer Sack – ist es scheißegal, ob er zukünftig „Paprikasoße“ sagen soll. Oder „Ungarische Soße“. Oder seinethalben wie immer so eine Soße auf ungarisch hieße, obwohl sie eine deutsche Erfindung ist. Früher, das gibt er offen zu, war ihm das Z-Wort egal, obwohl er keinerlei Vorurteile gegen die damit bezeichnete Gruppe hegte; es war ihm egal, weil er ein privilegierter Weißer war, den die damit verbundene Diskriminierung ja nicht betraf; und er sich folglich nie fragte, wie sich eigentlich Sinti*ze und Rom*nja fühlen, wenn sie es hören. Er meinte das Wort nie diskriminierend; aber er konnte sich eben zugleich auch nicht vorstellen, daß die so Bezeichneten sich dadurch gekränkt fühlen würden. Insofern war er ganz, wie es die Feminstin Sibel Schick mal für Männer formulierte, strukturell bedingt ein Arschloch.

Aber hier kommt die Pointe. Aus eben diesem Grund muß sich Herr Sathom auch nicht aufregen, wenn ihm abverlangt wird, dieses Wort nicht mehr zu gebrauchen. Ihm kann wurscht sein, ob es zukünftig „Paprikasoße“ heißt. Denn: Ihm wird ja nichts weggenommen.

Und das ist der Punkt. Es kostet keinerlei Anstrengung, ist keine Zumutung, beraubt einen keinerlei objektiven Vorteils; es ist vielmehr sensibel und bedeutet, die Menschen, die es verlangen, zu respektieren. Und falls es ein Privileg wäre, das dadurch eingeschränkt würde, dann wohl doch ein ziemlich schäbiges, also leicht verzichtbares Privileg.

Warum also regen sich Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Themen immer wieder so auf, als würden ihnen Grundrechte geraubt? Die Aggressivität, die Empörung, das Getue, sie wirken, als hätten die Betreffenden das Gefühl, ihnen würde ein Arm abgeschnitten.

Anderes Beispiel: Transgender-Toiletten. Irgendwann vor längerer Zeit – Herr Sathom erinnert sich nicht genau – brachten Leute, die sich als transsexuell oder geschlechtlich unbestimmt verstehen, die Idee einer dritten Klotür auf. In öffentlichen Toiletten also eine für herkömmliche Cis-Männer, eine für Frauen, eine für alle anderen. Gab das einen Radau.

:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (II)

Nachdem der erste Teil die inhaltlichen Eigenarten der Stories des Comickünstlers Fletcher Hanks behandelte, soll es heute um seinen Zeichenstil und seine Erzählweise gehen. Wie erzeugen sie die eigenartige Wirkung, die an Hanks‘ Werk trotz der Tendenz zum Lächerlichen fasziniert?

Beginnen wir mit Symmetrie.

In Bildern, die große Massen von Lebewesen zeigen (vornehmlich Gegner, die bei Hanks stets hordenweise auftreten), wird eine enorme Tendenz zur Wiederholung sichtbar. Alle Gorillas, die unter Kontrolle eines bösen Wissenschaftlers Fantomahs Dschungel bedrohen, sehen fast bis ins letzte Detail gleich aus; die Leopardenfrauen von der Venus (siehe vorangehender Beitrag) ebenfalls. Menschen, Tiere, Ungeheuer – immer wieder treten sie in Massenszenen auf, fast ununterscheidbar, ihre Körperhaltung nur in Details voneinander abweichend.

Selbst im Chaos zu gleichförmiger Ruhe erstarrt: In den Bildwelten von Fletcher Hanks herrscht rigide Ordnung. Sie ist schwebend; alles verharrt im Sprung.

Nun könnte es sein, daß Fletcher Hanks schlicht faul war – oder unter Zeitdruck stand. Durchpausen und Abkupfern waren bei damaligen Zeichnern üblich, da sie möglichst viel Material in möglichst kurzer Zeit liefern mußten, um angesichts der extrem niedrigen Honorare über die Runden zu kommen. Hanks hätte diese Methode dann allerdings zum Extrem getrieben. Doch: Im Gegensatz zu anderen Zeichnern schien er nie die Werke von Konkurrenten zu kopieren. Lediglich das eigene (bzw. die Vorlagen, nach denen er arbeitet), immer und immer wieder, und auch das nur innerhalb derselben Geschichte. Und so erweckt sein Werk oft einen durchaus zwanghaften Eindruck; den einer gezeichneten Zwangshandlung, auf dem Papier zum Standbild verewigt. Vielleicht war das tatsächlich nur Methode – doch man stellt sich Fletcher Hanks vor, wie er, über sein Zeichenpult gebeugt, immer und immer wieder dieselbe Bewegung wiederholt, ein ums andere Mal die gleichen Striche zieht, besessen davon, das ewig Gleiche zu reproduzieren.

Die Erde wird geordnet verlassen.

Ob Raubtiere die Stadt überrennen, Menschen ins Weltall stürzen, weil jemand die Erdanziehungskraft abgeschaltet hat, oder Venusfrauen auf Sauriern durchs Weltall reiten und dabei ihr „Kometenfeuer“ abschießen – selbst in Augenblicken größten Aufruhrs gefriert der Kosmos des Fletcher Hanks zu harmonischer Symmetrie; in ihrer Gleichförmigkeit faszinierend, doch zugleich beunruhigend, als hätte jemand versucht, dem Chaos eine gewaltsame Ordnung aufzuzwingen. Überhaupt wirken seine Figuren meist wie unbeweglich; wo andere Comics Bewegung suggerieren wollen, sehen wir bei Hanks eine Folge photographischer Einzelbilder, auf denen Lebewesen wie erstarrt in der Luft hängen, statt zu springen. Sogar, wenn der Zeichner selten Speed Lines verwendet, scheinen die fliegenden Superheld*innen eher in deren steif gezeichneten Lichtstrahl gebannt.

Nichts sagt „Fletcher Hanks“ wie ein apokalyptisches Prügelballett.

Man kann diesen Stil schön finden, wie es dieser Autor tut; und tatsächlich entwickeln Hanks‘ Bilder einen eigenartigen ästhetischen Reiz, einen so faszinierenden wie verstörenden Eindruck ähnlich dem, den manche Kunstwerke schizophrener Patienten hervorrufen. Sie haben etwas Exzessives und wirken zugleich, als hätte jemand mühsam versucht, den eigenen Trieb zu zügeln. Es mag sein, daß in seinem Fall nicht der Schlaf der Vernunft, sondern das Delirium Tremens die Ungeheuer gebar.

Daß in Hanks‘ Bildern eine „übergeordnete und stringent verfolgte künstlerische Vision sichtbar“ würde, wie Oliver Ristau in einem Tagesspiegel-Artikel behauptet, kann man dagegen vermutlich als Quatsch abtun (wie der ganze Artikel ein hübsches Beispiel dafür ist, wie man durch exzessiven Gebrauch des elaborierten Codes inhaltliche Substanz vortäuschen kann, während man dummes Zeug erzählt). Das würde ich bei Basil Wolverton (scheint, ich werde demnächst was über ihn schreiben müssen – er drängt sich immer wieder rein) unterstellen, denn dergleichen erfordert Kontrolle. Hanks‘ Zeichnungen dagegen wirken, als würden seine Einfälle ihn kontrollieren.

Das muß alles nicht stimmen. Vielleicht entspringen die Produktionen von Fletcher Hanks einem von Dämonen gejagten, zugleich regressiv kindlich gebliebenen Geist; vielleicht sind sie nur Machwerke eines Mannes, der einen schnellen Dollar brauchte und sich einen Teufel um alles scherte, der ungefilterte Ideen hinkritzelte, um Deadlines einzuhalten. Mangels biographischer Einzelheiten läßt sich das kaum entscheiden; daß Hanks nur ein Pfuscher war und es wußte, wie eine Rezension im TITEL Kulturmagazin wissen will, ist angesichts der Datenlage jedenfalls so spekulativ, wie ihn zum künstlerischen Visionär zu erklären.1) Am Ende wirken die Geschichten m.E. ein wenig zu besessen, die Inhalte zu wahnhaft, um zu glauben, es könnte sich nur um die zweite Möglichkeit handeln. Vielleicht um eine Mischung aus beiden.


1) Es ist überhaupt kurios, wie hier zwei Rezensenten angesichts desselben Buchs (also auch identischer Hintergrundinformationen) zu so völlig gegensätzlichen Einschätzungen kommen. Gelegentlich gebärden sich Rezensent*innen, als säßen sie in den Köpfen der jeweils besprochenen Kreativen; wahrscheinlicher ist, daß sie das, was ihnen plausibel erscheint, über die Wirklichkeit der Betreffenden stülpen. Woher sie es „wissen“ wollen, bleibt jedenfalls fraglich.

:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (I)

Nachdem ich letzte Woche meine neue Blogkategorie „Comics“ eher unzeremoniell eingeweiht habe (statt wie geplant mit großer Fanfare), kann ich auch gleich weitermachen.

In besagtem Artikel erwähnte ich Fantomah, die allgemein als erste Superheldin gilt, geschaffen von Fletcher Hanks; was eine gute Gelegenheit scheint, einmal von Hanks zu sprechen, den man als einen der mysteriösesten Comiczeichner überhaupt bezeichnen kann (und seine Comics als die vermutlich seltsamsten).

Die Leopardenfrauen von der Venus: Das vielleicht ikonischste Bild von Fletcher Hanks kann stellvertretend für sein gesamtes Werk stehen. Alles, was seine Ästhetik ausmacht – irreale Szenerien, zwanghaft ordentlich, subtil unheimlich und doch beinahe komisch, traumähnlich und zugleich steril – findet sich vereint.

Das eine, das erste Bild, das viele Menschen von Fletcher Hanks gesehen haben (traue ich mich zu behaupten), ist womöglich das der angreifenden „Leopardenfrauen von der Venus.“ Das erste, weil sie zum ersten Mal diesen Mann bewußt als Schöpfer von etwas Eigenartigem und Besonderen wahrnahmen; ein Bild von Hanks als solches zum ersten Mal sahen, auch wenn sie andere seiner Comics vielleicht schon früher gelesen hatten. Erst ein solches Bild weckt Aufmerksamkeit für ein Gesamtwerk und die dahinter stehende Person; ist für beide idealtypisch. Es faßt alles zusammen, was Fletcher Hanks‘ Werk ausmacht – Momentaufnahme einer Welt, in der alles verrückt, irreal, doch sogar im Chaos noch von rigider Ordnung beherrscht ist. Von dieser Ästhetik wird noch zu sprechen sein. Doch machen wir zunächst unsere Hausaufgaben.

Wir befinden uns im Golden Age, jener Entwicklungsphase des US-Comicmarktes, in dem die ersten Comic Books, also Comichefte, erschienen. Verleger und Vertriebe begannen, ursprünglich nur als Zeitungsstrips erschienene Stories zu bündeln und in Heftform nachzudrucken; der Erfolg der neuen Magazine führte dazu, daß ihnen bald das Material ausging, so daß Zeichenstudios neue, eigens für diesen Markt produzierte Comics liefern sollten. Comiclegenden wie Will Eisner haben so angefangen; und, als einer ihrer Autoren und Zeichner, Fletcher Hanks.

Was Zeichenstil und Stories angeht – Hanks schrieb, zeichnete und letterte seine Geschichten selbst – drängen sich Vergleiche zum Frühwerk des legendären Basil Wolverton auf; allerdings ist Hanks‘ Zeichenstil, verglichen mit dem Wolvertons, amateurhaft, und seinen Erzählungen fehlt die bestürzende, gelegentlich sogar alptraumhafte Atmosphäre, die Wolverton-Stories wie „Brain Bats from Venus“ oder „They Crawl by Night“ auszeichnet.

Hanks‘ Erzählungen verstören aus anderen Gründen, wobei sie zugleich leichter in den Bereich des Lächerlichen entgleisen (das bei Wolverton auch mitschwingt, dann aber als sarkastischer Kommentar zu den erschreckenden Ereignissen seiner Horror-Comics); was die – bloß oberflächliche – Ähnlichkeit des Zeichenstils angeht, dazu später mehr.

Zunächst: Seltsam an Fletcher Hanks‘ Biographie ist, daß sein Auftritt in der Comicwelt nur relativ kurz währte, und daß so wenig über sein Leben danach bekannt ist. In den Jahren 1939 bis 1941 arbeitete er für Eisner & Iger, Fiction House und Fox Features Syndicate. Nach nur zwei Jahren gab er diese Tätigkeit aus unbekannten Gründen auf; bis dahin hatte er 51 Stories produziert.1) 1976 wurde er erfroren auf einer Parkbank in New York aufgefunden.

Über sein Vorleben sind immerhin einige Details bekannt; nach Aussagen von Familienmitgliedern ein gewalttätiger Alkoholiker, der 1930 mit dem Arbeitslohn seines Sohns verschwand, lernte er Zeichnen via Fernkurs, woraufhin er sich ab 1911 als „Cartoonist“ bezeichnete. Seine Einkünfte scheint er bis zum Eintritt ins Comicgeschäft damit verdient zu haben, Wandgemälde für wohlhabende Auftraggeber anzufertigen.

In Hanks‘ Biographie klaffen also gewaltige Lücken; sie ist ein Millionenschicksal. Es würde kaum interessieren, wären da nicht eben auch – seine Comics.


1) Die Angaben hierzu variieren; andere Quellen sprechen von 48 oder 53 Stories. Ich beziehe mich auf den englischsprachigen Wikipedia-Eintrag. Die Abweichungen rühren möglicherweise daher, daß Hanks auch unter Pseudonymen wie Hank Christy, Barclay Flagg u.v.m. veröffentlichte; einige davon scheinen „Hausnamen“ gewesen zu sein, die auch andere Autor*innen/Zeichner*innen verwendeten. Soweit ich feststellen kann, wurde z.B. seine Serie Space Smith unter dem Pseudonym Hank Christy von Anderen fortgesetzt.

Des Herrn Sathom Meckerecke