:: Sind sie die „Klima-RAF“? (Teil II – Tagsüber im Museum)

Wie in der Einführung beschrieben, befassen wir uns mit den Vorwürfen, die der „Letzten Generation“ wegen ihrer Museums- und Blockadeaktionen gemacht werden, damit, ob diese Vorwürfe haltbar sind, und inwiefern – und warum – sie es vielleicht nicht sind.

Fangen wir mit den Attacken in Museen an. Was ist eigentlich tatsächlich passiert? Eine Recherche ergibt, ernüchternd genug: Nicht viel. Genauer gesagt, was den Schaden angeht, fast nichts.

Seit August 2022 haben Klimaaktivistïnnen der Gruppe „Letzte Generation“ eine Reihe von Aktionen in Gemäldegalerien und Museen durchgeführt (eine Chronologie der Ereignisse findet sich auf Wikipedia). Dabei wurden unterschiedliche Substanzen – schwarze Farbe, Tomatensuppe, Kartoffelbrei – auf Gemälde Monets, Van Goghs, Klimts und anderer berühmter Künstler geschüttet.

Bzw. wurden sie nicht auf die Gemälde geschüttet. Hä?

Nein, wirklich nicht.

Auch nach einigen Wochen, die den Museen genug Zeit für Untersuchungen und Verlautbarungen ließen, scheint keines der betroffenen Kunstwerke irgendeinen Schaden genommen zu haben. Was sie auch nicht konnten, da sie unter Glas geschützt sind, so daß ihnen Tomatensuppe oder Kartoffelbrei nichts ausmachen können; was eigentlich alle Beteiligten wissen, die Aktivistïnnen zumindest wissen konnten (sieht man ja spätestens, wenn man davor steht). Die einzige Ausnahme war der Angriff auf Raffaels „Sixtinische Madonna“ in der Dresdner Gemäldegalerie (siehe hier und hier). Dort hatten sich die Aktivistïnnen an den Bilderrahmen geklebt. Da dieser leider auch antik ist, entstand tatsächlich eine Beschädigung, die restauriert werden muß. Von der Gesamtschadenssumme von 12.000,- Euro, die das Museum angibt, entfallen allerdings 7.000,- Euro nicht auf die Restauration, sondern auf die Behauptung des Gemäldegalerie, durch die folgende Schließung wären ihr entsprechende Eintrittsgelder entgangen. Nun – ich weiß ja nicht, was die da in Dresden für den Galeriebesuch verlangen, oder wie viele Leute sie an einem halben Tag mit der Planierraupe durch die Gänge schaufeln – aber die Summe erscheint mir etwas phantasievoll. Ob sie realistisch ist, oder ob da jemand eine Gelegenheit ergreifen wollte, werden jedoch die Gerichte klären müssen.

Zusammengefaßt: In keinem Fall ist eines der Kunstwerke beschädigt worden. Was wie gesagt daran liegt, daß Kunstwerke dieser Bedeutung prinzipiell durch Glas geschützt sind und auf diese Art gar nicht beschädigt werden können. Was wiederum, ebenfalls wie gesagt, eigentlich jede(r) wissen könnte.

Daraus folgt erstens, daß die Aufregung von Medien, Intellektuellen und Politikerïnnen einer Sache galt, die in Wirklichkeit schlicht nicht stattfand; daß die allgemein angeklagte Kulturbarbarei nur herbeiphantasiert wurde. Und zweitens, daß – wenigstens meiner Ansicht nach – seitens der Klimaaktivistïnnen auch keine Absicht bestanden haben kann, einen Schaden anzurichten. Denn daß die Gemälde verglast sind, gehört eigentlich zum Allgemeinwissen, war jedoch spätestens deutlich erkennbar, sobald sie vor ihnen standen. In keinem Fall jedoch haben sie versucht, zuerst das Glas zu zerbrechen, oder Flüssigkeiten wie Säure zu verwenden, die sich durch den Schutz hätten hindurchfressen können. Daß es ihnen nicht um die wirkliche Beschädigung von Ausstellungsgegenständen geht, zeigten sie u.a. auch bei einer Aktion im Berliner Naturkundemuseum: Sie klebten sich an den Haltestangen eines Dinosaurierskeletts fest – und nicht am Skelett selbst. Hätten sie einen Akt von Vandalismus am Ausstellungsstück vorgehabt, hätten sie das leicht tun können; gleiches gilt von den Gemälden.

Die Nummer mit dem Bilderrahmen würde ich auf Dämlichkeit zurückführen – daran, daß auch dieser einen historischen Wert haben könnte, wurde vermutlich nicht gedacht. Zumindest meiner Ansicht nach zeigt eine Analyse der Vorgehensweise, daß die Aktivistïnnen keine Schäden an den Werken beabsichtigten, und diese sogar zu vermeiden suchten.

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:: Sind sie die „Klima-RAF“? (Spoiler: Nein)

Machen wir da weiter, wo wir letztes Jahr aufgehört haben: Aufregerthemen. Eines hatten wir ja schon; das andere waren in den letzten Monaten die Klimaproteste der „Letzten Generation“. Klimaktivistïnnen also, die u.a. „Anschläge“ (die Anführungszeichen haben ihren Grund – dazu später mehr) auf Kunstwerke verübt, und Straßenblockaden durchgeführt haben.

Ich bin leider mit diesem Thema weitaus später dran, als ursprünglich beabsichtigt; die Gründe sind dieselben geblieben, also Personalmangel, Krankheitsfälle, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Zu guter Letzt kam dann noch dank Silvester ein weiterer dazwischen. Bringt es etwas, sich jetzt noch mit den Klimaprotesten zu befassen, nachdem die große Aufregung – von Kunstschändung war die Rede, sogar vom „Klima-RAF“ – inzwischen abgeklungen ist? Ich denke: ja.

Und zwar, weil wir aus der gesamten Affäre etwas lernen können, das weit über die Themen Klimawandel und Aktionismus hinausgeht (so wichtig das Thema Klimawandel auch ist). Etwas über unsere Gesellschaft, über Hierarchien, Klassendünkel, Machtstrukturen; über Heuchelei, Bigotterie, und wie der Fortschritt aufgehalten wird.

Denn die Machtverhältnisse und Strukturen einer Gesellschaft lassen sich sehr gut beleuchten, wenn man beobachtet, wie diese Gesellschaft auf bestimmte Herausforderungen reagiert. Und, genauer gesagt, auf welche sie reagiert, und welche sie abtut oder ignoriert. Auffällig ist z.B., daß der Aktionismus der „Letzten Generation“ so skandalisiert, sogar vor einer zukünftigen, neuen RAF gewarnt wird, während man z.B. den vereitelten Putschversuch einiger Reichsbürger mit Achselzucken abtat. Wieso werden beide Gruppen so unterschiedlich bedrohlich wahrgenommen? Warum scheint es, als ob die einen offenbar „Terroristen“ sein sollen, während man nachweisliche Terroristen mit Waffen und konkreten Plänen verharmlost? Hinzu kommt die Frage, welche Prioritäten von Medien und Mächtigen gesetzt werden, und wer sie setzt – wer z.B. entscheidet, daß ein „Angriff“ auf ein uraltes Gemälde (dem dabei gar nichts passiert) schwerer wiegt als die Zukunft der Menschheit.

Eine Analyse, die daraus Folgerungen für den Zustand unserer Gesellschaft zieht, fällt vielleicht sogar leichter, wenn es im Rückblick, und nicht inmitten der größten Aufregung stattfindet.

Gerade bei soviel Aufregung will Herr Sathom sich also einfach mal nicht aufregen. Schauen wir uns die Ereignisse, die Aktionen und deren Kritik stattdessen einmal ruhig, sachlich und systematisch an.

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:: Pausbäckig nachgefragt – Ist das Rassismus?

Es gibt so eine Art Rassismus, der kommt pausbäckig-naiv daher und will sich gar nicht als solcher wahrnehmen; und manchmal kann man das, was in der deutschen Debatte über Migration schiefläuft, an einem einzelnen Beispiel erkennen. Sozusagen wie unter einem Schlaglicht, das diese Schieflage grell beleuchtet.

Nehmen wir etwa das am 06.01. im heute-journal geführte Interview mit der Antidiskriminierungsbeauftragten Ferda Ataman. (Nebenbei: Angesichts der gestellten Fragen muß ich Frau Ataman für ihre Geduld und den konsequenten Versuch, sachlich und sogar freundlich zu antworten, bewundern. Herrn Sathom wäre irgendwann eine Ader geplatzt.) Es ging, natürlich, um die pyrotechnische Randale zu Silvester.

Daran gibt es nichts zu verharmlosen. Die Angriffe auf Polizei und Rettungskräfte sind verabscheuungswürdig und müssen hart verfolgt werden. Zugleich aber steht schon die CDU/CSU Spalier und weiß, wer es gewesen ist: Mal wieder diese verdammten Orks Migranten. Weil nicht integriert, weil Parallelgesellschaft, weil kein Respekt und nur Verachtung für den Staat usw. usf. Man fordert einen „Jugendgipfel“, will aber in Wirklichkeit eine erneute Migrationsdebatte – mit negativen Vorzeichen für die Migrierten.

Im heute-journal wurde nun also Ferda Ataman dazu interviewt. Der Ablauf ist interessant.

Auftakt: Die Mitarbeiterin der Sendung sagt, Deutschland diskutiere seit sechs Tagen über die Silvesternacht in Berlin; Frau Ataman wird gefragt, wie es ihrer Ansicht nach zur Gewaltentladung in Neukölln gekommen sei.

Hier ist die Gesprächstechnik wichtig. Denn das ist keine echte Frage, sondern eine Richtungsvorgabe. Ausschreitungen, Gewalt und pyrotechnische Exzesse gab es im ganzen Land, in allen Großstädten, z.B. Köln; es soll aber nur Berlin, speziell Neukölln, deutschlandweites Thema sein. Durch die „Frage“ wird suggeriert, die Randale hätte nur dort stattgefunden. Warum? Weil es da besonders viele Migrantïnnen gibt und man diese so als die Hauptverursacherïnnen, bzw. das Problem, ausmachen kann? Weil man eigentlich über diese Menschen diskutieren will, nicht über die Gewalt an sich? Und diskutiert wirklich ganz „Deutschland“ (so um Herrn Sathom herum hat das Thema bisher niemand angesprochen)? Aber nichts überstürzen; sehen wir weiter.

Frau Ataman distanziert sich von der Gewalt, zeigt sich jedoch von der Debatte irritiert: Statt über Stadtpolitik, Jugendgewalt und soziale Probleme zu reden, spräche man nur davon, ob man sagen dürfe, wie viele der Täterïnnen einen Migrationshintergrund hätten. Die Interviewerin fragt zurück, ob das eigentlich Irritierende nicht sei, daß es „offenbar“ eine Mehrzahl von Tätern gebe, die „zweifellos Männer mit Migrationshintergrund“ seien; und danach, wie es zu so einer Situation kommen könne.

Diese Frage sollte stutzig machen. Wie es zu dieser Situation kommen konnte? Frau Ataman hat genau das eben beantwortet: Es gibt stadtpolitische und soziale Ursachen. Entweder ist diese Antwort nicht verstanden worden, oder sie hat irgendeinen Wahrnehmungsfilter nicht passiert. Tatsächlich beharrt die Journalistin quasi darauf, daß es um „Männer mit Migrationshintergrund“ gehen soll, als hätte Frau Ataman die eigentlichen Ursachen nicht eben benannt.

Diese wiederum antwortet sachlich, daß man die genauen Zahlen deutschlandweit noch gar nicht kenne – erweitert also den Fokus auf das ganze Land – und weist darauf hin, daß in Neukölln nun einmal die Mehrheit der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat. Sie fügt hinzu, daß zu den Opfern und angegriffenen Polizei- und Rettungskräften ebenfalls überwiegend Migrantïnnen zählten. Sie erklärt also, daß es bei einer überwiegend migrantischen Bevölkerung schlicht statistisch wahrscheinlich ist, daß hauptsächlich aus Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt sind – es verweist nicht auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Migration und Jugendgewalt. (Was uns zu der Frage zurückführt, warum man so gern und ausschließlich über Neukölln reden will und nicht über, sagen wir, Pupsdorf an der Knatter – über Orte also, die eine andere demographische Zusammensetzung haben und vielleicht überwiegend eingeborene Täterkreise.)

:: Beleidigte Leberwürste

Bevor ich zum nächsten großen „Aufreger“-Thema komme (das erste hier), muß ich einfach kurz etwas loswerden – zu einem anderen Thema, das derzeit hierzulande eher randständige Beachtung findet, aber doch ständig präsent ist.

Es geht um das milliardenschwere Subventionsprogramm der US-Regierung unter Joe Biden, das einerseits klimafreundliche Produkte und deren Hersteller und Entwickler fördern soll, und zugleich massive soziale Investitionen vorsieht.

Emmanuel Macron hat dieses Programm jetzt als „super aggressiv gegenüber europäischen Unternehmen“ (SZ) kritisiert und gewarnt, daß es „den Westen spalten“ könne; ähnliche Kritik wurde schon vor Wochen in Deutschland laut, z.B. von Christian „Handelskrieg“ Lindner. Allgemein fürchten u.a. neoliberale Kreise, daß innovative Unternehmen, die z.B. Speicherbatterien für Solaranlagen bauen, in die USA abwandern könnten. Von amerikanischem „Egoismus“ ist die Rede, von einem „Jobkiller“.

Statt sich nun in die Schmollecke zu setzen, gäbe es für das Problem natürlich eine einfache Lösung: Ebenfalls subventionieren. Die Entwicklung neuer, besserer Solartechnik fördern, statt – wie in der Ägide Merkel – die anfangs weltweit führende deutsche Solarbranche quasi über Nacht zu killen; oder, statt den Ausbau der Stromnetze und der Windkraft zu verschlafen, da mal Gas geben (fun fact: Hierzulande müssen Solarparks ausgerechnet dann abgeschaltet werden, wenn viel Sonne verfügbar ist – weil das Netz dank fehlender Stromtrassen die produzierte Energie nicht aufnehmen könnte). Und vieles mehr.

Wenn man fürchtet, innovative Firmen könnten abwandern, wieso subventioniert man sie nicht selbst, statt ihre Anträge ins Leere laufen zu lassen – beinahe, als wolle man sie regelrecht aus dem Land treiben (wie kürzlich in der Sendung quer des BR geschildert)? Lieber spielt man die Heulsuse. Die USA ergreifen plötzlich Maßnahmen, die ökologisch, wirtschaftlich und sozial vernünftig sind? Unfair!

Daher hier nur mal kurz meine Meinung: Die Amis tun zur Abwechslung einmal das Richtige. In der EU lutscht man beleidigt am Daumen, weil man es weiter falsch machen möchte.

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:: Teile und herrsche

Ja, ja, ja, Herr Sathom muß sich (mal wieder) für eine lange Abwesenheit entschuldigen. Die Gründe dafür sind – auch wie immer – Personalmangel, Urlaube, Krankheitsfälle und daher Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und außerdem einige kafkaeske Anwandlungen gewisser Strom- und Gasversorger, die sich alle gleichzeitig verschworen zu haben schienen, einen IN DEN WAHNSINN ZU TREIBEN.

Aber so sehr das Herrn Sathom auch aufregen mag, waren die eigentlichen Aufregerthemen der letzten Wochen ja andere. Neben Klimaprotesten in Form von Verkehrsblockaden und, ähem, Kunstaktionen – ich werde mich demnächst ausführlich damit auseinandersetzen – war das u.a. das Bürgergeld.

Und dieses Thema regt Herrn Sathom wirklich auf. Genauer gesagt, die Art seiner Behandlung – und deren Folgen. Um so mehr, als sich hier ein Muster zeigt, das auch andere gesellschaftliche Diskussionen prägt (dazu mehr am Ende des Artikels).

Ich hatte mich ja schon einmal ausführlich zum Bürgergeld, das die CDU/CSU inzwischen weitgehend entschärft hat, geäußert – doch vorangehende Debatte, etwa in Talkshows wie Anne Will, ist teils so scheinheilig und verlogen, teils so schlicht dumm und uninformiert, daß man es kaum aushält. Womit sie, wie gesagt, typisch für viele aktuelle Debatten ist.

Hauptsächlich hangelte sich diese Diskussion an der Vorstellung entlang, daß der Einkommensabstand zwischen Geringverdienerïnnen und Empfängerïnnen von Sozialleistungen zu gering würde. Und daß hart arbeitenden Menschen, die dennoch kaum über die Runden kommen, nicht vermittelbar sei, daß andere sich für fast das gleiche Einkommen angeblich nur ausruhen. Als Problem werden nicht die niedrigen Löhne, und als Verantwortliche nicht die Arbeitgeberïnnen-Lobby, sondern die angeblichen „Faulpelze“ ausgemacht. So werden jene, die trotz harter Arbeit kaum etwas haben, gegen die ausgespielt, die noch weniger, oder gar nichts haben. Und diese Aufwiegelung ist, wie manche Umfragen zeigen, offenbar erfolgreich.

Daher noch einmal: Dafür, daß Deutschland ein Land der Geringverdienerïnnen ist, können die Arbeitslosen nichts. Daß Menschen für miese Löhne unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten müssen, ist gewollt – und damit sie das tun müssen, soll die Strafe für alle, die keine Arbeit finden (oder angeblich nicht arbeiten wollen), in noch schlechteren Lebensbedingungen bestehen. Die Alternative – besser zu zahlen, und Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten – ist nicht gewollt. Anders ausgedrückt: Sozialleistungen sollen niedrig sein, damit die Arbeitseinkommen nicht steigen müssen.

Profiteure dieser Situation sind die Arbeitgeberïnnen und die Politikerïnnen, die auf deren Spenden hoffen; nicht irgendwelche angeblich faulen Hartz-IV-Empfängerïnnen. Doch die Lohnsklavïnnen sollen das nicht merken; ihr Zorn soll sich auf die da unten richten, denen es noch schlechter geht, damit sie gegen diese treten, statt den Blick nach oben zu richten. Und so macht man ihnen weis, die noch Ärmeren bekämen zu viel, und sie sollten wütend auf sie sein, damit sie nicht merken, daß sie selbst zu wenig bekommen (ich glaube, der alte Marx nannte das „Ausbeutung“, aber der ist ja auch aus der Mode).

Die verdrehte Darstellung und Sichtweise des Themas zeigt sich auch bei den verwendeten Begriffen. Von „falschen Anreizen“, die da gesetzt würden, ist die Rede – nun, unter einem Anreiz versteht man traditionell eine Belohnung. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen wären solche Belohnungen. Eine Strafe – etwa die Kürzung von Hartz IV – ist kein Anreiz; daß man, wenn man artig ist, drei Peitschenhiebe weniger bekommt als sonst, keine Belohnung. Wenn also von „Anreizen“ gesprochen wird, die in Drohungen existentieller Art bestehen, ist etwas grundsätzlich durcheinandergeraten.

:: Bürgergeld oder: Die Armen gegen die Ärmsten aufhetzen

Das Bürgergeld, das Hartz IV ersetzen soll, steht vor der Tür – und schon beginnt eine altbekannte Diskussion. Oder was heißt Diskussion – sagen wir ruhig: Kampagne. Ihr Ziel ist, die Armen in der Gesellschaft gegen die Ärmsten aufzuhetzen.

Wie das geht? Nun:

Das Bürgergeld sei zu hoch, heißt es von konservativer und wirtschaftsliberaler Seite, so daß weniger Anreiz bestünde, für sein Einkommen zu arbeiten; manche würden sich da lieber in die „soziale Hängematte“ legen, und überhaupt, Menschen mit geringem Einkommen müßten erleben, daß ihre Arbeit sich nicht lohnt, daß irgendwelche arbeitslosen Faulenzer das gleiche, oder mehr bekämen.

Zunächst einmal: Das „Argument“ ist ein Witz. Mit ca. 52,- Euro mehr im Monat liegen Bürgergeld-Empfängerïnnen immer noch unter dem, was Geringverdienerïnnen bekommen (sollten). Zugegeben – in extremen Einzelfällen können sich Bürgergeld, Wohngeld und andere Zuschüsse so weit aufschaukeln, daß sie die Grenze eines niedrigen Einkommens erreichen oder sogar überschreiten; da wird sicher noch nachgebessert werden müssen. Aber darum geht es den Kritikerïnnen nicht.

Denn mal ehrlich – störten sie sich wirklich daran, daß das Einkommen von Geringverdienerïnnen zu nah an der Bürgergeld-Grenze liegt, fänden sie tatsächlich, daß „Arbeit sich wieder lohnen“ oder „Leistung belohnt werden“ muß, gäbe es eine ganz einfache Antwort auf dieses Problem: Höhere Löhne. Besonders die im Niedriglohnsektor anheben, weit über den Mindestlohn, kurz, die Angestellten in diesem Sektor angemessener, fairer bezahlen. Und, wenn Arbeit eben attraktiv sein soll: Bessere Arbeitsbedingungen schaffen; menschenwürdige, respektvolle.

Aber genau das wollen sie eben nicht. Und so erleben wir ein altes Spiel, das immer wieder gespielt wird. Die Armen, die Menschen mit extrem geringem Arbeitseinkommen, versucht man, gegen die noch Ärmeren – Arbeitslose etc. – aufzuhetzen. Seht mal, wie ungerecht, heißt es, die faulenzen da herum, während ihr euch den Rücken krumm schuftet, und doch bekommt ihr kaum mehr zum Leben; oder vielleicht nur genau das Gleiche.

Ja, aber von wem denn bekommen die Arbeitenden kaum mehr als Hilfemepfängerïnnen? So müßte die realistische Gegenfrage lauten – doch offenbar von denen, die am Lohn knausern, die nicht angemessen für ihren, von den Geringverdienerïnnen erwirtschafteten Reichtum, bezahlen wollen.

Wir erleben aktuell eine öffentliche „Debatte“, die Tradition hat und tatsächlich nur einem Zweck dient: Jene, die am wenigsten haben, gegeneinander aufzuwiegeln. Die Arbeitnehmerïnnen im unteren Einkommensbereich sollen weiterhin am Existenzminimum dahinwirtschaften, vielleicht aufstocken müssen. Sie, die am wenigsten von eben dem Wohlstand der Gesellschaft profitieren, den sie mit erarbeiten, sollen weiterhin keine gerechtere, angemessenere Beteiligung daran erhalten. Doch wer ihnen diese Beteiligung vorenthält, das sollen sie nicht merken; stattdessen sollen sie ihre Wut oder Frustration auf die da unten richten, die noch Schwächeren, und in ihnen die Nutznießerïnnen eines ihnen angetanen Unrechts sehen: Faulenzerïnnen, die etwas geschenkt bekommen.

Die Art, wie die Kritik formuliert wird, ist da manchmal verräterisch. Etwa, wenn die Tagesschau vom 14.09.22 sie so wiedergibt, daß das Bürgergeld dazu führen könne, „daß gering bezahlte Arbeit zunehmend unattraktiv wird“ – ach was. Als ob schlecht bezahlte Arbeit je attraktiv gewesen wäre. Also – wieso sollte miserabel bezahlte Arbeit „attraktiv“ sein? Gemeint ist: Sie soll alternativlos sein.

:: Wo-Oah Black Beth, Bam-Ba-Lam

So, ihr Comicfreaks. Zeit für noch eine Rezension – seid Ihr angeschnallt?

Schon vor einiger Zeit hatte ich ja im Anschluß an meinen nostalgischen Rückblick auf die Kobra-Comicserie der 1970er Jahre erklärt, daß ich beim britischen Verleger Rebellion, der sich die Rechte an den alten Kobra-Serien gesichert hat, einen Sammelband vorbestellt hatte (zur eigentlichen Rezension geht’s hier). Das Buch ist schon Anfang Juli eingetroffen, doch damals verhinderte Arbeitsstreß die Lektüre; jetzt aber ist es endlich Zeit für die versprochene Rezension von Black Beth – Vengeance be thy Name.

Wer ist Black Beth? Eine der vielen, amazonenhaften Schwertkämpferinnen, die durchs Fantasy-Genre wimmeln? Eine düstere Gestalt, wie der Name schon andeutet, und wie der Titel weiter aussagt, der Rache verschworen? Durchaus; und doch ist an dieser Heldin einiges anders, das sie weitaus interessanter macht als noch eine vollbusige Red Sonja; einiges davon zumindest schon zu ahnen bei ihrem bloßen Anblick.

Doch zunächst ein wenig zu ihrem Hintergrund – was könnte Black Beth, einen hierzulande vermutlich kaum oder gar nicht bekannten Comic, für Leserïnnen interessant machen?

Ein (beinahe) verschollenes Artefakt

Auch ehemalige Kobra-Fans dürften sie nicht kennen, es handelt sich bei Black Beth um eine Serie, die damals überhaupt nicht dort erschien (und auch nicht im britischen Pendant Vulcan). Sie war für das Horrormagazin Scream! konzipiert, während dessen kurzer Laufzeit allerdings nicht mehr veröffentlicht worden (Nachdrucke erschienen Jahre später in einem Scream! Holiday Special, der eigenartigerweise Jahre nach der Einstellung des Magazins herauskam, und als Füllmaterial in der Serie Slaine the King).

Tatsächlich existiert aus der damaligen Zeit nur eine einzige Geschichte – Beths Origin Story, eine Pilotfolge, wenn man so will; vielleicht ein Versuchsballon, um zu testen, ob Hauptfigur und Konzept beim Publikum ankommen würden. Rebellion hat diese nun Jahrzehnte später mit neuen, zeitgenössischen Stories um die wiederbelebte Schwertkämpferin zusammengefaßt.

Dafür, diesen damals erst angekündigten Band vorzubestellen, gab es drei Gründe: Erstens interessieren mich obskure, verschollene oder halb verschollene Comics grundsätzlich; zweitens erinnerte mich der Zeichenstil der neuen Abenteuer vage an die spanische Schule des 20. Jahrhunderts, wie man sie z.B. bei Carlos Giménez, dem Zeichner von Dani Futuro, findet. Ich hege ein gewisses Faible für diesen Stil, wobei ich vorab sagen muß, daß es sich wirklich um bloße Ähnlichkeit handelt – es gelingt der aktuellen Zeichnerin, die unter dem Pseudonym DaNi agiert, einen durchaus eigenen, sehr originären und faszinierenden Stil zu kreieren (Einflüsse aus verschiedensten Richtungen wird es nach Jahrzehnten der Comicgeschichte natürlich immer geben). Und drittens erweckte die Vorabwerbung den Eindruck, es bei Black Beth zur Abwechslung einmal mit einer Schwertheldin zu tun zu haben, die nicht den genretypischen Klischees entspricht; einer wirklich realistisch gezeichneten zum Beispiel, aber auch einer, die charakterlich interessant ist. Nebenbei: Daß eine Jahrzehnte lang auf Eis gelegte Figur wiederbelebt wird, spricht dafür, daß die Herausgeber ihr ein gewisses Potential unterstellen; und tatsächlich hat die Protagonistin – optisch wie erzählerisch – die Fähigkeit, einen in ihren Bann zu schlagen. Es hat einen Grund, daß ich damals sofort auf sie aufmerksam wurde.

Nun – hat sich die Bestellung gelohnt? Vorab: An sich ja. Wobei ich mit dem „Rivival“ ein kleines Problem habe, das ich allerdings mit einigen Comics der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte habe – soll heißen, weniger mit Black Beth, als mit einem allgemeinen, m.E. unglücklichen Trend. Aber der Reihe nach.

:: R.I.P. Jean-Jacques Sempé

Leider muß ich heute nun doch noch einen weiteren Nachruf schreiben: Der Zeichner Jean-Jacques Sempé, der zusammen mit René Goscinny den „Kleinen Nick“ erschuf, ist tot.

Tatsächlich kenne ich Sempé – wie sicherlich viele meiner Generation – hauptsächlich durch diese Kinderbuch-Reihe (die sich, genau genommen, auch oder sogar zuerst an Erwachsene richtet). Ich bin mit diesen Büchern aufgewachsen und sogar mit der Originalfassung Le petit Nicolas in Französisch unterrichtet worden.

Zugleich war Sempés Werk viel umfangreicher; trotz ihres zauberhaft poetischen Strichs waren seine eigenen Geschichten und Zeichnungen oft gesellschaftskritisch, entlarvten z.B die Dekadenz der französischen Elite und die hohlen Phrasen bourgeoiser Gespräche ebenso wie die aufgesetzte Munterkeit und Freundlichkeit der New Yorker Kreativszene (so in dem hervorragenden Band Air Mail, den zu besitzen ich mich wohl glücklich schätzen darf, denn die Wikipedia-Seite zum Künstler listet dieses Werk nicht mehr unter den erhältlichen Titeln). Was alles nicht heißt, daß nicht auch die „einfachen Leute“ ihr Fett wegbekamen, oder die Kleinbürger, oder die Linke. Dabei wurde Sempés Blick nie verächtlich oder menschenfeindlich. „Mensch zu sein braucht enorm viel Tapferkeit. Es ist schwer.“ sagte er der Süddeutschen Zeitung in einem Interview von 2009; die Menschen betrachtete er mit melancholischer Sympathie. Denn der griesgrämig blickende Mann, dem man auf der Straße begegnet, ist eben kein unsympathischer Miesepeter: Vielleicht bedrückt ihn alles mögliche, oder es ist nur seine Müdigkeit und die Hitze des Tages, oder sein Job – doch er muß „immer weitergehen, immer weiter. So etwas berührt mich sehr.“ Seine zerbrechlichen Helden sind, wie der Kolumnist Imre Grimm fand, in der Welt permanent überfordert; wobei, das ist Teil von Sempés anrührender wie auch beißender Darstellung, sie sich selbst in Szenen, in denen sie vor prahlerischen Monsterbauten oder Straßenschluchten winzig und hilflos wirken, für den Nabel der Welt halten – sei es aus Selbstschutz, oder aus Selbstüberschätzung.

Comic-Zeichner im eigentlichen Sinn ist Sempé nie gewesen, denn „diese kleinen Rechtecke“ waren nicht sein Ding, wie er im o.a. Interview sagte; doch ein Schöpfer von Bildgeschichten, und dann was für welchen.

Den Umfang seines Werks habe ich immer wieder einmal, doch bis heute nicht komplett erforscht; wie gesagt, war er für mich die meiste Zeit meines Lebens vornehmlich der Zeichner des „Kleinen Nick“. Wobei seine Kinderdarstellungen eine bessere Kindheit als seine eigene imaginieren sollten, das Zeichnen für ihn überhaupt eine Art des Entkommens war. So oder so hat er meine Kindheit geprägt und sicher die vieler Menschen meiner Generation, und das mit nur einem Werk; und ein soviel größeres hinterlassen. Ruhe in Frieden, und danke.


P.S. Ein schöner Abriß von Leben und Werk findet sich im Nachruf der FAZ; darüber hinaus sei auf das oben verlinkte Interview und den Wikipedia-Artikel verwiesen.

:: Comic-Kritik: Jörg Buttgereits Captain Berlin

Puh. Ich glaube, das wird ein Comic-Monat. Und warum nicht? Sommer, Urlaub, Comics lesen – so wir früher in den Schulferien. Das Leben kann gut sein.

Meine Erinnerungen an Sommertage im Schatten eines Apfelbaums beziehen sich hauptsächlich – wenn auch nicht ausschließlich – auf Marvel-Comics, und was wäre da eine bessere Reminiszenz als Jörg Buttgereits Superheld Captain Berlin?

Wer Buttgereit ist, muß ich hoffentlich nicht erklären (ansonsten lest’s hier nach); für unsere Zwecke reicht es, zu wissen, daß er ein absoluter Fan von Trash und trivialer Unterhaltung ist. Seine Kunstfigur Captain Berlin feierte ihr Debüt in einem 1982 in West-Berlin gedrehten Kurzfilm; ihm folgten ein weiterer Film sowie Hörspiele und ein Theaterstück. Der Comic entstand eigentlich als Beigabe zur DVD-Veröffentlichung dieses 2007 entstandenen Theaterstücks, Captain Berlin vs. Hitler, und ging 2013 in Serie.

Das damals am Hebbel-Theater aufgeführte Stück wird uns noch kurz beschäftigen; doch wer oder was ist nun eigentlich Captain Berlin, und was kann er?

Captain B. – der als Cape eine Berlinflagge trägt – ist zu Beginn der Geschichte ein vom deutschen Widerstand erschaffener Supersoldat, der Adolf Hitler ausknipsen soll; das klappt nicht so ganz (ein gewisses Bombenattentat kommt dazwischen), und nach einigen Irrungen und Wirrungen (die ich hier nicht verraten will) landet er in Japan, wo er durch den Atombombenabwurf von Hiroshima verstrahlt wird (also Captain Berlin, nicht Hitler). Sein veränderter Metabolismus absorbiert die Strahlung, und erst jetzt wird er von einem eher an Captain America erinnernden Vigilanten mit gesteigerten menschlichen Fähigkeiten zu einem „echten“ Superhelden, der u.a. fliegen kann.

Was ihn jedoch eigentlich von anderen Helden unterscheidet, ist sein enorm verlangsamter Alterungsprozeß – dieser ermöglicht es Buttgereit und seinem Team, den Captain durch alle Jahrzehnte hindurch an wesentlichen Ereignissen in der Mauerstadt, und später Hauptstadt, teilhaben zu lassen. Das geschieht nicht immer chronologisch – die einzelnen Hefte springen jeweils in die Zeit, in der eine Story spielen soll; das läßt Rätsel und Lücken in der Biographie des Helden, die den Fans Gelegenheit zum Rätseln geben, und von den Autoren nach und nach aufgefüllt werden. Womit es sich nicht eigentlich um Handlungslücken handelt – eher um ein Mittel, Spannung aufzubauen, und zugleich eines, das den Autoren ermöglicht, immer die Geschichten zu erzählen, auf die sie gerade Lust haben. Und diese Lust merkt man den Stories an, die Geschichten machen Freude, weil die Macher welche hatten.

Uns so verhindert Captain Berlin mal ein frühes Attentat auf Rudi Dutschke, begegnet dann einer Parodie auf Nicholas Cage, oder bekommt es mit Aleister Crowley zu tun – stets im Kampf gegen seine Erzfeinde, die Altnazis Ilse von Blitzen und Otto Todt, die von Robotern über Schwarze Magie bis zu Zombies alles aufbieten, was die Gruselkiste hergibt.

Die für ein solches Projekt geeigneten Mitstreiter hat Buttgereit bei Weissblech Comics gefunden – einem Verlag, in dessen Programm nicht nur einige trashig-splatterige Horror-Comics vorkommen, sondern auch ein weiterer Superheld namens Zombieman und diverse vollbusige Heroinen, die sich von der Steinzeit bis in die ferne Zukunft durch diverse, manchmal pornographische Szenarien kämpfen.

Ich will hier nicht verhehlen, daß ich einen Teil des Verlagsprogramms, jedenfalls die „erotischen“ Titel, für pubertären Schrott halte – eben das übliche Zeug für „Erwachsene“, deren Persönlichkeitsentwicklung irgendwann einen Auffahrunfall erlitten hat. Das paßt zu einem manchmal nervigen Gehabe der Verlagsleute, die wie kichernde Halbwüchsige darauf hinweisen, daß dieser oder jener Comic – hihihi – vielleicht spießige Normalos schockieren könnte (übrigens: daß ich in diesem Beitrag aufs Gendern verzichte, liegt daran, daß bei Weissblech (fast) nur Männer aktiv sind). Andererseits scheinen die Horrorcomics teilweise recht intelligent, und bürsten sogar gelegentlich etablierte Handlungsklischees gegen den Strich; ein gemischtes Vergnügen also.

Das gilt allerdings nicht für Captain Berlin. Hier führt die – durchaus augenzwinkernde – Liebeserklärung an den Trash, gepaart mit Nostalgie für entsprechende Produkte, zu ausgezeichneten Ergebnissen. Was wiederum Weissblech zum richtigen Partner für Buttgereit macht, der diese Liebe eindeutig teilt. Das äußert sich nicht immer so deutlich wie in der Story Der schreckliche VHS-Mann, in der ein Superschurke die Berlinerïnnen durch Strahlen dazu bringt, sich wie die amoklaufenden Zombiehorden aus Videofilmen zu verhalten; zieht sich aber deutlich spürbar durch viele Geschichten.

:: Comic-Kritik: Spirou oder die Hoffnung Band 1 – 4

Es ist Sommer 2022, ich habe Urlaub, und ich habe endlich den letzten Band der vierteiligen Comicreihe Spirou oder die Hoffnung gelesen; es war eine lange Reise, seit die Serie 2018 begann – ja, vier Jahre lang, und die Reise hat sich gelohnt. Zeit für eine Rezension.

Vielleicht zuerst eine Erklärung: Spirou oder die Hoffnung ist u.a. das Resultat einer Tendenz, die sich schon länger im frankobelgischen Comicmarkt etabliert hat; nämlich die Schaffung von Hommagen, teilweise auch Umdeutungen alter Helden und Heldinnen. Unabhängig davon, ob Serien noch laufen oder nicht, nehmen sich unterschiedliche Autorïnnen und Zeichnerïnnen der bekannten Figuren an, um ihre eigene Version dieser Ikonen zu schaffen. Diese Neufassungen laufen außerhalb der „normalen“ Serien (meist unter dem Übertitel Le Spirou de …, Le Valerian de … etc., bei Carlsen auf deutsch meist als „Spezial“). Sie kommen manchmal als Hommage daher, wie Ralph Königs jüngstes Lucky Luke-Album, manchmal aber auch als komplette Neufassung oder Umdeutung. Der kommerzielle Hintergrund ist natürlich der, daß die betreffenden Serien entweder offiziell eingestellt sind und man anders kein neues Material herausbringen kann, oder daß sie, falls sie noch laufen, so oft „modernisiert“ wurden, daß inzwischen erwachsene Fans sie nicht wiedererkennen (während die Originalfolgen heutzutage altbacken oder überholt wirken). Man will also erwachsene Leserïnnen, Nostalgikerïnnen, vielleicht auch neue Fans ansprechen, die mit dem alten Material nichts anfangen könnten.

Im Fall von Spirou und Fantasio äußert sich das so, daß manche Autorïnnen und Zeichnerïnnen voll auf der Retroschiene fahren. Z.B. verlegen Schwartz & Yann mit Die Leopardenfrau und Der Meister der schwarzen Hostien die Abenteuer der beiden Helden zurück in die Nachkriegsjahre, nah an ihren Ursprung (Spirou entstand 1938, also ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs); der Zeichenstil imitiert nicht direkt den von Spirou-Erfinder Rob Velter, sondern wirkt wie eine moderne Fassung des Strichs des sehr frühen Franquin, und damit zugleich authentisch und aktuell.

An sich bin ich kein Freund solcher Aktivitäten. Verlagsseitig drückt sich darin (auch) ein inzwischen typisches, kapitalistisches Ausschlachtungsinteresse aus, das noch den letzten Tropfen Leben aus jedem Gut herausquetschen will; das gewissermaßen das neoliberale Mantra von Erfolgs-Coaches umformuliert zu „Wenn dein Pferd tot ist, steig nicht ab“. Was sich z.B. auch im Bereich von TV-Serien und Filmfranchises zeigt (wo es uns in jüngerer Zeit ein so erbärmliches Schauspiel wie Star Trek: Picard beschert hat). Das Ganze ist dennoch mehr als ein bloßes Geschäftsmodell; denn es gibt Kreativen Gelegenheit, ihren Enthusiasmus für ikonische, vielleicht in der Kindheit geliebte Figuren auszudrücken und der eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen. Manchmal stecken echte Begeisterung, und gute Ideen dahinter; wenn das der Fall ist, kann man sich nur freuen.

Die Ergebnisse solcher Experimente fallen also unterschiedlich aus – manchmal sind sie ganz amüsant, manchmal interessant; und manchmal großartig. Womit wir endlich zu Spirou oder die Hoffnung kommen.

Autor und Zeichner Émile Bravo unternimmt hier ein gewagtes Unterfangen: Er verlegt die Abenteuer von Spirou und Fantasio in die Zeit der deutschen Besatzung Belgiens – in den zweiten Weltkrieg. In eine sehr düstere Zeit also, die eine angemessene Erzählweise und Perspektive verlangt; wobei aber andererseits die Markenzeichen der Serie – Abenteuer und Humor – doch zu ihrem Recht kommen müssen.

Dieser Spagat gelingt ihm mit Bravour. Was den Humor angeht, ist er stellenweise deutlich schwarz und makaber: Im ersten Band herrscht im Hotel, in dem Spirou als Page arbeitet, eine Bombenstimmung, und Fantasio – der hier teilweise noch unbeherrschter, prahlerischer und dabei inkompetenter erscheint als in Franquins frühen Erzählungen – ist auf skurrile Weise mitverantwortlich für die Eroberung der belgischen Festung Eben-Emael durch die Deutschen; dennoch gelingt es Bravo, Tragik und Leid zu zeigen, ohne sie durch den Humor abzuschwächen, vielleicht auch, weil dieser Humor eine bittere, doch gerade darum mitfühlende Note erhält.

Des Herrn Sathom Meckerecke