:: Dumm statt Doom? Warum wir Boomer*innen die Klimakrise nicht begreifen

Ich hatte kürzlich die derogative Verwendung von Begriffen wie „Boomer*in“ kritisiert, weil sie eine ganze Generation pauschal unter Generalverdacht einer rückständigen, erzkonservativen Haltung stellen; zugleich jedoch betont, daß solche Begriffe (wie auch der des „alten weißen Mannes“) innerhalb bestimmter Kontexte – und nur innerhalb dieser – durchaus sinnvoll seien.

Dabei hatte ich erwähnt, daß man eine merkwürdige, beinahe selbstmörderische Passivität bzw. Gleichgültigkeit gegenüber der Klimakatastrophe allerdings ganz richtig der Gruppe der „Boomer*innen“ zuschreiben kann; wenigstens ungefähr, denn in dieser Totalität ist die Aussage – wie jede totale – auch wieder falsch. Und daß dieses Phänomen einer Analyse bedürfte, wobei ich es für ein psychologisches Problem halte, und keines, das moralische Vorwürfe oder derogative Attacken lösen könnten.

Gehen wir der Sache also einmal nach.

Bestimmte Theorien gehen laut Wikipedia davon aus, daß eine „Generation“ wie die Baby-Boomer, dadurch konstituiert wird, daß

„wegen der großen Zahl Gleichaltriger im Verhältnis zu anderen Altersgruppen eine Urerfahrung der Masse stattgefunden hat, die nicht ohne Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung geblieben ist.“

Daraus ergäben sich für alle Angehörigen einer Generation (jedenfalls deren Mehrheit) gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale. Als Nachfolger der 68er-Generation wären z.B. die Baby-Boomer eine desillusionierte Gruppe, die nicht an die Möglichkeit wirksamer gesellschaftlicher Veränderungen glaube, und sich deshalb durch Indifferenz – also Gleichgültigkeit – vor Enttäuschungen schütze.

Das scheint zunächst eine plausible Erklärung für die Wurschtigkeit meiner Generation in Klimafragen, ebenso für die Lahmarschigkeit der Politik – die „Generation Merkel“ (1954) wäre demnach eher auf den Erhalt des status quo fixiert und veränderungsskeptisch; das mag in Teilen richtig sein, scheint mir jedoch unzureichend (es erklärt z.B. nicht, weshalb manche „Boomer*innen“ den Klimawandel zwar als real akzeptieren, jedoch nicht in der Lage scheinen, ihn als Bedrohung wahrzunehmen).

Zunächst: Die Boomer*innen sind keine homogene Altersgruppe. Laut Wikipedia begann der Baby-Boom in der BRD etwa in der Mitte der 1950er Jahre und dauerte bis zum Ende der 60er; in anderen westlichen Ländern setzte er bereits in den 40ern ein. An sich handelt es sich also nicht um eine, sondern mehrere Generationen. Und während die westdeutschen 68er gemäß dieser Definition selbst keine Boomer*innen waren, konnten sie sich lange Zeit durchaus schmeicheln, gesellschaftlich vieles bewegt, und einige große Erfolge erfochten zu haben. Die Folgegenerationen wiederum müßten diese Erfolge durchaus wahrgenommen, und Veränderung als erstreitbar und möglich erlebt, und verinnerlicht haben. Und auch Boomerinnen – etwa die Angehörigen der Frauenbewegung – konnten selbst solche Erfolgserlebnisse verzeichnen. Boomer*innen sind also Zeitzeugen einer Periode, in der sich die Gesellschaft öffnete, in der kleine gesellschaftliche Gruppen die großen Debattenthemen sezen, bzw. der konservativen Gesellschaft regelrecht aufzwingen konnten, in der linke Ideen sich an den Universitäten etablierten, die Frauenbewegung erfolgreich gegen Abtreibung und ein veraltetes Scheidungsrecht stritt. Nicht gerade eine Geschichte, die sich als Erfahrung der Nutzlosigkeit eigenen Handelns, oder umfassender Erfolglosigkeit deuten läßt.

Wenn überhaupt, dürfte ein solches Erleben erst in der Ära Kohl eingesetzt haben, eines Kanzlers, dessen Regierung nach dem Motto „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“ (his own words) Kritik und Protest schlicht ignorierte, und so ins Leere laufen ließ. Insgesamt ist diese Zeitperiode allerdings zu kurz, um ein gemeinsames psychologisches Mindset all derer zu erklären, die nach 1950 geboren wurden.

Alle, die zwischen 1945 und 1989 geboren wurden, teilen jedoch zwei andere Erfahrungen – beide traumatisierend, und einander ergänzend. Mit der fatalen Konsequenz, daß sie die jetzige Einstellung zur Klimakatastrophe viel eher (mit)erzeugt haben dürften.

:: Liebe Junge Weiße Männer

Bloß weil ich grad dabei bin, an imaginierte Ansprechpartner*innen zu schreiben und so:

Jungs … Ich habe schlechte Nachrichten für euch. Es ist nämlich so:

Ich habe Euch durchschaut.

Doch, doch. Leider. Was es da zu durchschauen gäbe, fragt Ihr? Oder fragt ja vielleicht auch nicht, aber ich erzähl’s euch trotzdem.

Mir fällt da nämlich seit einiger Zeit eine beunruhigende Tendenz in euren Texten auf. Anfangs hielt ich es noch für Einzelfälle, auch Einbildung vielleicht, doch dazu ist mir kürzlich einmal zu häufig – und eklatant auffällig – untergekommen. Ich habe den betreffenden Artikel hier eingehender analysiert; was auf ihn zutrifft, gilt, aber für Vieles, daß ich derzeit aus der Feder jungweißer, jungmännlicher, hoffnungsvoller Meinungsmacher der Zukunft lese.

Ich stelle die These einfach mal vorweg. Ich behaupte, daß Ihr bestimmte Themen – Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Klimawandel oder Gendergerechtigkeit – nur kapert, um euch durch Verweis auf eure eigene Jugend, die offenbar eure einzige Legitimation darstellt, selbst in Szene zu setzen. Und daß Ihr dabei pauschal eine ganze Generation – wahlweise die männlichen Älteren, wahlweise alle Älteren – zum Gegenstand einer Diffamierungskampagne macht. Kurz, daß euch diese Themen nur als Vorwand dienen, daß ihr sie den eigentlich Betroffenen raubt, um unter Verweis auf euer Alter zweierlei zu behaupten: Daß euch das alles nicht betrifft, weil euch, obwohl weiß und männlich, der Hauptmakel fehlt; und daß die Alten an allem schuld wären, weil sie pauschal allesamt derselben politischen Orientierung, derselben Persönlichkeitsstruktur, einer uniformen Altersbosheit schuldig seien.

Die Masche ist dabei stets die gleiche, mal weniger, mal – wie im oben verlinkten Beispiel – mehr offensichtlich: Man picke sich ein kontroverses Thema heraus, beziehe pro forma Stellung; und baue dann in seinen Text Floskeln wie „alte weiße Männer“ oder „Boomer“ ein, nebst tunlichen verweisen auf die eigene Jugendlichkeit. Das kommt manchmal ganz offen, manchmal auch als Subtext daher (pauschal alle älteren Leute als Bösewichte zu markieren, drückt ja schon implizit aus, daß man selbst aufgrund eigener Jugend keiner ist (btw. Was wäre hier die genderkorrekte Bezeichnung – Bösewicht*innen?)). Am Ende steht da ein Text ohne Erkenntniswert (solche haben die eigentlich Betroffenen, für die Ihr euch einzusetzen vorgebt, schon selbst viel qualifizierter geliefert); ein Text, von dem lediglich übrig bleibt, daß Ihr euch qua eurer Jugend als die neuen Inhaber der Meinungs- und Deutungshoheit legitimiert wißt, während Ältere per se ins Schweigen befördert gehören.

Dazu müßt Ihr natürlich – eben mittels solcher Gruppenbezeichnungen – den Eindruck erwecken, daß alle Angehörigen einer Generation (oder mehrerer, aller vor euch geborener eben) ein gemeinsames Mindset, eine uniforme Persönlichkeitsstruktur und politische Haltung, teilen. Kurz, eine Gruppe kreieren, die sich als Gegenstand eines stereotypen Vorurteils eignet: Die sind alle gleich.

:: Boom-Boom Boomer Gender Boom Gender

… Boom-Boom Gender Gender Boom-Boom! Boom-Boo… oh.

Ähem.

Was wollte ich gerade … ach ja.

Lieber Nicolas Wildschutz!

Du hast da neulich auf Meedia.de eine Kolumne veröffentlicht, die sich an alle Boomer*innen, also die Generation der jetzt ca. 50plusjährigen richtet; und weil Du uns so freundlich ansprichst, will ich dir eine Antwort nicht schuldig bleiben.

Oh, kurz noch vorweg, weil ich hier nicht alles wiederkäuen will: Alle, die nicht Nicolas Wildschutz sind, müßten den verlinkten Artikel (keine Angst, er ist kurz) nämlich lesen. (Ja. Vorher.)

Okay, vielleicht müßt Ihr das auch nicht, es sollte auch so klar werden, wovon die Rede ist. Aber ein Blick auf die Originalquelle empfiehlt sich immer.

Fertig? Gut.

Also, lieber Nicolas W., usw., usw.:

Laß mich dir zunächst zu dieser journalistischen Glanzleistung gratulieren; sie zeigt, daß Du auf dem besten Weg bist, ein künftiger Meinungsmacher zu werden – um so erstaunlicher, als Du ja selbst noch die Journalist*innenschulbank drückst. Dennoch lieferst Du bereits ein Stück ab, das man anderen Schüler*innen als Lehrbeispiel vorführen könnte; denn es illustriert drei Dinge, die alle Meinungsmacher*innen unbedingt wissen müssen:

Erstens, wie verfasse ich einen Text, der ein Thema zu behandeln vorgibt, tatsächlich aber eine ganz andere Agenda verfolgt; zweitens, wie versuche ich, in diesem Text direkt abzustreiten bzw. zu verbergen, daß ich eine solche Agenda verfolge; und drittens, was habe ich davon.

Also beim vorliegenden Text: Wie tue ich so, als setzte ich mich für gendergerechte Sprache ein, nutze diese Ausrede dann aber hauptsächlich dazu, ältere Menschen, die Generation der „Boomer*innen“, pauschal als rückständig zu diffamieren; na ja, und wieso womöglich.

Leider unterlaufen dir in diesem Fall einige kleinere Fehler, die deine Absicht dann doch untergraben bzw. durchschaubar machen (sofern es sich um eine bewußte Absicht handelt und nicht um eine, die Du selbst nicht reflektierst, die der Text aber verrät). Erlaube mir daher, dir dahingehend einige Ratschläge zu geben, wie altväterliche Nachkriegsgeburten es eben gern tun.

Beginnen wir mit der Überschrift, die das Thema setzt. Wieso wir – die Baby-Boomer*innen also – gegen gendergerechte Sprache wären, fragst Du. Eine bloße Antwort darauf könnte kurz ausfallen: Gar nichts.

Denn weißt Du, „uns“ gibt es so wenig wie „die Frauen“ oder „die Ausländer“. Wir „Boomer*innen“ sind eine durchaus diverse Gruppe. Gut, vielleicht bist Du zu jung, um das zu wissen: Daß z.B. auch die Frauenbewegung, oder die Umweltbewegung der 80er, von Boomer*innen mitgestaltet wurden; oder daß die Genderforschung an den Universitäten, auf deren Ergebnissen ihr jetzt aufbaut, von unserer Generation begründet wurde. Zu der – Du wirst es nicht glauben – auch schon bereits Schwule, Lesben, Frauen usw. usf. gehörten, nicht nur weiße Hetero-Cis-Opas. Schön, es mag sein, daß wir die Welt nicht in ein paradiesisches Utopia überführen konnten; womöglich haben wir deswegen trotz unserer Umtriebe verdient, ins gesellschaftliche Abseits verrentet zu werden, wie Du am Ende deines Artikels phantasierst.

Womit wir schon bei der versteckten Agenda wären.

:: Ladenbrand im Schwabenland

Zugegeben: Was sich vor einer Woche in Stuttgart abspielte, ist eigentlich kein Anlaß für dumme Schwabenwitze („ausgerechnet die Schwaben?!?“). Aber als Berliner hat man eben ein leicht gespaltenes Verhältnis zu diesen Invasoren tüchtigen und fleißigen Leuten.

Aber im Ernst. Die Krawalle, die Stuttgart kürzlich erlebte, belegen nach allgemeiner Auffassung ein bisher unbekanntes Ausmaß von Gewalt. Dort, wo sich in der Innenstadt die Partyszene trifft, „solidarisierten“ sich Feiernde mit einem von der Polizei auf Drogen kontrollierten Mann; anschließend zogen etwa 400 – 500 Personen plündernd und randalierend durch die Umgebung. Nicht nur das Ausmaß der Gewalt, auch deren Inszenierung schockiert: Täter filmten sich, etwa, als ein Maskierter einem am Boden knienden Polizisten in den Rücken sprangt, stellten die Bilder online und ließen sich in den sozialen Netzwerken feiern; verstörend auch der Rückhalt, den solche Gewaltexzesse offenbar bei den Zuschauern fanden, Partygängern, die sich nicht direkt beteiligten, die Akteure jedoch bejubelten. Die Gewalt richtete sich dabei nicht „nur“ gegen Polizisten, sondern auch gegen andere, die der „fröhlichen“ Gemeinde mißfielen: Einen Studenten z.B., der sie kritisierte und, am Boden liegend, gegen den Kopf getreten wurde (eine Chronik der Ereignisse hier).

Nebenbei bemerkt: Stuttgart ist noch vorhanden und keine Trümmerwüste. Das ändert nichts an der bestürzenden Gewalt gegen Menschen, für die sich Täter und Zuschauer auch noch feierten; klingt aber zugleich nicht ganz nach der zunächst medial beschworenen Apokalypse.

Natürlich begann sofort die übliche Ursachenforschung. Noch bevor Näheres bekannt war, „wußten“ am Sonntag Vormittag die üblichen (rechten) Kommentatoren ganz genau, daß es mal wieder „die da“ mit ihrem ganz besonderen „soziokulturellen Hintergrund“ gewesen waren, was jetzt natürlich niemand wahrhaben wolle; andere fantasierten eine abgesprochene Aktion der „Antifa“, die sie, wie Donald Trump, offenbar für eine geschlossene, terroristische Organisation halten. Die Verschwörungstheoretiker von der Gegenseite raunten indessen, daß alle Informationen ja bisher nur von der Polizei stammten, deuteten an, daß die sich das Ganze ja vielleicht ausgedacht haben könnte. Je nach Feindbild steckten also die Linken, Menschen mit Migrationshintergrund, oder die Polente hinter der Sache. Später am Tag war auch von Corona-Streß war die Rede. Und, ach ja: auf einer Pressekonferenz am Montag erzählte dann noch der Bundesinnenminister dummes Zeug, stellte irgendwelche Zusammenhänge her – is wie bei den Ausschreitungen in Hamburg, nä – und warf mit seinem Auftritt ganz allgemein die Frage auf, ob er eigentlich überhaupt noch weiß, was zum Teufel er da redet.1) Immerhin hat er sich seine Sätze auswendig gemerkt, denn bei anderen Presseterminen wiederholte er sie eins zu eins; was ja auch schon eine intellektuelle Leistung ist. Nicht zu vergessen, daß sich angesichts der Lage nun auch die Überwachungsfans wieder die Hände reiben. Mehr Kameras sollen her. Am besten überall.

Okay. Also: Alles davon ist Quatsch. Ein politischer Hintergrund, gleich welcher Art, läßt sich ausschließen; Horst Seehofers gedanklicher Brückenschlag zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg ist daher so albern wie der sonst übliche Reflex, „Killerspiele“ zur Ursache erklären. Daß es sich bei den Tätern ausschließlich oder mehrheitlich um Menschen mit Migrationshintergrund gehandelt haben soll, trifft nicht zu (der auf Drogen kontrollierte Mann selbst war deutscher Staatsbürger weißer Hautfarbe, die Teilnehmer der Krawalle ein buntes Gemisch jedweder Herkunft). Und Corona-Streß hin oder her, laufen die meisten Leute deswegen nicht gleich Amok. Hinter den Gewaltexzessen steckt etwas ganz anderes. Was?


 

1) Damit meine ich zwei Dinge. Erstens hat von Gruppen begangene Gewalt ganz unterschiedliche Ursachen. Das soll nicht heißen, daß man irgendeine Form von Gewalt, ganz gleich, was sie motiviert, gutheißen könnte; Anlässe und Motive müssen jedoch jeweils im Kontext, und isoliert von anderen Gewalttaten, betrachtet werden. Doch Seehofer baut, indem er einen Bogen von den G20-Krawallen von 2017 zu den jetzigen Ereignissen schlägt, das Bild einer vagen, allumfassenden Bedrohung auf, die von anonymen Horden ausgeht und zunimmt, womit er Ängste und Gefährdungsgefühle in der Bevölkerung schürt (die ihrerseits irrational sind, da das Bedrohungsgefühl zunimmt, obwohl Gewaltverbrechen statistisch seit Jahren zurückgehen). Zweitens erweckt er, indem er von der Justiz harte Strafen für die Täter fordert, den fatalen Eindruck, in der Bundesrepublik könnten Politiker den Gerichten vorschreiben, wie sie zu urteilen hätten. Bzw. den Eindruck, daß er, der Bundesinnenminister, das gerne täte. Man verstehe mich nicht falsch – von mir aus soll man zumindest die Teilnehmer, die Menschen angegriffen haben, einsperren und den Schlüssel wegschmeißen; doch darum geht es nicht. Gerichte können und dürfen sich nicht daran orientieren, was irgendein Herr Sathom oder Herr Seehofer gerne hätten. Und so bürdet Seehofer der Justiz ein folgenschweres Problem auf. Verhängen die Richter harte Strafen, könnte der Vorwurf aufkommen, bundesdeutsche Gerichte handelten nicht unabhängig, sondern auf Anweisung der Politik; urteilen sie (in den Augen der Öffentlichkeit) zu milde, enttäuschen sie vom Minister geweckte Erwartungen, was Wasser auf die Mühlen rechter Populisten wäre. Und insbesondere Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz, denen Seehofer hier ein Einfallstor öffnet, könnten verheerende Folgen haben – für die Legitimation von Institutionen, das Vertrauen in diese, den gesamtgesellschaftlichen Konsens. Es ist unklar, ob Seehofer selbst wirklich glaubt, was er da in beiden Bezügen erzählt, oder ganz bewußt zündelt – denn was er sagt, ist brandgefährlich. Und beides würde ihn für sein Amt ungeeignet machen, das eine intellektuell, das andere moralisch.

:: Verschwörungsmythen: Ein anderer Erklärungsansatz

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Dazu gibt es einige gängige Erklärungsansätze. Herr Sathom hatte sich allerdings schon in einigen vorangehenden Artikeln unzufrieden mit diesen üblichen Modellen geäußert.

Immer, wenn Verschwörungsideen zu bestimmten Themen „hochkochen“ (Migration als „Bevölkerungsaustauch“, Errichtung einer „Impfdiktatur“ samt eingepflanzter Mikrochips etc.), feiern auch Theorien zur Erklärung des Erfolgs solcher Narrative mediale Hochkonjuktur. Es sind immer die gleichen Erklärungen, deren ständige Wiederholung keine neuen Erkenntnisansätze liefert, und die, so mein Eindruck, teilweise falsch oder unzulänglich sind (darin gleichen sie der ewigen Theorie von den „Killerspielen“, die Amokläufe verursachen).

Mit den Gründen für diesen Eindruck wollte ich mich in näherer Zeit einmal auseinandersetzen, doch da ich aktuell nicht absehen kann, wann ich dazu komme, vorerst ein Verweis auf eine ganz andere Annäherung: Im Interview mit ZEIT ONLINE betrachtet Cory Doctorow Verschwörungsgläubige als Menschen, die „im letzten Moment der Wahrheitssuche „falsch abgebogen“ sind. Er verweist dabei auch darauf, daß diese Menschen in ihrer Argumentation oft auf tatsächliche Mißstände – die Macht der Pharmakonzerne z.B., oder tatsächliche Intrigen, die irgendwie ans Licht kamen – hinweisen können; und daß sie in dieser Hinsicht oft verblüffend gut, und zutreffend informiert sind. Diese Annäherung spricht den Betreffenden nicht jegliche intellektuelle Kapazität ab, während die herkömmlichen, medial gern verbreiteten Erklärungsmuster sie oft als dumme, rein emotional reagierende Wesen zeichnen, die in persönlichen Lebenskrisen fast mechanisch nach Verschwörungstheorien greifen; Automaten eher als denkfähige Subjekte, die vom Schulpsychologen seziert und „erklärt“ werden können.

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:: Rezo zerstört die Presse (and serves them well done)

Es ist weiter soweit: Nach der Zerstörung der CDU widmet sich YouTuber Rezo in einem neuen Video diesmal der Presse. Interessant ist dabei der Ansatz – das Mißtrauen, das den Medien häufig entgegenschlägt („Lügenpresse“ etc.) führt er u.a. darauf zurück, daß deren Methoden oft denen von Verschwörungsideologen gar nicht unähnlich sind. Über den Vergleich zeigt er, durchaus plausibel, wie etablierte Medien das Mißtrauen, das ihnen begegnet, mitverursachen – indem sie Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit selbst säen.

Nachdem ich mich selbst coronabedingt wieder stärker für Verschwörungsmythen interessiere, finde ich diesen Ansatz natürlich spannend; ob der Brückenschlag dabei immer ausreichend gelingt, wäre eine andere Frage. Immerhin: Daß an der These etwas dran ist, wird wird glaubwürdig vermittelt.

Insofern: Wie schon die „Zerstörung der CDU“ ist auch Rezos aktuelles Video instruktiv, sauber mit Quellen unterfüttert und argumentativ stark; eigentlich genau so, wie man sich manchmal wünschen würde, daß es bei Hervorbringungen auch seriöser Qualitätsmedien (d.h. solcher, die sich per Selbstdefintion dazu erklären) der Fall wäre. Dazu trägt auch die hohe Transparenz bei, die durch umfangreiche Quellenangaben erreicht wird (ein Kritikpunkt, den Rezo zur Berichterstattung auch seriöser Medien vorbringt, besteht darin, daß Tatsachenbehauptungen schlecht oder gar nicht belegt sind (und sich gelegentlich bei Nachprüfung tatsächlich als falsch erwiesen)). Menschen mit medienkritischer Sichtweise (einer reflektierten, die nicht in einseitige Phantasien einer gesteuerten Lügenpresse verfällt) vermittelt es vielleicht nichts direkt Neues, bietet jedoch eine konzentrierte Zusammenfassung von Mißständen, die sonst vielleicht nur vereinzelt, über verschiedene kritische Veröffentlichungen verteilt, durch den Wahrnehmungsraum irren (Veröffentlichungen, die – das ist wichtig – meist auch von den so gern verteufelten Journalist*innen stammen). Herr Sathom ist verblüfft, wie gut Rezos neuer Streich recherchiert, und wie handwerklich perfekt er ausgeführt ist, und kann nur sagen: Unbedingt empfehlenswert. Beinahe möchte er das auch vielen Redaktionen ins Stammbuch schreiben, mit der Anmerkung: So macht man das. Solche Beiträge beweisen (wie etwa auch der YouTube-Channel maiLab), daß hier eine hochqualifizierte junge Generation am Werk ist, der irgendwelche grauen Eminenzen in Politik und Medien völlig zu unrecht herablassend begegnen.

Beunruhigend wird es, wenn Rezo am eigenen Beispiel demonstriert, wie manche Journalisten z.T. selbst Verschwörungstheorien in die Welt setzen; und wie unbedarft oder bedenkenlos sie es anscheinend tun. So wurden, betreffs des CDU-Videos, auf Twitter oder in Talkshows Äußerungen Rezos kritisiert, die der YouTuber nie gemacht hat; oder auch frei erfundene Fabeln über irgendwelche Finanziers, Hintermänner oder unredliche Motive in die Welt gesetzt. Dabei machten auch große Blätter keine Ausnahme (gern und oft mittenmang: die FAZ). Wie Rezo wundert sich auch Herr Sathom über die Motive mancher Journalisten, solche Märchen in die Welt zu setzen; er erinnert sich allerdings, daß anfangs auch gegen Greta Thunberg in dieser Weise vorgegangen wurde. Und nicht nur gegen sie allein – neben diversen Medienvertretern war sich auch die Kanzlerin nicht zu schade, öffentlich anzuzweifeln, daß die demonstrierenden Schüler von sich aus agierten, und raunte vom Podium dunkel von Rußlands hybrider Kriegsführung im Internet (die es ja gibt), wie um anzudeuten, daß die irgendwie irgendwas damit zu tun haben könnte (was, überließ sie dem Publikum, sich zu denken). Ähnlich fabulierten auch Journalisten über finstere Machenschaften irgendwelcher Strippenzieher, als deren Marionette Greta durch über die Bühnen der Welt tanze.

:: Gefälschte Zitate

Ist vielleicht schon Einigen gelegentlich passiert: Man liest ein kluges (oder auch weniger kluges) Zitat, das auf Facebook oder in anderen Netzwerken emsig geteilt wird – „Der Mensch benutzt nur zehn Prozent seines Gehirns“, „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre“, oder „Ich weiß, das ich nichts weiß“ – das wahlweise Albert Einstein, Sigmund Freud, Sokrates oder anderen Koryphäen zugeschrieben wird. Manchmal drücken diese Zitate eine Botschaft oder Haltung aus, der man zustimmen kann, indem man sie weiterreicht; irgendeiner Lebensphilosophie, politischen Einstellung, Life-Hacking-Ideologie. Etwas, das der eigenen Auffassung entspricht, und das man verbreiten will. Sie zu teilen, gibt auch Gelegenheit, sich selbst als ebenfalls klug, wenn nicht weise darzustellen (oder sich dafür zu halten).

Es gibt nur ein Problem, und das eher oft als selten: Die zitierten Personen haben das nie gesagt.

Ein schönes Interview in der Süddeutschen Zeitung beleuchtete kürzlich dieses Phänomen, das sogar einen Namen hat („Kuckuckszitate“); der Anlaß: Ein angebliches Zitat von Loriot, passend zur Corona-Krise. Der Satz „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen“ stammt von irgendwoher, nur nicht vom Meister.

Herrn Sathom, der Kuckuckszitate liebt und sich immer freut, wenn er eines am Wickel kriegt, ist dieses besonders deswegen aufgefallen, weil es – hier kommen wir zurück auf die oft enthaltene Botschaft – eine neoliberale Agenda zu verfolgen scheint. Warum? Nun – angesichts einer Viruspandemie nach Schuldigen zu suchen, ist allerdings eitel; bloß ist das Zitat so formuliert, daß es sich auf jegliche Krise anwenden läßt. Und das gewiß nicht ohne Absicht. Denn durch seine Formulierung als allgemeine „Lebensweisheit“ gehalten, erlaubt es, auch bei eindeutig menschengemachten Krisen, Kritik an Verantwortlichen grundsätzlich als Idiotie abzutun. Wie praktisch, wenn man bei Bankenkrisen oder Konzernpleiten jede Frage nach Verursachern, oder strukturellen Ursachen, als Unfug abtun kann; oder die Verursacher, die die Folgen der von ihnen mithergestellten Krise auf andere abwälzen, z.B. durch Sparzwänge oder Massenentlassungen, auch noch als Ärmelhochkrempler darstellen – die „Intelligenten“, die nach Lösungen suchen, während die anderen aus Dummheit nach einem Schuldigen buddeln.

Man mag den Verdacht für übertrieben halten; aber dabei sollte man mehrere Punkte bedenken. Erstens muß irgend jemand dieses Zitat in dem Wissen, daß es nicht von Loriot stammt, lanciert haben. Es ist ziemlich undenkbar, daß die erste Person, die es in Umlauf brachte, an die Existenz einer solchen Aussage Loriots „glaubt“, ohne sie je von ihm gehört, oder gelesen zu haben. (Soweit verfolgbar, stammt das Zitat aus Italien, wo es einem ganz anderen Komiker zugeschrieben wurde; wer es ins Deutsche übersetzte, muß also zumindest den angeblichen Urheber bewußt ausgewechselt haben.) Zweitens ist es nicht unüblich, Zitate und Aphorismen (Aphorismus: Die Kunst, dummes Zeug nach Lebensweisheit klingen zu lassen) zu bemühen, um eigenen Positionen oder Thesen eine geborgte Autorität zu verleihen. Dahinter steht das Bestreben, einer eigenen Agenda oder Weltanschauung höhere Weihen zu verschaffen; und zugleich zu suggerieren, daß eine unabhängige Instanz diese Sichtweise verträte, und nicht nur man selbst. Zitatforscher Gerald Krieghofer z.B. weist im Interview selbst darauf hin, daß ein bestimmtes, fälschlich Dante Alighieri zugeschriebenes Zitat, sehr beliebt auf Managerseminaren sei. (Ein anderes, offenbar in Manager-Ratgebern beliebtes Zitat, das Herrn Sathom einfällt – „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab“ – soll von den Ureinwohnern Nordamerikas stammen. Herrn Sathom würde es nicht wundern, wenn die noch nie was davon gehört haben.) Die Methode ist also nicht neu, und wird immer wieder gerne angewandt, von „Leben bedeutet Veränderung“ (beliebt in Texten von Mieterhöhungen) bis zu „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (whatever the fuck das heißen soll). Überhaupt das Leben, damit ist immer was. Kein Ponyhof ist es auch.

:: Das Kapital in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise ist nicht nur eine des Gesundheitswesens oder der Bedrohung durch eine äußere Gefahr (hier eine Krankheit), sondern auch eine des Kapitalismus. Denn daß das Gesundheitswesen vieler Länder – in unterschiedlichem Ausmaß – unter der Zahl der Infektionen zusammenbrechen könnte (oder es tat), verdankt sich vor Allem einer neoliberalen Gesundheitspolitik, die jahrzehntelang auf Privatisierung, Einsparung (z.B. von Notfallbetten) und Profitmaximierung gesetzt hat.

So kritisierte die deutsche Ausgabe von Le Monde Diplomatique schon am 9./10.04.2020 unter dem Titel „Marktlogik und Katastrophenmedizin“, daß die Diskussion um das Flachhalten der Infektionskurve eben auch damit zusammenhängt, daß nicht genügend Behandlungsplätze für Schwerkranke vorhanden sind; diese wurden infolge der Privatisierungen von Krankenhäusern eingespart.1) Zugleich würden aber auch und gerade Journalisten die „kritische Schwelle“, die nicht überschritten werden dürfe, als „quasi gottgegeben“ akzeptieren, statt zu reflektieren, daß die niedrige Zahl an Behandlungsplätzen Ergebnis politischer Entscheidungen ist. Oder anders gesagt: Journalisten und Politiker (denkt Euch das *innen) akzeptieren einen von Marktlogik diktierten Zustand (Medizin muß profitabel sein) als schlicht naturbedingt – ähnlich, wie sie „den Markt“ oder „den Aktienindex“ eher wie Naturgewalten wahrnehmen, als von Menschen konstruierte Gebilde. An den Umstand, daß nicht genügend Intensivbetten vorhanden sind, knüpfen sie eine Diskussion um flachgehaltene Infektionskurven und ethische Entscheidungen darüber, wer im Extremfall noch behandelt werden könne, und wen man dem Tod überlassen müsse – ohne zu reflektieren, warum Betten fehlen: Das ist eben so.>

Das Problem wurde auch in der ZDF-Sendung Die Anstalt vom 05.05. behandelt: Privatisierungen und neoliberales Profitdiktat sorgten dafür, daß der Klinikbetrieb zunehmend auf gewinnbringende chirurgische Eingriffe ausgerichtet wurde, während für die Behandlung weniger lukrativer Erkrankungen Plätze fehlen – auch und gerade als Vorsorge für den Katastrophenfall, obwohl Fachleute seit Jahren warnen, daß im Zuge der Globalisierung Pandemien unausweichlich werden. (Interessant, welche Rolle dabei in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung spielte, die bei dieser Umgestaltung die Politik beriet; um so mehr, als die Stiftung weiterhin als gemeinnützig gilt, während mißliebigen Organisationen wie attac wegen Einflußversuchen auf die Politik seit einiger Zeit die Gemeinnützigkeit aberkannt wird.)

Die Folgen solcher Politik sind verheerend: Von elf Krankenhausbetten pro tausend Einwohner (1980), so die Monde, sank die Zahl auf sechs im Jahr 2020; in Italien existierten 1980 für „schwere Fälle“ 922 Betten pro 100.000 Einwohner, inzwischen nur noch 275. Bereits der Normalbetrieb gleiche einer „Katastrophenmedizin“, was zu Überlegungen führe, eine „Altersgrenze für den Zugang zur Intensivversorgung festzulegen.“

Womit ein weiterer Punkt angesprochen wäre: die ethische Debatte. Wer soll, „wenn alle Stricke reißen“, noch behandelt, wer dem Tod überlassen werden? Wer geopfert, wenn die Kapazitäten nicht ausreichen? In Frankreich ist bereits die Rede von „Kriegsmedizin“, also einer Situation, in der Ärzte und Ärztinnen wie im Lazarett entscheiden sollen, welcher Soldat noch zu retten, und welcher leider zum ehrenvollen Tod bestimmt ist.

In den ärmeren europäischen Ländern wurde dieser Punkt erreicht (und nicht nur dort; wenn man der Monde glauben darf, dann zeitweilig auch im Elsaß); in Deutschland gab es in den üblichen Politquasselrunden immerhin schon Überlegungen, ob und inwieweit man medizinischem Personal bei solchen Entscheidungen durch vorgefertigte Richtlinien „helfen“ könne. Auch bei diesen Diskussionen fiel Herrn Sathom immer wieder auf, daß die „ethische Notlage“ als eben schicksalsgegeben wahrgenommen, die Hintergründe ihres Entstehens nicht überdacht werden.

Obwohl Gutachten seit Jahren vor einer Pandemie warnten, die in der globalisierten Welt unvermeidlich sei, wurde das Gesundheitswesen in fast allen westlichen Demokratien auf Profit getrimmt, auf die Durchführung gewinnbringender Behandlungen bei Vernachlässigung der Vorsorge für den „Fall der Fälle“. Massive Kürzungen bei Bettenbestand und Personal, einseitige Ausstattung der Kliniken, Gesundheit und Pflege als Ware, diese Prinzipien, bisher nicht hinterfragbar, rächen sich nun.


1) Texte der deutschsprachigen Monde Diplomatique sind in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist.

:: Zwei Arten von Freiheit (Nachtrag zu „Corona-Dummonstranten“)

Ich hatte ja kürzlich an dieser Stelle über die Motive von „Hygiene-Demonstranten“ spekuliert, von Menschen, die die Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Zuge der Corona-Krise ablehnen; und hinter deren angeblicher Sorge um die Grundrechte einen stattdessen ausschlaggebenden Narzißmus vermutet. Eine Einforderung des Rechts also, sich rücksichts- und verantwortungslos verhalten zu dürfen.

In einem Kommentar des philosophie Magazins mit dem Titel „Maskuliner Trotz“, der mir inzwischen unterkam, denkt Autor Philipp Hübel über einen weiteren Aspekt nach: Daß dem Konflikt zwischen Befolgern und Gegnern der Schutzregeln zwei unterschiedliche Konzepte von „Freiheit“ zugrunde liegen. Kurz gefaßt, bedeute für Liberale und Wähler rechts der Mitte „Freiheit“ eine solche von jeglichem Zwang; dies sei ein „negativer“ Freiheitsbegriff (gekennzeichnet durch die Abwesenheit von etwas, Zwängen nämlich). Demgegenüber hätten Progressive und links der Mitte orientierte Menschen eher ein „positives“ Verständnis von Freiheit; sie hielten ein staatliches Eingreifen für nötig, um auch den Schwächeren der Gesellschaft eine freie Entfaltung zu ermöglichen.

Der Ansatz ist durchaus bedenkenswert; besonders, weil er sich auf andere Themenkomplexe übertragen läßt. Ein Beispiel: In einer komplett deregulierten Wirtschaft, die Unternehmen und Finanzmarkt-Reichen geradezu anarchische Freiheit gestattet, würde der Staat komplett darauf verzichten, Arbeitsgesetze, Krankheitsregelungen, Verbraucherschutzgesetze, Mietendeckel etc. zu erlassen. Für die Mehrheit der Bevölkerung würde dies bedeuten, unter beliebig hochgeschraubten Anforderungen und völlig ungeschützt vor arbeitgeberlicher Willkür ihre gesamte Zeit darauf zu verwenden, mit ununterbrochener Arbeit den explodierenden Mieten hinterher zu fronen. Für diese Mehrheit hieße das, faktisch (unabhängig von formal zugesicherten „Grundrechten“) in einem zustand der Sklaverei zu leben – also in völliger Unfreiheit. Dies um so mehr, als die einzige Tätigkeit, zu der ihnen Zeit bleibe – Arbeit – sie hindern würde, sich politisch zu informieren, zu engagieren, ggf. zu opponieren (sei es aus Zeitmangel an sich, oder dank körperlicher und geistiger Erschöpfung).

Man mag konstatieren, daß wir diesen Zustand infolge jahrzehntelanger, neoliberaler Lobbyarbeit bereits teilweise erreicht haben; unabhängig davon zeigt das Beispiel, daß eine gewisse Grenzsetzung der Freiheit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen – besonders der mächtigeren darunter – notwendig ist, um auch alle anderen Gruppen am Gut der Freiheit teilhaben zu lassen.

Hübl verortet das liberale, „egoistische“ Freiheitskonzept vornehmlich bei Männern; das muß zu meinen eigenen Beobachtungen, daß auch Frauen auf den sogenannten „Hygiene-Demos“ vertreten sind, keinen Widerspruch darstellen. Beide Beobachtungen betreffen unterschiedliche Situationskontexte: Einmal die Demos mit ihrem gemischten Publikum, das andere Mal – in der Schilderung Hübls – das Verhalten von Einzelpersonen im Alltag (offen aggressiv den Sicherheitsabstand nicht einhalten, spöttisch-aggressives Verhalten gegenüber denen, die es tun). Hier mögen sich Männer tatsächlich auffällig egoistischer verhalten (meiner eigenen Wahrnehmung würde das sogar entsprechen). Auch die diagnostizierte Rolle der politischen Haltung stellt keinen grundlegenden Widerspruch dar; das Freiheitskonzept des Neoliberalismus/Konservatismus läßt sich durchaus als narzißtisch deuten (oder, wie Hübl es ausdrückt: Trotz).

(Ebenfalls interessant: „Wessen Freiheit?“, dito philosophie Magazin, Claus Dierksmeier.)

:: Da geht immer noch was (Amazon-Nachtrag)

Ich hatte mich hier ja kürzlich ausschweifend darüber echauffiert, wie die Werbeindustrie die Corona-Situation auszunutzen versucht (hier und hier); darunter auch dazu, wie Firmen publicityträchtig suggerieren, sich besonders um den Mitarbeiterschutz zu bemühen. Zu entsprechenden Vorwürfen gegen Amazon, ganz im Gegenteil die Gesundheit der Arbeiter*innen in den Warenlagern sogar zu gefährden, hatte ich mich dabei sehr zurückhaltend geäußert, weil ich keine Quelle zur sofortigen Überprüfung anbieten konnte. Denn während das Thema in deutschsprachigen Medien eher oberflächlich (vielleicht auch, aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, auffällig zurückhalten) abgehandelt wurde, wäre der einzige m.E. ausführliche und brauchbare Online-Text nur hinter der Bezahlsperre der deutschsprachigen Ausgabe der Monde Diplomatique lesbar gewesen.1) Mittlerweile hat sich die Quellenlage jedoch ein wenig geändert.

Die deutschsprachige Ausgabe des Jacobin behandelt das Thema ebenfalls, nicht so ausführlich wie die Monde Diplomatique, doch immerhin (noch) frei zugänglich.

(Dazu, was The Jacobin ist, siehe hier; es handelt sich um den Versuch, die in den USA altehrwürdige Zeitschrift der Democratic Socialists, zu deren Vertretern z.B. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez zählen, auch hierzulande zu etablieren. Herr Sathom wird das Ganze im Auge behalten und vielleicht gelegentlich rezensieren; er klopft einstweilen auf Holz, daß es nicht wie mit der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo endet).

Vielleicht auch interessant:

Taktiken des Union Bustings, der Sabotage gewerkschaftlicher Organisation von Mitarbeitern, gepaart mit extremer Überwachung der Angestellten, bei der von Amazon aufgekauften Biomarktkette Whole Foods.

Scheinbare GleichberechtigungEin-Prozent-Feminismus oder: Wie neoliberale Eliten und Reiche sich einen „sozial gerechten“ Anschein geben, indem sie gelegentlich Frauen oder Angehörige von Minderheiten – quasi als „Alibi“-Vorzeigepersönlichkeiten – zu sich „aufsteigen“ lassen.

(Website des Jacobin hier).


 

1) Nachtrag zum Nachtrag: Tatsächlich sind ältere Beiträge der deutschsprachigen Monde Diplomatique in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist. Ich weiß nicht, wieso mir das beim ersten Besuch der Website entgangen ist. Natürlich empfehle ich, die Herausgeber zu unterstützen, indem man ggf. eine Einzelausgabe kauft (ob man abonnieren will, kann man sich ja dann immer noch überlegen; das Blatt wendet sich an eine politisch links orientierte Leserschaft).