:: RIP Alfred Biolek

Alfred Biolek ist im Alter von 87 Jahren verstorben. Herr Sathom war bestimmt kein extremer Fan der Person Biolek – mit den späteren Kochsendungen konnte er z.B. gar nichts anfangen (eher schon mit deren Parodie bei Switch); dennoch fühlt er sich zu einem Nachruf veranlaßt, und das, obwohl er seit geraumer Zeit eigentlich Abstand von solchen genommen hat (sie können einen merkwürdigen Beigeschmack der Selbstdarstellung, also der Ausbeutung der Verstorbenen, haben – „Seht her, ich war ein Fan dieser oder jener Größe“). Denn abgesehen davon, daß Alfred Biolek in den 1980ern und 90ern gewissermaßen zur Wohnzimmereinrichtung gehörte, er ein Erinnerungspfeiler der Zeit ist, verbindet sich mit ihm – gewiß nicht nur für Herrn Sathom – eine prägende Erinnerung an das Aufwachsen in den späten 70ern und 80ern. Genauer gesagt, an Bioleks damals im wahrsten Wortsinn bahnbrechende Fernsehshow.

Bio’s Bahnhof war ein Brainblaster – im deutschen Fernsehen des letzten Jahrhunderts vielleicht höchstens noch vergleichbar mit Corny Littmanns („Herr Schmidt“) späterer Mitternachtsshow in den 90ern. Das lag weniger am ungewöhnlichen Ort – einem ausgemusterten Eisenbahndepot, in das man Künstlerïnnen mit dem Zug einfahren lassen konnte (wahlweise historisch, modern, oder auch einmal mit der Kutsche) –, als an der völlig neuartigen Auswahl der Nummern.

Im Bahnhof wechselten sich für den damaligen Unterhaltungsmuff typische Schlagernummern ab mit Auftritten internationaler Stars wie Sammy Davis Jr., mit avantgardistischer, experimenteller Musik, mit erotischen Nacktnummern oder progressivem, modernem Ausdruckstanz; das Programm war ein Wechselbad, das die Wahrnehmungsgrenzen, die das Fernsehen damals setzte, sprengte – eine Welt eröffnete, die weitaus größer und interessanter war, nicht immer leicht zugänglich, wenn man im hausbackenen Wohnzimmermief der alten BRD sozialisiert war, doch irgendwie befreiend.

Und Alfred Biolek war ein Entdecker. Indem er auf seinen Bauch hörte – der ihm meistens richtig riet – sorgte er für den ersten Fernsehauftritt von Kate Bush (für den damaligen Herrn Sathom ein Erweckungserlebnis, das ihm auch heute, beim Wiedersehen, noch Gänsehaut bereitet); ging auf ein Angebot des Komponisten Eberhard Schoener ein, eine Lasershow mit dem bis dato hierzulande unbekannten Sting zu zeigen, was dieser nutzte, um auch einen Titel mit seiner neuen Band The Police zu spielen; holte Helen Schneider auf die Bühne. Nun, und Anke Engelke. Aber Fehler passieren. (Immer mit der Ruhe, Leute; Herr Sathom macht nur Spaß.)

Es gab eine viele solche erste Male bei Bio, die oft der Beginn von etwas Größerem waren; Premieren späterer Legenden. Alfred Biolek und sein Team erkannten Talent, ehe andere es taten, erkannten es außerhalb der üblichen Kanäle, weil sie die Augen offen hatten. Und es gab Momente, die in dieser Form einzigartig bleiben dürften; etwa, Sting in einer Prog-Rock-angehauchten Lasershow – damals auch ein technisches Novum – singen zu hören.

Natürlich spielte bei all diesen Entscheidungen auch Bioleks Team eine maßgebliche Rolle (der Hinweis auf Schneider kam von einem Mitarbeiter), sowie die Bereitschaft des Senders, solche Shows überhaupt auszustrahlen und zu finanzieren – aber eben das ist der Punkt. Bio’s Bahnhof atmete, nicht zuletzt dank der Einstellung, den Ideen und der allgemeinen Offenheit Bioleks, einen neuen Zeitgeist, der die Fenster öffnete, frische Luft hereinließ. Alfred Biolek und sein Team waren die Leute mit dem richtigen Instinkt, und dem Mut, Ungewöhnliches zu zeigen; der Katalysator war zweifellos er.

:: Ist Kapitalismuskritik verfassungsfeindlich?

Ich bin gewiß kein unkritischer Fan der beiden einzigen wirklich linken Tageszeitzungen im Land, des Neuen Deutschland (nd) und der jungen Welt (jW). Ich lese beide gelegentlich, weil sie Standpunkte und Fakten präsentieren, die in der bürgerlichen Presse eher nicht, oder nur unter „ferner liefen“ abgehandelt werden; damit bieten sie ein notwendiges Korrektiv zur Weltdeutung der meist bürgerlich geprägten Medien. Zugleich gibt es in beiden Blättern genug altlinke Vorzeitmarxistïnnen, die man als notorische (und schon regelrecht hörige) Putin- und Chinafans bezeichnen kann, um beide nicht vorbehaltlos unkritisch zu lesen. Wie jede andere Zeitung eben auch.

Nun ist es allerdings so, daß die junge Welt seit geraumer Zeit vom Verfassungsschutz beobachtet wird (ein ähnlich benanntes rechtsextremes Blatt, die Junge Freiheit, pikanterweise nicht). Auf eine Anfrage der Partei die Linke hin rechtfertigte das Bundesinnenministerium diese Überwachung jüngst mit einer Begründung, die man nur als kurios bezeichnen kann – und, was Pressefreiheit und Demokratieverständnis angeht, als gelinde gesagt beunruhigend.

Ich will hier nicht alle Punkte dieser „Begründung“ wiedergeben – es empfiehlt sich, diesen Artikel im betroffenen Blatt selbst zu lesen, da er alle „Argumente“ des Ministeriums en detail abhandelt (dazu auch ein Interview mit Amira Mohamed Ali, Kofraktionsvorsitzende der Partei Die Linke). Hier will ich nur auf einen speziellen Punkt eingehen, den ich für besonders prekär halte.

Noch einmal: Es ist nicht so, daß ich die junge Welt bruchlos geil fände; doch das Bundesministerium des Inneren präsentiert hier eine Argumentation, und ein dahinter stehendes Denken, die selbst demokratiefeindlich sind – obwohl sie sich als gegen die Feinde der Demokratie gerichtet ausgeben. Was somit nicht nur die jW als solche gefährdet.

Kurz gesagt behauptet das Ministerium, „die Aufteilung einer Gesellschaft nach dem Merkmal der produktionsorientierten Klassenzugehörigkeit“ widerspräche „der Garantie der Menschenwürde. Menschen dürfen nicht zum ›bloßen Objekt‹ degradiert oder einem Kollektiv untergeordnet werden, sondern der einzelne ist stets als grundsätzlich frei zu behandeln.“

Diese Argumentation muß man sich allerdings mal auf der Zunge zergehen lassen.

Das Innenministerium sagt gewissermaßen: „Nicht diejenigen verstoßen gegen das Grundgesetz, die z.B. ihre Angestellten – etwa in Schlachthöfen, oder den Lagerhallen eines gewissen Online-Handelskonzerns – unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten lassen; nicht sie verletzen die Menschenwürde. Nein, die das kritisieren, tun es. Denn durch ihre Kritik fassen sie diese Leute ja nicht als „freie“ Individuen auf, sondern z.B. als „Klasse“, der sie pauschal übereinstimmende Ziele und Handlungen vorwerfen. Damit berauben sie sie ihrer Menschenwürde.“ (Daß die Betreffenden selbst zuvor objektiv andere ihrer Würde beraubten, ist gleichgültig; ebenso, daß ja sie die Angestellten zum „Kollektiv“ gemacht haben – dem der Ausgebeuteten nämlich).

Ich meine – ehrlich, Innenministerium? Die Gesellschaft ist objektiv in „produktionsorientierte Klassen“ aufgeteilt, und diejenigen, die diese Aufteilung vornehmen, und sie oft menschenverachtend ausgestalten, sind die Privilegierten; und Ihr sagt, wer das ausspricht, greift die Menschenwürde an? Wirklich?

In der Lesart des Ministeriums – und damit der Bundesregierung – degradieren also nicht ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder brutale Mieten die Menschen zu „bloßen Objekten“, und es sind auch nicht die Profiteure dieser Zustände, die das tun; sondern diejenigen, die solche Verhältnisse und deren Profiteure kritisieren. Denn sie behandeln die Beteiligten ja nicht als „grundsätzlich frei“.

Aber – „frei“ wozu eigentlich? Es ist ja nicht so, als könne ein Rumäne, der im Schlachthof Frondienste leistet, oder eine alleinerziehende Mutter mit drei Jobs, einfach weggehen. Der ökonomische Druck macht sie ja bereits unfrei. Die niedrigen Löhne, aufgezwungen von einer neoliberalen Politik, tun das. Und die Nutznießerïnnen dieser Unfreiheit – Aktionärïnnen z.B. – teilen ja nun einmal gemeinsame Ziele, wie etwa die Aufrechterhaltung dieser Form der Ausbeutung. Und sind ebenfalls durch strukturelle Bedingungen in diese Position gestellt, und insofern auch nicht „frei“ (gäben sie ihr Verhalten auf, winkte auch ihnen vielleicht die Armut).

Diejenigen, die objektiv vorhandene Unfreiheit benennen, sind also nach Auffassung des Innenministeriums Feindïnnen der Freiheit – weil, äh, warum noch gleich? Weil sie nicht so tun, als ob wir alle frei wären? Ah, ja.

:: TV-Tipp: Abramakabrer Nachschlag

Herr Sathom hatte ja neulich eine optimistische Prognose zur derzeit auf ARD ONE wiederholten Comedy-/Satireserie Abramakabra abgegeben; nachdem inzwischen die siebente (von zehn) Folgen ausgestrahlt wurde, scheint ein vorläufiges Fazit angebracht.

Zur Erinnerung: Abramakabra wurde von 1972 – 1976 produziert und stellt den ersten längeren Fensehaufenthalt von Dieter Hallervorden (noch vor Nonstop Nonsens) dar. Daneben finden sich mit Helga Feddersen und Uwe Dallmeier ebenbürtige Mitstreitende. Das Besondere an der Serie ist ihre schwarzhumorige, makabre Ausrichtung, wobei der Humor oft genug tief schwarz wird; daß die bösen Scherze dabei gelegentlich auch eine bittere Note haben, schadet ihnen nicht, im Gegenteil – bei den Sketchen, die eine sozial- oder gesellschaftssatirische Ausrichtung haben, unterstreicht die Bitterkeit eher den Effekt. Wohlgemerkt ist nicht alles in Abramakabra Satire, andere Sketche sind auch „nur so“ reine Comedy; meist jedoch sind sie insgesamt weitaus intelligenter, als man von heutigen (und damaligen) Spaßformaten gewohnt ist.

Herr Sathom schrieb seine ursprüngliche – sehr enthusiastische – Kritik unter dem Vorbehalt, daß er gerade mal die erste Folge gesehen hatte. Hält Abramakabra, was es versprach?

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:: Danke gleichfalls für nix

Es gibt so Sätze zum Ausflippen, wie neulich Sascha Lobo im Spiegel festgestellt hat. Ich und meine Spaltpersönlichkeit Mr. S. könnten weitere aufzählen (z.B. „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“, ein Satz, der i.d.R. von Leuten kommt, die ihn als einzige garantiert nicht enger schnallen werden); besonders bei manchen Äußerungen zur Pandemie könnten wir ausflippen. Und diesmal gleich bei mehreren – nämlich allen aus der „Danksagung“ Angela Merkels an das niedere Arbeitsvolk für seinen Einsatz in der Pandemie.

Mrs. Merkel hat ja schon in der Vergangenheit gern immer mal wieder, in betulichem Tonfall, Dinge von sich gegeben, die deutlich zynisch waren (etwa, als sie geheimnisvoll raunend andeutete, die Fridays for Future-Bewegung könnte eine Art russisch gelenkter Deppenkolonne sein); auch solche, die dem Zynismus noch Hohn hinzufügten (wie ihre Aufwärmtipps an frierende Schülerïnnen). Aber bei ihrer „Dankesrede“ anläßlich des 1. Mai lief sie zu seltener Spitzenform auf.

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:: Sprachliches Framing und politische Agenda

Ein Nachtrag zu #alledichtvomsaufen:

In diesem Beitrag hatte ich die These aufgestellt, daß spätestens seit den 2000ern eine massive gesellschaftliche Spaltung stattgefunden hat, die nicht nur Gräben zwischen verschiedenen sozialen Schichten aufgerissen, sondern die Gesellschaft beinahe atomisiert hat – von ihr nur ein Nebeneinander von Individuen übrig ließ, die einander feindselig und egoistisch gegenüberstehen. Beim Versuch, diese Entwicklung zu beschreiben, zählte ich einige ihrer Stationen auf – die Diffamierung sozial schlechter gestellter Menschen als faul, die medialen Kampagnen zur Schwächung der Gewerkschaften etc.; vieles weitere ließe sich durchaus noch hinzufügen. Dabei erwähnte ich u.a., daß in der öffentlichen Sprache, der medialen Berichterstattung usw. das Adjektiv „sozial“ plötzlich spurlos verschwand, oder durch andere Begriffe ersetzt wurde.

Man kann natürlich fragen, weshalb ein solches Detail, eine so geringfügige Änderung im Sprachgebrauch, so wichtig sein soll. Das ist es jedoch; denn plötzliche Änderungen von Begriffen oder Floskeln können ein bestimmtes „Mindset“ vorbereiten, Akzeptanz in der Bevölkerung für eine politische Agenda, politische Pläne – oder sie können einem solchen Mindset bzw. Zeitgeist entspringen und verstärkend darauf einwirken. Wie das?

Kurz gesagt, welche Begriffe und Floskeln wir verwenden, beeinflußt unsere Vorstellung von der Realität. Besonders dann, wenn wir sie regelmäßig hören (was ihnen eine gewisse Selbstverständlichkeit verleiht; sie sind nicht mehr erklärungsbedürftig, sondern einfach „da“). Man könnte sagen, es verändert das „Framing“ unserer Wahrnehmung. So kann man unsere Bereitschaft erhöhen, bestimmten Maßnahmen oder Gesetzen zuzustimmen, sie abzulehnen, oder gesellschaftliche Entwicklungen positiv oder negativ zu bewerten. Die Methoden, das zu erreichen, können unterschiedlich komplex ausfallen; gelegentlich reicht es aber, einzelne Worte zu streichen oder einzuführen.

Wie so etwas funktioniert, erklärt recht gut der YouTuber Beau of the Fifth Column in diesem Video. Dort geht es um die Bereitschaft der US-Bürger, immens hohe Militärausgaben zu akzeptieren. Die Methode: Politische bzw. wirtschaftliche Gegner, Rußland und China, die bisher militärtechnisch als „near peers“ (nahezu Gleichrangige) bezeichnet wurden, heißen plötzlich offiziell „peers“ (also Gleichrangige) – durch eine winzige Veränderung im Sprachgebrauch erscheint deren militärisches Potential plötzlich immens gewachsen, obwohl es das tatsächlich nicht ist. Man könnte natürlich auch propagandistisch mächtig auf die Pauke hauen und behaupten, die Russen würden in dieser und jener Weise aufrüsten; damit würde man aber Tatsachenbehauptungen in die Welt setzen, die überprüft und ggf. bestritten werden könnten. Eine geringfügige Änderung der Bezeichnung dagegen werden die meisten Menschen (auch Journalistïnnen) kaum bemerken; gerade weil sie sich im Wust des täglich Gesagten der Aufmerksamkeit entzieht, gewissermaßen „durchrutscht“, ist sie so wirkungsvoll. Hat man oft genug gehört, daß der außenpolitische Gegner militärisch ein „peer“ ist, also ein gleichwertiger Gegner, dem man wieder davonsprinten muß, akzeptiert man es irgendwann als Selbstverständlichkeit; während man, würde es offensiv behauptet, sich vielleicht fragen würde, wie er das auf einmal geschafft hat, ich meine, gestern hatte der noch gerade mal drei Panzer, nanu.

Ein anderes Beispiel, in letzter Zeit oft medial behandelt: Es macht einen Unterschied, ob man von „Klimawandel“, „Klimakatastrophe“ oder „Erderhitzung“ spricht; jeder dieser Begriffe weckt andere Assoziationen, gepaart mit unterschiedlich starken Gefühlen der Dringlichkeit, etwas gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Während „Klimawandel“ beinahe harmlos klingt, wie etwas, das einen kaum kümmern muß (und gegen das sich wenig tun läßt, weil Dinge sich eben ändern), legt „Erderhitzung“ schleuniges Handeln nahe, ehe uns hier nachher noch der Arsch brennt. Je nachdem, wer welche politische Agenda verfolgt, kann die Öffentlichkeit so auf eine Politik von Passivität bis zu starker Aktivität eingestimmt werden. Also: Allein die Wortwahl kann das „Bewußtsein“ der Angesprochenen stärker beeinflussen als jede ausführliche Erklärung.

Was bedeutet das jetzt im Zusammenhang mit dem Verschwinden des „Sozialen“ aus dem damaligen Sprachgebrauch? Bleiben wir bei den zwei Punkten, die ich im o.g. Artikel erwähnt hatte.

:: #alledichtimhirn oder was?!?

Die Macherïnnen der #allesdichtmachen-Inititiative, die letzte Woche so hohe Wellen schlug, haben inzwischen ihren wohlverdienten Shitstorm geerntet; unnötig, hier noch nachzulegen. Einige sind inzwischen abgesprungen und/oder haben sich entschuldigt, oder geben sich mißverstanden; wie glaubhaft das jeweils ist, will ich hier nicht entscheiden. Andere meinen, Applaus von der „falschen Seite“ erhalten zu haben, von der sie sich natürlich schleunigst distanzierten; dazu kann man nur sagen: Nun, Leute, wenn Ihr Applaus von den „Falschen“ bekommt, dann vielleicht, weil Ihr was Falsches gesagt habt. Denkt mal drüber nach.

Zur Ehrenrettung gibt es Hinweise, daß einige der Beteiligten wohl – teils unter Vorspiegelung falscher Anliegen der Aktion – in die ganze Geschichte hinein gelockt wurden (wer da weshalb hinter steckte, dazu auch hier einige Erkenntnisse). Lassen wir das mal so stehen, und reden über den Tenor der Aktion.

Der Hauptvorwurf gilt dem völligen Fehlen jeglicher Empathie mit denen, die unter Corona leiden. Und das zu recht. Die höhnische „Ironie“ der Videos verspottet alle, die wirklich unter der Pandemie leiden, statt sich als immerhin gut bezahlte Promi-Schauspielerïnnen zuhause zu langweilen: Angehörige Verstorbener, um ihr Leben kämpfende Menschen auf den Intensivstationen, medizinisches Personal, das vor Erschöpfung bald zusammenbricht; von den Vielen, die täglich als Supermarktpersonal, auf dem Bau oder in Amazons Lagerhallen ihr Leben riskieren, wollen wir nicht einmal anfangen. Wer da noch – wie manche Beteiligte – behauptet, die Empörung zeuge nur davon, daß die „Untertanen“ zu blöd wären, Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, macht sich etwas vor. Denn es gibt Situationen, in denen Ironie unangemessen ist; zu blankem Hohn wird. Der eben auf Betroffene wie bestürzende Empathielosigkeit wirken muß – weil er das ist. Wer das nicht begreift, ist eiskalt und voller Verachtung für die Leidenden.

Wer als armer, in Isolationshaft gefangener Promi ablästert, während die Fahrradsklaven radeln, um den sicher geborgenen Homeworkern ihr Sushi zu bringen, muß zynisch wirken; auch dann, wenn er/sie vielleicht wirklich auf die Situation der Kulturschaffenden aufmerksam machen wollte. Denn zu denen, die deutlich existenziell bedroht sind, gehören die Macherïnnen von #allenichganzdicht garantiert nicht.

Man muß den Beteiligten also wirklich fehlende Empathie vorwerfen; oder, sollte das alles „gar nicht so gemeint“ gewesen sein, eine völlige Ignoranz gegenüber denen, die unter Corona wirklich ernsthaft leiden, also eine Neigung zur Nabelschau, die an Naivität grenzt; alles außerhalb des Elfenbeinturms nicht wahrnimmt.

Aber: Das ganze Theater ist auch ein Symptom; für einen Zustand der Gesellschaft, der weit über die Affäre hinausgeht.

Die beste Einordnung des Geschehens findet sich m.E. in der Zeitschrift derFreitag, in einem Artikel, der die Motivation der Schauspielerïnnen in einer Entsolidarisierung der Gesellschaft verortet; der aufzeigt, daß auch diese aktuell privilegierten Personen von Existenzangst getrieben werden, da wir zu einer Gesellschaft geworden sind, die weitgehend unsolidarisch funktioniert, so daß jede/r auf sich selbst gestellt ist – und damit notwendigerweise blind für die Nöte Anderer. Auch die Entwicklung, die uns dahin führte, wird kurz angerissen, was an sich schon ein Novum ist, denn – abgesehen von Böhmermans zufällig zeitnaher Sendung – wäre mir neu, daß die jüngere Vergangenheit einmal dahingehend analysiert worden wäre (außerhalb linker Medien zumindest).

Und damit wären wir beim Thema, denn zu diesem Feld ist – leider – noch so viel mehr zu sagen. Dringend zu sagen; und endlich einmal zu sagen.

:: Nachtgedanken: Warum es ein Nichts geben muß (oder einmal gegeben haben muß)

Das passiert, wenn man nachts zu lange auf bleibt: Man kommt so ein bißchen ins Philosophieren. Man treibt also Metaphysik. Oder Ontologie. Was auch immer.

Und manchmal hat man (wenn man Herr Sathom heißt) dabei ziemlich wirre Ideen. Eine davon treibt mich jetzt schon eine Weile um, und ich will sie nun endlich mit einer verblüfften Welt teilen.

Übrigens vorab: Ich behaupte nicht, der Erste oder Einzige zu sein, der jemals auf diese Idee gekommen ist; und ich bin zu faul, es zu recherchieren. Kann also sein, daß das gar kein so neuer oder origineller Einfall ist. Wenn, dann will ich nicht so getan haben, als ob ich der Urheber wäre.

Jetzt aber los. Also:

Eine der grundlegenden Fragen der Philosophie lautet: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts? Die bekannteste Fassung dieser Frage ist wohl die, die Leibniz in seiner Theodizee verwendet: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? („Pourquoi il y a plus tôt quelque chose que rien?“).

Die Frage an sich ist natürlich viel älter, und von anderen Philosophen unterschiedlich formuliert worden; und sie ist durchaus berechtigt. Denn schon bei oberflächlicher Überlegung ist es ja keineswegs selbstverständlich, daß überhaupt etwas existieren sollte. Warum gibt es dieses Etwas (z.B. unser Universum), und nicht einfach nur gar nichts? Wäre das nicht sogar plausibler – außer, es gäbe einen Anlaß für dieses „Etwas“?

Leibniz nimmt diese Frage natürlich zum Anlaß, die Existenz Gottes zu beweisen bzw. diesen Gott zu rechtfertigen: Alles Leid in der Welt, durch Naturkatastrophen, Krankheiten usw., auch die menschliche Bosheit, die Leiden verursacht, sind unvermeidlich; ein geordneter Kosmos kann nur so funktionieren, wie der unsere, oder gar nicht; oder das Leben darin wäre noch schlimmer. Man kann diese Unbilden nicht Gott zur Last legen, denn er ist allwissend und gütig, und hat die Welt so gestaltet, wie sie noch am günstigsten für den Menschen funktioniert; wir leben, so Leibniz, in der „besten aller möglichen Welten.“

Als Atheist muß ich diese Gottesrechtfertigung natürlich ablehnen. Selbst wenn man einen – vorab angenommenen – Gott auf diese Weise rechtfertigen kann (als einen guten Gott, der das Böse nicht aus fieser Absicht in die Welt eingebaut hat), läßt sich aus der Existenz der Welt keineswegs ableiten, daß es überhaupt einen Schöpfer geben muß. Ihre Entstehung könnte ja auch einfach so „passiert“ sein. Z.B. durch einen Urknall. Was in der Art halt.

Es gibt auch andere Antworten, etwa die, daß ein Zustand absoluten Nichts unmöglich sei; studierte Hirnakrobaten sich zu dem schon Thema alles Mögliche einfallen lassen, vieles davon gewitzterer hergeleitet, als ich das könnte.

Wie auch immer: Mir ist zu später Stunde noch eine weitere, mögliche Antwort auf besagte Frage eingefallen; nicht erst gestern, und manchmal sucht sie mich in anderen, zu langen Nächten noch heim.

Also: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts?

Antwort: Es existiert Etwas, weil Nichts existiert.

Umkehrschluß: Weil etwas existiert, muß zwingend notwendig ein Nichts existieren (oder ursprünglich existiert haben).

Häh?

Ok, ok. Dahinter steckt folgender Gedankengang:

:: Passivität als politisches Programm: Nachtrag

Ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Artikel (lest den zuerst, weil sonst wißt Ihr nicht, worum’s hier geht):

Ich habe dort die Floskel der „Eigenverantwortung“ erwähnt. Sie appelliert an die Verantwortung der einzelnen Bürgerïnnen, deren entsprechendes Handeln dem Staat ermöglichen soll, sich seinerseits aus der Verantwortung für fundamentale Fragen – etwa der Daseinsvorsorge – zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch, daß in einem neoliberal ausgerichteten Staatswesen die Verantwortung eigentlich nur von oben nach unten delegiert wird. D.h. die Mächtigen entledigen sich ihrer Verantwortung, indem sie den Schwächeren die alleinige Verantwortung für deren Schicksal zuschreiben – ggf., nachdem sie ihnen die Möglichkeit zu wirklich eigenverantwortlichem Handeln genommen haben. Beispielsweise, indem eigene Verantwortung für private Altersvorsorge propagiert wird, man zugleich aber durch Schaffung eines Niedriglohnsektors vielen abhängig Beschäftigten die finanziellen Mittel raubt, privat vorzusorgen. Wer das nicht kann, gilt dem Verkünder der „Eigenverantwortung“ als „selbst schuld“ an seiner Altersarmut. Diejenigen, die etwas verfügen (etwa die Agenda 2010), entledigen sich dadurch der Verantwortlichkeit für ihr Handeln (oder Unterlassen); die Verantwortung tragen – d.h. ggf. auch die Konsequenzen ausbaden – sollen die, über die das jeweilige Diktum verhängt wurde. Und zwar ganz gleich, ob sie das angesichts ihrer Möglichkeiten – die eingeschränkt sein können durch strukturelle Benachteiligung, Diskriminierung o.ä. – überhaupt können.

Dieses Muster der Delegation von Verantwortung wirkt sich natürlich auch in der Corona-Krise aus, läßt sich jedoch schon lange beobachten. Als Angela Merkel z.B. 2015 ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ sagte, meinte sie eigentlich: Ihr schafft das; in den Kommunen, als Trottel Freiwillige und Ehrenamtliche, werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen. Der Bund muß erstmal gar nichts tun, außer: Zugucken. Interessant dabei, daß Flüchtlingsunterkünfte gern in Schulturnhallen eingerichtet wurden; damals wie heute schienen die Interessen von Schülerïnnen weit unten auf der Prioritätenliste zu stehen. Diese komplette Zurückweisung eigener Verantwortung seitens der Mächtigen („Wir haben alles richtig gemacht“) ist für diese natürlich bequem; sie erklärt die Beliebtheit der Theorie vom passiven Staat bei ihren Anhängerïnnen.

Rezo bringt auch das perfekt auf den Punkt, wenn es ums Thema Maskentragen geht; ziemlich gleich zu Beginn seines Videos redet er davon, wie private Initiativen zu Beginn der Krise 2020 besser für rücksichtsvolles Verhalten warben als der Bund („Really? Ihr habt riesige Ressourcen von Manpowers [sic] am Start und ihr kriegt es nicht auf die Kette, es müssen diese Leute in ihrer Freizeit machen?“). Er benennt auch klar das ziel- und planlose Agieren der Politik; und haut mit einem Straßenverkehrs-Vergleich mal eben das ganze Eigenverantwortungsgesülze in die Pfanne. Ich kann das nicht nachmachen und hier auch nicht gut alles zitieren, also guckt es euch an. DAS IST EIN BEFEHL IHR KÖNNT EUCH HIERMIT BEVORMUNDET FÜHLEN – GANZ WIE DER HORST!

Zweitens: Betrachtet man das Wesen der strukturellen Probleme, die die Corona-Krise verschärfen – die schlechte Ausstattung der Schulen, den Rückzug des Staates aus dem Gesundheitssystem und anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – kommt zur im Vorartikel beschriebenen Haltung ein weiteres ideologisches Moment hinzu: Das der Austerität, der „Schwarzen Null“. Geld soll gespart werden (statt es von den Reichen einzutreiben), gemäß der Doktrin, daß der Staat sich nicht verschulden dürfe; eine Idee, die auf falschen Vorannahmen und Angstmacherei beruht. Dazu gehört der Mythos, daß wir unsere Schulden den kommenden Generationen aufbürden; ein Märchen, wie gerade erst wieder John Oliver vorgeführt hat.

:: Passivität als politisches Programm: Warum die Politik (nicht nur) bei Corona versagt

Und: Warum Rezo fast recht hat, aber nicht ganz.

Machen wir uns nichts vor: Die Corona-Politik der Bundesregierung – aber auch die der Länder, Kommunen und Städte – ist ein einziger Clusterfuck. Eine Katastrophe; ein Abgrund an Versagen; ein Panoptikum der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Aber – und das, um mal eine Hauptursache dieses Versagens vorwegzunehmen – die Verursacher meinen, sie machten alles richtig; und sie glauben das wirklich. Woran das liegt, und weshalb das Problem weit über die Handhabung der Pandemie hinausgeht (meines Erachtens jedenfalls), will ich im Folgenden zu erklären versuchen.

Zunächst zum Vergleich: Kaum daß die Amis Trump los geworden sind, impfen sie wie verrückt; bereits ein Drittel der US-Bevölkerung hat die Erstimpfung erhalten. Im internationalen Ranking der Staaten, die demnächst eine Herdenimmunität bzw. Durchimpfung erreichen werden, liegen die USA auf Platz drei. Deutschland? Auf Platz zehn. Hinter Brasilien. Wirklich, reife Leistung, Leute.

Zugleich meldet die heute-show am 09.04., daß in Großbritannien in Kürze alle(!) Bürger wöchentlich Selbsttests zugeschickt bekommen. Soviel zu den Möglichkeiten, wenn man ein konkretes Ziel hat – und einen Plan, wie man es erreicht.

Ein Ziel, ein Plan – damit wären wir schon bei den Stichworten, bei denen es hierzulande hapert. Aber woran liegt das?

Gelegentlich ist hier von „Staatsversagen“ die Rede; das führt allerdings in die Irre. Es handelt sich nicht um ein Versagen des Staates, sondern einer ganz bestimmten Politik; und zwar einer, ironischerweise, für die eine größtmögliche Passivität des Staates den Kern ihrer Ideologie bildet.

Aber der Reihe nach. Daß die deutsche Politik angesichts der Pandemie ein recht trauriges Schauspiel abliefert, wird ja nicht erst seit gestern beklagt; kürzlich hat sich auch Rezo – zunächst auf Twitch, dann in einem aus den Twitch-Posts zusammengeschnittenen YouTube-Video – in gewohnter Manier, und ziemlich vernichtend, geäußert. Im großen und Ganzen hat er mit allem, was er da sagt, recht; so recht, daß alle, die sich über die Art des Vortrags und die Wortwahl ereifern, Herrn Sathom gern mal seinen haarigen Alte-Weiße-Männer-Rücken runterrodeln können. Das Video – dem ich fast völlig zustimme, zumal es erfrischend befreiend ist – sollte man sich unbedingt ansehen; es gibt nur einen Punkt, in dem sich Rezo m.E. irrt. Und zwar, was die Ursache dieses Versagens – bzw., in seiner Formulierung, das „krasseste“ Versagen – angeht.

Dabei ist er eigentlich schon auf der richtigen Spur. Wiederholt beschreibt er das Verhalten der Regierenden als „Arbeitsverweigerung“; und spricht davon, daß sie einer Agenda des Nichthandelns folgen, die in einer Krise absolut schädlich sei („Das Krasseste is, daß diese Leute Nicht-Handeln als Defaultwert sehen, als Grundwert, was die einfach so grundsätzlich machen.“). Die größte Verfehlung allerdings liege, so Rezo, in einer Geringschätzung der Wissenschaft seitens der Politikerïnnen: „Das Krasseste ist, finde ich, die unterliegende Wissenschaftsfeindlichkeit, die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten. […] Das ist das Krasseste. Ist diese tiefsitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor den Prinzipien der Logik, den Prinzipien von rationalem Denken.“

Ähm, na ja … jein. Die Verachtung der Wissenschaft ist sicherlich zutreffend beobachtet; allerdings eher ein Symptom als eine Ursache. Diese liegt tiefer, und existiert schon lange – und prägt deutsche Politik weit über die augenblickliche Situation hinaus. Wir haben es, und das sieht Rezo schon ganz richtig, mit einer Form politischen (Nicht-)Handelns zu tun. Einer, die allerdings Ausdruck einer ganz bestimmten, schon vor 16 – 20 Jahren etablierten Ideologie ist.

:: TV-Tipp: Rollerball (1975)

Und weil ich gerade dabei bin (zwar leider knapp dran, aber ich habe es selbst gerade erst bemerkt): arte zeigt am Montag, dem 22.03., um 21:45 Uhr den Science-Fiction-Film Rollerball (1975), offenbar ohne demnächst geplante Wiederholungen.

Ein 2002 produziertes Remake, das mit dem Original so gut wie nichts zu tun hat – schon gar nicht, was dessen Qualität anbelangt – ist vermutlich einer der schlechtesten Filme aller Zeiten, und sei nur erwähnt, um Verwechslungen zu vermeiden (ein pikantes Detail dazu aber unten). Das Original dagegen, ein Klassiker des Genres, paßt in verschiedene Kategorien. Einerseits als für damalige Verhältnisse außerordentlich brutaler Actionfilm, zumindest, soweit es Mainstream-Produktionen betrifft, mit einem bestens geeigneten James Caan in der Hauptrolle; andererseits als düstere soziale Dystopie, in der die Welt von Konzernen regiert wird, die an die Stelle staatlicher Regierungen getreten sind (hallo Nevada).

Um die Massen zu kontrollieren, gibt es Rollerball – einen brutalen Teamsport, der an Gladiatorenkämpfe erinnert. Als Veteran des Spiels und Liebling des Publikums wird Jonathan E. (Caan) der dekadenten Elite gefährlich; man fürchtet, er könne aufgrund seiner Popularität Einfluß auf die Massen gewinnen, was für ihn, obwohl er tatsächlich keine entsprechenden Ambitionen hegt, lebensgefährlich wird. Ich will hier nicht zu viel verraten; daher folgen nur einige kurze Spoiler (ggf. den folgenden Absatz überspringen).

SPOILER ANFANG: Zu den eindringlichsten Sequenzen des Films gehört Jonathan E.s Besuch beim Supercomputer Zero. Jonathan, der bereits herausgefunden hat, daß alle Bücher digitalisiert und danach vernichtet wurden, will herausfinden, auf welcher Grundlage die Konzerne ihre Entscheidungen treffen (wie sich zeigt, wurden die digitalisierten historischen Aufzeichnungen editiert, also verfälscht); der Computer – eine Art denkender Flüssigkeit – gilt als einer der Speicher des gesammelten menschlichen Wissens. Es stellt sich heraus, daß Zero – den die Konzernchefs offenbar seit geraumer Zeit nicht mehr konsultieren– vollkommen wahnsinnig ist und Informationen verlegt, durcheinanderbringt oder vergißt. Die Sequenz trägt zur Atmosphäre des Films bei, der eine in Teilen wahnsinnige Welt zeigt – z.B., wenn superreiche Partygäste Bäume zum Spaß mit Laserpistolen abfackeln. (Hinweis: In der ursprünglichen Spoilersektion hatte ich einige Details falsch angegeben, da ich den Film vor Ewigkeiten gesehen, und Einzelheiten falsch erinnert hatte; ich habe das korrigiert). SPOILER ENDE

Rollerball ist kein vergnüglicher Film, so wenig wie etwa Silent Running/Lautlos im Weltraum – sondern ein atmosphärisch starker, verstörender Ausblick in eine dystopische Zukunft, der mit harten Actionsequenzen nicht geizt. Die Mischung aus düsterer Zukunftsvision und bitterböser Satire, die oft nahezu irrsinnige Züge annimmt (und dadurch den Irrsinn der gezeigten Welt verdeutlicht), ist dabei typisch für Filme der Zeit (Kubricks Doktor Seltsam und A Clockwork Orange wären andere Beispiele).

Ah, und noch das pikante Detail: Das vermasselte Remake von 2002 beendete auch die Karriere des Regisseurs John McTiernan, immerhin verantwortlich für Klassiker wie Predator, Die Hard und Jagd auf Roter Oktober. Grund hierfür war ironischerweise, daß McTiernan mit dem Produzenten in Streit darüber geraten war, was für eine Art Film das Remake werden sollte; worauf er einen Privatdetektiv anheuerte, um diesen Produzenten illegal abzuhören (offenbar, um ihn bei negativen Äußerungen über andere Studiobosse, oder bei falschen Aussagen gegenüber dem Studio zu „ertappen“). McTiernan wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er dazu gegenüber dem FBI falsche Aussagen gemacht hatte, und konnte seitdem in Hollywood nie wieder richtig Fuß fassen. (Ich habe keine Ahnung, weshalb er nicht wegen des illegalen Auftrags selbst verurteilt wurde; Wikipedia macht keine Angaben dazu, und ich habe keine Lust, das langwierig zu recherchieren.)

Wir wissen nicht, was für einen Film McTiernan machen wollte; was entstand, ist ein abgrundtief schlechtes Remake – für das ausgerechnet der Regisseur, der es (vielleicht) verhindern wollte, sich auch noch mit je einem Stinkers Bad Movie Award für die schlechteste Regie und das schlechteste Remake schmücken darf.

Des Herrn Sathom Meckerecke