:: Wie man gegen die Reaktion sein und trotzdem Obdachlosenzeitungen dissen kann

Der Herr Sathom ist derzeit sehr beschäftigt, weshalb, dazu später mehr, weshalb er folgendes Elaborat etwas verspätet der Welt verkündet – was aber seiner Meinung nach hoffentlich kein Schade ist, da zwar der Anlaß schon einige Tage her, nicht jedoch das Thema selbst deshalb von weniger Belang ist.

Am letzten Sonntag nämlich genehmigte sich der Herr Sathom die vom Sender 3sat in den Weltäther projizierte Literatursendung druckfrisch – eine Wiederholung der Ausstrahlung vom 01. Februar – und durfte darum Zeuge werden, wie Herr Denis Scheck, seines Zeichens Literaturkritiker, die aktuellen Protagonisten der Bestsellerlisten teils lobte, teils verriß. Dagegen ist durchaus nichts einzuwenden, und Verrisse sogenannter Bestseller finden ohnehin eher des Herrn Sathom Zustimmung; doch plötzlich verstieg Herr Scheck sich dazu, die Qualität von Joanne K. Rowlings Die Märchen von Beedle dem Barden, um seiner Geringschätzung Ausdruck zu verleihen, als so spannend wie eine Obdachlosenzeitung zu bezeichnen. Daß man diese Äußerung für bedenkenlos tragbar hält, zeigt sich übrigens daran, daß der Sender DasErste auch keineswegs verschämt hofft, sie möge sich versendet haben (wie man bei Herrn Sathoms lange Jahre zurückliegenden Praktikum beim UniRadio der FU Berlin zu Fehlleistungen wie Versprechern u.ä. zu sagen pflegte), sondern sie für Jedermann und –frau nachlesbar hier online stellt (Herr Sathom hält die Seite allerdings für eine, die sich dynamisch aktualisiert, also mag dort in einigen Monaten etwas anderes stehen). Nun gönnt sich Herr Sathom auch gelegentlich die Lektüre einer Obdachlosenzeitung, und findet diese meistens gar nicht so unspannend, wie Herr Scheck zu unterstellen beliebt; und sei es auch nur, weil sie einen Blick auf die Dinge aus anderer Perspektive gestattet, und die Gedanken und Empfindungen von Menschen zur Kenntnis bringt, von denen – und deren Blickwinkel – der Bildungsbürger oft nichts wissen mag. Insofern muß er Herrn Scheck schon bezüglich des Vergleichs als solchen, der mehr als nur ein wenig hinkt, widersprechen.

Vor Allem aber findet Herr Sathom, daß Herrn Schecks Vergleich beweist, daß der verächtliche Dünkel, die selbstzufriedene Ignoranz und die Überheblichkeit des gebildet sein wollenden Deutschen, allzumal des Literaten, heute wie eh und je Eckpfeiler von dessen Identität sind. Denn, nicht wahr – wie schön einfach das ist: anstatt es dabei zu belassen, ein gerade kurz umrissenes Werk als belanglos, langweilig o.ä. zu bezeichnen, oder sich als Beweis eigenen Witzes eine geistreichere Metapher einfallen zu lassen, braucht man nur mit dem Finger zu zeigen und zu sagen „wie Obdachlosenzeitung“, und schon wissen alle, die sich auf gleichem Niveau (hohem nämlich) mit dem Rezensenten dünken, was gemeint ist (zumal sie auch „wissen“, was in Obdachlosenzeitungen steht, besonders dann, wenn sie noch nie eine gelesen haben; sie „wissen“ ja schließlich auch, was Obdachlose für Versager sind, also was werden die schon Spannendes schreiben, richtig?).

Was im vorliegenden Fall auf gesellschaftlicher Ebene heißt: ob das, was gesagt wird, als lesenswert (hier: spannend) oder anderweitig von hoher Qualität gilt, hängt weniger vom Gesagten ab als davon, wer es sagt und wo dies geschieht; ist man zu nichts anderem fähig, als zwecks Abwertung eines Textes stupide zum billigsten Klischee aus der Trödelkiste zu greifen, bleibt die eigene Aussage dennoch von Belang und gewichtig, einfach deshalb, weil man Rezensent und im Fernsehen ist, ein Literaturkenner, während ein Anderer sagen kann, was er will – stünde es in der Obdachlosenzeitung, wäre es eben das bedruckte Papier nicht wert, weil nicht „spannend“, und umgekehrt ist etwas, das nichts taugt, eben wie eine Obdachlosenzeitung (übrigens: wer hat eigentlich behauptet oder darf verlangen, daß eine Obdachlosenzeitung spannend, also unterhaltsam sein müsse? Muß sie, um existenzberechtigt zu sein, die selben Vorgaben erfüllen wie ein Thriller? Ist sie ein zulässiges Etikett, unspannende Bücher damit zu kennzeichnen, und wer maßt sich an, das zu entscheiden?). Das ist, was der Herr Sathom mit seiner Meckerei meint (um political correctness geht es hier nicht) – sich als intellektuell, literarisch gebildet, oder in welcher Weise auch immer der Sphäre der Kultur angehörig, oder als zur Bewertung des Schreibens Anderer berufen verstehen zu können, bedarf keiner wirklichen Substanz, sondern ist allein Sache der Zugehörigkeit zur richtigen, dieselben stereotypen Vorurteile teilenden Gruppe; und aus dem Munde dessen, der ihr angehört, ist alles von Belang, alles profundes Urteil, aus dem Munde (oder der Feder) Außenstehender hingegen alles „nicht spannend“. So darf man denn auch, um die geringe Qualität von etwas festzustellen, es einer Obdachlosenzeitung gleichsetzen, verknüpft mit der absurden Aussage, dieser mangele es an Spannung, und dies sei ein Qualitätsmerkmal (was es für Frau Rowlings Buch ja wäre, aber um so grotesker ist der – zudem unzutreffende, vorurteilsbehaftete – Vergleich mit der Zeitung). Sollte Herr Scheck das gar nicht so gemeint haben, wäre allerdings zu fragen, was die Heranziehung der Obdachlosenzeitung zum Vergleich überhaupt sollte, denn dann bedeutete sie ganz einfach: nichts.

So aber entsteht der Eindruck: was in einer Obdachlosenzeitung steht, muß von geringem Wert sein (und implizit, zwar nicht laut Herrn Scheck, aber laut des Vorurteils, an das seine Rede appelliert: von geringem Wert, weil es von bestimmten Leuten geschrieben wurde). Und wer Literatur abliefert, die nicht gefällt, ist nicht etwa ein schlechter Autor oder Literat, also schlechter Angehöriger der hohen Kultur, sondern sein Werk begibt sich dadurch in die niedere Sphäre Jener, die in Obdachlosenblättchen veröffentlichen, wechselt sozusagen den sozialen Status, hinab auf eine Ebene, von der nichts Taugliches kommt. Weil es dem Hochgebildeten nicht spannend erscheint ( also: ihn nicht unterhält – Obdachlosenzeitung als Entertainment für Besserverdienende?). Die Schubladen, anhand derer gerade der sich kultiviert dünkende Deutsche seine primitiven Zuordnungen vornimmt, stehen weiterhin zum Einsortieren offen. Kultur und Bildung – nach wie vor mehr ein Ausdruck dessen, daß man sich für Besseres hält (gesellschaftlich: es ist) und sich auch so benehmen kann, beispielsweise indem man sich in dieser Weise verächtlich äußert; dadurch (und nicht etwa, indem man Offenheit und Interesse für Äußerungen von Menschen anderen sozialen Status bewahrt, oder anderweitig Charakterbildung zeigt) erweist man sich als zugehörig zur Gruppe der Kultivierten. Die wiederum sich selbst dadurch entlarvt als nur eine weitere Clique, die lediglich gemeinsame Vorurteile und Dünkel zusammenschweißen. Man ist eben keiner von denen – den Obdachlosen (oder den schlechten Autoren, und deren Lesern) in diesem Falle. Die Arroganz des – literarisch oder anderweitig – „gebildeten“ Deutschen liegt darin, sich nicht etwa in Rede und Handeln als wirklich gebildet zu erweisen, sondern durch Abwertung Anderer; denn daß man selbst gebildet sei, dessen ist man sich so gewiß, daß man eben nicht auch noch so zu handeln oder sich zu reflektieren bräuchte, sondern es sich vielmehr dadurch beweist, daß man nach unten spuckt. Mehr noch: gerade weil man sich des eigenen Niveaus sicher ist, darf man das auch – egal, was man von sich gibt, die eigene Niveauebene kann man nicht verlassen, und auch die anderen bleiben auf ihrer, nicht obwohl, sondern weil man selbst ihnen mit dümmlichen Klischeevorstellungen entgegentritt.

So braucht auch der Rezensent, dem selbst kein besserer Vergleich für das gescholtene Druckwerk einfiel, nicht etwa Dinge von besonderem Erkenntniswert oder wenigstens Witz zu sagen – er muß nur irgendein beliebiges sozial Verachtetes, heute erwischt’s halt mal die Obdachlosenblättchen, als nicht lesenswert verunglimpfen, um die Höhe seines eigenen Anspruchs (und damit implizit die eigene geistige Höhe) herauszustellen. Und das gescholtene Werk, anstatt es sachlich negativ zu kommentieren, in die Schublade „Obdachlosenzeitung“ sortieren, um es als Schund zu kennzeichnen. Womit er zugleich sich selbst in den geschlossenen Block der Niveauvollen eingliedert, sich sozusagen in die Schublade mit dem Platingriff setzt.

Übrigens kann ja aus der Sicht dessen, der aus dieser Schublade herauslugt, in einer Obdachlosenzeitung auch nichts Lesenswertes stehen – man müßte ja, würde man dies zugeben, sich mit deren Verfassern gemein machen; und vor sich selbst qua Kenntnisnahme des dort Geschriebenen zugeben, daß die eigene Bildung, das eigene Wissen, noch erweiterbar sind (und zwar auch durch wenig geschliffen Formuliertes), und nicht etwas, das man „hat“ und der Andere eben nicht. Der eigenen Bildung, des eigenen literarischen Hochgeschmacks, des eigenen Intellektualismus oder was auch immer sonst noch, kann man sich gerade deswegen gewiß sein, weil man sie nie überprüft und alles, was den eigenen Vorurteilen widerspräche, von vornherein abwertet als der Kenntnisnahme nicht würdig. Diese Selbstgewißheit, Ausdruck einer profunden Dummheit, macht den Habitus und das Auftreten derer, die hierzulande die Eliten geben, so unerträglich, und Herrn Schecks Ausrutscher ist ein feines Beispiel hierfür. Bravo, möchte der Herr Sathom deshalb rufen, eine reife Leistung.

Übrigens: daß es sich bei Herrn Schecks Äußerung um eine intellektuellen Dünkels handelt, dafür ist nach Herrn Sathoms Meinung auch ein Indiz, daß Herr Scheck sich zugleich über die Exkursionen der Frau Charlotte Roche in ihre Feuchtbiotope abfällig äußert, indem er diesen vorwirft, die „Reaktion im Gewand der Avantgarde“ zu sein. Wohlgemerkt: auch Herr Sathom steht dem Reaktionären ablehnend gegenüber; doch meint Herr Sathom, daß Herr Scheck, indem er „Reaktion“ einfach als Schlagwort hinwirft, sich vor Allem einer bestimmten in-group zuordnet, also erklärt, zu den Nicht-Reaktionären, selbst somit implizit zur wirklichen Avantgarde (= nicht nur deren Gewand tragend) zu gehören. Daß Herr Scheck fast gleichzeitig Platitüden über Obdachlosenzeitungen von sich gibt, also selbst recht reaktionär (jedenfalls konservativ-dünkelhaft) daherredet, scheint Herrn Sathom ein Hinweis, daß es mit seiner Ablehnung des Reaktionären nicht weit her sein kann; vielmehr meint Herr Sathom, daß sämtliche Begriffe – Reaktion, Avantgarde und Obdachlosenzeitung – beliebig sind und nur Redner und Zielpublikum als Angehörige einer bestimmten Gruppe kenn- und auszeichnen sollen. Als Angehörige einer Elite, einer Avantgarde eben, jedenfalls einer, die „über“ Obdachlosenzeitungen wie auch Reaktion steht, nämlich über diese abwertend urteilen kann. Einer Avantgarde, der anzugehören man wie gesagt so sicher ist, daß man selbst auf Klischees von vorgestern zurückgreifen kann, ohne darin einen Widerspruch dazu zu sehen, nicht reaktionär sein zu wollen. Wäre Herrn Schecks Abneigung der Reaktion hingegen echt, wäre kaum zu erklären, wie er eine dem entgegenstehende Einstellung äußern kann, eine spießige, bourgeoise Abfälligkeit nämlich, es sei denn, beide Begriffe wären eben in Wirklichkeit objektiv inhaltsleer, und dem Herrn Scheck nur subjektiv bedeutsam, Eckpunkte seiner Identität und Denkstereotypen, anhand derer er sich selbst definieren und auszeichnen kann.

A propos in-group: solche Äußerungen fallen ja gern, wenn man unter sich ist; die hier aufgegriffene verdankt ihre Existenz vielleicht auch der sicheren Gewißheit, daß Obdachlose wohl nicht druckfrisch gucken.

Bei alledem ist’s Herrn Sathom keineswegs darum bestellt, den Herrn Scheck anzugreifen, noch ihm persönlich eine verächtliche Einstellung gegenüber Obdachlosen anzudichten; sondern vielmehr darum, eine bestimmte Einstellung zu brandmarken. Und leider konnte Herr Sathom, sei’s in Kolumnen oder Artikeln, sei’s in der persönlichen Begegnung, nur allzu oft feststellen, daß die hier beschriebene solche eine dem gebildeten Deutschen vielleicht nicht mehr hundertprozentig allgemeine, jedoch eine – gerade bei den „Erfolgreichen“ – immer noch weit verbreitete ist (denn letztlich: Herrn Schecks Rede richtet sich ja an ein Publikum – eines, von dem er wohl annehmen muß, daß es seine Aussagen bejaht). So meint Herr Sathom, daß Redner und Angeredete wohl ein gemeinsames gedankliches Koordinatensystem teilen müssen, in welchem eine solche Äußerung unverfänglich, und die Verwendung bestimmter Etiketten zur Kennzeichnung von literarischer Produktion, die keinen Genuß bereitet, sinnvoll scheint – weil alle einen Horizont teilen, der sicherstellt, daß sie das Etikett gleich bewerten.

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