:: Herr Sathom plaudert über Beowulf & Grendel

Der Herr Sathom hat kürzlich spät des Nachts auf dem ausgezeichneten Sender arte eine im Jahre 2005 entstandene, sehr stimmungsvolle und schöne Verfilmung des Beowulf (ausführlicherer englischer Wiki-Artikel hier) gesehen, die auch an Spannung und Gebrauch von Schwert und Axt (wie auch an entsprechend grausigen Details, diese jedoch mit Überlegung wohlgesetzt) nicht arm ist und ihn sehr erfreute. Das kleine Juwel, Beowulf & Grendel betitelt – wohl ausgestattet und allgemein realistisch, sowie in Gestaltung der Trolle, als welche Grendel und Familienanhang hier firmieren, zurückhaltend und daher erst recht überzeugend – hält sich weitgehend an die überlieferte Fassung des Gedichts, wiewohl es diese vertieft durch Infragestellung der Ursachen für Grendels Treiben und Untaten, und durch Hinzufügung entsprechenden inneren Konflikts für den wackeren Helden Beowulf. Der alten Erzählung zum Trotz wird die Schlußepisode mit dem Drachenkampf wie zumeist fortgelassen, was sich jedoch durch den Titel des Bildwerks, das Herrn Beowulfs und Herrn Grendels Beziehung zueinander betont, gerechtfertigt scheint. Die kunstvoll eingefangene Atmosphäre von Landschaft und Witterung, wie auch des kargen Lebens, die jene mit sich bringen, tun ein Übriges, dies Filmwerk zu einer Freude zu machen. Herr Sathom möchte mehr jedoch nicht verraten, man sehe es sich an, so man des Werkes habhaft werde.

Selbigen Abends zeigte RTLII Der 13. Krieger, und diese Koinzidenz – so es eine war – fand der Herr Sathom recht belustigend. Herr Sathom ist ja längst und beileibe nicht der Einzige, dem aufgefallen ist, daß Herrn Michael Crichtons lustiges, diesem Leinwandwerk zugrunde liegendes Wikingergemetzel Die ihre Toten essen (aka Schwarze Nebel, original Eaters of the Dead) nichts anderes ist als eine – kunstfertig verwandelte – Fassung der Beowulfsgeschichte. Aus dem Unhold Grendel werden die Wendol, aus Grendels Mutter deren Stammesmutter, aus Beowulf Buliwyf und aus König Hrothgar wird Rothgar; der Drache aus der Dichtung wird zum Fackelstrom der berittenen Wendolhorden, und auch kleine Details wie die Episode mit dem abben Arm eines der Monstren, als verfrühtes Siegeszeichen in der großen Methalle Heorot aufgehängt, bleiben erhalten. Obwohl dies nun denen, die der Materie kundig sind, nichts Neues sein dürfte, möchte Herr Sathom doch ein wenig bei diesem Büchlein verweilen. Er kann es nämlich sehr empfehlen (wiewohl er Herrn Crichton seine üble Verleumdung der ökologischen Bewegung in Welt in Angst, für die Herr Crichton auch noch einen Journalismuspreis der ölindustrienahen „American Association of Petrol Geologists“ einheimste, recht übel nahm), weil er es für ein listiges und gewitztes Spiel Herrn Crichtons mit allerlei Quellen hält, das ihn sehr unterhalten und amüsiert hat (und das zudem noch spannend zu lesen ist). Beruft sich Herr Crichton doch in seinem Werk auf niemand Geringeren als den ehrenwerten Ahmad ibn Fadlan, den ausgezeichneten Mann, der wirklich gelebt hat und einem Volke begegnete, bei dem es sich um Waräger bzw. Wikinger gehandelt haben mag (genauer gesagt, um Rus); was dieser vielgereiste Gesandte des Kalifen in einem Manuskript auch treulich niederschrieb. Im Weiteren geht Herr Crichton sehr listenreich vor, indem er nicht nur in seinem Vorwort Herrn Ibn Fadlans Niederschrift als Quelle ausgibt, sondern die Geschichte von deren Überlieferung und Erforschung durch die Wissenschaft beschreibt, und dadurch seinem eigenen Werke den Anhauch tiefgründiger Recherche und Authentizität verleiht. Den letzten Streich versetzt Herr Crichton dann dadurch, daß er betont, wie sehr sich Herrn Ibn Fadlans Reisebericht von denen seiner Zeitgenossen durch Akkuratesse und Realismus unterscheidet, und er nicht wie Jene von seltsamen Fabelwesen und nur gerüchteweise Gehörtem ein Garn spinnt; so gelingt es Herrn Crichton, indem er den Wahrheitsliebenden als Zeugen aufruft, seine eigene muntere Räuberpistole als authentische, historische Überlieferung des wahren Berichtes eines wohlbeleumundeten Mannes auszugeben. Vielerlei Fußnoten, in denen Herr Crichton sein historisches Wissen – sei es über die Lebensweise der Wikinger und Araber, sei es über die Takelung zeitgenössischer Schiffe oder etliches mehr – kundtut, tun ein Übriges, das kleine Werk bei aller wilden Phantasterei als authentische Wiedergabe tatsächlichen Geschehens erscheinen zu lassen.

All dies ist keineswegs unehrenwert – vielmehr findet Herr Sathom es sehr vergnüglich und den Herrn Crichton einen schalkhaften Erzähler, der eine Geschichte wohl zu schmieden weiß; zugleich ist Herr Crichton ehrlich mit dem Leser, gibt er doch – quasi im Kleingedruckten – zu erkennen, daß lediglich das Material der ersten drei Kapitel, und in diesen auch nicht alles, tatsächlich auf Herrn Ibn Fadlan zurückgehe. Durch sein Vorgehen insgesamt jedoch verschafft er nicht nur dem zunächst noch unkundigen Leser ein wohliges Schaudern (…es könnte also wirklich…), sondern rundet dies auch pfiffig ab, indem er noch eine erfundene (soweit Herr Sathom recherchieren konnte) paläontologische Diskussion darüber, ob es sich bei den beschriebenen Wendol um Neandertaler habe handeln können, hinterdrein schickt, und zuletzt die von ihm verwendeten Quellen getreulich wie am Ende einer wissenschaftlichen Arbeit auflistet (wobei die Quellen für den Paläontologenstreit, ebenso ehrlich, abwesend bleiben). Allem die Krone setzt Herr Crichton dadurch auf, daß er – ohne das Beowulfsgedicht jemals zu erwähnen, oder vielmehr gerade dadurch – dem sagenkundigen Leser suggeriert, er könnte hier einen Bericht realer Ereignisse, die diesem Liede zugrunde liegen, vor sich haben. So wird dieses Werk zu einem Trick mit mehr als nur doppeltem Boden, gewitzt Wahrheit und Erfindung ineinander verwebend. Herr Sathom freut sich immer wieder an diesem Büchlein, und es reut ihn seit langen Jahren nicht, es einst bei Woolworth vom Grabbeltisch aufgehoben zu haben.

Damit das Thema rund wird, möchte Herr Sathom zuletzt noch auf eine weitere Verfilmung, nämlich Beowulf (1999), hinweisen; ein hübsches Machwerk, das trotz des unsäglichen Christopher Lambert und einiger kitschig-schwülstiger Erotizismen aus dem Reiche pubertärer Irrungen durch Ausstattung und Setting sehr zu gefallen weiß, ist es doch in einer postindustriellen, wieder mittelalterlichen Zuständen anheim gefallenen Welt angesiedelt, und widmet sich – darin der eingangs genannten Verfilmung ähnlich – auch der zwielichtigen Rolle des Hrothgar, den das Monster seltsamerweise stets verschont, und bietet zur Erklärung eine lustige Variante des Themas an.

So, damit genug einstweilen – doch halt; da der Herr Sathom diesmal noch gar nicht gemeckert hat, möchte er doch zumindest mal anfragen, wann endlich mal jemand auf die Idee kommt, die Grettis saga zu verfilmen (oder ihm zur Kenntnis bringt, ob dies bereits geschehen sei); da ist doch auch allerhand los. Draugar, tragische Folgen seiner Guttat für den Helden, ein Heer von Untoten, das ist doch was. Oder?

P.S.: Wie oft ist das englischsprachige Wiki-Link zum Thema Draugar etwas ausführlicher. Das Gleiche gilt für den englischsprachigen Wiki-Artikel über Herrn Ibn Fadlan. Der englische Artikel über die Grettis saga hingegen fügt nichts Nennenswertes hinzu, außer dem Hinweis, daß laut Saga für Grettis Mißgeschicke der Fluch des Draugr Glamr verantwortlich sei (soweit Herr Sathom sich erinnert, verursacht dieser dem Helden späterhin auch grausige Halluzinationen, was zur Ausbildung des isländischen geflügelten Wortes beitrug, jemand sehe Glamsgesichter).

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