:: Gesetz gegen Kinderporno-Seiten und „die Medien“

Es ist soweit: ein Gesetz, das deutsche Onlineanbieter verpflichtet, den Zugang zu kinderpornographischen Seiten zu blockieren, ist verabschiedet. Herr Sathom, sonst jeglicher Zensur abhold, ruft Applaus, wiewohl er um den zweifelhaften Sinn und Unsinn solcher Maßnahme angesichts der Fertigkeiten übelgesinnter Internetnutzer weiß. Es dem Gesindel, das sich der Betrachtung solcher widerlicher Seiten anheischig macht, zumindest etwas weniger leicht zu machen und ihm wenigstens ansatzweise den Spaß zu verderben, kann ja nicht schaden.

Den ersten Medienbericht darüber sah Herr Sathom zur Mitternacht, als er, soeben einmal mehr die ausgezeichnete Serie Battlestar Galactica betrachtet habend, wider besseres Wissen noch bei den RTL II News verharrte, obschon er deren – wie auch den ähnlicher Publikate der Privatsender – zweifelhaften Charakter als „Nachrichtensendung“ wohl einzuschätzen weiß. Und der Privatfunk ließ sich auch nicht lumpen: obwohl Herr Sathom – er schämt sich dessen nicht – den Blick abwandte, so schnell es ihm angesichts des visuellen Überfalls auf seine Sehnerven eben gelang, denn er wollte diese Scheiße nicht sehen, und dachte, er muß kotzen, konnte ihm nicht entgehen, daß man den Beitrag mit Bildern von solchermaßen gebannten Seiten ein wenig würzen zu müssen meinte. Gewiß, die Gesichter waren verpixelt, und soweit Herr Sathom nicht schnell genug woanders hinschaute, schienen auch „nur“ in diversen Posen abgelichtete Kinder zu sehen, und insofern will Herr Sathom den Sender hierfür nicht weiter schelten, als jener selber gegangen ist; aber ihm reichte es schon, um zu denken, die haben sie wohl nicht alle, und Zorn und Empörung stiegen in ihm auf angesichts der Scheinheiligkeit, mit der voyeuristischen Geiferern ein Blick auf das offeriert wird, gegen das man sich gesamtgesellschaftlich zu wenden vorgibt, und es juckte ihn als erster Impuls in den Fingern, darob eine saftige Medienschelte zu verfassen.

Denn ist es nicht eben gerade erst gewesen, daß die Medien und ihre Angestelltenmeuten wie die Aasgeier über die Einwohner Winnendens herfielen, ist es nicht typisch für die sensationslüsterne Geilheit, die dereinst Kameraleute in die verzweifelten Gesichter der Geiseln von Gladbeck zoomen ließ, haben wir da nicht ein weiteres Beispiel für jenes Verhalten, das kürzlich und immer wieder zu recht gescholten wurde und wird?

Schon, meint Herr Sathom, läßt dann jedoch von der erneuten Schelte der Medien ab und orientiert sich in anderer Richtung, denn ihm wird klar: jenes Pack, das solche Berichte verfaßt, bedient damit ja eine perverse Sensationsgier, von der es zu Recht anzunehmen scheint, daß diese bei seinem Publikum vorläge; mehr noch, entstammen doch jene, die sich der unheiligen und widerwärtigen Tätigkeit hingeben, solcherlei Berichterstattung zu pflegen, diese seelenlos funktionierenden Androiden des Opportunismus, die sich jeglicher menschlicher Scham, jeden Respekts vor Opfern, jeglichen Anstands (da schwafelte etwa eine Reporterin während der Berichterstattung aus Winnenden von einem „Großereignis“ und „Chaos vom Feinsten“) oder ethischen Bedenkens entledigt haben, eben derselben Gesellschaft, die sabbernd diese Exzesse der Journaille goutiert. Medienschelte also, gesteht sich Herr Sathom ein, geht an der Sache vorbei; denn wenn die Boulevardpresse, wenn Fernsehsender und Onlineableger beider sich nach Katastrophen, Attentaten und Morden genüßlich in Blut und Gekröse suhlen und im Leid der Betroffenen aalen, wenn sie die Leiber jener, die verabscheuungswürdigen Triebtätern zur Schau gestellt werden, der ganzen Öffentlichkeit zum Anstieren ins Haus senden, dabei gern jene sprichwörtlichen Tränen vergießend, aus denen nach den Worten des großen Shakespeare Krokodile entspringen müßten, wo sie auf den Boden treffen – dann erweisen sich die Macher letztlich doch nur als Produkte, Ausgeburten gar, und Bestandteil jener verlogenen, scheinheiligen bürgerlichen Gesellschaft, deren Angehörige ständig notgeil und lüstern auf das schielen, dem gegenüber sie Entsetzen heucheln; als Mitglieder und Bediener jenes Mobs, der sabbernd auf Leichen zwischen Wrackteilen und Blutspritzer an der Wand glotzt, sich insgeheim die Lippen leckend; jener Mischpoke, die sich in der Imagination jedweder Greueltat sonnt, um flugs ihre kranke Phantasie zu den sadistischen Strafen weitereilen zu lassen, die sie den Verursachern derselben angediehen sehen möchte.

(Und überhaupt, war da nicht einmal einer, Dagobert geheißen, der Bomben in Kaufhäuser legte, durchaus auch einmal während der Öffnungszeit, also Menschen an Leib und Leben gefährdete und zwei tatsächlich (glücklicherweise jedoch nur leicht) verletzte, und der darob von Öffentlichkeit und Medien wie ein schalkhafter Robin Hood gehandelt wurde und sich sogar, ob eines Buches, das er verfaßt, in Talkshows vom Publikum wie von Moderatoren, in deren Augen die Faszination glitzerte, abfeiern lassen durfte? Soviel zur bürgerlichen Moral – wer einmal ’68 einen Stein schmiß, gilt noch Jahrzehnte danach schlimmer als ein NS-Mitläufer, aber wenn man’s der Kohle wegen tut und dabei noch der Polizei eine Nase dreht, die ja Strafzettel gibt und so, hei, da darf man sich augenzwinkernder Nachsicht selbst dann gewiß sein, wenn man immerhin riskierte, daß – und sei es durch einen technischen Fehler – Leute in Fetzen gehen. Aber halt: nicht nur die bürgerliche Moral ist’s, auch die der kritisch oder nicht- bzw. antibürgerlich sein Wollenden ist keinen Deut besser: da darf man als gefeierter Antiheld auch schon mal bei Ton Steine Scherben mitträllern, oder beim Eulenspiegel den Karikaturisten und Autor geben. Völlig falsch wäre nun, anzunehmen, daß Herr Sathom etwas gegen den sinnvollen Gedanken der Resozialisierung hätte, der jenen, die ihre Strafe abgesessen haben, natürlich auch ermöglichen muß, ggf. als Künstler Karriere zu machen. Allein daß hier einer, der vorher dadurch nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte (was vielen Künstlern so geht und nichts Negatives über deren, auch nicht über des Herrn Dagobert Können aussagt, also keine Schande ist), anscheinend gerade infolge seiner Taten erst als solcher plötzlich interessant wird und sich derer noch in gesungener Andeutung auf’s Dinger drehen brüsten darf, weil ein entsprechend geneigtes Publikum aus wie immer ideologisch verblendeten oder infantilen Gründen ihn deswegen gutheißt (vielleicht weil dies ermöglicht, sich selbst ein ganz klein wenig auch als Robin Hood zu fühlen, wiewohl man selbst nur ein Möchtegern ist?), läßt den Herrn Sathom doch einmal mehr an den Menschen zweifeln. Und erkennen, daß die bürgerliche Gesellschaft wie auch ihr nur scheinbar unbürgerliches Gegenbild einander in Wahrheit lediglich Spiegelbilder sind, eins das andere in seiner Fratzenhaftigkeit entlarvend.)

Entsetzen beschleicht Herrn Sathom, denkt er an diese Gesellschaft, wird ihm doch klar, wie allgemein die Perversion ist, derer üblicherweise nur die Medien selbst geziehen werden. Und vor dem Abgrund, als welcher sich diese Gesamtgesellschaft und ihre Moral einmal mehr erweisen, schaudert er zurück, auf daß dieser nicht in den Herrn Sathom zurückstarre, und gedenkt lieber der Menschen, die er schätzt und von denen er weiß, daß sie nicht so sind, um die Totalität des Eindrucks zu mildern.

Vom neuen Gesetz aber muß Herr Sathom sagen, daß es, wiewohl ehrenwert gemeint, letztlich doch nur an einem sehr extremen Auswuchs von etwas herumkuriert, das viel allgemeiner und ursächlicher behandelt werden müßte: am widerlichen Umgang, und an der widerlichen Einstellung der Menschen zueinander.

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