:: Frömmleranschlag auf die Freiheit

Herr Sathom ist einigermaßen mißvergnügt, muß er doch, wiewohl Agnostiker und somit vom sonntäglichen Kirchgangszwange freigestellt, dennoch am kommenden solchen seine Freizeit opfern, um bei einem Volksentscheid dem Ansinnen eines Häufleins religiöser und weltanschaulicher Aktivisten entgegenzutreten, welche der Freiheit und dem Pluralismus eins auszuwischen ausgezogen sind. Er hofft, daß recht viele so stimmen mögen wie er, auch gläubige Menschen, denn gleich ob religiös oder ungläubig müßte jeder, der die „Argumente“ jener Dreisten geprüft und wohl bedacht hat, sich über deren schwachen Gehalt im Klaren sein, welchen Herr Sathom im Folgenden eingehend nachzuweisen gedenkt. (Insofern sei gesagt, daß Herr Sathom hier keineswegs daran gelegen ist, gegen religiöse Menschen zu wettern, wiewohl er deren Glauben nicht teilt; des Herrn Sathom Zorn gilt allein denjenigen, die verantwortliche Veranstalter des derzeitigen Affentheaters sind.)

Worum geht es? Im Land Berlin ist es lange gute Tradition, daß Schülern zum Zwecke religiöser Erziehung die freiwillige Teilnahme am Religionsunterricht angeboten wird (sowie alternativ am weltanschaulichen Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes). Seit 2006 existiert zudem das verbindliche Pflichtfach Ethik, während die freiwillige Wahl zusätzlichen Religions- bzw. Lebenskundeunterrichts weiterhin möglich ist. Dagegen engagiert sich seit Langem der Verein Pro Reli e.V., der ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion einzuführen verlangt, so daß Schüler (oder bis zum 14. Lebensjahr deren Eltern) gezwungen wären, entweder Religionsunterricht oder Ethik zu wählen, das jeweils andere Fach also per se auszuschließen. Zum Zwecke, recht viele dazu zu verleiten, diesem Anliegen beim Volksentscheid am 26.04.2009 zuzustimmen, bepflastert Pro Reli seit Monaten die Stadt mit Plakaten, die unter dem Slogan „Es geht um die Freiheit“ dem Volke weiszumachen suchen, die Freiheit der Religionsausübung bzw. –erziehung werde derzeit unterdrückt und würde durch die Einführung der Wahlpflicht wiederhergestellt. Wie unzutreffend die Argumentation des Vereins ist, wird einem erst so recht klar, liest man sich dessen Argumente einmal gründlich durch und vergleicht sie mit denen des Senats und des Abgeordnetenhauses, sowie mit der aktuellen Realität. Allein Herr Sathom fürchtet, daß derer, die dies nicht tun, sondern ihre Kenntnis der Lage lediglich der Propaganda der Plakataktion danken und bei der Abstimmung entsprechend emotional reagieren, recht viele sein könnten. Er hofft natürlich anderes, und will daher hier einiges zu den „Argumenten“ sagen, welcher sich die die Vertreter der Wahlpflichtfraktion befleißigen. Wer sich nicht sicher ist, ob des Herrn Sathom Rede wider Anliegen und Begründung, welche Pro Reli vorträgt, nicht selbst wiederum einseitig ist, der nehme noch einmal die kleine Broschüre zur Hand, die zusammen mit der Mitteilung über den Volksentscheid allen Bürgern ins Haus geflattert ist, darin die Argumente beider Seiten enthalten sind, und prüfe und überzeuge sich selbst – tatsächlich meint Herr Sathom, daß dies eine jede und ein jeder tun sollte, ehe er oder sie zur Urne sich begibt (man glaube nicht Pro Relis Pla(tt)katen, aber auch nicht nur dem Herrn Sathom, man bediene sich des eigenen Verstandes, wie der lange dem Erdenleben entschwundene Herr Kant, sonst auch nicht immer im Recht, hier aber schon, zu fordern pflegte).

Hier nur einige Beispiele für die unsinnigen Behauptungen, vermittels derer Pro Reli die Öffentlichkeit zu einer Stimmabgabe in ihrem Sinne zu verleiten sucht:

Unsinn Nr. 1:
Das Hauptschlagwort, mit welchem die Befürworter der Wahlpflicht seit Monaten die Stadt tapezieren, lautet „Freiheit“. Daß es ihnen um diese ginge, ist der erste und größte Schwindel. Parolen wie „Es geht um die Freiheit“, „Unsere Ethik heißt Freiheit“ usw. sollen suggerieren, daß derzeit ein Zustand der Unfreiheit herrsche, sowohl bezüglich der Religions- als auch der Entscheidungsfreiheit, und daß die Zustimmung zur Wahlpflicht bedeute, daß die Bürger/innen sich von Bevormundung befreien, freiheitlich für ihre freie Wahl eintreten. Die obige Darstellung der aktuellen Situation zeigt bereits, wie es auch die Argumente der Wahlpflichtgegner in der Amtlichen Information zum Volksentscheid tun, daß von einer solchen angeblichen Unfreiheit überhaupt nicht die Rede sein kann, sondern daß die Freiheit der Religionsausübung und –lehre bereits gegeben ist, und schon seit Jahren war. Worum aber soll oder könnte es den Befürwortern der Wahlpflicht dann gehen? Bedenkt man, daß diese sich an der bestehenden Regelung seit Jahrzehnten nicht gestört haben und wohl sehr gut mit ihr leben konnten, ohne sich „unfrei“ zu fühlen, stellt sich die Frage, was sich denn verändert hat, daß sie sich plötzlich in ihrer Freiheit solchermaßen eingeschränkt fühlen. Nun, geändert hat sich nur Eines: dem Religions- und Weltanschauungsunterricht ist in Gestalt des Faches Ethik eine Konkurrenz erstanden, eine, durch die sie sich bedroht sehen, weil dieses Fach eine Instanz darstellt, die jedwede weltanschauliche Position – bisher als unverrückbare Gewißheit lehrbar – neutral und ggf. relativierend betrachtet (s.u.). Die Wahrheit ist: die Freiheit der Religionslehre und der Wahl entsprechenden Unterrichts ist nach wie vor gegeben und war nie anders gestaltet, und die Vokabel „Freiheit“ wird von den Kampagnenführern aufs gröblichste mißbraucht, und dies in unerträglichster Weise.

Unsinn Nr. 2:
Durch die bisherige Regelung werde Eltern, Schülerinnen und Schülern ein grundgesetzlich festgelegtes Recht (Artikel 7 Abs. 3 Satz 1 Grundgesetz) vorenthalten (Seite 13 der Amtlichen Information zum Volksentscheid). Leider unterschlagen die Betreiber des Volksentscheides, daß die Berliner Regelung selbst grundgesetzlich abgesichert ist (Artikel 141 Grundgesetz, Seite 17 der Amtlichen Information zum Volksentscheid). Sie unterschlagen ferner, daß der freiwillige Religions- und Weltanschauungsunterricht bereits jetzt mit 47,5 Millionen Euro jährlich vom Staat finanziert wird (ebd.) – an sich ein Unding für eine pluralistische Gesellschaft, durch welches klar wird, daß eine eindeutige Trennung von Staat und Kirche hierzulande nicht existiert, aber auch ein Hinweis darauf, daß aktuell keineswegs den Religionsgemeinschaften irgendwelche Rechte vorenthalten werden.

Unsinn Nr. 3:

Pro Reli behauptet, die Einführung der Wahlpflicht sei ein „Ja zu ganzheitlicher Bildung. Ja zu Weltoffenheit. Ja zu Toleranz.“ (Seite 14 der Amtlichen Information zum Volksentscheid). Wie ein Tenor zieht sich diese Behauptung durch die gesamte „Argumentation“, unterstellt, daß gegenseitige Toleranz nur möglich sei, wenn Schüler/innen entweder Religion/Weltanschauung oder Ethik belegen können – wobei sie im ersteren Fall natürlich vornehmlich den Standpunkt der eigenen Weltanschauung kennenlernen und darin gefestigt werden sollen.

Entlarvend an sich schon ist hier die weitere Aussage von Pro Reli, der Ethikununterricht stehe „in der Gefahr, die Standpunkte der Schülerinnen und Schüler zu relativieren“ (Seite 10 der Amtlichen Information zum Volksentscheid), da er zur Neutralität verpflichtet sei. Das allerdings, findet Herr Sathom, muß man sich ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen: die Neutralität und Darstellung verschiedener Standpunkte ist also das, was laut Pro Reli Weltoffenheit, Toleranz und Freiheit entgegenstehen soll – jenen Werten, die der Verein für den Religionsunterricht per Wahlpflicht pro- und reklamiert. Eingleisige Erziehung im Sinne einer einzigen Weltanschauung oder Religion soll das hingegen gewährleisten. Relativierung, Infragestellung, kritisches Hinterfragen – alles vom Bösen. Na prachtvoll, denkt sich da der Herr Sathom. Mehr noch: da der Ethikunterricht Normen oder Lebensstrategien nur ausgetauscht würden, aber nicht verbindlich gemacht werden könnten, sei er nicht geeignet, Verhaltensnormen oder Lebensstrategien, soziale Werte usw. zu vermitteln. Wenn der Herr Sathom sich mal überlegt, wie verbindlich etwa die Werte der christlichen Nächstenliebe für die meisten Christen sind, wenn’s drauf ankommt, was der u.a., wie Max Weber lehrte, aus dem Protestantismus hervorgegangene Brachialkapitalismus diesbezüglich weltweit immer noch leistet (auch und gerade der des Mutterlandes der Civil Religion, der USA), was in dieser Hinsicht also eine religiöse Erziehung vollbringt, kann er allerdings angesichts dieses „Arguments“ nur lachen. Offenbar hängt derlei von ganz anderen Dingen ab (etwa, was vorgelebt wird), und nicht davon, ob es als Befehl Gottes oder als bedenkenswerter Standpunkt gelehrt wird (und am Vorleben hapert es vielleicht: denn der Herr Sathom hatte nie ein Problem damit, was Christen oder Angehörige anderer Religionen glauben; allein er fand fast nie Christen, denen er die Wahrhaftigkeit ihres Glaubens abkaufte, wenn er ihr alltägliches Verhalten sah).

Übrigens noch eines zur Verbindlichkeit ethischer Normen und Werte: der Herr Sathom ist der erste, der der Auffassung zustimmt, daß die Vermittlung gefestigter ethischer Grundwerte und die Heranbildung einer Persönlichkeit, die über solche verfügt, unabdingbar und notwendig seien. Die Behauptung, eine solche könne nur durch Religionsunterricht erfolgen, nicht jedoch durch das Fach Ethik, unterstellt jedoch allen Schüler/innen, die bei einer Wahlpflicht ausschließlich den Ethikunterricht aufsuchen würden oder bisher aufsuchten, daß ihnen infolgedessen solche Werte fehlen würden, und verunglimpft sie damit als Menschen moralisch zweiter Klasse, als religiös erzogenen Menschen moralisch unterlegen. Dies ist eine, von den Befürwortern der Wahlpflicht scheinheilig unter dem Deckmäntelchen der Toleranz vorgetragene, unerhörte Beleidigung nicht nur dieser Schüler/innen, sondern jedes Atheisten oder Agnostikers, und zeugt von einem ungeheuren Dünkel, der sich hinter dieser Fassade freiheitlicher Offenheit verbirgt. Abgesehen davon hat auch hier die ethisch bildende Qualität des Religionsunterrichts nicht das Geringste damit zu tun, ob dieser freiwillig oder, wie Pro Reli und Co. fordern, in einem Wahlpflichtsystem aufgesucht würde.

Unsinn Nr. 4 (Abt. Wie realistisch ist das denn):
Der Spagat, den Pro Reli betreiben muß, um für eine Wahlpflicht zwischen Ethik und Religion zu argumentieren, führt zu einer Reihe von Behauptungen, weshalb Religionsunterricht ohne verpflichtenden zusätzlichen Ethikunterricht eben nicht zu einseitiger Indoktrination, sondern gerade zu Toleranz, Austausch usw. führe. Man führt an, die Wahl gelte jeweils für ein Jahr, so daß zwischen Ethik und Religion gewechselt werden könne, und sogar von gläubigen wie atheistische Schülern Religionsunterricht anderer Religionen besucht werden könne, und daß die Unterrichtsgruppen von Ethik-, Religions- und Weltanschauungsunterricht zusammenarbeiten und sich austauschen könnten (Seite 7 der Amtlichen Information zum Volksentscheid). Klingt gut, findet Herr Sathom – so lange man glaubt, daß Eltern, die eine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Ausrichtung ihrer Kinder wünschen, dies wirklich zulassen werden, bevor die Kinder religionsmündig sind, oder daß der jährliche Wechsel zwischen unterschiedlichen verbindlichen Fächern praktikabel sei (man stelle sich vor, ein Schüler belege nur ein Jahr lang Mathematik, im folgenden dann Deutsch, aber nie beides, während der Unterrichtsstoff jedoch fortschreitet. Was ein Schüler, der mal kurz ein Jahr lang in den jüdischen, muslimischen oder christlich-anderskonfessionellen Religionsunterricht hineinschnuppert, aus diesem an grundlegendem Verständnis für die andere Religion mitnehmen soll, zumal ohne sonstige Vorkenntnisse, wird außerdem wohl auch ein Geheimnis der Wahlpflichtfürsprecher bleiben). Zudem wäre – und dies ist weit wichtiger – die Zusammenarbeit der Schüler verschiedener Religionsunterrichte und des Faches Ethik in Projektgruppen o.ä. im Gegensatz zu Pro Relis Darstellung auch ohne eine Wahlpflicht möglich. Hier sind Engagement und Interesse der Lehrenden, aber auch der Veranstalter der jeweiligen Religionsunterrichte gefragt, sowie die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen (die allerdings, so noch nicht gegeben, zu fordern wären) – der Austausch hängt davon ab, und nicht davon, ob Religion Wahlpflichtfach wird oder nicht (der Gesetzentwurf, den die Initiative Pro Reli durchzubringen versucht, stellt auch keinerlei Verbindlichkeit für derartigen Austausch her, sondern erwähnt lediglich beiläufig, daß gemeinsame Unterrichtseinheiten durchgeführt werden „können“ (Seite 3 der Amtlichen Information zum Volksentscheid)). Was wirklich hinter dem Argument steckt, zeigt sich anderenorts: wenn nämlich behauptet wird, Toleranz sei nur möglich bei Klarheit über die eigene Position (die im Religionsunterricht verbindlich vermittelt werden soll), ansonsten sei sie nur Gleichgültigkeit und unverbindliches Nebeneinander (Seite 9 der Amtlichen Information zum Volksentscheid). Gerade dies enthüllt die wahre Absicht, meint Herr Sathom: was von den Befürwortern der Wahlpflicht angestrebt wird, ist eine verbindliche Fixierung auf eine bestimmte weltanschauliche Position – angesichts derer jeglicher Austausch zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen, wie er in der o.g. Zusammenarbeit stattfände, eben gerade zu unverbindlichem Gerede würde. Denn was die Vertreter der anderen Fraktion meinen oder sagen, könnte ja nie den Charakter wenigstens möglicher Verbindlichkeit haben, wie es im Ethikunterricht der Fall wäre – Verbindlichkeit, so möchte es Pro Reli, sollen nur die im Unterricht der jeweiligen Religion oder Weltanschauung vermittelten Inhalte besitzen. Gerade das Modell „Wahlpflicht“ wäre es also, das dazu führte, daß man eine eigene, fixe weltanschauliche Position besitzt, die felsenfest unverrückbar bleibt, ganz gleich, worüber man sich bei Blicken über den Zaunrand pro forma austauscht. Und genau das, vermutet Herr Sathom, ist auch beabsichtigt – daß sich trotz gemeinschaftlichen Austausches (so er überhaupt stattfände, er „kann“ es ja nur, muß aber nicht) die Lager unverrückbar gegenüberstehen, man miteinander rede, dieser Austausch aber folgenlos bleibe, weil er die im (weitaus dauerhafter stattfindenden) getrennten Unterricht gelegten Fundamente nicht berühre, man sich gegenseitig seine Positionen vorträgt, ohne daß wirklich die der anderen Seite als bedenkenswert erschiene. Daß also die Schüler das, was sie in den getrennten Unterrichtseinheiten lernen, nicht wirklich „später in die Gemeinschaft einbringen“ (Seite 7 der Amtlichen Information zum Volksentscheid), sondern sich lediglich die Gründe ihrer Abgrenzung voneinander vortragen. Denn bereits durch die Wahlpflicht als solche werden die Schüler in unterschiedliche Lager aufgespalten, wird ihnen eine fundamentale Unterschiedlichkeit voneinander bewußt vor Augen geführt – und darum geht es wohl auch eigentlich.

Unsinn Nr. 5:
Völlig bescheuert findet Herr Sathom die Behauptung, daß Schüler/innen, die sich einem religionsspezifischen Fach zuwenden wollen, durch eine zusätzliche Unterrichtsstunde „bestraft“ würden (Seite 8 der Sie wissen schon). Hier muß Herr Sathom, sonst auch nicht immer ein Freund des lebemännischen Berliner Regierenden, dem Herrn Wowereit einmal in dem zustimmen, was dieser in einem „taz“-Interview gesagt hat: daß nicht einsehbar sei, weshalb Eltern ihre Kinder zum Ballettunterricht (oder, möchte Herr Sathom hinzufügen, zur Reitstunde, zum Klavierunterricht, zu anderen Luxusunterrichten) schicken könnten, so sie deren Ausbildung in diesem Bereich wünschen, nicht jedoch zum Religionsunterricht (hinzuzufügen wäre: den ihnen auch noch der Staat bezahlt – aus Steuergeldern auch der Konfessionslosen).

Unsinn Nr. 6:
Noch einmal zum Stichwort „Freiheit“: diese ist, wie oben ausgeführt, bereits jetzt gegeben. Die „Wahlfreiheit“, welche nun gefordert wird, ist lediglich eine Floskel: denn sie ist ein Wahlzwang. In kaum einem Abschnitt ihrer Argumentation, so man diese sorgfältig liest, wird klar, was die Forderungen der Wahlpflichtbefürworter mit Freiheit zu tun hätten (oder was religiöse Vielfalt, Toleranz und all die anderen Schlagworte damit zu tun hätten), denn kaum haben sie den Begriff in der Abschnittsüberschrift verbraten, wechseln sie das Thema. Noch weniger wird klar, weshalb diese Freiheit im bisherigen System nicht gegeben wäre. Um die „Weltoffenheit und Toleranz“, den „kulturellen und geistigen Reichtum, den unsere Offenheit uns schenkt“, darum, „den anderen so zu nehmen wie er ist, und auch seine Lebensentscheidungen zu respektieren“ (Seite 8 der Amtlichen Information zum Volksentscheid) bewundere und beneide man Berlin im Ausland, schreibt Pro Reli selbst, diese Werte für sich ins Feld führend; ja wenn dem so ist, fragt Herr Sathom, dann ist es ja wohl bereits jetzt so, weshalb also soll die Initiative des Volksentscheides denn dann erst dafür sorgen müssen? Das „Ja zur freien Wahl“ (Seite 14 der Amtlichen Information zum Volksentscheid) jedenfalls, das Pro Reli am Sonntag wünscht, wäre in Wahrheit ein Nein zur Freiheit, und ein Ja zum Zwang.

Wenn also Freiheit, Toleranz etc. bereits gewährleistet sind (und inwieweit sie es bei beiden Lösungen wirklich wären, hängt wohl auch von Engagement der Lehrenden, Offenheit der Eltern und schulischen Ressourcen ab, mehr als von Wahlpflicht oder keiner Wahlpflicht sogar), der Volksentscheid also diese gar nicht erst herstellen muß, sie bestenfalls unverändert lassen, unter Umständen sogar in Frage stellen würde, worum geht es – neben der oben erörterten Zurückdrängung unliebsamer Konkurrenz – Pro Reli dann wirklich? Einiges verräterische schimmert in den Argumenten des Vereins durch. Kommen wir z.B. noch einmal zurück auf das Stichwort „Neutralität“ (die des Ethikunterrichts ist schlecht, das wissen wir ja schon). Nun, wie heißt es auf Seite 12 des hier so oft zitierten Pamphlets: der Staat soll bestimmten religiösen und weltanschaulichen Gruppen die Möglichkeit zur Durchführung religions- und bekenntnisorientierten Unterrichts bieten (also die Trennung von Staat und Kirchen weiter aushöhlen) und seine Neutralität lediglich dadurch wahren, daß er den Schülern die Wahl zwischen den angebotenen Fächern läßt (bzw. wie von den Interessengruppen gewünscht aufzwingt). Anders ausgedrückt: er soll Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften (natürlich nur ausgewählten und genehmen, gell, nicht, daß hier auf einmal die Neuheiden, die Hindus, Shintoisten, Jesiden oder wen es da noch alles gibt antanzen) ermöglichen, ihre Weltanschauung zu lehren; einen eigenen Unterricht, der neutral und frei von weltanschaulichen Interessen (denen der Religionen ebenso wie denen des Humanistischen Verbandes) ist, und der somit auf den Erfordernissen und Grundlagen einer pluralistischen, freien und toleranten Gesellschaft entspricht, soll der Staat nur bescheiden als Alternative anbieten.

Worum es geht, meint Herr Sathom daher, ist kurz gesagt nichts anderes als: Macht. Das Primat der weltanschaulichen Erziehung soll vom Staat auf die Interessengruppen übergehen; dies soll dergestalt vonstatten gehen, daß die Wahl von Unterricht in einer Weltanschauung einen alternativen Unterricht zunächst ausschließt; die Möglichkeit, daß Schüler über einen neutralen Ethikunterricht mir alternativen, relativierenden Konzepten vertraut gemacht werden, welche die in Religions- und Weltanschauungsunterricht vermittelten Gewißheiten auf den Prüfstand stellen oder der Kritik zugänglich machen könnten, soll minimiert werden. Alles nach dem Motto: wir reden zwar mal (vielleicht) in einem Gelegenheitsprojekt miteinander, aber danach gehen wir alle wieder nach Hause und bleiben, wie wir sind. Ob das zu mehr Toleranz führt, oder zu einem verstärkten „Wir hier – die da“-Gefühl, möchte Herr Sathom noch sehr in Frage gestellt lassen. Worum es letztlich geht, ist, daß hier Vertreter von Partikularinteressen (wiewohl sie dies auf Seite 10 unter rhetorischen Verrenkungen leugnen) sich versammelt haben, um den Staat zu zwingen, ihre Interessen unter Aufwendung seiner Ressourcen umzusetzen, und sich selbst aus seiner Verantwortung weitgehend zurückzuziehen (anders ausgedrückt: seine Verantwortung lediglich in der Wahrung der Interessen dieser Gruppen zu sehen). Und das zu einem Zeitpunkt, da alle Welt im Finanzsektor sehen kann, wohin das führt – daß nämlich die bürgerliche Gesellschaft ein Raub derjenigen Interessengruppen wird, denen der Staat seinen Auftrag, für den Ausgleich aller Interessen zu sorgen, opfert. Die Vertreter der Wahlpflicht, der Verein Pro Reli – was sie wirklich anstreben ist, sich eine Vorzugs- und Vorrangsstellung zu verschaffen. Der Staat, anstatt in bürgerlicher Tradition als Wahrer und Ausgleicher der Interessen aller zu dienen, soll ihre partikularen Interessen bevorzugt fördern und bedienen, und ihnen damit einen – auch ideologischen – Vorzugswert als besonders gewichtig einräumen. Das Resultat einer Abstimmung mit „Ja“ wäre jedenfalls – ganz gleich ob von den Initiatoren des Volksentscheids bewußt so beabsichtigt oder nicht – die weltanschauliche Neutralität des Staates, der an sich lediglich den demokratisch-rechtsstaatlichen Grundwerten und deren Wahrung verpflichtet sein sollte, weiter auszuhöhlen und ihn zum Diener weltanschaulicher Interessengruppen zu machen (als ob, daß er bereits allzu oft ein Diener von Kapitalinteressen scheint, nicht bereits schlimm genug wäre). Der Zeitpunkt ist gut gewählt: in Krisenzeiten flüchten viele sich gerne zurück in Sicherheit vorgaukelnde Gewißheiten, wovon die Religionsvertreter nicht erst seit gestern profitieren und daraus Kapital zu schlagen suchen, indem sie eine erneute Stärkung ihres erodierten gesellschaftlichen Einflusses als allgemeine Problemlösung propagieren.

So ruft denn Herr Sathom: Hört nicht auf Günther Jauch (und wohnt der nicht eh in Potsdam?) und glaubt nicht an ihn, als sei er qua seines Status Künder absoluter Wahrheiten, Leute – lest Euch die Argumente beider Seiten noch einmal sorgfältig durch und wählt so, wie Ihr es für richtig haltet. Der Herr Sathom jedenfalls plädiert für’s „Nein“.

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6 Kommentare zu “:: Frömmleranschlag auf die Freiheit”

  1. Sehr schöner Artikel, sehr gut argumentiert. Ich wünsche euch Berlinern viel Glück morgen, auf das ein so vorbildliches Modell erhalten bleibe (leider ist die Wahlpflichtvariante ja schon viel zu weit verbreitet).

    Grüße aus Leipzig

    1. Danke Dir für die guten Wünsche – scheint ja auch geholfen zu haben, denn erfreulicherweise hat Pro Reli eine Abfuhr bekommen. Der Herr Sathom ist natürlich trotzdem maulig, aber dazu siehe den nächsten Artikel. 😉

  2. Da spricht mir der Herr Sathom aus der Seele, die ich als Atheist wohl eh nicht habe.

    Leider werden wieder mal (zu) viele ihren gesunden Menschenverstand abgeschaltet lassen und sich nur zu gern der Bauernfängerei hingeben. Geradezu grotesk die gerichtlichen Aktionen der religiösen Eiferer gegen die Veröffentlichungen des Senates, der das Fach Ethik ja aus bestimmten Gründen eingeführt hat.
    Bleibt noch das Argument, dass im Ethikunterricht „aus eigener Erfahrung“ alles Mögliche, nur keine Weltanschauung gelehrt wird und die Lehrer keine ausreichende Ausbildung dafür haben. Nun – dies lässt sich (auch aus eigener Erfahrung) auch über den Religionsunterricht sagen.

    1. Na, glücklicherweise ist es ja gut ausgegangen. Das Argument bezüglich der Ausbildung hat natürlich was für sich, da muß eine fundierte her – was zu beobachten bleibt, da es vor der sicher plötzlichen Einführung 2006 keine Ausbildung dafür geben konnte, mußte man eben Leute ohne spezfische solche nehmen (Herr Sathom will gar nicht in Abrede stellen, daß sich viele redliche Mühe geben, kennt aber auch Gegenbeispiele, wenn er an seine eigene Schulzeit zurückdenkt – er hat sone und solche getroffen, wobei er gerade bezüglich seiner freidenkerischen Entwicklung dankbar einer Religionslehrerin gedenkt, die ein authentischer und kritischer Geist sondergleichen war). Der Herr Sathom muß glatt mal gucken, was sich da derzeit an den Unis tut, obwohl’s ihn angesichts des dort grassierenden Exzellenzschwindels graust (an der Anstellung neutraler Experten, etwa aus der Vergleichenden Religionswissenschaft o.ä., war ja früher leider kein Interesse vorhanden, weil alles – auch der Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes – eben in den Händen der Interessenverbände ist).

  3. Toll, dass Pro Reli gescheitert ist. Wir im äußersten Süden (Bayern) müssen uns mit der Wahlpflichtvariante begnügen, ohne dass jemand dies anzweifeln würde. An kleinen Gymnasien hat man oft bis zur Oberstufe keine Wahl – Religion von verbohrten Fundamentalchristen (keine Kritik, dafür regelrechtes Beschimpfen anderer Religionen) oder gar nichts. Der Ethikunterricht in der 12ten war für viele eine richtige Befreiung (ich als Protestantin hatte noch das Glück in der Unterstufe von einem, was die Unterrichtsgestaltung meinerseits betraff, toleranten Pfarrer unterrichtet zu werden („Wenn ihr zur Ex da seit, könnt ihr machen was ihr wollt“)).
    Doch selbst dann hatte man keine richtige Wahl- Reli oder Ethik. Da man bei dem Satz „Gott ist die Liebe“ meistens bei Klausuren noch einen Gnadenpunkt herausschinden konnte, wählte der Großteil der Klasse nun wieder Reli. Bis auf die Lateinleistungskursler, die viel über antike Philosophen lernten, sind viele der Leute die Religion wählten, meiner Meinung nach, nun ziemlich unterbemittelt was ethische Grundsätze betrifft.
    Liebe Grüße
    Anna

    1. Herr Sathom hat in dieser Hinsicht wohl Glück gehabt – von seinen Eltern auf die katholische Privatschule geschickt, gab’s für ihn zwar keinerlei Alternative zu Reli, aber immerhin hat er Hetzerei gegen andere Religionen nie erlebt (wiewohl später auf dem Gymnasium allerhand geschraubte Apologetik, gedacht, den Argumenten der Agnostiker und Atheisten etwas entgegenzusetzen). Auch da hatte er allerdings Glück, in der Oberstufe an eine Lehrerin zu geraten, die, selbst ein streitbarer Geist, kritische Gedanken jederzeit zuließ und zu diskutieren bereit war, und hinsichlich des zu-seiner-Meinung-stehens den adoleszenten Herrn Sathom seiner Ansicht nach sogar positiv beeinflußt hat, dieweil sie einfach durch Beispiel beeindruckte und überzeugte. Insofern kann Herr Sathom eigentlich nicht klagen – allein er würde fürchten, daß eine Wahlpflicht eben – und sei es punktuell – zu genau solchen Erscheinungen führen könnte, wie Du sie schilderst (auch wenn es da auch regionale Unterschiede geben mag). Immerhin nimmt man’s in Berlin nicht so verbissen mit Religions- und Bekenntniszugehörigkeit, aber gerade deswegen irritierte Herrn Sathom, was wie ein Versuch Pro Relis scheinen mußte, solche Verbissenheit und Spalterei erst zu installieren – und ihn sich fragen ließ, was dann vielleicht noch alles käme, gelänge das Bestreben.

      Herr Sathom jedenfalls hofft, daß das Fräulein Anna es inzwischen hinter sich hat – hm und ja, daß er so wirklich über ethische Grundsätze unterrichtet wurde, kann er sich auch nicht erinnern (über Philosophie immerhin schon, sogar anschauungshalber (obgleich Westberliner) über Marxismus und Existenzialismus, siehe oben).

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