:: Arbeitsmigration Vol. 2

Herr Sathom hat’s ja angekündigt, und hier macht er seine Drohung wahr: nach seinen Mutmaßungen über den quasireligiösen Charakter deutscher Wundergeschichtsschreibung nun einige Gedanken zu der Frage, ob und inwieweit Arbeitsmigranten der deutschen Wirtschaft nutzten oder nicht.

Tja, wie war das nun mit der Rolle der Migranten beim wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands, welche Frau Merkel am 12.05. zu würdigen gedenkt? Von rechts hört man, es sei nicht weit her damit, wobei solche Stimmen sich unter Anderem auf ein 2008 erschienenes Büchlein der Wirtschaftshistorikerin Heike Knortz berufen, welche darauf verweist, die Initiative zur Anwerbung von Gastarbeitern sei von den Herkunftsländern ausgegangen. So weit, so gut. Ob das dagegen spricht, daß die Migranten das ihre zum wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik beitrugen, dazu im Folgenden mehr. Frau Knortz‘ Thesen wird Herr Sathom im Folgenden einige Aufmerksamkeit widmen, da er an diesen Einiges auszusetzen hat. Dazu vorab möchte er anmerken, daß die Autorin natürlich nichts dafür kann, daß ihre Ergebnisse bezüglich der Anwerbung von interessierter Seite für deren Zwecke vereinnahmt werden.

Wie auch immer – die Behauptung mancher Deutschnationullen, der unmittelbare Nachkriegsaufbau, die Leistung der Trümmerfrauen etc. würden ungerechterweise irgendwelchen zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht anwesenden Migranten zugerechnet, ist purer Schwachsinn und reine Erfindung der Nationalisten. Um diesen Blödsinn zu untermauern, fummeln sie auch gern ein bißchen an den Zahlen herum, indem sie etwa in manchen Blogs behaupten, der große Schub der Arbeitsmigration habe erst in den 70ern begonnen. Das, was Migranten an Leistungen erbracht haben, zu würdigen, schmälert ja wohl keineswegs die Leistung der Einheimischen und ist lediglich ein Ausdruck der Anerkennung und des Respekts dafür, was die Zuwanderer eben auch beigetragen haben.

Aber zurück zur schon genannten Frau Knortz. Sie meint nämlich auch, die Migration habe technische und organisatorische Innovationen behindert, da die Migranten für niedere Tätigkeiten eingesetzt wurden, welche ein Potential zur mechanischen oder organisatorischen Rationalisierung aufwiesen, das man sonst hätte ausnutzen können. Diese „Folgerung“ hält der Herr Sathom überhaupt für völlig blödsinnig, weshalb er Frau Knortz – ohne ihr ansonsten Kompetenz in ihrem Fach absprechen zu wollen – vorhalten muß, daß er ihre Interpretation der Ergebnisse in dieser Hinsicht für rein spekulativ, und zudem an der Sache vorbeigehend hält.

Denn:

  1. Frau Knortz’ Aussage, die Anstellung von Migranten für niedrig qualifizierte Arbeiten habe mittelfristig eine technische oder organisatorische Rationalisierung behindert, ist eine pure Annahme (daß etwa der Rezensent der FAZ sie für plausibel hält, heißt dabei gar nichts, denn „plausibel“ bedeutet nichts weiter, als wissenschaftlich nicht belegbar, aber gerade in den eigenen Horizont oder zu den eigenen Wünschen, wie die Dinge zu sehen seien, passend). Zudem widerlegt diese Spekulation Frau Knortz’ nicht, selbst wenn sie denn zuträfe, daß die deutsche Wirtschaft von den Migranten profitierte, und diese von der Wirtschaft zu deren eigenem Vorteil benutzt wurden – im Gegenteil. Denn sie hieße, daß die Wirtschaft die Migranten – und sei es aus eigener Kurzsichtigkeit – nutzte, um sich solche Rationalisierungen, also entsprechende Innovationen und den damit zunächst verbundenen Aufwand zu ersparen, zumal sie Arbeiten – auch im Akkord – zu Löhnen vergeben konnte, die deutsche Arbeitnehmer nicht mehr akzeptiert hätten (ein ähnliches Muster findet sich bei der Greencard-Aktion, welche die Bundesregierung 2000 – 2004 durchführte, und die diesmal wirklich auf Initiative der Wirtschaft stattfand, die sich dadurch eigene Ausbildungsanstrengungen zu ersparen hoffte (und, wie Herr Sathom vermutet, angemessene Löhne auch, was ja nicht geklappt hat)). Man müßte also eher von Billiglohnsklaverei reden als von Innovationshemmung. Zusätzlich lenkt Frau Knortz’ Aussage auch davon ab, daß eine solche Rationalisierung ja spätestens in den 70er Jahren doch stattfand und ihrerseits recht schnell zum Arbeitsplatzabbau beitrug. Wie spekulativ die Behauptung einer negativen Wirkung auf innovative Entwicklungen ist, zeigt zudem eine weitere Überlegung. Denn interessant ist, daß andererseits Friedrich Heckmann annimmt, der Einsatz der „Gastarbeiter“ in niedrig qualifizierten Bereichen habe es deutschen Arbeitnehmern erst ermöglicht, verstärkt in höher qualifizierte Positionen zu drängen (siehe hier). Dies zeigt, daß es rein spekulativ ist zu behaupten, ohne „Gastarbeiter“ hätte es Rationalisierungen gegeben – denn eigentlich läßt diese andere Folgerung ebenso gut die Annahme zu, daß man ohne ausländische Arbeitnehmer Deutschen die niedrig qualifizierten Aufgaben zu übertragen versucht hätte, da man auf wirtschaftlicher Seite ja offenbar ein Interesse an solchen Arbeitskräften hatte, und so neben der Innovation auch der Qualifikationsanstieg verhindert worden wäre. Auch diese Annahme wäre „plausibel“, denn was geschehen wäre, ist nicht feststell- oder falsifizierbar; allerdings zeigt sich hier, daß die Autorin bei ihrer Annahme einer Innovationsbremse eine andere wissenschaftliche Hypothese – die  des Qualifikationsschubs – ignoriert, deren Einbeziehung ihre Schlußfolgerung verändern müßte.
  2. Frau Knortz hebt darauf ab, daß weniger die Arbeitsmarktsituation als außenpolitische und Außenhandelsinteressen die Anwerbung der „Gastarbeiter“ bestimmt hätten. Das widerlegt nicht, daß diese ausländischen Arbeitnehmer zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen, da auch ein florierender Außenhandel und gute Beziehungen zu den Entsendeländern  –  welche sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befanden – für diesen unabdingbar waren. Höchstens könnte man sagen, daß nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die Entsendeländer sich mit den betreffenden Deals einen Gefallen getan haben. Was ein verfrühter Innovationsschub der Bundesrepublik genutzt hätte, die damals Exportweltmeister war, wenn sie keine Märkte für ihren Export vorgefunden hätte, ist ja leicht vorstellbar. Und nebenbei bemerkt hat die Bundesrepublik, wenn sie Gastarbeiter aufnahm, um bestimmte Länder zu stabilisieren, damit auch nicht so wirklich demokratische Regimes unterstützt – etwa das bis Ende der 70er Jahre faschistische Spanien oder die griechische Militärdiktatur der späten 60er und frühen 70 er Jahre; damit hat sie, wenn auch nur vereinzelt, immerhin um des eigenen Außenhandelsvorteils willen auch zum Schaden der dort ansässigen Bevölkerung gehandelt (nebenbei bemerkt machten Spanien und Griechenland in den 60ern Jahren eine rasante wirtschaftliche Entwicklung durch, die sie selbst – im Falle Spaniens auf Druck der USA hin – bewerkstelligten; zugleich herrschte in der Bundesrepublik ab 1960 sehr wohl ein Bedarf an ausländischen Arbeitnehmern, der inländisch nicht mehr zu decken war. Relevant sind die Forschungsergebnisse von Frau Knortz also wenn, dann nur für die 50er Jahre).

Wie gesagt, außer dem obigen Einwand gegen das Spekulative einer ihrer Folgerungen, nichts gegen Frau Knortz – allerdings muß Herr Sathom angesichts der Art der Rezeption ihrer Untersuchung nicht nur auf Seiten der politisch Rechten, wie er sie im Internet wiedergegeben fand, sondern auch der politisch Unbedarften im Feuilleton konstatieren, daß ihre Ergebnisse, entsprechend präsentiert, den Stoff für neue Mythenbildungen abgeben und einer entsprechenden Utilisierung zum Opfer fallen könnten – wohlgemerkt ohne daß Herr Sathom im Entferntesten behaupten möchte, dies seider Autorin anzulasten. Gut verwendbar für solche Zwecke ist ihre Annahme, die Migration habe die Innovation gebremst, weil sie praktischerweise kaum falsifizierbar ist – man müßte, um sie zu überprüfen, entweder den Verantwortlichen sämtlicher Betriebe, die damals Migranten einstellten, die was-wäre-wenn-Frage vorlegen, ob sie anderenfalls rationalisiert hätten, sie also ggf. auffordern, selbst zu spekulieren, oder betriebsinterne Schriftstücke nachweisen, aus denen explizit hervorgeht, daß sie ohne Arbeitsmigranten hätten rationalisieren wollen oder müssen. Bestenfalls ein Vergleich mit den Innovationsschüben anderer Länder und ein Abgleich mit dem Ausmaß, das die Arbeitsimmigration dort hatte, könnte immerhin Anhaltspunkte dafür liefern, wie wahrscheinlich die These zutrifft. Womit übrigens Herr Sathom nichts gegen das Aufstellen von Vermutungen oder Annahmen, selbst spekulativer Art, an sich gesagt haben will – auch dies ist eine Vorgehensweise, welcher die Wissenschaft bedarf; allerdings müssen derlei Annahmen auch als solche erkennbar bleiben, und da ist es oft der Fall, daß bei Darstellung von dritter Seite Annahmen zu Fakten oder empirisch belegten Ergebnissen umetikettiert werden – was man natürlich nicht den jeweiligen Wissenschaftlern vorwerfen kann. Herr Sathom fürchtet ein wenig, die spekulative Annahme, die Beschäftigung von Migranten habe die Innovation gebremst, könnte durchaus von interessierter Seite dahingehend mißbraucht werden, den althergebrachten Schwindel, Ausländer nähmen Arbeitsplätze weg, durch einen neuen zu ersetzen.

Herr Sathom jedenfalls weiß: daß unzählige Italiener, Griechen, später auch Türken sowie aus anderen Nationen stammende Arbeiter, anfangs in Barackenlager eingepfercht, unter menschenunwürdigen Bedingungen einen Großteil der Drecksarbeit leisteten, welche für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes notwendig waren, sich etwa – wie ein alevitischer Familienvater, den einige Studenten, darunter Herr Sathom, einst im Rahmen ihres Erziehungswissenschaftsstudiums interviewten – die Zehen abfroren, während sie winters Schienen legten und die für die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft notwendige Infrastruktur mitschufen, so wie viele andere als Kumpel unter Tage oder sonstwo. Daß sich jahrzehntelang nie jemand einen Dreck darum scherte, diese Leute zu integrieren oder fortzubilden, sondern man sie immer spüren ließ, daß sie bitteschön irgendwann wieder abhauen sollten. Daß ihre Leistung und Beteiligung nie allgemein gewürdigt wurden; daß man vielmehr auch ihre hier geborenen Kinder und Kindeskinder mit derselben Einstellung konfrontierte, bis das Kind in den Brunnen gefallen war, so daß das Geheul um die Entstehung von Parallelgesellschaften verlogen, deren Entstehen nämlich letztlich selbstverschuldet (wenn nicht insgeheim gewollt) ist, und Feindseligkeit oder Radikalisierung junger Migranten das Ergebnis einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Daß im Süden von Herrn Sathoms Heimatstadt Berlin in den letzten Jahren Migrantenfamilien schmucke Häuschen mit Gartengrundstück bezogen haben, wo sie dem deutschen Ideal spießbürgerlicher Gartenzwergzucht huldigen, sich also verdammt noch mal extremst assimilieren, und daß dies prompt den Nazitrotteln auch wieder nicht recht ist und sie zu zündeln anfangen (siehe auch hier und hier). Daß Leute wie Susianna Kentikian, ihres Zeichens Doppelweltmeisterin im Fliegengewicht, für dieses Land auch international mehr tun als irgendwelche besoffenen Nationalspinner. Daß, will man Migranten dazu bewegen, sich als Mitbürger zu betrachten und zu verhalten, man sie auch erst einmal so behandeln muß.

Und zuletzt, mal ehrlich, Leute: in welchem Ausmaß auch immer nun die Migranten der Republik genutzt haben oder nicht – daß viele Deutsche vom ersten Augenblick an am Anblick „Fremder“ in ihren Straßen gewürgt haben wie an einem verschluckten Kaktus, und bis heute würgen, und dies täten, ganz gleich was die „Fremden“ täten, das sagt doch auch was aus über sie.

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