:: Warum es Herrn Sathom (wenn auch nicht völlig) an Begeisterungsfähigkeit mangelt

Es gibt stehende Wendungen und Vorstellungsbilder, Auslöserworte, Sprach- und Denkmarksteine, an denen sich, durch häufige Verwendung ins öffentliche Bewußtsein implementiert, bestimmte Interpretationen aktueller Geschehnisse wie auch der Vergangenheit, der Geschichte, entlang hangeln; ihre beständige Wiederholung dient dazu, diese Interpretationen immer wieder aufs Neue zu aktualisieren, und sie sowohl sich selbst als auch dem Publikum als Realität, als die richtige Deutung, zu bestätigen.

Einer dieser Eckpfeiler für „Erinnerung“ und Interpretation, der in Bezug auf Zweiten Weltkrieg und Drittes Reich häufig begegnet, ist die Aussage, daß Hitler die deutschen „verführt“ habe (mit anderen Worten, Adolf war’s, wir können nix dafür, und irgendwie – lustige Übernahme der Nazipropaganda – war Versailles schuld, sonst hätte er uns gar nicht… na ja, wir waren eben passive Opfer des Ganzen); ein anderer kam Herrn Sathom heute einmal mehr beim Hineinzappen in eine Dokumentation zum Thema U-Boot-Krieg (ZDF-History-Style, Sie wissen schon) unter.

Junge Männer waren da zu sehen, Kinder noch, Marinekadetten und dergleichen – freudig in die Kamera lachend, gedacht als Kanonenfutter in einem aussichtslosen Kampf. Von der Selbstinszenierung des Herrn Dönitz (guckt selber nach, wer das war, Leute) war die Rede, und ein Überlebender erinnerte sich an die charismatische Ausstrahlung des Mannes, so er einem gegenübertrat. Die Kamera zeigte die jugendfrisch enthusiastischen, fröhlichen Gesichter der Jugendlichen, und die Stimme des Kommentators lieferte prompt das schon oft gehörte , ja  zu erwartende Stichwort zwecks des Bildes korrekter Einordnung: „Mißbrauchte Begeisterung“.

So hört man’s oft angesichts jubelnder Menschenmeuten, fröhlicher BDM-Mädels und eifrigen HJ-Jungvolks, aber auch Älterer mit glänzenden Augen: ihre „Begeisterung“, eine an sich tolle Sache, sei da „mißbraucht“ worden, so souffliert es eilfertig ein Geschichtserzähler dem eigenen Denken.

Herr Sathom fand schon immer etwas verquer an dieser Deutung; welche, die Tatsachen auf seltsame Weise nicht direkt verdrehend, jedoch sie mißdeutend, an einem Punkt geflissentlich vorbeigeht: nämlich der Frage, ob nicht vielleicht mit dieser Begeisterung an sich etwas nicht in Ordnung sei, oder mit den Begeisterten, daß sie so „mißbraucht“ werden könne(n).

Wohlgemerkt: nichts gegen die Begeisterung als solche, gelte sie Projekten, Idealen oder Aufgaben; aber wieso sie nicht, wie alles andere, mitsamt ihrer Auslöser reflektiert und wohl erwogen werden soll, ehe man sich ihr hingibt, sondern vielmehr ihre kritiklose Betriebsblindheit ein Vorzug, im Zweifelsfall hinterher eine Entschuldigung oder gar Ausrede sein soll, entzieht sich seinem Verständnis. Den jungen Leuten, bar jeder Lebenserfahrung, mag man es nachsehen; aber denen, die es besser wissen sollten? Was ist das für ein Denken, was für ein Empfinden, das sich von Charisma und Ausstrahlung Einzelner blenden läßt, oder der „Größe“ einer „Idee“, sich hin- und mitreißen, ohne zu fragen, ob das, was einem da gezeigt und ggf. vorgespielt wird, alles sei, das nicht Ausschau hält nach Details, welche den empfangenen Eindruck zu relativieren, ihn in ein reflektiertes Licht zu rücken vermögen? Das bereitwillig, beinahe schon absichtsvoll vergißt, daß auch die charismatisch erstrahlende „Führerfigur“ oder „Führernatur“ (und, ohne dies gleichsetzen zu wollen, die wirtschaftliche „Führungspersönlichkeit“, der „Vordenker“, der „Visionär“ und jedwede(r) andere, der oder die auf vergleichsweise kleinerer, weniger bedenklicher Flamme kocht denn jene) erst mit dem einen, dann mit dem anderen Bein in die Hose steigt? Das über zu wenig Verstand oder Lebenserfahrung verfügt, den oft ganz banalen, hinter jener Ausstrahlung liegenden Narzißmus der Betreffenden zu erkennen, ebenso wie den Umstand, daß sie einen als Vehikel ihrer eigenen Ideen und Wünsche zu instrumentalisieren suchen? Woher der Umstand, daß man sich nicht Eigenem mit Begeisterung widmet, statt diese jenen, die zur Umsetzung ihrer „Visionen“ allein unfähig sind, zu opfern?

Man kann dies wie gesagt nicht gleichsetzen, die Flamme ist durchaus viel kleiner als zu Zeiten der Herren Schicklgruber, Goebbels und auch Dönitz; doch derselbe fatale Mechanismus wirkt auch heute noch – sei’s in den massenveranstaltungstechnischen Coachings pyramidaler Strukturvertriebsbetreiber, darin ein Schreihals mit seiner Begeisterung ansteckt und ins Unheil lockt, sei’s überall dort, wo die Werbung Begeisterung zu wecken und vermittels ihrer zu manipulieren sucht, sei’s in der permanenten Forderung nach solchem Begeistertsein vom Job bis hin zur Selbstaufgabe in jedweder New-Economy-Klitsche. Und wo nicht Begeisterung, sondern purer, in Habitus und Ausdruck vorgetragener Machtanspruch das Charisma ausmachen, auch überall dort, wo ein bestimmtes (gern manchmal auch erniedrigendes) Auftreten der mittels ihrer Ausstrahlung und ihrer narzißtischen Manipulationsfähigkeiten reich und selbstsicher Gewordenen Dienstleistungspersonal und Normalverbraucher klein und gehorsam werden läßt. Wo es schlicht und ergreifend auch zum allergrößten Blödsinn und zur erbärmlichsten Frechheit keinen Widerspruch aufkommen läßt. Aber das nur Beiseite.

Herr Sathom jedenfalls meint: seine fünf Sinne sollte man immer beisammen halten, und daß nichts (und niemand) ist, wie es scheint, sollte schon geringe Erfahrung einen gelehrt haben; und ebenso, daß das Behauptete oder demonstrierte selten ganz so simpel wahr ist, und immer Interessen dahinter stehen. Man lasse sich nicht von ersten Eindrücken foppen, ohne jede Sache und jeden Menschen vielleicht wohlwollend, auf jeden Fall jedoch eingehend und zurückgelehnt von allen Seiten zu beleuchten. Daß man dazu auch über wenigstens ein geringes Maß an Selbsterkenntnis verfügen muß, erkennen können, auf welche Trigger, welches auslösende Verhalten oder welche stereotypen Klischees man anspringt, um eben deshalb dem so ausgelösten ersten Impuls nicht zu verfallen, steht natürlich außer Frage. Begeistern kann man sich dann immer noch.

Aber blindwütig jedem psychologischen Köder nachrennen, der einem vor die Nase gehalten wird wie dem Esel die Karotte, und dies hinterher noch zur Exkulpation anführen, ist der wahre Mißbrauch der Begeisterung. Und daß es an solcher Reflektiertheit fehlte bei den Deutschen der damaligen Zeit, kann ihnen vielleicht nicht als Schuld, muß ihnen jedoch unbedingt als Mangel angerechnet werden: als Mangel an zivilisatorischer Charakterbildung, mit der es eben in jenem angeblichen Lande der Dichter und Denker (wo man sich eben lieber für die Ikonen Goethe, Schiller und Kant „begeisterte“ und sich damit ihres Ruhmes teilhaftig wähnte, anstatt mal was von ihnen zu lernen, darunter auch dies, sie selbst kritisch reflektiert zu betrachten) nicht weit her war. Das Herausreden auf die Begeisterung jedenfalls ist ein stehender Topos deutscher Selbstfreisprechung (ggf. von heute aus rückwirkend, auf daß die fiktive Kategorie „Volk“ als damals wie heute an sich „gut“ besetzt bleiben kann), und nicht mehr; und letztlich: sobald man gar wußte, was vorging, daß da welche nicht mehr in die Bibliotheken oder an den Strand durften, nicht in die Straßenbahn, und gelbe Sterne tragen mußten, da begeistert zu bleiben ist schlicht und ergreifend: Schuld. (Und es ist, nebenbei bemerkt, ein weiterer heuchlerischer Mechanismus der Selbstfreisprache, auch lang installiert, wenn immer wieder angeführt wird, um die Ermordung von Menschen in den KZs habe man nicht gewußt; das, was man auch ohne dies wußte – der Ausschluß aus dem öffentlichen Leben, die Deportationen, die Repressalien – hätte einem zivilisierten Menschen genügen müssen, von jedweder Begeisterung zu lassen und sie ins Gegenteil zu verkehren. Tatsächlich ist diese spezielle Ausrede so perfide, weil sie sich gibt, als sei all das andere ja an sich in Ordnung gewesen, so lang man nur um die allerletzte Konsequenz nicht wußte).

Herr Sathom jedenfalls kann sich auch begeistern, aber er wird’s weiterhin mit gebotener Vorsicht tun, und immer erst dann, wenn sein eigenes kritisches Urteil kein Haar in der Suppe fand. Denn Begeisterung ohne Hirn macht blöd, und wer sich ihr überläßt, schreit genauso gut ekstatisch verzückt „Love“, „Heil“ oder eben „Ja“, wenn einer fragt, ob man den Krieg gern noch etwas totaler hätte, und ob Oma, Opa und das Enkelchen nicht mal bitte jeder eine Panzerfaust buckeln und sich zu Gulasch verarbeiten lassen möchten (und, ja, zwischen diesen Formen der Begeisterung sieht Herr Sathom, er bekennt’s, schon einen, aber grad mal marginalen Unterschied).

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