:: Humor vs. inszenierter Spaß – a culture clash

Es stand in der „taz“, es stand auf diversen Internetseiten wie dieser und jener, einen Videoclip (bei n24) gibt’s auch, es stand im „Berliner Kurier“: Hape Kerkeling, einer der Comedy-Heroen des deutschen „Humors“ (die Gänsefüßchen sind nötig, findet Herr Sathom) und spiritueller Lehrer Unzähliger, die sich von ihm inspiriert auf Jakobs- und andere Pilgerpfade begaben (leider nicht, um über die Jakobsleiter dem irdischen Jammertal zuletzt endgültig zu entfliehen und das Erdenrund damit von einigem geistigen Küstennebel zu befreien), präsentierte im Nobelhotel (des Name anderswo stand, das Herr Sathom aber nicht nennt, denn er muß keine Reklame dafür machen) seinen neuen Film, darin er den Kanzlerkandidaten mimt, das Ganze aufgezogen als angebliche Vorstellung des Wahlprogramms des vom Komödianten gegebenen Kandidaten Schlämmer. Doch ach, oh Unbotmäßigkeit: frech und „ungebeten“ („Kurier“) haben vor des Künstlers Auftritt bereits Martin Sonneborn, Ex-„Titanic“-Chefredakteur, und sein Team von „Die Partei“ das Podium in Beschlag genommen, und Herr Sonneborn rührt nun seinerseits kräftig die Wahlkampftrommel für die eigene Spaßpartei. Jedoch muß das Schlämmer-Team sich nur „exakt vier Minuten“ („Kurier“; bei Meedia zählte man nur zwei) über die Spielverderber „ärgern“, dann läßt „Hape“ Licht und Mikrofon ausstellen (behauptet wiederum der „Kurier“; andere Quellen geben nicht an, ob da nun wahrhaftig der Meister höchstselbst heldenhaft und kurzentschlossen den rettenden Befehl gab, oder anderswer), und die Dreisten werden von der Security des Saales verwiesen. Ob nun Herr Kerkeling – Herr Sathom mag nicht so vertraulich sein wie der „Kurier“ – oder ein anderer Verantwortlicher das Spektakel beendete, Herr Sathom findet: das war sein gutes Recht. Und ebenso war es vollkommen unsouverän und zeugte, wie es kaum besser ginge, von der eigentlichen Humorlosigkeit der professionellen Lustigkeitsfabrikanten.

Was, frug sich Herr Sathom, der ob der Schilderungen herzlich grinste und gern dabei gewesen wär’, und sich über des Ex-Sinkschiffkapitäns Scharade mehr amüsiert hätte als über den Rest des Events, hätte ein wirklicher Komödiant getan, ein wahrer Schalk, einer, der tatsächlich Humor hat? Vielleicht ein wenig improvisiert, mitgespielt, sich auf einen zungenfertigen Schlagabtausch mit dem unverhofft erschienenen Konkurrenzkandidaten eingelassen – die Herausforderung verschmitzt angenommen und mit dem satirischen Kollegen ein kleines Gagfeuerwerk hingelegt, erprobt, wer von beiden der Schlagfertigere sei. Ja, das zeugte wirklich von Humor in Herrn Sathoms Augen. Aber so ist das eben mit jenen, die hierzulande als Comedians den größten Erfolg haben: daß dieser, wie auch der Zuspruch ihres Publikums, weniger von beider Humor zeugt als vom gekonnten Finden des kleinsten gemeinsamen Nenners, der im Tiefflug krakeelender Schenkelklopferei über’s verödete Niemandsland billiger Juxe rast, die da generiert sind aus der Ausschlachtung allgemein verbreiteter Klischees, deren endlose Wiederverwertung nichts dran ändert, daß sie stets für todsichere Lacher sorgen, als habe man vor einem Publikum programmierter Roboter den richtigen Knopf gedrückt. Versteht man sich auf dies, dann kriegt man auch Artikel geschrieben, die letzten Endes Schleichwerbung sind (sogar Schlämmer-Videos kann man sich auf der Website des „Kuriers“ herunterladen, wie die Printausgabe im sterngezackt Aufmerksamkeit heischenden Spot verkündet). Daß die ganze Schlämmerei (verdammt, Herr Sathom ist auch schon angesteckt von den dämlichen Kalauern, in denen sich einige Berichtedichter der Journaille ob des Events gefielen) eben nicht von Humor zeugt, sondern davon, daß mit Berechnung, Aufwand und Tamtam eine am Reißbrett durchinszenierte, auf gemutmaßten Publikumsgeschmack geeichte, kurzum, durchweg künstliche Kampagne gefahren wird, erweist sich dabei auch gerade an der hölzern-unbeweglichen Unfähigkeit der Veranstalter, auf den Einbruch des Unerwarteten adäquat (eben: humorvoll) zu reagieren. Herr Sathom aber zeigt mit dem Finger und lacht über die köstliche Ironie, daß sich da welche medienwirksam inszenieren wollten und von einem echten Komödianten, zumal bei ihrem eigenen Spiel, übertrumpft wurden.

Der weitere Verlauf wird von einigen Berichterstattern als recht langweilig beschrieben – Herr Kerkeling spult, erfährt Herr Sathom, wie ein Profi routiniert sein Programm ab, als sei nichts gewesen, Journalisten und Publikum lachen pflichtschuldigst (die klischeebasierten Standardwitze, etwa die Anmache der Praktikantin, funktionieren). Auch das – das peinliche Schweigen im Saal bei Sonneborns letzten Worten (siehe „taz“), das So-tun-als-ob-nichts-war, das Übergehen zur Tagesordnung danach – kaum ein Ausweis von Humor, eher von Verleugnung, daß da was war, durch Ignorieren. Man stellt sich vor dem Absurden tot, oben auf der Bühne wie drunten davor. Ignorant vielleicht auf Seiten der Veranstalter, krampfhaft womöglich auf Seiten des Publikums – sei’s drum; es soll nicht sein, es wird flugs verdrängt, daß da geschah, was das Komische eigentlich ausmacht: ein Bruch in der geplanten Inszenierung, der die Absurdität und Lächerlichkeit des Ganzen aufzeigt (das doch selbst so gern das Lächerliche des Wahlkampfs entlarven – oder doch nur aus dem Verbraten von diesbezüglichen Klischeevorstellungen Kapital schlagen? – will). Auch das ein Unterschied zwischen Humor und whatever else this event was. Gerade daß das Scheitern des Gewollten an der Realität (Loriot läßt grüßen) hier eben ganz real und zudem noch als Doublette des Geplanten die Situation selbst zum Witz mutieren läßt, dies nicht zu erkennen und herzhaft darob zu lachen, läßt die tatsächliche Humorlosigkeit der Beteiligten offenbar werden. Der gemeinsame Entschluß, die Sache wie geplant durchzuziehen bzw. publikumseits mit sich geschehen zu lassen, zeugt auch vom Stand unserer Kultur des Umgangs mit dem Subversiven, findet Herr Sathom, und denkt: ein wirklich flinker Journalist hätte vielleicht, anstatt brav der Veranstaltung beizuwohnen, den Saal verlassen und versucht, vom expedierten Herrn Sonneborn und ein halbwegs unernstes Interview über die skandalöse Behandlung konkurrierender Wahlkandidaten zu erhalten (aber da hätte demjenigen vermutlich die Chefredaktion die Ohren langgezogen, da auch diese vielleicht den Ablauf nach Schema F lieber gemocht hätte, demselben Unwillen zum aus-der-Reihe-tanzen wie alle Beteiligten unterliegend).

Sei dem, wie es wolle. Es stimmt jedenfalls nicht, daß, wie ein anderes Blog es sehen will, zwei Experten im Guerilla-Marketing aufeinander trafen und dabei ein Spaßvogel dem anderen die Show stahl; im vorliegenden Fall betrieb echtes Guerilla-Marketing nur Einer der Beiden, und nur dieser Eine erwies sich auch als wahrhaftiger Spaßvogel.

Ob nun aber Herr Kerkeling selbst derjenige war, der – wie’s des „Kurier“ Formulierung suggeriert – ärgerlichen Störenfrieden in Machermanier den Saft abdrehte, oder ob, wie ein Kommentar zum Meedia-Artikel unterstellt, dessen Mitarbeiter weniger Humor als ihr Boß hatten (dem damit zugetraut wird, er selbst hätte wohl souveräner reagiert, wenn er das Geschehen mitbekommen hätte, dem also qua Vermutung solch Heiligenschein ausgestellt wird), vermag Herr Sathom nicht zu entscheiden, da die Quellen mit Ausnahme des „Kurier“ nichts oder Unzureichendes dazu sagen (laut „taz“ weilte er beim Fototermin nebenan, dieweil die Ereignisse ihren Lauf nahmen) – wiewohl jener Kommentar ein wenig so klingt, als ob nach Auffassung des Verfassers eben zwangsläufig die Unterlinge (die ja bei der Gelegenheit auch gleich eine zusätzliche PR-Chance vermasselten, wie der Kommentator ausführt) diejenigen sein müßten, die einen Fehler begangen haben, aber nie, nie, nie die Spaßikone. Undenkbar.  Andererseits: letzen Endes hat Herr Kerkeling ja einst durchaus kongenial mit seinem Lied vom Lamm den Dünkel der Musikconnaisseurs vorgeführt, auch als Königin Beatrix einst für einiges Chaos gesorgt, sollte also über recht kecken Humor verfügen – aber wer weiß, der Weg zur Massenwirksamkeit führt ja oft in die Niederungen des Qualitätsverlusts, des kleinsten Nenners eben, und auch das Lammeslied war irgendwann im Radio totgedudelt und zu seinem eigenen Klischee geronnen, und so gerinnen auch manche Lustigmacher mit der Zeit; selbst ein Dirk Bach ist ja lang schon zu dem geworden, was dereinst er parodiert. Zugleich: ob andere systematisch vorführen, selbst aber aufs Vorgeführtwerden nicht mit Souveränität und Humor reagieren zu können, nun wirklich von Humorfähigkeit zeugt, ist eine andere Frage; das comedykonditionierte deutsche Publikum versteht ja eher „Spaß“ (= Schadenfreude und/oder besoffenes Verhalten selbst bei Nüchternheit) denn Humor, und vielleicht sind ja schon diese früheren Aktionen ein Ausweis dafür, „Spaß“-Macher in diesem Sinne zu sein – und nicht, Humor zu haben. Den brauchen in solchen Fällen ja auch eher die Anderen.

Nichtsdestotrotz will Herr Sathom sich nicht anmaßen, Herrn Kerkeling persönlich jedweden Humor abzusprechen, zumal eben unklar bleibt, wer nun am Sicherungskasten herumfummelte; so wie er auch nicht leugnen will, wieviel persönliches Engagement, Arbeit und konzeptionelle Planung in des Comedians Unternehmungen stecken. Aber was Herr Sathom doch hervorheben will ist, daß eben hier die Crux liegt – sind die Lacher das Produkt von Planung, die auf nahezu marktforscherisch in Betracht gezogene Klischees und Stereotypen zurückgreift, die man beim Publikum mehr oder weniger treffsicher vorhanden weiß oder vermutet, wird auf den Radau- und Anzüglichkeitsfaktor geschielt, steckt vor Allem aber sehr viel Kohle im Gelingen (und deren Verlust im Mißlingen) der Sache, dann bleibt zum Einen für spontanen Humor kaum noch Platz – zumal da nicht jeder den gleichen haben muß, man also, um möglichst viele sicher und profitabel zu begeistern, auf die unterste Stufe der am weitesten verbreiteten Klischees gehen und dabei immer beim geplanten Ablauf, den erfolgversprechend vorgestrickten Plastikwitzen bleiben muß. Zum Anderen aber bleibt eben auch deshalb kein Raum für angemessene Reaktionen auf Einbrüche des real Absurden oder sonstige Planänderungen, weil die Sache kostet und was einbringen soll, das Korsett des Ablaufs also allein darum zugeschnürt bleiben muß, dieweil man Blößen – die lachend einzugestehen ja auch von Humor zeugte – sich nicht leisten kann. Und eine Blöße wäre es wahrhaft gewesen, hätte Herr Kerkeling so reagiert, daß er den Herrn Sonneborn zum Humorduell fordert, und wäre diesem dann unterlegen – vor dieser Möglichkeit wurde hier, ganz gleich auf wessen Entscheidung hin, auf jeden Fall gekniffen.

Herr Sathom erinnert sich, um übrigens die oben erwähnte unterste Stufe der Lustigkeit noch an einem Beispiel zu illustrieren, einst beim Zappen in eine Sendung mit dem furchtbar von anfänglichen parodistischen Höhen herabgekommenen Herrn Hans Werner Olm geraten und ungläubigen Auges Zeuge geworden zu sein, wie Herr Olm auf offener Straße – als diese dicke Dame da verkleidet, Herr Sathom mag sich den Namen der Figur nicht merken – Anstalten machte, einen Obdachlosen als Sitzgelegenheit zu nutzen. Ob nun der Obdachlose bezahlt (was die Erniedrigung nicht geringer machen würde) oder gar kein wirklicher solcher war, spielt dabei gar keine Rolle – an welche niederen Instinkte der Menschenverachtung und Verhöhnung auf Seiten des Publikums da ganz gezielt appelliert bzw. (vermutlich erfolgreich) auf diese spekuliert wurde, ist die eigentliche Schande. Herr Sathom will nun Herrn Kerkeling keinesfalls unterstellen, daß er zu Ähnlichem imstande sei, und es dem Herrn Olm auch gar als einmaligen Ausrutscher nachsehen; doch allgemein findet er: das ist eben, was deutsche Reißbrett-„Comedy“ (Brainstorming: womit kann ich noch provozieren?) mit Breitenerfolg von Humor (und damit von vieler originär angelsächsischer Comedy, aber auch von hiesigem Kleinkunst-Humor und Kabarett) unterscheidet – sie produziert Fun, sie produziert eine sehr deutsche Lustigkeit, die urdeutsche Bierzeltvariante von Spaß, und wie der Deutsche ist, wenn er lustig ist und Spaß hat, das auszuhalten erfordert im Falle des TVs einen schnellen Umschalttriggerfinger, in der Realität vulkanische Gelassenheit oder einen wasserdichten Gummianzug, ist von Humor jedoch so weit entfernt wie der Delta-Quadrant von der neutralen Zone. (Übrigens hofft Herr Sathom sogar, daß derlei Spaßproduktion auf Berechnung beruht – fänden ihre Produzenten ihre Ideen selbst tatsächlich komisch, um wieviel grausiger wär’s zu denken, was für Abgründe in manchen Comedianseelen sich da auftun.)

Allerdings Eins muß Herr Sathom noch betonen: nämlich daß es ihm fern liegt, nun jegliches Verdienst des Herrn Kerkeling zu leugnen oder ihn und sein Werk plump in Eins zu setzen mit sämtlichen Verirrungen des deutschen Comedywesens, die hier aufgezeigt wurden, oder ihn gar als deckungsgleich mit, oder prototypisch für jene dem Kommerz und der Freude des Massenpublikums geschuldeten Wirrungen zu betrachten; vielmehr mag der eine Comedian in Teilen hier, in anderen dort, mancher weniger, mancher sehr viel mehr Anteil haben an jenem erschröcklichen Gesamtbilde, welches selbst darum jedoch keineswegs zu leugnen ist. Jene Freude des Massenpublikums aber, von welcher die Rede ist, besteht in der Bestätigung der eigenen klischeegetränkten Erwartungen, an der Wiederholung des Bekannten (auch manchmal betreffs der Lächerlichmachung eigener Feindbilder – Lehrer etwa gehen immer, und zwar um so besser, je blöder das Publikum), und wer richtig Geld verdienen will, muß eben diesen Erwartungen entsprechen – eine weiteres Moment, das dazu beiträgt, das Spontanes kaum noch möglich ist, zumal nicht solches, das Risse in der Ikone, zu welcher der vermarktete Komödiant geworden, erscheinen ließe, aber auch nicht solches, das einfach nur die marketingstrategisch durchgeplante Befriedigung der Erwartungshaltung qua Abhaken der entsprechenden Triggerjokes durcheinanderbrächte.

Herr Sathom selbst hält auch seine eigene Auffassung von Humor nicht für die einzig richtige; worum’s ihm ging, war, Mechanismen aufzuzeigen, denen gemäß jenes funktioniert, was hierzulande als Humor gilt, aber nach Herrn Sathoms Ansicht aus keinem Blickwinkel betrachtet wirklich welcher ist.

P.S.: am Donnerstag zeigte die „Bild“ (jedenfalls die Berlin-Brandenburg-Ausgabe) auf dem Titelblatt groß des virtuellen Herrn Schlämmer Konterfei und titelte dazu: „Die 100 beliebtesten Deutschen“. Herr Sathom hat das Zelluloseprodukt nicht gekauft, weiß also nicht, auf welche Daten man sich hier bezieht und welchen Platz Herr Schlämmer auf der Liste einnimmt (wiewohl die Abbildungsgröße den ersten Platz suggeriert); er erinnert sich aber anhand dieser Gelegenheit einer länger zurückliegenden Studie, der zufolge Herr Helmut Kohl zum größten (oder einem der größten) lebenden Deutschen gekürt wurde, und an den Beliebtheitsgrad der Frau Merkel, und denkt: wohin nur auswandern?

P.P.S.: für als Berichterstattung getarnte Schleichwerbung gibt es natürlich schwerwiegendere Beispiele (wiewohl es sich in diesem Fall auch nur um ein weiteres Exempel dafür handeln mag, daß die Vertreter des „Qualitätsjournalismus“ der Todsünde des gedankenlosen Abschreibens, in diesem Fall aus Pressemitteilungen, die sie den „Bürgerjournalisten“ des Web so gern vorhalten, andauernd selbst schuldig machen): lookie here.

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