:: Der Feldzug wider die Gegenöffentlichkeit

Na, Ihr Lotterbande. Sitzt Ihr schon wieder nutzlos rum und lest Blogs? Tz, tz, tz – das sollt Ihr doch nicht: erklären Euch nicht seit geraumer Zeit schon die Vertreter des „Qualitätsjournalismus“, erfüllt von heiligem Ernst und Eifer, beseelt von ihrer Mission unbestechlicher Wahrheitskündung, daß die Blogszene unseriös, inkompetent und ihre Einlassungen schlecht recherchierte Stammtischpamphlete seien? Daß die im Web kursierenden Meinungen nur bauchgesteuerte Emotionalität widerspiegeln, seelische Rülpser halbgebildeter Amateure gewissermaßen? Daß allein die etablierten „Qualitätsmedien“ sorgfältige Recherche, seriöse Berichterstattung, gedanklich profunden, wohl abgewogenen und sachlichen, demokratische Meinungsbildung fördernden Kommentar des Berichteten gewährleisten? Nee also schämt Euch!

Aber im Ernst: tatsächlich tobt ja bereits seit geraumer Zeit ein „Krieg“ (so man es so nennen will, der irgendwo im Folgenden verlinkte Herr Niggemeier tut’s, Herr Sathom findet’s eher eine so erbärmliche wie oft auch lächerliche Verleumdungskampagne) der Vertreter des etablierten Journalismus sowie der Verlage, die desselben Elaborate publizieren, wider die Gegenöffentlichkeit im Web; die Zunft der Erstgenannten, so heißt es von Seiten der Propagandisten, recherchiere ordentlich, berichte sachlich, wähle kompetent aus, welche Informationen es wert seien, dem Bürger zwecks weiterer Meinungsbildung präsentiert zu werden (was oft genug in Wirklichkeit heißt: vorab auszuwählen, was dem Rezipienten kund werden dürfe, was dem Zeitgeist entspricht, Meinungen und Emotionen in bestimmte Richtungen zu lenken, widerborstige Fakten auszublenden und vorzuenthalten), die Blogpublizierenden hingegen brabbelten Stammtischgefasel vor sich hin, gleich einem in der Untergrundbahn mit Unsichtbaren schimpfenden Betrunkenen, recherchierten wenn überhaupt, dann schlampig, und seien so oder so nicht ernst zu nehmen.

Herrn Sathom ärgert diese verlogene Kampagne schon lange; denn er verfolgt die Berichterstattung in den Mainstreammedien durchaus mit klarem, gebildetem, kritischem Blick, und allzu oft findet er auch und gerade in den „seriösen“ Medien eben jenes, was den Internetpublizisten vorgeworfen wird (oder Schlimmeres) – sei es nun in  Druckerzeugnissen von unverdientem Ruf, die als qualitativ hochwertige Tages- oder Wochenpublikationen gelten, sei es inmitten dessen, was zur Hauptsendezeit im Fernsehautomaten dargeboten wird. Meinungsmache, tendenziöse Berichterstattung, die von Kommentierung kaum oder gar nicht zu unterscheiden ist, durch Tonfall des Berichtes eingefärbt, Unfug, Halbwissen, dünkelhaftes Vorurteil und vieles mehr prägen und kennzeichnen auch und gerade, was ihm allenthalben aus druckerschwarzen Abgründen wie auch aus der Glotze Flimmern entgegenschlägt. Kurz: er weiß, daß hier ein Esel den anderen Langohr schimpft, und daß, wiewohl die Vorwürfe gegenüber einem Teil der geschmähten „2.0-Bürgerjournalisten“ berechtigt sind, sie umgekehrt auf etablierte Presse und Medien(Kurt Kister in der „Süddeutschen Zeitung“) genau so gut zutreffen – nur daß diese es leugnen, und es dazumal, ehe ihr kritische Konkurrenz im Netz erwuchs, es auch nie ruchbar wurde, ihr ungerechtfertigter Ruf also unangetastet blieb. Denn aufgefallen sind Herrn Sathom der Medien Unglaubwürdigkeit wie auch Tendenzcharakter schon zu Zeiten, da an ein Internet noch nicht zu denken war (s.u.).

Kürzlich nun fand Herr Sathom im Blog des Herrn Stefan Niggemeier, des wohlbekannten Medienjournalisten, mit welchem Herr Sathom durchaus nicht immer konform geht, einen ausgezeichneten Abriß der Scheinargumente, vermittels welcher etablierte Journalistenzunft und Verlagswesen ihre Konkurrenz zu diffamieren suchen. Der Text, Wutmäander zur Qualitätsdebatte geheißen, ist lang, doch beleuchtet Herr Niggemeier darin die Scheinargumente der Hohepriester der angeblichen Qualität, und widerlegt diese Schritt für Schritt, in weit luziderer Weise und klarerer Sprache, als Herr Sathom, seinerseits dem Bandwurmsatz verfallen, es je zu tun hoffen könnte; zudem ist jene Wutmäander, ihrem Titel zum Trotz, durchaus sachlich, betont auch und zeigt auf, daß und weshalb es eines professionellen Journalismus bedürfe, und fordert lediglich, daß dieser seiner Pflicht zur Zuverlässigkeit auch nachkomme, sie tagtäglich beweise, anstatt sie qua Selbstverklärung zu behaupten, sich dabei selbst jedoch zugleich jederzeit Lügen zu strafen. Herr Sathom empfiehlt daher, diesen ausgezeichneten Text sich zu Gemüte zu führen, um so mehr, als dieser Vieles, das sich sonst vereinzelt zum Thema findet, übersichtlich zusammenfaßt.

Anfügen möchte Herr Sathom lediglich einige kommentierende Dinge; und da gleich erstens, wenn denn schon vom Kommentieren die Rede ist, Folgendes: besonders erbosen Herrn Sathom Entgleisungen wie die eines der Apologeten der etablierten Medien, der sich darüber mokiert, die Blogger könnten am besten „kommentieren, was andere schon aufgeschrieben, schon kommentiert haben“ (wiederum Herr Kister), würden also nur das von den „Qualitätsjournalisten“ mühselig erarbeitete noch einmal durch die Mangel eigener Gedanken drehen – denn was heißt das eigentlich? Darum, daß journalistisch Tätige dies – etwa als Rezensenten – auch tun, geht es gar nicht einmal, sondern vielmehr darum, daß hier insgeheim jegliche Kritik – der Grundstock des aufklärenden Diskurses – an dem, was Journalisten verzapfen, ausgehebelt werden soll, indem man das Kommentieren als solches verächtlich macht, es als eine niedere, per se irrelevante Form der Äußerung brandmarkt. Der kritische Kommentar ist gerade eine der Säulen des Diskurses, welche die „Qualitätsjournalisten“ allein zu sein für sich in Anspruch nehmen; kommentiert wird im Netz nun allerdings auch das, was den Schreiberlingen der etablierten Journaille aus der Feder geflossen ist, und dies gelegentlich doch leider auch von reflektierteren oder kompetenteren Zeitgenossen, als es die Journalisten selbst sind – wenn also diese gegen den Kommentar der angeblich Unberufenen polemisieren, das Kommentieren schlechthin verunglimpfen, dann ist der Herr Sathom der Schelm, der dabei das Arge fürchtet, daß man sich da eine kritische Instanz, die das eigene Tun beobachtet, verleumderisch vom Halse schaffen will. Mal abgesehen davon, daß jene Kommentare, welche daselbst Leserbriefe heißen, durchaus erwünscht sind – wiewohl sie auch in den „seriösen“ Printmedien zumeist nur sprachlich elaborierter, geistig jedoch ebenso dumpf und stammtischartig daherkommen, wie es den Kommentaren der Netzbenutzer vorgehalten wird. Ja, Herr Sathom muß doch stets auf Neue konstatieren, daß gerade dort, wo behauptetes Niveau einer Publikation anderes vermuten ließe, die redaktionell einer Veröffentlichung für wert befunden Zuschriften sich inhaltlich und bezüglich ihrer Geisteshaltung kaum unterscheiden von jenen weniger geschickt formulierten, welche sich auch auf den Leserbriefseiten der Regenbogenpresse finden. Allein: anders als beim Netzkommentar hat man hier die Möglichkeit, auszuwählen, was man gedruckt sehen oder „aus Platzgründen“ vernachlässigen will – das böse Netz nun aber ermöglicht auch jenen, denen man sonst das Maul zuhalten könnte, ihre Ansichten zu journalistischer Meinungsmache öffentlich herauszuposauneno tempora, o mores.

Des Weiteren findet’s Herr Sathom nötig auszuführen, daß es bei den Diffamierungsversuchen seitens der „Qualitätsmedien“ natürlich um nichts weniger geht als um wirkliche Qualität auf der einen, Mangel an solcher auf der anderen Seite – sondern vielmehr um den Anspruch auf Deutungshoheiten, den lediglich eine bestimmte, für die Ausübung solcher Hoheiten bezahlte, berufliche Elite innehaben soll, welche ihren Autoritätsanspruch mittels der – leicht als Fiktion zu analysierenden – Behauptung legitimiert, eine Kompetenzelite zu sein. Und darum, daß ein spezialisierter, sich ebenfalls auf seine angebliche Kompetenz berufender Wirtschaftszweig – das Verlagswesen – die einzig zulässige Instanz sein soll, welche sich der Verbreitung dessen widmen darf, was der Öffentlichkeit ausschnittweise und gemäß aktueller Mainstream-Stereotypen zurechtinterpretiert von der Wirklichkeit gezeigt wird. Auch das steckt hinter einer weiteren Behauptung des erwähnten Herrn Kister, die „Bürgerjournalisten“ könnten beispielsweise nichts „erklären“ (weshalb eigentlich nicht? Manchen Professionellen zufolge jedenfalls scheint dies ein Monopol des Journalismus zu sein, gleich, ob’s zu manchen Themen Berufenere gäbe). Da geht es einerseits um Pfründe, denn Journalisten wie Verlage verdienen an ihrer Tätigkeit – was ja legitim ist und gar nicht in Frage gestellt werden soll; aber auch um mehr noch als Pfründe, um einen Ausschließlichkeitsanspruch nämlich, um die Behauptung, ein Monopol auf die Wahrheit (bzw. auf die richtige Interpretation der Fakten) und das alleinige Recht zu deren Verbreitung zu haben. Was letztlich bedeutet, ganz ohne Zensur, wie sie in Diktaturen stattfände, die Meinungsfreiheit einschränken, bzw. ihre Ausübung auf einige Wenige beschränken zu können.

Daß die Legitimation des Anspruchs nicht den Fakten entspricht, wird immer wieder – nicht nur, wie hier, vom Herrn Niggemeier – eindrucksvoll aufgezeigt; daß auch Journalisten, vielleicht insbesondere Journalisten, bei ihrer Recherche eigenen, vorgefaßten Urteilen und unbegründeten Meinungen ebenso unterliegen wie bei der Interpretation ihrer Ergebnisse, daß sie Fakten (aus)sortieren (oder dank selektiver Wahrnehmung ignorieren), und dies nicht immer gemäß deren tatsächlicher Glaubwürdigkeit und Bedeutung, daß sie zu Fragen des aktuellen öffentlichen Diskurses zeitgeistgesteuert und ideologisch voreingenommen Stellung nehmen, ist nicht zu übersehen, soll jedoch durch Attacken des „Qualitätsjournalismus“ gegen die Gegenöffentlichkeit des Internet (welche die Mängel dieses Journalismus oft schmerzhaft offenbart) geleugnet werden.

Die Vorstöße der „Qualitätsmedien“ und der der Verlage bedeuten vor Allem eines: den Versuch, in undemokratischster Weise Meinungsvielfalt und –freiheit zu unterminieren; den Versuch, den vor der Existenz des World Wide Web bereits einmal gehabten Zustand, daß man all das oben Genannte treiben könne, ohne daß es einer merke, wieder herzustellen. Selbst alte Ikonen angeblicher Seriosität, ein „Spiegel“, ein „Tagesspiegel“ und andere, müssen sich heute bei dem erwischen lassen, was kritisch-aufmerksame Leser vielleicht auch in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts manchmal ahnten, aber kaum oder nur schwer überprüfen konnten – bei Inkompetenz, nachlässiger Recherche, bei durch eigene Ideologie, Ignoranz oder Zeitgeistkonformismus beeinflußter Schreibe der Artikelverfasser. Wie war’s doch ehedem so schön, als es keiner merkte, die ehrwürdige Patina behaupteter Ehrbarkeit noch intakt war, im Dunkeln leuchtend wie der unheilbringende Gammastrahl eines Radiumklumpens, und so soll es auch wieder sein. Die lästigen Kritikusse sollen weg, sollen einen nicht mehr zur Ordnung rufen und an die eigenen Pflichten gemahnen dürfen, indem sie einen vorführen und bloßstellen, und so bezichtigt man sie dessen, was man selbst tut, schlampig bei google zu recherchieren und mal kurz Wikipedia zu überfliegen, in der Hoffnung, die Blogszene zu diskreditieren, auf daß man seine eigenen Mogeleien wieder unbemerkt vonstatten gehen lassen könne. (Nebenbei Wikipedia: Herr Sathom nutzt es auch, versteht aber von der Materie der von ihm einst studierten Fächer genug, um sich von Fehlern (die man übrigens auch in den gedruckten Enzyklopädien alteingesessener Verlage findet, was aber keiner erwähnt) nicht foppen zu lassen, und ist bei Sujets, darin er nicht beschlagen ist, klug genug, mit anderen Quellen zu vergleichen (übrigens: gute Wikipedia-Artikel geben ihre Quellen an, journalistische eher grundsätzlich nicht). Die Journaille scheint da über weniger Medienkompetenz im Umgang mit Wiki zu verfügen, hat auch offenbar von Quellenkritik ganz generell zumeist nie etwas gehört – aber wenn’s dann schief geht, dann ist Wikipedia schuld bzw. gleich „das Internet“, nicht aber der schlusig arbeitende Journalist.)

Herr Sathom übrigens, auf die Gefahr hin, wie ein Angeber zu klingen, wie einer von jenen, die es immer schon „wußten“, traut selbst Medien von allerbestem Ruf schon seit Jahren nimmer, tat’s auch schon vor der Zeit des WWW nicht mehr, ganz gleich, wie diese heißen. Und dies sowohl bezüglich der Berichterstattung und der vorgebrachten „Fakten“ selbst wie auch der Kommentierung, die das Berichtete dem Leser „erklären“, es für ihn ins Gepräge des vom jeweiligen Presseorgan vertretenen Weltbildes einordnen soll. Weshalb? Weil er bei allen Themen, welche sich auf Materie bezogen, darin er selbst beschlagen war, im Laufe seines Studiums (bei fortschreitender Kompetenz also) mehr und mehr entdeckte, daß auch die allgemein als seriös geltende Presseaufbereitung solcher Themen allzuoft eine unbekömmliche Melange aus persönlichem Vorurteil, voreingenommen-selektiver oder einfach lausiger Recherche, verblasener, möchtegerninvestigativer Selbstdarstellung des Journalisten, kurz, meist einfach Blödsinn war, bezugs der meinungsbildensollenden Kommentierung angereichert durch Rekurse auf die Sammlung allgemein verbreiteter Stereotypen, die unter Überschriften wie „es ist allgemein bekannt, daß“ oder „wie jeder weiß (= was gerade jeder faselt, weil diese Sicht der Dinge „in“ ist)“ laufen. Dies nährte in Herrn Sathom früh den Verdacht, daß es sich bei anderen Themen, darin er nicht so bewandert war, wohl ebenso verhalten könne, er dies nur dann nicht merke. Klingt’s paranoid? Nun, wärmen tat den Herrn Sathom die Erkenntnis nicht, und unschön wie sie ist, mag selbst die Annahme, daß sie nur auf die Hälfte der journalistischen Produktion zuträfe, einen wohl paranoid werden lassen. Herr Sathom ward’s nicht, ward nur kritischer, und lernte: Zeitung lesen ist nicht, wie die Printhohepriester wollen, der Endpunkt des Informationsflusses, sondern der Ausgangspunkt eigener Recherche.

Der Zustand ist ein allgemeiner – von „Tagesspiegel“ bis „Spiegel“, von „Morgenpost“ über „Welt“ bis hin zur „Zeit“, man nehme eine beliebige als erzseriös geltende Tages- oder Wochenschrift, die Namen sind belanglos, da für jede Publikation das Nämliche gilt – Herr Sathom findet darin qualitativ Hochwertiges, aber auch zutiefst Verquastes, welches genau jenem entspricht, das dem Vorurteil der „Qualitätsjournalisten“ zufolge nur in den tiefsten Höllenschlünden des Internet gebraut wird. Vielleicht ist derlei im Druckwerk schwieriger zu erkennen, da sich hinterm elaborierten Code verschanzend, der ja dem deutschen Gymnasium zufolge die Denker untrüglich von den Deppen trennt, oder deswegen, weil die dort in Kommentaren und Feuilleton verbreiteten Denkstereotypen denen des Bildungsbürgertums entsprechen, das diese folglich nicht als solche erkennt und anerkennend mit dem Kopfe nickt: schau, die da schreiben, sind so klug und aufgeklärt wie ich’s zu sein mir einbilde. Dies erstreckt sich auch auf den Stil der Sprache, den diese Medien häufig pflegen – im Feuilleton den Leser dazu einladend, sich mit den Autoren auf der Höhe des Zeitgeistes zu meinen, vom Verfasser Verachtetes gemeinsam abfällig zu belächeln, im investigativen Journalismus dazu, sich mit dem Autor überkritisch fühlen zu können, die von ihm gebotenen Ventile für den eigenen, dann als gerecht empfundenen Zorn (den die „Schreibe“ oft erst weckt) dankbar zu nutzen.

Überhaupt was den Anspruch des „Qualitätsjournalismus“ angeht, zur demokratischen Diskussion, zum aufgeklärten Diskurs beizutragen: wie war das eigentlich noch mit jenen Meldungen damals, daß etwa der „Spiegel“ im Bunde mit der Axel-Springer-Presse bestimmte Diskussionen, die man in den Diskurs eingebracht sehen möchte, überhaupt erst lanciert? Die allgemeine Wahrnehmung als Organ seriöser, unabhängiger Berichterstattung hat’s nicht beeinträchtigt. So wie’s auch keinen Leser der seriösen Tagespresse zu stören scheint, daß diese, die jetzt genau weiß, wie’s zur Finanzkrise kam und was daran zu kritisieren sei, zuvor jahrelang das Lied des Brutalkapitalismus gepfiffen und jene, die an diesem scheiterten, als verzettelten Versager und Jammerlappen dargestellt hat. Und dies wiewohl man durchaus hätte sehen können, was da vorgeht, hätte man die Augen aufgesperrt und den eigenen Anspruch ernstgenommen. Die Gegenöffentlichkeit des Web jedenfalls ist ein – zudem von Interessengruppen nicht so leicht kontrollierbares – Gegengewicht zu Bestrebungen, den Diskurs kontrollieren zu wollen (geschehe dies nun absichtlich oder unbewußt, indem Journalisten ihren eigenen Denkstereotypen hinterherschreiben), und daher unverzichtbar.

Kritisch prüfende Distanz und eigenes Urteil benötigt der Leser daher auch diesen Medien gegenüber – die Kampagne der „Qualitätsjournalisten“ aber soll ihn glauben machen, der zur Schau gestellte Anspruch einer Publikation garantiere, daß sie diesen einlöst, und mache jede eigene kritische Hinterfragung obsolet. Die nicht geprüfte Medienmeldung ebenso wie der schlicht für objektiv gehaltene Kommentar – gleich ob aus Druckerzeugnis, TV oder Internet stammend – hingegen ist wahrhaftig so relevant wie ein von Tratschern zugeflüstertes Gerücht, und meist ebenso glaubwürdig, selbst wenn aus einer Zeitung mit mehr Text als Bildern (= seriös) stammend. All das aber, was Printmedien und Verlage der Blogszene pauschalisierend und somit eben in vieler Hinsicht unzutreffend vorwerfen, schlampige Recherche, Abkupferei, Unseriosität, all dessen sind sie – und waren es immer schon – selber schuldig, und indem sie pauschal alle Internetveröffentlicher verleumden und diskreditieren, wollen sie sich – einige von ihnen zumindest – vielleicht auch jener kritischen Gegenöffentlichkeit, die selbst ihnen auf den Zahn fühlt, entledigen.

Keineswegs kann dies bedeuten, daß auf Journalisten und Presse, Verlage und Nachrichtensendungen verzichtet werden könne; diese haben ihre lichten Momente wie ihre dunklen, berichten auch immer wieder sachlich und kritisch oder kommentieren klug. Sie sind sogar der unverzichtbare Grundbaustein, welcher Öffentlichkeit erst entstehen und anschließende Diskussion möglich werden läßt. Jedoch die Publikation von anderer Seite im Internet zu schmähen und als irrelevant zu verleumden, bedeutet lediglich eines: das Bestreben, eine neu erstandene, kritische und konkurrierende Instanz wieder loszuwerden. Wo den Bloggern vorgeworfen wird, sich auf Presseberichte zu beziehen, welche es ohne diese Presse ja gar nicht gäbe, besteht die Heuchelei der etablierten Journaille darin, die kritische Prüfung ihrer Aussagen und Darstellungen, deren Behandlung auf der Metaebene also, unterbinden zu wollen (die etwa stattfindet, indem den offiziellen, oft von dpa oder „Bild“ abgespickten Meldungen andere Quellen entgegengehalten, oder den Kommentaren der Berufsinterpreteure andere Sichtweisen gegenübergestellt werden, ohne daß eine selektive Leserbriefredaktion dies beeinflussen kann). Wo die „Qualitätsjournalisten“ gar darauf bestehen, das Monopol der Nachrichtenauswahl und –interpretation einzig und allein innezuhaben, suggerieren sie, über beliebige Themen kompetenter berichten zu können als selbst die eigentlichen Fachleute, etwa Wissenschaftler – ein überheblicher Anspruch, der daran grenzt, sich zum unentbehrlichen Zwischenfilter jedweder Nachricht machen zu wollen, zur allein berufenen Priesterschaft des Tatsächlichen. Daß man gern Lizenzgebühren dafür bekäme, daß andere bei einem abschreiben, ist da nur ein Scheinargument, denn wer hält sich im Presse- und Medienbetrieb denn selbst an das, was nun von Privatleuten gefordert (bzw. was nicht zu tun ihnen als Mauserei vorgeworfen) wird?

Nun aber sei noch mit Blick auf die Legitimationsrhetorik von Journalisten und Verlegern etwas bezüglich eben jenes Anspruchs, Kompetenzelite zu sein, angemerkt: nämlich zu den angeblichen Qualitäten, welche die Angehörigen des Journalistenstandes auszeichnen sollen, so daß sie auf diese ihren Anspruch auf alleinige Autorität aufzubauen vermögen. Es handelt sich dabei um nichts Anderes als die öffentliche Inszenierung eines fiktiven Berufsbildes, ausgezeichnet durch Qualitäten, die jedem Angehörigen des Standes per se unterstellt und zugetraut werden, ganz gleich, ob das jeweilige Individuum diesen Qualitätsansprüchen wahrhaftig genügt (die Überprüfung der Tatsachenbehauptung durch Dritte daher eben unangenehm).

„Der (seriöse/Qualitäts-) Journalist“ ist eine Fiktion, ein mythischer bzw. transzendenter Journalist, so man will, den zu verkörpern jeder Angehörige des Berufsstandes von sich behaupten kann – ohne es wirklich tun zu müssen. Die Zuweisung bestimmter – auch moralischer – Kompetenzen an diesen fiktiven Journalisten an sich ermöglicht es jedem einzelnen Mitglied der Zunft, aber auch dieser in toto, sich der betreffenden Kompetenzen teilhaftig zu wähnen, und dies womöglich auch noch exklusiv. Was hier behauptet wird, ist schlichtweg, daß die Journalisten – und zwar allgemein als Zunft – nicht nur handwerklich besser qualifiziert sind zur Abbildung der Wirklichkeit, sondern daß sie auch über nur ihnen eigene moralische Kompetenzen, ja sogar Charakter- bzw. Persönlichkeitszüge verfügen, aufgrund derer Wirklichkeitsdeutung und –erklärung allein von ihnen vertrauenswürdig durchgeführt werden kann: ein besonderes Verantwortungsbewußtsein, eine besondere Objektivität, eine überdurchschnittliche Fähigkeit, die Dinge so zu sehen und zu interpretieren, wie sie „wirklich sind“. Hier wird der Anspruch des „Qualitätsjournalismus“ letztlich irrational, und unterscheidet sich kaum noch von dem des Papstes auf Unfehlbarkeit in Glaubensdingen (weshalb vielleicht auch das Zugeben von Irrtümern Presseorganen wie Journalisten ein eher juckreizfördernder Akt zu sein scheint). Der Journalist, wird suggeriert, sei kompetenter als jede(r) Andere für die Erklärung gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen, politischer Hintergründe, öffentlicher Diskurse – kompetenter sogar als der Soziologe, der Historiker, der Naturwissenschaftler, also als der/die eigentliche Fachmann/frau. Würden Letztere, möchte man mutmaßen, in ihren Blogs sich über Themen aus ihren Fachgebieten ergehen, wertvoll würde das, was sie sagen, erst nach Weitergabe durch den Journalisten – den Experten für Alles (der sich seinerseits natürlich kostenlos bei diesen Quellen bedienen darf, andere sollen das nicht bei ihm dürfen, selbst nicht in Zitatform). Erst durch den Filter seiner allein objektiven Deutungsbrille geläutert wäre es qualitativ hochwertige Information. Er findet die relevanten und trennt sie von den unwichtigen Informationen, seine Auslese bestimmt, welche Informationen, welche gesellschaftlich relevanten wissenschaftlichen Theorien (etwa zur Gewaltforschung oder zur Frage, ob Geschlechterdifferenzen sozial oder genetisch bedingt seien), richtig oder falsch sind, und er irrt sich nie, da sowohl qua Ausbildung und kognitiver Gedankenschärfe zu kompetent für den Irrtum, als auch moralisch zu unbestechlich in seinem Urteil, als daß er je eigenen Vorurteilen oder Wunschdenken erliegen könnte. Er verfügt über eben jene genannte Deutungshoheit, und tut dies aufgrund vermeintlich ihm inhärenter Qualitäten, deren Vorhandensein wie das der Vorzüge aller Eliten zu allen Zeiten – feudalistischer wie heute etwa wirtschaftlicher – nicht nachgewiesen werden muß, sondern qua Behauptung erklärungsunbedürftig als Glaubenssatz gehandelt wird. Daß der Deutungsfilter des Journalisten, den jede Information passieren muß, um Wert zu erlangen, häufig aus nicht mehr besteht als Schubladendenken, Zeitgeistorientierung, ideologisch geprägter selektiver Wahrnehmung und unbewußter Selektion via Vorurteil, darf da natürlich nicht ins Blickfeld geraten.

Übrigens, was das „Argument“ der Internetschmäher betrifft, im Internet könne quasi jeder noch so Unberufene alles Mögliche schreiben: wären Fachleute, die selbst bloggen, ebenso unberufen? Oder geht’s vielleicht grad darum, daß – upsala – plötzlich ihro Gnaden der Journalist bzw. Redakteur nicht mehr die alleinige Entscheidungsgewalt darüber hat, wen er als berufen zu Interview oder Talkshow laden will (vielleicht weil dessen Meinung genehm ist, oder weil Kollege X oder Y gesagt hat, den kenn ich, such mal nicht weiter und frag den)?

Das eigentliche Verbrechen der Gegenöffentlichkeit und des bösen Internet in den Augen der Realitätsverwaltungspriesterkaste jedenfalls ist vielleicht unter anderem auch: daß beide gerade die Mängel des Qualitätsjournalismus häufig offenbar werden lassen, sowohl die handwerklichen als die, welche die nahezu als transzendent dargestellten Züge der Journalistenpersönlichkeit betreffen – ein sakrilegischer Akt (und sicherlich auch ein Tritt vors Schienbein des überladenen Egos mancher Betroffener).

Kurzum: pauschale Journalistenschelte wäre sicherlich verfehlt, und so Herr Sathom danach klingt, sagt er dazu, daß er nicht alle meint, jene aber, denen der Schuh paßt, ihn sich ruhig anziehen mögen; umgekehrt ist den pauschalen Angriffen des „Qualitätsjournalismus“ auf Bloggerszene und Weböffentlichkeit jedoch ebenso zu wehren. Denn jener die Berechtigung absprechen zu wollen heißt, die Uhr zurückdrehen zu wollen – in jenes Zeitalter, da die Presseschaffenden sich noch in dem Bewußtsein sonnen konnten, die Meinungsmonopolisten zu sein, in dem Wissen, daß sie nur Seriosität, Unbestechlichkeit des Urteils und Kompetenz behaupten müssen, um als Inbegriff dieser Werte zu gelten, während einseitige oder tendenziöse Berichterstattung, fummelige Recherche und andere Umtriebe ja nicht ruchbar würden, da die Öffentlichkeit keinen Vergleich hat (und welch eine Macht, nicht wahr: den Diskurs zu bestimmen und zu lenken, ihn entscheidend zu beeinflussen – daß sie davon heut noch träumen, scheint oft noch in ihrer Webschelte durch, welch ein Rausch muß das sein). Doch aus genau diesen Gründen ist die Gegenöffentlichkeit des Internet unverzichtbar, und hat bei allen Mängeln (welche Medienkompetenz zu durchschauen hilft) auch genau jene Vorzüge, welche die Verleumder leugnen, sich selbst aber an die Brust heften wollen. Als demokratisches wie die Möglichkeiten der Meinungsbildung erweiterndes Korrektiv zu etablierten und kommerziellen Medien ist sie unabdingbar, und wider sie zu streiten heißt, wider die Aufklärung zu streiten.

P.S.: Was die Aufklärung angeht, würde der tote Herr Kant, wäre er denn nicht tot, sicher jeden, der meint, wir lebten in einer „aufgeklärten“ Gesellschaft, daran gemahnen, daß Aufklärung ein stets fortzuführender, nicht endender Prozeß ist; dieweil die Rede von der „aufgeklärten“ Gesellschaft des Abendlandes suggeriert, man habe diesen Prozeß erfolgreich abgeschlossen, eine sehr selbstgefällige Chimäre. Insofern kann man natürlich auch nicht von einer „aufgeklärten Presse“ sprechen, sondern – im Besten aller Fälle – von einer, die sich der anhaltenden Notwendigkeit der Selbstaufklärung bewußt ist, und ihre Aufgabe darin sieht, zur fortschreitenden Aufklärung der Gesellschaft beizutragen, indem sie die Ergebnisse ihres eigenen Aufklärungsprozesses in den Diskurs einbringt und die Subjekte instand setzt, sie mit deren Grad der Selbstaufklärung zu verknüpfen. Davon ist auch der seriöse Qualitätsjournalismus  leider oft, glücklicherweise nicht immer, Lichtjahre entfernt.

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