:: TV-Tipp: Meet the Yes Men

Herr Sathom hat dem verdienstvollen Sender arte zu danken, welcher ihm ermöglichte, den hervorragenden, ebenso schockierenden wie ulkigen und auf jeden Fall sehr erhellenden Dokumentarfilm „The Yes Men Fix the World“ (dummdeutsche Übersetzung des Titels: „Die Yes Men regeln (?!) die Welt“), welchen er im Kino verpaßte, nunmehr auf der heimischen Flimmerkiste in Augenschein zu nehmen. Der Sender wiederholt das Werk am 17.09. um 14:45 Uhr (sowie in der Nacht vom 18. auf den 19.09. um 01:30), und Herr Sathom empfiehlt wärmstens, Video- oder DVD-Recorder zu jener Stunde auf Empfang zu programmieren.

Es sind jene Yes MenJacques Servin und Igor Vamos geheißen – keine Superhelden, sondern Spaßvögel, Politaktivisten gar, welche vor sehr ernstem Hintergrund agieren und mittels ernsthaft aufklärerischer Dokumentation wie auch absurd komischer Harlekinaden enthüllen, in welchem Ausmaß Politiker nicht Diener des Wohles Aller sind, sondern finsterer Lobbyisten Lakaien, wie die Mythe von der wundersamen Kraft des freien Marktes, die alle Wunden heile und Seligkeit den Gläubigen bringe, und das Märchen von der darob notwendigen Deregulierung der Wirtschaft von cleveren Geschäftemachern in der Staatenlenker Hirne geblasen wird, so daß diese jenen Raum geben, vermittels der Lügenfabel, wenn jeder skrupellos machen könne, was er wolle, fördere das die Wohlfahrt Aller, raffen und zum Schaden Vieler agieren können.

So zeigt der Film, wie ein gefälschtes Interview, in dem die wackeren Eulenspiegel verbreiten, der Konzern Dow Chemical (Eigentümer der verantwortlichen Union Carbide) wolle endlich den Opfern der Dioxin-Katastrophe in Bhopal helfen, deren Umwelt bis heute verseucht ist, die Aktie des Konzerns abstürzen läßt in bodenlose Tiefen, und enthüllt so die menschenverachtende Amoralität jener, die sich Aktionäre nennen; zeigt, wie im sturmverwüsteten New Orleans völlig intakte Sozialbauten abgerissen werden, diejenigen Bewohner der Stadt, die noch Obdach hätten, auf die Straße treibend, um an der jetzt erst zerstörten Heime Statt unerschwingliche Vorstadtvillen zu errichten, was der Bürgermeister verblendet als Beleg dafür feiert, den Marktwirtschaftlern freie Hand zu lassen, errichte die Stadt erneut; gewitzt camoufliert treten die Yes Men auf einer Ideenmesse zum Wiederaufbau als Gesandte der Mongolei auf und erleben, wie das Angebot geschenkter Jurten als kostenloser Übergangswohnungen auf keinerlei Interesse stößt, und präsentieren ebenfalls, quasi zum Vergleich, auf einer Tagung zur globalen Erwärmung einen an offensichtlicher Lächerlichkeit kaum zu überbietenden Katastrophenschutzanzug, den „SurvivaBall“, der quasi eine Art aufblasbares (schützender Airbag-Effekt!) Schnakenkostüm für Menschen darstellt, und welchen sich nur Reiche leisten könnten, der wiederum trotz der absichtlichen Blödheit der Ausführungen betreffs des Anzugs Fähigkeiten (etwa zwecks Ernährung des Insassen Tieren die Lebensenergie abzusaugen) auf begeisterten Zuspruch von Wirtschaftsvertretern diverser Couleur stößt.

Daß dies und Anderes nicht in alberne, zynische Kasperei ausartet, dafür sorgen dokumentarische Sequenzen, welche die reale Situation der Menschen in Bhopal und New Orleans darstellen (welche selbst, auch dies zeigt der Film, die Aktionen der Yes Men nach Bekanntwerden meist gutheißen, auch wenn gefoppte Wirtschaftler und eilfertige Medien den Eindruck zu erwecken versuchen, hier sei mit der Not der Armen, deren Wünschen und Ängsten Scherz getrieben worden; sehr eindrucksvoll fand Herr Sathom etwa jene Szene, darin eine ältere Einwohnerin von New Orleans einer Reporterin, die ihr quasi zu suggerieren versucht, ein von den Yes Men vorgetäuschter Kurswechsel der Regierung sei ein „mieser Trick“ auf ihre Kosten gewesen, scharfzüngig Paroli bietet und ihr vorhält, ohne jenen Hoax hätten die Medien sich doch nie vor Ort blicken lassen).

Wenn Herr Sathom an dem Ganzen etwas auszusetzen hat, dann nur dies, daß der Film oft die von den Yes Men kritisierten und vorgeführten Verhältnisse, Strukturen und Lobbyismus-Techniken als solche, mithin also Funktionsmechanismen und Ideologie des Kapitalismus und des auf Biegen und Brechen deregulatorischen Wirtschaftsliberalismus, sowie auch deren Techniken zur Manipulation und Mythenbildung, nicht detailliert und tiefgehend genug erläutert und analysiert, um zu verdeutlichen, was da Alles zu kritisieren ist und weshalb, so daß ein Resteindruck bloßen Schabernacks bleibt; allerdings kann man dies bei knapp 90 Minuten Spieldauer auch kaum erwarten. Vorkenntnis in diesem Themenbereich ist also zu empfehlen; Detaillierteres und teilweise wahrhaft Bestürzendes – mehr noch als aus dem Film hervorgeht – über die Mentalität der Wirtschaftsmächtigen kann man allerdings immerhin dem Wikipedia-Artikel über die Yes Men entnehmen (aus dem z.B. hervorgeht, daß diese fast nie negative, oft sogar positive Reaktionen erhielten, wenn sie als angebliche Vertreter der Welthandelsorganisation WTO im Rundfunk oder auf Konferenzen etwa emissionshandelartige Menschenrechtsverletzungsgutscheine, Sklaverei oder die Kontrolle von Arbeitnehmern per implantiertem Mikrochip propagierten, oder Hitlers Wirtschaftspolitik lobten (wobei etwa betreffs der Mikrochips selbst bewußt eingebaute Abstrusitäten wiederum keinerlei Anstoß erregten, doch man lese selbst, Herr Sathom will keine Pointen petzen). Die seltenen negativen Reaktionen auf derlei (etwa auf den Vorschlag, die „Dritte Welt“ mittels recyceltem Kot aus der „Ersten Welt“ zu ernähren) kamen wenn, dann von Gruppen oder Einzelpersonen, die ohnehin Gegner der WTO bzw. der von dieser propagierten Form des Kapitalismus waren).

Kurzum, Herr Sathom empfiehlt’s – zumal die Reaktion vieler New Yorker auf eine gefälschte Ausgabe der New York Times am Ende des Films auch jenen die Augen öffnen dürfte, die irrigerweise meinen, es seien alle Amis irgendwie doof. Ein schönes Ende, wenn auch leider nur für den Film und aktuell nicht für die Realität, mehr will Herr Sathom nicht verraten.

P.S.: Der deutsche Wikipedia-Artikel über die Yes Men enthält zwei kleinere Fehler: das Pseudonym eines der beiden lautet Mike Bonanno, nicht Bonano, und Jacques Servin ist wohl eher ein experimenteller denn ein Science Fiction-Autor. Zusätzliche, über den deutschen Artikel hinausgehende Angaben findet man in der englischsprachigen Version desselben.

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