:: Choose your poison

Am 27.09. ist „Schicksalswahl“. Hat irgendein Politiker, dessen Namen Herr Sathom erfolgreich verdrängt hat, jedenfalls gesagt. Ein Datum wahrhaft apokalyptischen Ausmaßes und millenienprägender Bedeutung also, von dem, wenn nicht das Schicksal der gesamten Menschheit oder gar des Raumzeit-Kontinuums, so doch zumindest das des Abendlandes abhängt. Huijuijui. Und Herr Sathom weiß immer noch nicht, wen er wählen soll. Böser, unentschlossener Herr Sathom.

Angie „“Wir“ sind Papst, äh nein, wählen die Kanzlerin“ Merkel? Bestimmt nicht. Allein dieses eine Wahlplakat – eine Frechheit. Wir wählen nicht zwischen Kandidaten, sondern, als stünde es eh fest,  „die Kanzlerin“ (und zwar eben genau die)? Woran erinnert das Herrn Sathom doch gleich – ach richtig: sind wir schon wieder im Einparteienstaat? Nachdem sie nun, wiederum so, als habe sie die Mühe ohnehin nicht nötig, wochenlang inhaltslos nicht wahlgekämpft, sondern nur televisionär salbungsvoll der auf Fenster projizierten, computeranimiert vorbeiziehenden jüngeren Geschichte zulächelnd die engelhafte Mutter der Nation gegeben hat, auch noch das – eine Beleidigung der Intelligenz jeden Wählers (nun ja, könnte gerade deshalb klappen). Dito sicher nicht die FDP – „Ihre Arbeit muß sich wieder lohnen“ tönt Herr Westerwelle von Plakaten (von den großen, auf den kleinen fehlt das „Ihre“) und meint: lohnen für die Absahner, nicht für Sie (ja, genau Sie) selbst. Wes Geistes Kind man mit der FDP aus der Flasche entließe, zeigt dabei schon, daß Herr Westerwelle schon wieder dabei ist, von den tatsächlichen Ursachen und Verursachern der Krise abzulenken, indem er Sozialneid und Vorurteile entfacht und diese, wie auch die negative Aufmerksamkeit, von den wirklichen Banditen auf die Schwächeren der Gesellschaft umlenkt, indem er angebliche „Sozialschmarotzer“ geißelt – wobei es ihm tatsächlich nicht zu blöd ist, als Beleg für sein „Wissen“ über diese bösen Parasiten jene unsäglichen Mittagstalkshows zu zitieren, darin dummdreiste Narren sich exhibitionistisch zu profilieren suchen und sich dabei dem üblen Zweck dieser Shows, zu diffamieren und Vorurteile zu schüren, zu Diensten machen (siehe hier). Diese Shows erfüllen ja vielerlei Zweck, zumal den, die Angst der noch arbeitenden vor Jobverlust dadurch zu mildern, daß sie Arbeitslosigkeit als allein durch Faulheit verursacht darstellen (Motto: „mir kann das nicht passieren“); womit sie nicht nur von den tatsächlichen Ursachenzusammenhängen ablenken, sondern auch gleich den Boden dafür bereiten, daß diejenigen, welche dann doch arbeitslos werden, jede Zumutung bereitwillig akzeptieren, und daß bei dennoch längerer vergeblicher Jobsuche die Scham ihnen den Mund verschließt oder man ihr Klagen als unglaubwürdig abtut. So können sich auch, wie schon oft medial berichtet, dubiose Firmen prima Lohnsklaven verschaffen, deren Gehalt dann der Staat zahlt und das als „Fortbildung“, „Qualifizierung“ oder Prüfung der Arbeitsbereitschaft der Betroffenen ausgibt, dieweil diese die Arbeitslosenstatistik schönen (was medial durchaus dokumentiert ist, aber bei den Sendern, die jene Talkshows veranstalten, wohl auch deshalb auf weniger Interesse stößt als die gute, alte „Faulheitstheorie“, weil ein gewisser Verlag deren Anteilseigner ist). Daß Herr Westerwelle derart von den tatsächlichen Zuständen ablenkt und sich nicht zu schade ist, dabei in die allerniedrigste Schublade primitiver Vorurteile zu greifen, sagt alles aus, was man über seine Partei wissen muß.

Dann also die Linke? Noch zu viel SED-Vergangenheit in der Bande. Die Piraten? Zu klientelhaft, vielleicht später. Oder vielleicht doch jetzt, die Grünen mußten sich ja auch erst über ihr Ursprungsanliegen hinaus profilieren, aber diese Sache mit dem Pädophilen da liegt schwer im Magen. Andererseits: die Piraten befinden sich aktuell in einer Diskussion des Themas, welche teils (eher selten) infantil, teils (überwiegend) sehr reflektiert, vor Allem aber: öffentlich im Web stattfindet (was sie wiederum wohltuend von anderen Parteien abhebt; und überhaupt: woher wissen wir, wie viele Pädophile oder auch Antisemiten (s.u.) in diesen Parteien…?); Herr Sathom findet jedenfalls angesichts der Äußerungen in den Diskussionsforen keinen Anhaltspunkt dafür, daß diese Partei ein Zufluchtsort für das elende Pack der Kinderschänder sei, dem Herrn Sathoms Fluch und Bann gilt (siehe beispielhaft hier, hier, hier und hier). Betrachtet Herr Sathom dementgegen den Umstand, daß der widerliche und verabscheuungswürdige innerfamiliäre Mißbrauch, der den Betroffenen unsägliches Leid und schwerwiegende Traumatisierung bereitet, immer noch ein totgeschwiegenes Thema in unserer Gesellschaft ist, und daß die Bestrebungen der CDU hier eher dem Verschwinden des Themas „Mißbrauch“ (inner- oder außerfamiliär) aus dem öffentlichen Bewußtsein dienen als der Ursachenbekämpfung, dann sind ihm die Piraten doch lieber. Dito betreiben jene derzeit den Parteiausschluß eines, der sich antisemitischen Geredes schuldig gemacht hat (auch derlei kam bei anderen Parteien schon vor), was sich hier und hier nachvollziehen läßt. Herr Sathom muß also feststellen, daß die Piraten bereits dabei sind, sich betreffs nicht klientelhafter Themen zu positionieren und entsprechende Grundsatzdebatten führen, welche ihm auch keinerlei Anlaß zur Besorgnis über die humanistische und demokratische Gesinnung dieser Partei geben und welche – wie gesagt – öffentlich (also für alle sichtbar, nachvollziehbar und kritisch überprüfbar) stattfinden und auch Nicht-Parteimitgliedern die Möglichkeit zur Meinungsäußerung, also der Gesellschaft die Option breiter Beteiligung bieten. Wo findet man das sonst?

Doch wie dem auch sei – was ist mit den Grünen, wo sie grad zur Sprache kamen? Kaum, sind sie doch längst rückgratlose Wendehälse und Vertreter einer einst progressiven, nunmehr verspießerten Anhängerschaft geworden. SPD? Indiskutabel. Über die „sonstigen Parteien“ breiten wir mal den Mantel gnädigen Schweigens.

Tja, was wählen?

Vielleicht ist unsere Demokratie eh nur noch potemkinsches Dorf mit den Politikern (zumindest von CDU/CSU, SPD und FDP) als Lakaien der Feudalkapitalisten. Vielleicht muß da, selbstorganisierend, etwas Neues, wirklich demokratisches Entstehen, so in Richtung Piratenpartei, nur eben nicht thematisch so eingeschränkt. Vielleicht kann es das ja, gerade auch durch die Gegen- und Nebenöffentlichkeit des Netzes, vielleicht beginnt’s ja schon mit den Piraten als erstem Schritt. Oder wir müssen tatsächlich erstmal schwarz-gelb ertragen („Tigerentenkoalition“ sagte neulich im Schlachthof der Herr Ottfried Fischer witzig), damit es so richtig schmerzhaft wird und die Leute wieder merken, daß sie auch mal widerspenstig sein müssen. Na klasse, Politikerbande – sehr ihr, was ihr angerichtet habt: Herr Sathom wird zum Utopisten.

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