:: What’s in a rich man’s head

Manchmal muß Herr Sathom sich einfach aufregen. So wie Donnerstag nacht, da er, vom anstrengenden Tagwerk ermüdet, auf Entspannung sinnend durch die Fernsehkanäle zappte und im ZDF-Infokanal (wie immer in derlei Fällen also im Spartenkanal versteckt und dem Mainstream-Publikum somit eher unzugänglich) einer Dokumentation ansichtig wurde, darin man der Frage nachzugehen gedachte, was „gerecht“ sei, und das Dasein der Reichen mit der Fron der Billiglöhner verglich (inklusive Selbstversuch des ZDF-Reporters als Niedriglohnarbeiter). Anläßlich eines Ringelpietzes auf Sylt frug der wackere Reporter den daselbst sich die Ehre gebenden Herrn Wolfgang Joop, wie er die Sache – also das Verhältnis der Entlohnungen – einschätze, und Herr Joop gab gut gelaunt eine Antwort, die sicher prototypisch ist für der Wohlbestallten Gesinnung: daß nämlich erstens extreme Leistung auch extrem belohnt werden müsse, und dann, und dies fand Herr Sathom bemerkenswert, einen Ausspruch des Kollegen Lagerfeld zitierend: daß der Charme des Lebens darin bestünde, daß es eben nicht gerecht sei, und daß ein „System“, darin es gerecht zuginge, doch etwas Merkwürdiges oder Seltsames (der genauen Wortwahl entsinnt sich Herr Sathom nicht, sinngemäß jedenfalls: etwas Absonderliches) sein müsse. Die erste Aussage verdient eine ausführliche kritische Würdigung; doch nehmen wir uns zunächst einmal die zweite vor (wohlgemerkt: Herr Sathom behauptet nicht, sie stamme ursprünglich in dieser Form von Herrn Lagerfeld, sondern nur, daß Herr Joop zumindest glaubte, dem sei so).

Was soll man dazu sagen? Sofern man nicht schon, seit Jahren von neoliberaler Propaganda hirngewaschen, jederlei Gefühl für Anstand, Maß und menschliche Fähigkeit zur Empathie gänzlich verloren hat, muß einem der erzürnende, menschenverachtende Zynismus einer solchen Aussage, die hier noch frivol aufgeräumt zum Besten gegeben ward, wie ein Schlag ins Gesicht erscheinen. Da erzählt einer, dem selbst die Sitzgelegenheit mit Goldstaub gepudert ist (ob, wie er selbst meint, verdient, oder unverdient, dazu unten mehr), die Ungerechtigkeit mache den Charme des Lebens aus, mit anderen Worten: in einer Welt, in der  – weiten wir die Perspektive mal ruhig über Deutschland hinweg aus – einige wenige prassen können, dieweil anderenorts die Menschen verhungern, die Ärmsten heute noch Sklaverei und Menschenhandel ausgeliefert sind, Heere Vieler für den Wohlstand Weniger schuften, in einer solchen Welt also meint der Herr Joop genau dies charmant am Leben finden zu können. Wie erbärmlich ist das denn. Aber wie typisch auch – es ist eben das (auch häufig und gern, zum Beispiel in Talkshows, zum Besten gegebene) Credo der Bessergestellten, daß die lustigen Kinder in den Favelas oder die in bunten Saris dahinsiechenden Armen in Indien – oft überhaupt erst als Kontrastprogramm zum nebenan wuchernden Reichtum – die heiteren Farbtupfer der schönen Schampuswelt ausmachen, kurz: das Leid der anderen ist jenen beim Champagnersaufen zu genießende Folklore, womöglich Balsam noch für ihr Ego, können sie sich doch schmeicheln, es besser als jene „verdient“ zu haben. Charmant jedenfalls kann man derlei wohl nur finden, wenn man selbst auf eitel Platin gebettet ist und sich ohnehin irgendwie oberhalb des Rests der Menschheit dünkt, deren Treiben man darob betrachten kann wie eine Art Unterhaltungsprogramm, darin virtuelle Figuren, die einen nichts angehen – weder emotional noch sozial – leben, weben und sterben (und einem zwischendurch Häppchen servieren). Im Gegensatz dazu – und nur so scheint Herrn Sathom des Herrn Joop Rede wider die Gerechtigkeit sinnvoll interpretierbar – scheinen sie sich eine „gerechte“ Welt vorzustellen als eine, in der ein trüb-grauer Kommunismus Allen das gleiche Einkommen garantiert (bzw. verordnet), egal, ob diese nun ein extrem kreative und sonstwie übermenschlich begabte Schmetterlinge, oder nur die Straße kehrende Motten seien. Kurzum, sie meinen, Gerechtigkeit hieße, die besonders Begabten irgendwie zu bestrafen. Den Stand der Dinge, von dem sie profitieren, empfinden sie jedoch durchaus als über alle Maßen „gerecht“.

Womit wir bei der ersten, anfangs vernachlässigten Aussage wären. Diese nämlich beinhaltet eine faustdicke Lüge. Wohlgemerkt keine, die Herr Sathom dem Herrn Joop absichtlich ausgesprochen zu haben unterstellt; sondern eine allgemein als gesellschaftliches Pseudowissen verbreitete, an die der Herr Joop und viele andere, arm oder reich, sicherlich selber glauben. Wer leistet denn eigentlich mehr? Altenpflegerin und Krankenschwester, die sich krumm schuften im Dienst an Anderen, Kindermädchen oder Kita-Erzieher/innen, Haus- und Putzgesinde, das Professoren und Doktoren wie auch erfolgreich Kreativen all jene Arbeiten abnimmt, welche sie, müßten sie diese selbst ausführen, an der Ausübung ihrer eigenen Tätigkeit verhindern oder darin einschränken würden? Die vielen, die durch unterbezahlte Schufterei den Mehrwert überhaupt erst generieren, welchen die an der Spitze von Unternehmen stehenden, oder gar ganz tatenlosen Aktionäre dann einstreichen? Oder der, welcher wie Schumi im Auto seine Runden dreht, wie’s Bobbele ein bißchen Tennis spielt, oder eben als Modezar denen, welchen die zur Entwicklung eines eigenen Geschmacks notwendigen Eigenheiten aberzogen und durch dauernde Vorgaben der Werbeindustrie von frühester Kindheit an plattgemacht wurden, vorgibt, was sie anzuziehen, wie sie auszusehen, wie sich zu gestalten hätten, um uniform und konformistisch als Konsumenten zu funktionieren? Wer von diesen leistet wirklich mehr – und müßte, ginge es eben nicht brachialsozialistisch „gerecht“, sondern wirklich gerecht zu, entsprechend entlohnt werden?

Kurzum: man wird eben im Kapitalismus in Wirklichkeit nicht nach Leistung bezahlt, sondern vielmehr nach Maßgabe des Mehrwerts, den einer für Dritte generiert: keineswegs etwa leistet der Sportler mehr als der Straßenkehrer (und vor Allem: keineswegs nützlicheres), doch als Werbeträger vermag er unzählige Konsumenten anzuziehen, was Schotter ohne Ende für Werbeagenturen und Hersteller beworbener Produkte bedeutet, und danach richtet sich sein Salär; keineswegs leistet der Manager mehr als der Fließbandarbeiter (und ohne letzteren wäre ersterer in der Tat nur ein nutzloser Patron, gleich einer ihrer Ameisen beraubten Königin), sondern ist eben nicht nur, aber auch derjenige, welcher qua Ausbeutung der eigentlich arbeitenden den Aktionären fette Börsen beschert, und eben darum wird er hoch entlohnt. Weshalb auch hohes Einkommen nicht, wie oft per Umkehrschluß angenommen, automatisch mehr oder „bessere“ vorausgegangene Leistung impliziert. Daß diese tatsächliche Maßgabe dafür, wieviel einer „verdient“, gänzlich unreflektiert (oder unterschlagen) bleibt, ist kaum verwunderlich; schmeichelt doch der Mythos des Leistungsträgers dem Ego jener, die sich solche wähnen dürfen, und hindert zugleich die Gefoppten, klar zu sehen, weshalb das Geld wohin strömt. Dieweil deren Leistung nicht nur oft hungerentlohnt wird, sondern auch beständig zur Disposition steht, nämlich ihre mögliche Absenkung betreffend.

Wohlgemerkt: Herr Sathom plädiert keineswegs dafür, daß nun Kreative, Manager und andere Ihresgleichen am Hungertuch nagen sollen; doch ein wirklich leistungsgerechtes Mehr für die unterbezahlten, und entsprechend etwas weniger für diejenigen, die derzeit mehr erhalten, als sie in zehn Leben ausgeben könnten, das fände Herr Sathom gerecht. Und das sagt er, wiewohl selbst kreativ und künstlerisch tätig. Denn auch darum geht’s: daß eben nicht die, welche wirklich viel und besonderes leisten (was allerdings viele jener aufgrund ihres aufgeplusterten Egos nur von sich meinen), „bestraft“ würden, sondern daß nicht viele unverdient schwelgen, viele andere ebenso unverdient trotz enormer Leistung darben müssen (und wenn das die Welt etwas weniger „charmant“ machte, dann scheiß’ auf den Charme).

Zumal es ja auch so ist, daß die vielbeschworene Freiheit in unserer Gesellschaft ja in vielerlei Hinsicht auch vom Geldbeutel abhängig ist – denn auch die Möglichkeit, sich zu informieren, seine Meinung zu verbreiten, oder einfach das eigene Leben so zu gestalten, wie man es jenseits seiner Pflichten wünscht, all diese Freiheiten kosten, und wer den Menschen die Möglichkeit nimmt, diese Kosten zu tragen, der beraubt sie eben auch ihrer Freiheit – und kauft sich die seine auf deren Kosten.

Nach all diesem Eingeprügel auf die selbsternannten „Leistungsträger“ (Herr Sathom, der als Student in vielerlei Dienstleistungsjobs, aber auch physisch ackernd, sein Geld verdiente, durfte deren Dünkel, von welchem das „Charme“-Zitat nur einen kleinen Eindruck vermittelt, zur Genüge kennenlernen) nun aber noch ein Wort zum bürgerlichen Mittelstand. In besagter Doku nämlich erzählte auch ein munterer und offenbar nicht armer Pensionär ganz in sich selbst ruhend, junge Leute, die trotz hochqualifizierter akademischer Abschlüsse keine Jobs bekämen, hätten eben einfach „Pech“ (wären also Opfer nicht beeinflußbarer Umstände), weil nun mal aktuell die Wirtschaftslage so sei; eine Äußerung, in der wunderbar kulminiert, wie unreflektiert jener Stand den Markt als Schicksalsmacht (und nicht als menschengemacht und –gesteuert) akzeptiert, und änderbare Sachlagen als naturgesetzliche Realitäten hinnimmt, denen sich widerspruchs- oder zumindest kritiklos unterzuordnen eben alternativlos ist (eine Einstellung, die um so bequemer ist, sofern es einen grad nicht selbst erwischt). Umgekehrt hörte man gut gekleidete junge Leute, die wohl kaum von Brotkrusten leben, welche die Berentung der Alten „ungerecht“ finden, weil sie meinen, diese gehe auf Kosten ihrer Bildung, und die offenbar von denjenigen Rentnern, welche kaum genug zum Leben haben, noch nie etwas vernahmen. Kurz: allen ist ihr eigener Arsch am nächsten, sollen die anderen doch sehen, wo sie bleiben – und wen’s erwischt, wer leider gerade heutzutage jung ist, oder eben alt, man selber wird’s ja nie, Pech gehabt. In alledem spiegelt sich die völlig irrationale Gemengelage mittelständischen „Denkens“ (in Anführungszeichen gesetzt, weil hier weniger gedacht, als einer eigenartigen Suppe oft einander widersprechender Binsenweisheiten und naturalistisch-monistischer („Pech“, „Schicksal“ „Der Markt“ als irgendwie eigenständig agierende Naturmacht) Ansichten angehangen wird, welche auf Nachfrage auszugsweise verbal reproduziert werden können): daß man irgendwelchen nicht hinterfragbaren Mächten ausgeliefert sei; daß die „Anderen“ – je nachdem die Jungen oder Alten, die Armen oder die Ausländer – schuld sind oder diejenigen seien, die kürzer zu treten hätten; daß man dies den eigentlichen Absahnern aber nicht nahelegt, sondern sich lieber untereinander befehdet und beneidet; usw. Mithin also die erfolgreiche Implantierung der wirtschaftsliberalen Ideologie gepaart mit ebenso erfolgreicher Entsolidarisierung.

Da ist es kein Wunder, findet Herr Sathom, daß gerade jene Parteien, die bisher der Deregulierungsabzocker willfährige Lakaien waren (und es auch bleiben werden, keine Sorge) im aktuellen Wahlkampf grad um den Mittelstand so besorgt sind, um den gehobenen zumal, obwohl sie doch dessen Zerbröckeln zugunsten weiteren Auseinanderklaffens der Schere zwischen Arm und Reich bisher nichts entgegensetzten: bestehend aus unsolidarischen Einzelkämpfern, geängstigt durch die Möglichkeit des Abrutschens hinab zu den verachteten „Prols“, gläubig und glücklich indoktriniert von der Ellbogenideologie derer, die ihn ausplündern, deren verquaste Weltsicht teilend und bejahend, so wie er auch seine eigene Unterdrückung gutheißt, so lange sie nur die da unten auch trifft und sie ihm vom Leibe hält, ist der mittelständische Bürger letztlich, was er stets war: der nützliche Idiot, der die wählt, welche ihn und die unter ihm veralbern, daß die Balken krachen.

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2 Kommentare zu „:: What’s in a rich man’s head“

  1. Würde man sich nicht auf der fadenscheinigen Ausrede „Pech“ ausruhen, müsste man zugeben, dass irgendwas nicht stimmt. In den meisten Fällen habe ich auch das Gefühl, dass man sehr wohl weiß, wo das eigentliche Problem liegt, da man durch Aussprechen und Zugeben aber am eigenen Ast sägen würde, lässt man es lieber bleiben und greift auf das gute, altbewährte „Pech“ zurück.

    Wer nicht alles Pech hat heutzutage, aber die sind es ja eh nicht wert. Oder?

    1. Ich sehe da zwei scheinheilige Arten des Umgangs mit „Pech“. Die eine ist halt eine neoliberale Ideologie, daß man mit der richtigen „Einstellung“ alles erreichen kann, egal, wie die äußeren Umstände sind – derzufolge wäre der Rekurs auf eigenes „Pech“ immer eine Ausrede, der „Versager“ immer selbst „schuld“ (weil er irgendwie nicht kapiert, wie der Laden läuft, der Erfolgreiche aber schon). Die esoterische Variante dessen ist, daß einem bei der „richtigen“ Einstellung „das Universum“ schon alles entgegenbringt, Geld, Liebe, und was nicht noch. In der Alltagsmythologie mischen sich meist beide Varianten. Der psychologische Zweck dieser Mythologie ist unter Anderem der, sich sagen zu können: mir kann das nicht passieren, ich mache alles richtig, und da es „Pech“ nicht gibt, kann ich auch das nicht haben. Ich werd‘ halt nicht arbeitslos, das passiert nur Versagern. Verleugnung und Verdrängung also.

      Demgegenüber meine ich, daß man eben trotz bester Bemühungen manchmal auch scheitern kann – das kann tatsächlich „Pech“ sein, auf unbeeinflußbaren Umständen beruhen, oder systembedingt (die meisten Anleger, die in der Finanzkrise Hab und Gut verloren haben, haben ja an sich alles „richtig“ gemacht – nämlich genau das, was die Klugscheißer, die die neoloberale Ideologie vertreten, ihnen zu tun gesagt haben). Und es kann auch sein, daß Manche einfach absahnen, weil sie das System besser bedienen (eben liefern, was Mehrwert für Dritte generiert, während andere bloß „leisten“, die Krankenschwester z.B.), was dann eine systembedingte Ungerechtigkeit ist.

      Natürlich kann Pech auch eine individuelle Ausrede für einen selbst sein – aber nur, wenn man nicht trotz Pech weitermacht, sondern sich drin hängen läßt. Diese Alltagsmythologie unterstellt aber quasi jedem, er rede sich nur heraus.

      Der andere Fall – den ich oben erwähne – ist der, daß man von Anderen, die Schwierigkeiten haben, sagt, sie hätten eben „Pech“. Klingt wie das Gegenteil der oben beschriebenen Alltagsmythologie, erfüllt aber einen ähnlichen Zweck: klar, wenn die bloß Pech haben, ist mit dem System alles in Ordung, also müssen wir uns damit nicht befassen oder gar was ändern. Außerdem ist das natürlich auch ein Abwehrmechanismus: eine Art verbales Achselzucken.

      Und eben: wer nicht alles Pech hat heutzutage. Müßte einem zu denken geben… wenn’s eben nicht bloß Pech wäre. Praktisch.

      Und sie sind es verdammt nochmal wert.

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