:: Opel! „taz“! Imperium! – Der multithematische Monumentalartikel in Überlänge

…weshalb Genuß von Knabberzeug beim Lesen und Pinkelpausen ausdrücklich erlaubt, sogar empfohlen sind.

Und worum geht’s? Nun, das verrät Herrn Sathoms

Prolog: GM behält Opel, die „taz“ kommentiert

Tja, es ist so gekommen, wie man schon vor der Wahl hätte ahnen können (oder besser: wissen mußte, da es sich bereits abzeichnete): General Motors möchte Opel doch lieber behalten. Gewerkschaftler und Politiker heulen auf, da der präferierte Magna-Deal nun gescheitert ist – wobei, wie die „taz“ am 05.11. ganz richtig schrieb, es gar nicht so sicher ist, ob Magna die bessere Alternative für die Opel-Beschäftigten gewesen wäre, wollte doch auch Magna mehr als 11.000 Stellen abbauen und bot zwar Bestandsgarantien für die Werke, deren Einhaltung jedoch in den Sternen stand. Die pflichtschuldige Empörung der Politik, auch damit hat die „taz“ Recht, klingt nach heimlicher Erleichterung – man hat die Sache vom Hacken, wäre Opel mit Magna zugrundegegangen, wäre die Politik, welche das Magna-Modell propagierte, verantwortlich gewesen, geht’s nun mit General Motors schief, dann ist allein GM in der Verantwortung.

So weit, so gut – oder vielmehr schlecht. Was an der „taz“-Berichterstattung (genauer gesagt, am Tenor der Kommentare) jedoch bei aller sachlicher Richtigkeit ebenfalls auffällt, gibt Herrn Sathom zu denken.

Eine gewisse klammheimliche Freude, welcher unter Ausblendung des Schicksals der Opel-Beschäftigten der Stand der Dinge in einem Fall Anlaß zur Häme, ein andermal zum wertenden Schmähen der Kritiker an der GM-Entscheidung ist, berührt ihn bei Lektüre der Kommentare unangenehm. Und beides hat einen Grund – einen ganz spießigen, ideologischen Grund, wurzelnd in einer Einstellung, die sich zwar für unideologisch hält, aber sehr wohl Ideologie (im Sinne von Weltdeutungssystem und Selbstdefinition anhand der Wertungen und Stereotypen, welche dieses System anbietet) ist, wie Herr Sathom im Folgenden einmal aufzeigen möchte. Er wird dazu weiter ausholen müssen.

Lesen wir jedoch erstmal rein: gleich auf der Titelseite geht’s los. Die „angeblich so weltoffenen Deutschen“, erzählt uns Kommentator Ralph Bollmann dort, hätten bereits im Wahlkampf „die hässliche Fratze des Ressentiments“ gezeigt; die Amerikaner wären gebrandmarkt worden als „böse Turbokapitalisten“, die den „anständigen deutschen Arbeiter aussaugen“, die Italiener als „schmierige Geschäftemacher“, die deutsche Subventionen abzocken wollen. Herr Bollmann berichtet über die Reaktionen auf die Ereignisse und deren Vorlauf auch auf Seite 3 (unter dem Titel „Ende des Wahlkampfs, Ende der Verantwortung“) und analysiert die scheinheilige, geheuchelte Empörung der Politiker und die Motive für dieselbe dort sehr schön und luzide; hier fiel Herrn Sathom nur eine Formulierung auf, die dem Tenor seines Kommentars entspricht, wenn er davon redet, die Politiker überböten einander in „Schimpftiraden über die amerikanischen Manager“. Das muß nichts heißen, könnte nur ein weitere Darstellung ihrer Heuchelei sein, bekommt in Zusammenhang mit seinem Kommentar gesehen aber doch einen leicht anderen spin. Die Wahl des Begriffs „Schimpftiraden“ deutet auf albernes Gezeter hin, ganz und gar unberechtigt, was zufällig sein mag, aber im Kontext mit dem Kommentar doch einen Rückschluß auf die Gesamtsichtweise des Autors zuläßt, auf seine Einschätzung bzw. Wertung der handelnden Parteien, die Herrn Sathom recht einseitig erscheint, wie er auszuführen gedenkt.

Zum Kommentar in der Kolumne „Verboten“ (das ist die hämische) wird sich Herr Sathom weiter unten noch äußern, und auch immer wieder auf die hier besprochenen Texte zurückkommen.

Kapitel 1: Herr Sathom kommentiert den „taz“-Kommentar

Zunächst einmal: es ist wahr, daß man hierzulande mit dem Kopf im Arsch herumlief, auch gewerkschaftlicherseits, und einem das Schicksal der Werktätigen in anderen europäischen Ländern egal war, ja, man sogar sich bereit fand, zu deren Schaden zu handeln. Was eine Schande und zudem eine ausgesprochene Dämlichkeit ist, eine Dämlichkeit, die leider typisch ist und deswegen kontraproduktiv, weil der Tunnelblick von Politikern und denjenigen (nicht allen) Gewerkschaftlern, die immer nur wie hypnotisiert auf den unmittelbaren nationalen Nahbereich starren,  ein Staatsgrenzen übergreifendes, solidarisches Agieren gegen die ja ebenfalls international agierenden Konzerne verhindert. Es ist auch wahrhaft brechreizerregend, wenn sich deutsche Politiker beleidigende, von widerwärtigen Ressentiments triefende Ausfälle erlauben, um den Zorn der Arbeitnehmer auf ihre Kollegen in anderen Landen zu lenken (siehe unten).

Wollte man darauf kritisch hinweisen, wäre Herr Sathom ganz einverstanden. Doch solche Kritik, meint Herr Sathom, ist nicht das Einzige, was aus des Herrn Bollmann oder der „taz“-Kommentare Aussagen insgesamt spricht. Deren Perspektive gründet vielmehr ebenfalls auf eigenen Ressentiments – so meint jedenfalls Herr Sathom. Weshalb? Nun, lassen wir mal beiseite, ob wirklich jemand von „anständigen deutschen Arbeitern“ oder „schmierigen“ Italienern gesprochen hat, oder ob dies lediglich Zuspitzungen (bzw. Phantasien) des Herrn Bollmann sind, für den das einfach so passen würde, weil man als intellektueller Journalist ja „weiß“, wie die Prolls da unten ticken, so daß man ihnen mit derlei rassistischem Gefasel kommen kann  – was der Kommentar ja impliziert, da er sie als Zielpublikum antiamerikanischen Geschwätzes voraussetzt. Richtet sich Herrn Bollmanns Kritik hingegen ausschließlich gegen die Politiker, oder abstrahiert von dem, was diese an Dumpfkram tatsächlich geäußert haben, dann will Herr Sathom nichts gesagt haben; doch er hegt Zweifel. Daß nämlich Herrn Bollmann nicht auffällt, daß neben deutschen auch hiesige türkische und andere migrierte Angestellte von der Opel-Krise betroffen, somit also auch Zielpublikum der GM-Kritik sind (immer vorausgesetzt, seine Implikation eines Zielpublikums sei von ihm reflektiert worden), läßt Herrn Sathom sich fragen, ob solche Übersehung nicht konsequenterweise sein muß, damit es so gut paßt: Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund könnten ja schlecht Adressaten auslandsfeindlicher Parolen sein – ihre Existenz und Betroffenheit muß also ausgeblendet bleiben, wenn man in der Phantasie schwelgen will, nur dumpfnationalistische Affekte motivierten die GM-Kritik, eben weil diese Phantasie ein rein deutsches, zudem durchweg durch Beschwörung solcher Affekte beeinflußbares Publikum für solche Kritik voraussetzt. Dies verweist zumindest indizienhaft auf ein Reservoir eigener Vorurteile bezüglich der Arbeitenden, aus dem der Autor schöpft; denn nur die implizite Annahme eines auf verhetzende Parolen ansprechbaren Publikums unter den Beschäftigten erlaubt seine Darstellung, die (ebenfalls implizit) suggeriert, daß alle GM-Kritik sich in Ressentiments gegen die doch vollkommen unschuldigen „Turbokapitalisten“ bei GM erschöpft. Daß er, wenn er tatsächlich nur der politischen Zunft ihre Brandreden vorhalten will, sich zumindest verdammt unpräzise ausdrückt („die Deutschen“ zeigten „die hässliche Fratze des Ressentiments“, nicht „die deutschen Politiker“), ist darüber hinaus zumindest ein Indiz dafür, daß er entweder sprachlich zu wenig differenziert, oder tatsächlich Arbeitnehmer und Politiker als eine xenophobe Melange denkt, aus welcher die nicht deutschstämmigen (aber immerhin ja möglicherweise wahlberechtigten) Arbeitnehmer qua Nichtwahrnehmung herausfallen. Jedenfalls weiß der Kommentator: die Adressaten solch tumber Parolen haben „Instinkte“, welche Merkel und Steinmeier im Wahlkampf „bedienten“ – was soll denn das heißen? Man kennt diese Primitiven ja, instinktgesteuert eben? Das paßt allerdings ins Weltbild einer pseudolinken Avantgarde.

Wohl wahr: die Wahlkämpfer haben die Opellaner wie auch die Quelle-Beschäftigten verarscht, dabei auch Illusionen genährt (wen dies mit Schadenfreude wider die leichtgläubigen Betroffenen erfüllt, der möge einmal selbst in die Situation kommen, darin er vor Existenzangst nach jedem Strohhalm zu haschen bereit ist); die aus Herrn Bollmanns Kommentar nun einmal sprechende Annahme aber, die Beschäftigten seien ein dankbares Zielpublikum für antiamerikanische Ressentiments (könnten eben mit diesen „bedient“ werden“), durchweg deutschnationale Dumpfbacken, die auf derlei fremdenfeindliche Parolen reagieren wie pawlowsche Hunde, die gleichzeitige Ausblendung des Umstands, daß zu ihnen durchaus auch Türken, Italiener und wer nicht noch zählen, zeigt, daß hier ein dünkelhaftes, im Grunde genommen dem pseudotoleranten, pseudoaufgeklärten großbürgerlichen Spießertum entstammendes Vorurteil gegen die „Proleten“ wirkt – auch wenn dies dem Autor möglicherweise gar nicht bewußt ist. Den Eindruck verstärkt der Umstand, daß die Verantwortlichen bei GM – auch in anderen Kommentaren und Darstellungen dieser Ausgabe – von jeder Kritik freigestellt werden, ja, angesichts der Darstellung des einzig und allein betonten inländischen Versagens (das ja auch wirklich vorliegt) wie die zu Unrecht verfolgte Unschuld erscheinen (die man mit „Schimpftiraden“ überhäuft). Nicht zuletzt durchzieht alle Kommentare ein Unterton von „geschieht ihnen (auch dem Herrn Klaus Franz – von dessen möglichen Motiven man durchaus nichts halten muß, wie Herr Sathom findet – der auf Seite 2 von Klaus-Peter Klingelschmitt porträtiert wird) recht, weil sie vorher so frech waren“ – eine Häme, die deplaziert ist, weil die Zeche die Arbeitnehmer zahlen, nicht die Politiker oder der Betriebsratschef Franz, und die zudem von der typischen großbürgerlichen Schadenfreude zeugt, die immer befriedigt grient, wenn einem, der sich nicht benommen hat, etwas Schlimmes widerfährt.

Dabei fällt, wie gesagt, an der Gesamtberichterstattung der „taz“ die Bewertung des Verhaltens von GM als durchweg positiv auf: in der Kolumne „Verboten“ freut man sich, die „undogmatischen Amerikaner“ hätten die „verkniffenen Gurken“ der deutschen Politik blamiert; überhaupt, so der Gesamttenor, handelten die GM-Leute doch völlig nachvollziehbar, wollten sich eben nicht um Opels Know-How bringen, etc. Schön, daß das Geschick der um ihr Einkommen bangenden so pupsegal ist – Hauptsache, man kann sich freuen, daß die doofen Politkasperl dumm dastehen.

Herr Sathom meint jedenfalls, daß bereits die Interpretation des Handelns von GM als „undogmatisch“ eine verzerrte Wahrnehmung ausdrückt; denn gegen was für ein Dogma soll GM denn hier gehandelt haben? Die Aussage ist sinnlos; es entsteht der Eindruck, daß „undogmatisch“ hier ein auswechselbares Nullwort ist (man hätte ebensogut „pragmatisch“ oder „unideologisch“ sagen können), das einfach zur Anwendung kommt, weil das Handeln des GM-Vorstands richtig sein soll, muß, und daher – ob nun in absichtlicher Verzerrung oder ganz einfach dem unbewußten Wahrnehmungsfilter des Autors entsprechend – einer beliebigen, positiv besetzten Floskel zu seiner Bewertung bedarf. Davon, um was für einen Wahrnehmungsfilter es sich dabei handelt, wird noch die Rede sein.

Ironischerweise gehen nun beide Sichtweisen, die der „taz“ wie auch der Geschmähten (eines Jürgen Rüttgers etwa, der sich nun durch Verwendung des Schlagworts „Turbokapitalismus“ profilieren will), an der Sache vorbei. Die Ursachen der Opelkrise sind vielschichtig und – wie bei Quelle auch – teilweise hausgemacht, allerdings eben nicht nur daheim, sondern international; die Politiker greifen daher bei ihren Anwürfen gegen GM auf berechtigte, im Zuge der Weltwirtschaftskrise aufgekommene Kritik an kapitalistischen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zurück, klären jedoch diese Zusammenhänge nicht auf, sondern kleiden sie statt dessen in griffige Parolen, da eigenes Versagen (eher: Hilf- und Konzeptlosigkeit) so nicht eingeräumt werden muß (wobei man auch nicht von Herrn Rüttgers’ Auftreten auf „die Politiker“ verallgemeinern sollte). Ressentiment und Appell ans Nationalgefühl spielen dabei sicherlich eine Rolle, das leugnet auch Herr Sathom nicht, dem in der Gesamtdiskussion die dumpfe Schmähung ausländischer Arbeitnehmer, wie Herr Rüttgers sie ja übte, jedoch viel unangenehmer aufstößt als Gezeter wider irgendwelche Manager (die werden sich schon zu trösten wissen). GMs Kursänderung selbst ist durch einen Vorstandswechsel zudem durchaus erklärbar, und nicht das Ergebnis böser Machenschaften. Dennoch: zwar hat Opel schon in den 1980ern aus in Heimarbeit entstandenen Gründen an Boden verloren („López-Effekt“), doch waren bereits auch in dieser Zeit schon Versäumnisse der schnell wechselnden GM-Führungskräfte Ursache einer verfehlten Modellpolitik und mangelnden Qualitätssicherung, die der Marke Opel schadeten; während der Finanzkrise geriet Opel dabei zudem in die Lage, finanzielle Außenstände des Mutterkonzerns mit ausbaden zu müssen. Kein „taz“-Kommentar verfolgt diese tatsächlichen Ursachen der Opel-Krise zurück; es scheint beinahe, als müsse GM einfach die Rolle der „guten“ Seite zufallen, und als müßten die Pleitegründe einseitig bei Opel verortet werden, auch damit die deutschen Politiker ausschließlich (und nicht nur neben Anderen) die „Bösen“ oder die „Dummen“ sein können.

Anstatt jedenfalls die Entwicklung wirklich analytisch zu durchleuchten, reagieren die „taz“-Kommentatoren auf die Verbaldurchfälle der Politik mit ihrer eigenen Märchenstunde, bei der sie – dies eine weitere Ironie und eben der Punkt, der Herrn Sathom unangenehm auffiel – die Selbststilisierung des neoliberalen Wirtschaftsliberalismus ungebrochen übernehmen: GM handelt „undogmatisch“ (dieses Schlagwort beinhaltet, ebenso wie „unideologisch“, qua Assoziation stets die Wertung „gut und richtig“), schön unverkrampft eben, die „bösen Turbokapitalisten“ gibt’s gar nicht, wer sie kritisiert, ist ein nationalistischer Dumpfhansel, und wer sein Handeln an ihren Ankündigungen ausrichtete, ohnehin ein naiver Idiot. Solche Meinungen (und wenn sie auch in den Kommentaren nur implizit durchschimmern) greifen allerdings auf eine ganz bestimmte moderne Mythologie zurück. Der Kapitalismus, so die solcher Einschätzung zugrundeliegende Mythe, ist kosmopolitisch, ressentimentfrei, rational und edel, Kritik oder gar Widerstand gegen ihn sind stets und grundsätzlich Ausdruck kleinkarierten Ressentiments, dumpfen und provinziellen Lokalpatriotismus, eben „instinktgesteuert“ – was immer das heißen mag, wenn von Menschen, und nicht von Lemmingen oder Eichhörnchen die Rede ist. Vielleicht, daß aus der Sicht derjenigen, die von „Instinkten“ schwafeln, der nicht akademisch gebildete oder am Schreibtisch tippende Mensch dem Tierreich näher steht als sie selbst? Und um diese überhebliche Arroganz geht es Herrn Sathom.

Exkurs: Mythologie des Wirtschaftsliberalismus

Aber verweilen wir noch kurz bei dem Mythos des kosmopolitischen, wunderbar multikulturellen Wirtschaftsliberalismus. Denn aufgepaßt: es meint Herr Sathom, daß jene selbststilisierende Mythe des Liberalismus auf ein Welt- und Menschenbild zurückgreift, welchem auch die akademische oder linke Elite anhängt, weshalb letztere manchmal ins selbe Fahrwasser geraten kann (klingt absurd? Man lese weiter). Jedenfalls: durch die Einsetzung seines oben genannten Mythos hat der Wirtschaftsliberalismus –  bzw. haben seine Herolde und Künder – ein wunderbares Kunststück vollbracht. Sie selbst nämlich sind es, welche die Menschen all der vielen Staaten und Nationen auf unserer schönen blaugrünen Murmel heutzutage gegeneinander ausspielen: inter- und übernational agierend kann der neoliberale Kapitalist Arbeitsschutzbestimmungen, Tarifvereinbarungen, Umweltschutzauflagen und was immer sonst noch seinem ungehemmten Profitstreben im Weg steht, einfach umgehen, indem er Arbeitsplätze dahin verlagert, wo immer es seinem Nutzen am Ehesten frommt; spuren die dortigen Arbeitnehmer nicht mehr oder läßt sich’s woanders noch billiger produzieren, wird flugs die Arschkarte gezeigt und wieder umgezogen. Bestehende Infrastrukturen und lokale Märkte werden plattgemacht, und alle Menschen auf der ganzen weiten, schönen Welt werden dadurch von Bauern, Handwerkern oder gut bezahlten Facharbeitern zu unterbezahlten Niedriglohnsklaven, deren Existenz ständig auf der Kippe steht, was sie jedem Wollen der Großverdiener am Ende der Nahrungskette nur um so mehr ausliefert (ein schönes Beispiel dafür ist, wie italienische Konzerne (uh-oh, hoffentlich hat Herr Sathom durch bloßen Gebrauch des Adjektivs jetzt nicht Ressentiment bewiesen) in afrikanischen Herstellerländern von Tomaten die Inlandsmärkte niedermachen, worauf die ursprünglichen Bauern als Lohnmigranten anderswo für Hungerlöhne die Tomaten der Konzerne pflücken dürfen). Kosmopolitisch ist dieser Kapitalismus allerdings, jedoch nur in einer Hinsicht: er sieht die Menschen allüberall als dasselbe an, als ausbeutbare Sklaven eben. Liberal an ihm ist nur, daß er sich selbst großzügig die Freiheit zugesteht, jeden Menschen und alle Ressourcen gleichermaßen auszuplündern, ganz gemäß des libertinistischen Mottos „might makes right“, das auch jedem Jackenabzieher auf dem Schulhof eignet; unideologisch ist er dabei keineswegs, sondern greift auf die Ideologie ganz bestimmter Gesellschaftsschichten zurück, doch dazu mehr unten. Die Propagandisten dieses Paläoliberalismus jedoch haben, auch hierzulande, nichts Besseres zu tun, als Verschlechterungen für die Arbeitnehmer vor Ort damit zu rechtfertigen, daß im Land XY eben billiger produziert werden könne, und Werktätige und deren Vertreter damit zu erpressen: beißt in den sauren Apfel, oder wir gehen nach Polen, Rumänien, oder sonstwohin. Ja, liebe Leute, so tönt es aus den Mündern der Kapitalisten und ihrer Herolde, das ist die Globalisierung, die Menschen aller Länder sind eure Konkurrenten, hier tobt der Kampf ums Dasein, ihr müßt mit diesen allen euch um den letzten Brotkanten schlagen.

Welche cleverer Schachzug: die Befürworter eines skrupellosen, sozialdarwinistischen Brutalkapitalismus selbst sind es, welche heutzutage leisten, was der einst Nationalismus bewirkte: die Bevölkerungen gegen die der jeweils anderen Länder aufzubringen, auf gegenseitiges Konkurrenzdenken einzustimmen, sie lehren: der Chinese ist euer Feind, der läßt sich williger ausbeuten, also macht’s genauso, oder verreckt halt – auf jeden Fall werdet ihr von Allen auf der ganzen Welt bedroht, der Mensch ist es Menschen Wolf, es kämpft jeder gegen jeden, im jeweiligen Landesinneren wie globusweit, und so muß es  – gemäß unserer Ideologie – auch sein. So gelingt es ihnen, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: sie entsolidarisieren die Menschen nicht nur innerhalb desselben Landes (was sie vermittels anderer Propaganda bewerkstelligen, etwa der, daß Arbeitslose und Verelendete nur leistungsunwillige Schmarotzer seien, sozialer Abstieg nicht systembedingt, sondern persönliche Unfähigkeit und Versagen) sondern verhindern zugleich eine internationale Solidarisierung oder Netzwerkbildung, welche ihrem internationalen Handeln gegensteuern könnte, indem sie Nationalstaaten als Wirtschaftsstandorte gegeneinander ausspielen und die dort lebenden Menschen glauben machen, sie müßten mit anderen Völkern um die Gunst der Konzerne buhlen, in einer Konkurrenz, darin es oft ums nackte Leben geht; werden sie aber kritisiert, so können sie eben jene Feindseligkeiten, die sie selbst erst aufgebauscht haben, ihren Kritikern unterstellen (zumal wenn diese dämlich genug sind, verbal auf die Arbeitenden in anderen Ländern loszugehen, statt auf die Nutznießer des Ganzen, von denen damit der Zorn erfolgreich auf andere Ziele umgelenkt wurde). Gewiß: es ist zum Kotzen, daß sie das Konkurrenzdenken zu anderen Nationen, auf welche sie dazu zurückgreifen, bereits gebrauchsfertig vorfinden (und eben nicht nur hierzulande, sondern anderenorts auch, was der Linksintellektuelle allerdings nicht gern hört – daß es nämlich Rassisten und Nationalisten, jenes schändliche Pack, in aller Welt gibt und nicht nur dort, wo sein Dünkel sie allein verortet sehen möchte, bei hiesigen Prolls, die er stereotyp als alle gleich, und als unter ihm stehend betrachtet); es ist erbärmlich, daß Politiker auf solche Feindbilder zurückgreifen, wobei sie allerdings interessanterweise diese wechseln wie die Hemden: je nachdem, welcher Zeitgeist gerade waltet, ist der enthemmte Kapitalismus einmal gut, einmal bös, der Arbeitnehmer einmal fauler Krankfeierer, der zu hohe Lohnnebenkosten verursacht und dem chinesischen Kollegen an Fleiß nicht gewachsen ist, einmal armes Opfer ausländischer Konzerne, die perfiderweise jenem chinesischen Kollegen den Job geben, welcher doch von rechts wegen ihm zustünde. Noch schlimmer, daß, obwohl viele Gewerkschaftler sich durchaus um über- wie internationale Zusammenarbeit mit ihren Kollegen anderer Länder bemühen, manche von ihnen doch aus Profilierungssucht oder Eigennutz dieselben Ressentiments aufgreifen.

Denn besagter Ideologie gelingt es dadurch, die Menschen zu entsolidarisierten Einzelkämpfern zu machen, innerstaatlich wie international, so daß sie, vereinzelt und auf sich gestellt, in jedem anderen nur den Feind, den Wettbewerber, den Konkurrenten ums nackte Überleben sehend, um so leichter genasführt und in jederlei Ausbeutung gezwungen werden können, sind sie doch ein jeder für sich allein dem von Kapitalbonzen gesteuerten Markte, den Launen nackter Gier ausgeliefert. Die wahrhaft ressentimentfreie, nicht-nationalistische, nicht engstirnig auf die eigene Region schielende und kosmopolitische Orientierung hingegen bestünde darin, sich gewahr zu werden, daß die Grenzen nicht zwischen Ethnien und Ländern, sondern trotz aller Unterschiede in Herkunft und Kultur zwischen oben und unten, arm und reich, Ausbeuter und Ausgebeutetem verlaufen. Und daß auf beiden Seiten Menschen jederlei Abkunft stehen. Wem das zu sehr nach sozialistischer Internationale klingt, der sei getrost: nach Sozialismus schreit Herr Sathom gar nicht. Sondern (ganz unideologisch, gell) danach, daß die Menschen begreifen müßten, daß ganz banal und konkret gegen ihre Interessen gehandelt wird, und zwar global, und daß sie dagegen folglich auch nur global angehen können und nicht, indem sie sich gegeneinander ausspielen lassen.

Die Verlogenheit und Heuchelei der Rhetorik des globalen Totalliberalismus erweist sich an vielerlei Beispielen. Etwa, wenn sie Menschen weismacht, die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit sei Gleichmacherei, dieweil die so Redenden eifrig daran wirken, die Geschmacksnerven Aller weltweit auf das gleiche Hamburgerprodukt, der Geschmacksnerven Inhaber hingegen zu überall gleichermaßen unterwürfig-unterbezahlten Lohnsklaven zu dressieren; wenn sie „Provinzialismus“ schreit, sobald sich erweist, daß sich regionale Produkte vor Ort gewinnbringend absetzen lassen, so als sei das Essen eines regionalen Käseprodukts schon Ausdruck von Rassismus, während sie weltweit einheimische Märkte hinwegpflügt, auf daß der afrikanische Bauer wie der Regenwaldindianer gleichermaßen ihre abhängigen Knechte werden mögen, und dies, obwohl jene aus eigener Kraft vielleicht sehr wohl zu wirtschaftlicher und in der Folge auch gesellschaftlicher Verbesserung gelangen könnten, funkte man ihnen nicht dauernd dazwischen.

Nun ist Herr Sathom Verschwörungstheorien abhold, und hält derlei nur für teilweise geplant; vielmehr meint er, daß all die „unideologischen“ Vertreter des Raubtierkapitalismus einfach gemeinsamen Vorurteilen, Stereotypen und Weltdeutungen anhängen, gemäß derer sie handeln, und in denen sie einander auch bestätigen, so wie’s provinzielle Stammtischbrüder untereinander auch tun. Mit anderen Worten: sie hängen durchaus einer Ideologie an; nämlich der, daß es per se bessere und schlechtere Menschen gäbe, daß dieses besser oder schlechter allein an Maßstäben ökonomischen Erfolgs zu messen sei, daß sie selbst als die Prosperierenden per Rückschluß automatisch die Besseren (auch moralisch, da der richtigen Einstellung teilhaftig), Klügeren, Leistungsfähigeren usw. usf. seien, und alle anderen Menschen nur ein irgendwie wenigstens noch einigermaßen nutzbringend anzuwendender Schmutz. Dabei fußen ihre Anschauungen auf einer Art irrationalem naturalistischem Monismus, denn Sie nehmen an, daß ihr Handeln kosmischen, naturgesetzhaften Prinzipien entspricht, etwa den „Gesetzen des Marktes“, von denen sie reden wie von nicht menschengemachten, sondern höheren Mächten zu dankenden Naturgesetzen, oder eben dem Prinzip vom Überleben des Stärkeren, das sie überall in der Natur verwirklicht sehen, weshalb es ja auch für die Menschen das Richtige sein müßte. Sich selbst sehen sich dabei als die avantgardistischen, mondänen Global Players, und betrachten zugleich diejenigen, die ihren Gewinn überhaupt erst erwirtschaften, als beschränkte, provinzielle Höhlenmenschen. Herr Sathom unterstellt ihnen dabei weder weltweite Verschwörung noch nur irgendeine ihnen selbst im geringsten bewußte Bosheit; sondern vielmehr eine festgefügte Recht-des-Stärkeren-Weltanschauung, gepaart mit grandioser Überheblichkeit, Selbstherrlichkeit und elfenbeinturmgeborener (wiewohl die Türme eher aus Glas, Stahl und Beton sind) Realitätsferne, die sie vollkommen unempathisch und blind macht gegenüber dem, was die Konsequenzen ihres Tuns für Andere sind. Die beispielhaft aufgeführten inneren Widersprüche ihrer Argumentation sind dabei weniger bewußte Heuchelei, als vielmehr Rückgriffe auf das jeweils passende Klischee aus der Kiste ihrer eigenen Weltdeutungsstereotypen (und Klischees müssen ja nicht logisch verknüpfbar sein).

Kapitel 2: Der Dünkel der intellektuellen Eliten

Was, zum Henker, wird sich Manche(r) nun fragen, hat das mit Unterton und Tenor der „taz“-Kommentare zu tun, welche Herr Sathom monierte? Gemach, Herr Sathom zeigt es auf.

Denn hier schließt sich der Kreis. Fragt man nämlich nun, weshalb die „taz“-Kommentare den von den Apologeten des Brutalliberalismus gehäkelten Mythos bzw. dessen rhetorische, stereotype Gleichungen (undogmatisch (oder wenn’s beliebt auch „unideologisch“) = gut, Ablehnung = instinktgesteuert (ergo unvernünftig, nicht intellektuell), häßlich und fratzenhaft (seltsamerweise eine sehr alte rassistische Stereotype, die da gegen die, denen man ihr Ressentiment vorhält, herbeizitiert wird)) so bereitwillig übernehmen, dies noch gewürzt mit überheblicher Herablassung, dann zeigt sich: diese Ideologie des Dünkels ist paradoxerweise, was konservative, wirtschaftsliberal-kapitalistische, linke (und auch rechte) Möchtegernüberlegene eint. Es ist dies der Dünkel des sich seiner intellektuellen, vielleicht gar naturgegebenen Überlegenheit gewissen Schnösels, der sich ob der geistigen Höhen, die zu erreichen er sich imstande meint, weit über dem gewöhnlichen Pöbel schwebend wähnt, auf welchen er verächtlich herabblickt; es ist der Wahn des „kulturell Höherstehenden“, den einst Herr Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“ so trefflich (als „Phallus der Höhen“) diagnostizierte, desjenigen, dem die abendländische Ideologie vom höherstehenden Geistigen die Grundlage dafür liefert, sich weit über jenen zu meinen, die sich die Finger schmutzig machen müssen (wenn auch nur im übertragenen Sinne nichtintellektueller Arbeit).

Und eben dieser Typus des heutigen Bohémiens ist es, der reflexartig die, welche um ihr kleines Zuhause bangen, die mundane Sorgen um Allerweltszeug wie Geld und Job umtreiben, für tumbe Tölpel hält, solche, die natürlich dumpfen Ressentiments anhängen, leicht zu verscheißern sind und sich sowieso nur instinktgesteuert verhalten. Gegenüber solchen fühlt er sich dem global agierenden Firmenvorstand doch immer noch seelenverwandter, ja, qua eigenen übernationalen Durchblicks beinahe eben solch ein Weltbürger wie dieser. So ist ihm der GM-Vorstand eben gefühlsmäßig irgendwie näher als der Politiker oder Arbeitnehmer, die in seinen Augen ja dumpf-provinzielle Instinkthöhlenmenschen sind. So daß im Zweifelsfall er weiß, welche die Guten, welche die Bösen sind.

Er ist dabei kein Angehöriger der Bohème oder des Bürgertums als Schicht im althergebrachten Sinne, wiewohl er beiden entsprang und auf deren ideologischen Gleichungen fußt; er bildet eine eigene, in allen Ländern bestehende, durch identische Auffassungen gekennzeichnete Schicht. Ganz gleich ob mit Laptop, gelgeschmierter Frisur und Zweireiher ausgestattet, oder ob im Szene-Cafe lümmelnd, mit den jeweils aktuell als revoluzzermäßig geltenden Klamotten angetan und wahlweise Milchkaffee, Macke Lattiato oder sonst irgendeine gerade angesagte Kultplörre vor sich stehend, er ist sich gewiß, so sehr viel weltgewandter, klüger und verdammt noch mal höher evoluiert zu sein als das Plebejerpack irgendwo weit unter ihm; den mit vier Euro unterbezahlten Wachmann vorm Museum, der sein und der Kulturschätze, in deren Betrachtung er sich ergeht, Wohlergehen mit Leib und Leben schützt, verachtet er und nennt ihn in Gedanken heimlich (manchmal aber auch laut) einen Faschisten oder Ähnliches, wenn der ihn am Einlaß wegen des Andrangs mal kurz warten läßt oder gar – Frechheit aller Frechheiten – seine Tragetasche kontrolliert; er hält sich für kosmopolitisch und tolerant, doch den Malocher verachtet er, gleich, ob dieser Fritz, Ali oder Sergej heißt (oder er ignoriert ihn schlicht, streicht ihn aus der Gleichung seiner Erwägungen wie etwas nicht Erwähnenswertes, so wie hier die „taz“-Kommentatoren – was auch eine gewisse Verachtung ausdrückt). Gehört er zur akademisch gebildeten grünen Wählerschaft, rümpft er die Nase über den Unterschichtler, weil jener nicht im Bio-Laden einkauft (was er sich nicht leisten kann, ein Umstand, dessen Wahrnehmung sich dem „Leistungsträger“, dessen Kinder von einem teuren Förderkurs zum nächsten hetzen, jedoch vollkommen entzieht; weshalb die Besorgnisse um Soziales und Verteilungsgerechtigkeit, welche die Geringverdiener umtreiben, ihn piefig dünken, da er selbst sich deren Lage weder vorstellen kann noch will). Er beutet, sobald er es zu etwas gebracht hat, seine Putzfrau, die ihm seine geistige Arbeit erst ermöglicht, indem sie lästige Alltagspflichten von ihm fernhält, mittels almosengleicher Zahlungen ebenso aus wie der großkapitalistische Villenbesitzer, und denkt insgeheim herabsetzend von ihr, der bildungsfernen, um so vernachlässigbares Spießerzeug wie Geld besorgten Kreatur. Ein Hausmeister ist ihm bestenfalls ein notdürftig dressierter Homo erectus. Er lebt in der Gewißheit, alles richtig zu machen und richtig zu wissen, hält sich für den irrtumsfreien Genießer ganz allein selbstverdienten Erfolgs, dessen Hand – gleich, ob nun via Geschäftsabschluß oder brillantem Zeitungsartikel – die Welt in Rotation hält; ihm wurde schon in der Schule beigebracht, daß er etwas Besseres sei, denn, nicht wahr, wir haben den elaborierten, „die da“ nur den restringierten Code (in dem zwar auch nur derselbe unreflektierte Mist geschwafelt wird, nur rhetorisch ausgefeilter, aber so introspektiv, daß wir dies begreifen, müssen wir ja nicht werden). Er ist weltläufig und tolerant, ganz anders als diese blöden Kartoffelbauern da mit ihren Vorurteilen; er würde nie mit einer Kassiererin im Supermarkt oder sonst einem Faktotum mehr als das Nötigste reden, weiß aber ganz genau, was diese Leute denken. Ein Teufelskreis: sicher ist dieser Bohémien nicht in einem moralischen Sinne „böse“ – das wäre er höchstens, wenn er die Lebensumstände der Verachteten kennen und sie dennoch schmähen (oder, als Kapitalist, ausbeuten) würde; daß er sie allerdings nicht kennt, ist wiederum seinem Dünkel geschuldet, denn nie würde er sie näher kennenlernen (vielleicht gar über tatsächliche Irrtümer ihrerseits aufklären) wollen. Es wäre ihm ein Abstieg in paläologische Niederungen.

Und man kann nicht leugnen, meint Herr Sathom, fürchtet es zumindest (irrte er sich, wär’ es ja schön), daß ein Anhauch dieser Einstellung aus den Kommentaren der genannten „taz“-Ausgabe herausweht: da sind die Dumpfmichel einerseits, piefigen Rassenklischees verfallen, und der rein rational agierende Konzernvorstand andererseits, an dem Kritik nur der anmelden kann, der antiamerikanische Ressentiments hegt (was er, indem er nur „Turbokapitalist“ sagt, nach dieser Gleichung schon beweist). Weniger als um eine tatsächliche Analyse der Abläufe geht’s da auch darum, zum Ausdruck zu bringen, daß man selbst kein Antiamerikanist, kein Nationalist ist – wozu man anstelle der Präsentation von Fakten auf dummen Sprüchen anderer herumreitet, um sich von ihnen abzugrenzen (Herrn Bollmanns rhetorische Frage, weshalb GM Opel denn unbedingt loswerden wollte, wenn die Marke so zukunftsträchtig sei, wie die Politiker behaupteten, seine Suggestion, daß allein der Wahlkampf die deutsche Politik zu an sich sinnlosem Handeln motiviert habe, wenn GMs Versuch, Opel loszuwerden, berechtigt gewesen sei, all dies hätte sich mit ein wenig Recherche bezüglich des jahrelangen Vorlaufs (oder der Formulierung der Gegenfrage, weshalb GM Opel denn jetzt plötzlich behalten wollen, wenn es nicht so zukunftsträchtig sei, wie die Politiker behaupteten) in Luft auflösen lassen; nur hätte man dann kein so schickes Feindbild mehr skizzieren und sich selbst gegenüber diesem positionieren können).

Das Verflixte an Herrn Bollmanns Kommentar oder der launigen „Verboten“-Kolumne ist dabei gar nicht, daß sie die Politiker als Narren oder Wahlheuchler darstellen, oder ihnen ihre ressentimentgetränkten Sprüche vorhalten – denn mit beidem haben die Autoren Recht. Der Griff in die Schublade primitivsten Fremdenhasses, den manche Politiker immer wieder üben, kann gar nicht genug bloßgestellt werden in all seiner verachtungswürdigen Schmählichkeit. Problematisch sind zwei andere Punkte: durch die einseitig positive Darstellung des Handelns von GM im Gesamttenor der Kommentare, garniert mit positiv wertenden Floskeln wie der des „Undogmatischen“, übernehmen die Kommentatoren – vielleicht unwillentlich und ohne sich dessen bewußt zu sein, was jedoch auf einen Mangel an Reflektion hindeutet – die wirtschaftsliberale Globalisierungspropaganda, der zufolge Konzernhandeln stets rational, pragmatisch und eben „richtig“, jede Kritik daran hingegen Gefasel provinzieller, in Eigeninteressen und Nabelschau verstrickter, fremdenfeindlich vor sich hin brabbelnder Landeier ist. Hintergrund ist dabei womöglich, mutmaßt Herr Sathom, eine Identifikation mit der einen, eine auf Ressentiment beruhende Ablehnung der anderen Seite – weil man sich der einen sozial näher, zugehöriger, der anderen ferner und als über ihr stehend empfindet.

Pause: Selbstprüfung, Fluppe und Kaffee

Übertreibt Herr Sathom, interpretiert er zuviel in die gelesene „taz“ hinein, tut er insbesondere dem Herrn Bollmann Unrecht? Jagt er Chimären nach, kämpft gegen Windmühlen gar? Nun: Herr Sathom kritisiert die gelesenen Kommentare sicherlich nicht rein textimmanent, sondern unter Bezugnahme auf eine Geisteshaltung, die ihm aus Texten der intellektuellen Pfiffikusse öfters entgegenschlägt, jedoch auch unter Inbetrachtziehung anderer „taz“-Verlautbarungen sowie anderes Geschriebenen des Herrn Bollmann (dazu im Folgenden mehr), und ordnet die Kommentare darin ein. Und er polemisiert bei der Beschreibung der Arroganz-Bohème natürlich, spitzt dabei aber wahrhaftig nur geringfügig zu, was ihm (selbst akademisch gebildet) oft an Dünkelhaftigkeit derselben begegnet; was Tonfall und Tenor der „taz“-Berichterstattung zum Thema angeht, meint Herr Sathom sich wenn, dann nur um Weniges zu vertun, und ganz gewiß tut er der beschriebenen „Elite“ nicht wirklich unrecht. Das weiß er aus eigener Erfahrung (genügend Jobs, bei denen er zwecks Finanzierung seines Studiums die, welche schon länger fertig waren, „von unten“ beobachten durften, haben ihn dies gelehrt).

Fortsetzung: Und sie bewegt sich doch

Aber: natürlich soll nichts vom hier Gesagten heißen, und wer dies glaubt, hätte Herrn Sathom grundlegend mißverstanden, daß die „taz“ oder einzelne ihrer Autoren die beschriebene Einstellung einer bestimmten Möchtegernelite in der oben karikierend dargestellten Weise bewußt vertreten, insbesondere was die Verachtung der klassischen Arbeiterschaft oder gar der Geringverdiener angeht. Er meint jedoch, daß alle „taz“-Autoren im vorliegenden Fall zumindest unreflektiert reden, teils sich hinreißen lassend von der Freude, die provinziellen Politchargen düpiert zu sehen, teils aber auch möglicherweise, weil sie selbst gewissen Phantasien anhängen: so schreibt Herr Bollmann – und da sind wir bei der Frage, ob Herr Sathom etwas zu streng mit ihm ist – unter Anderem auch, daß die Politiker mit dem Magna-Deal „alte Fantasien einer Expansion im Osten“ reaktiviert hätten. Erstens, meint Herr Sathom dazu, lehnt man sich schon weit aus dem Fenster, wenn man die Übernahme durch einen russischen Zulieferer als Reaktivierung deutscher Expansionsgelüste (es ist klar, welcher) interpretiert, und zweitens setzt auch diese Aussage wiederum voraus, daß Herr Bollmann hier ein dankbares Zielpublikum, das eben solchen vorsintflutlichen Phantasien anhängt und mittels dieser angesprochen werden kann, als gegeben voraussetzt – womit er ja niemand anderen meinen kann als eben die Opel-Mitarbeiter, die sich dann aber ausschließlich aus deutschstämmigen Altnazis oder Stalingrad-Überlebenden rekrutieren müßten. Das klingt alles ein wenig nach Anpassung der Realität an eine vorgefaßte Meinung über die Beteiligten: die Expansionsphantasien phantasiert vielleicht Herr Bollmann selbst. Gewiß, Herr Sathom kommt zu diesen Schlußfolgerungen durch reine Deduktion, und betont daher nochmals, daß er Herrn Bollmann nicht unterstellt, wirklich so von den Arbeitnehmern zu denken; es bleibt aber die Frage, weshalb dieser dann solches schreibt, wenn nicht aus einem Reflex heraus, die Dinge durch die Brille eben jener Pro-Kapitalismusideologie zu sehen, die ihrerseits auf bestimmten Ressentiments und Stereotypen basiert, die den eigenen Deutungsmustern wenigstens ähneln. Vielleicht ist hier ja der Kommentator seinen „Instinkten“ erlegen; Herr Sathom vermutet jedenfalls, und hält es für nicht mehr als eben Vermutung (wer anderes dächte, mißverstünde Herrn Sathom auch hier), daß Herr Bollmann unabhängig davon, wie er bewußt von Werktätigen oder Globalisierungskritikern denkt, vielleicht nicht bewußt reflektierte vorurteilshafte bzw. abwertende Meinungen über diese hegt oder kennt, so daß der Griff zu diesen verführerisch naheliegt, oder daß er in berechtigtem Abwehrreflex gegen manches niederträchtige, xenophobe Politikerwort einfach drauflosgeschrieben hat, ohne sich über die Implikationen dessen, was er sagt (bzw. der Art, auf die er es sagt) Rechenschaft zu geben, und dabei kann’s nun mal passieren, daß man versehentlich in Klischeetöpfe greift, die man bewußt ebenfalls ablehnen würde (bzw. die man vielleicht ablehnt, von denen man sich aber nicht komplett gelöst hat, und die einem, will man etwas interpretieren, eben schnell wieder unterkommen). Das Fatale ist: Herr Bollmann mag die besten Absichten gehegt haben, als er seinen Kommentar schrieb, doch werden, dessen ist Herr Sathom sich sicher, viele Prenzelberger Gutverdiener am letzten Donnerstag bei der Lektüre mit dem Kopf genickt und sich gesagt haben: da sieht man’s mal wieder, dieses Proletenpack, auf solche Ressentiments springt es an – auch wenn dies Lichtjahre von Herrn Bollmanns Auffassung und Intention entfernt war.

Ironischerweise schrieb übrigens ausgerechnet Herr Bollmann selbst in der „taz“ vom 29.10. auf der Meinungsseite 12 etwas, das Herrn Sathoms schon lang bestehende Auffassung betreffs der Schnöselbohème einerseits bestätigte, weshalb er Herrn Bollmann schon gar nicht unterstellen will, daß jener deren beschriebene Einstellung teilt, das ihn aber andererseits auch irritierte. Und zwar hieß es da sehr schön: der „obsessiven Beschäftigung mit Sozialstaats- und Verteilungsfragen“ hafte in den Augen der Grünen etwas „Kleinbürgerliches“ an, „als ob es nichts Wichtigeres gäbe als Geld“; von Verachtung gegenüber jenen, deren Geldbeutel ihre Wahlentscheidung beeinflußt, war da ferner die Rede, und davon, daß man sich eine solche Haltung „aber erst einmal leisten können“ müsse. Lustig und treffend fand Herr Sathom dabei die Beschreibung jener Leute als „Hedonisten von der Kölner Südstadt bis zum Prenzlauer Berg“. Gut gegeben so weit. Seltsam berührte Herrn Sathom nur der Satz, in welchem es von den solcherart Beschriebenen heißt: „Die geringe Weltgewandtheit, die latente Xenophobie des linken Milieus ist ihnen ein Gräuel“. Hm, dachte Herr Sathom, der stets genau drauf achtet, wie etwas gesagt wird, da bei sich, suggeriert doch die Formulierung, daß mangelnde Weltgewandtheit und Xenophobie faktisch vorliegen, daß die vorher  auf Seiten der grünen Toskanafans konstatierten Vorurteile also zutreffen (wenn auch nur in Teilen des „linken Milieus“, uff – aber was soll das eigentlich mit dem „Milieu“ wiederum, das klingt auch schon wieder so nach Mief, vermittelt implizit, daß da in dumpf müffelnden Hinterzimmern eine Art Zuhälterpack beisammensitzt). Schau an, findet Herr Sathom; so zeigt man sich reflektiert gegenüber dem grünen „Milieu“ (haha), und läßt sich dann anmerken, indem man den Konjunktiv vermeidet, daß man nicht ganz so anderer Ansicht ist als dieses (oder wirkt zumindest so, wird dahingehend vielleicht nur mißverstanden). Ob dies nun verräterische Freudsche Fehlleistung war, oder lediglich sprach- oder denkschlampiger Lapsus, will Herr Sathom hier nicht beurteilen, da er darüber nur wild spekulieren könnte; immerhin jedoch findet er’s erwähnenswert als Indiz dafür, daß der Appell an Ressentiments auch anderswo lauert als in Politikerreden, und sei’s auch nur verdank einer gewissen Nachlässigkeit.

Immerhin: es gibt auch Indizien dafür, daß Herr Sathom weder Herrn Bollmann noch der „taz“ Unrecht tut, auch wenn er ihnen in seinen obigen Erwägungen den benefit of the doubt zugesteht; dies allerdings weniger, was eine mögliche „Pfui Baba“-Ablehnung der „Arbeiterklasse“ angeht, sondern eher, was die uneingeschränkt positive Wertung GMs betrifft. Auch hier muß Herr Sathom etwas weiter ausholen, um zu erklären, wie er drauf kommt.

Kapitel 3: Die Liebe des Geistesmenschen zum Imperium

Denn Herr Bollmann und zumindest ein anderer „taz“-Autor sind Vertreter einer recht ulkigen, unter Intellektuellen und Edel-Linken (also nicht den schmuddeligen, die’s mit dem Arbeiterpack halten) sehr beliebten Theorie: daß nämlich Imperien – und dazu zählen sie auch das amerikanische, wiewohl der Vergleich bereits dadurch hinkt, daß die USA kein Flächenimperium darstellen – prinzipiell und ausschließlich etwas Feines sind. Die These, beispielsweise von Michael Rutschky in der „taz“ vom 16.14.2003 ausgebreitet, lautet etwa folgendermaßen: auf den Zusammenbruch eines Imperiums folgt immer Not und Elend, weshalb er nicht wünschenswert sei; gewünscht werde er nur von Leuten, die nationalistischer Semantik oder Ideologie anhingen, im Imperium hingegen gehe es schön multikulturell zu (wofür laut Herrn Rutschky das Habsburgerreich ein prima Beispiel sei, wobei er diesbezüglichen nostalgischen Erinnerungen des Autors Joseph Roth die Weihen empirischer Fakten zuweist). Zu verstehen, daß Phantasien über den Untergang des „Amerikanischen Imperiums“ simple Rachegelüste ostdeutscher „Kader“ seien, so Herr Rutschky, bedürfe es keiner Tiefenhermeneutik; daß diese ihm allerdings fremd oder zu anstrengend ist, beweist sein Artikel – der zwar prima fragen kann, was Antiimperialisten denn für Alternativen parat hätten, und ihre Phantasien (zu Recht) als Luftschlösser entlarvt, sich jedoch weder über die Hintergründe seiner eigenen Zuneigung zum Imperium, noch über den Umstand, daß das, was er da als Imperium per se auffaßt, eine idealisierende Fiktion ohne historische Entsprechung ist, irgendeine reflektierte Rechenschaft gibt. Andere Linke verweisen in ihrer Liebe zum Imperialen auf das Römische Reich als Zivilisationsbringer oder Napoleon als Befreier vom deutschen Despotismus. Ohne tiefer in die Thematik einsteigen zu können, sei hierzu angemerkt: an alledem ist was dran; zugleich blendet es jedoch andere Fakten aus, zumal wenn man, wie Herr Rutschky, als Alternative nur einander bekriegende, sich gegenseitig abmurksende Völker denken kann, die allesamt einem dumpfen Nationalismus huldigen. Unter den Tisch fällt dabei etwa, daß Imperien selbst immer schon Kriege geführt, geplündert, versklavt und gemordet haben; daß die zivilisationsbringenden Römer lustige Errungenschaften wie Zirkusspiele und Kreuzigungen hervorbrachten; daß die imperialen Briten in Indien, die Deutschen in Afrika, und andere imperiale Mächte stets hausten wie Schlächter; daß der tumbe Nationalismus (ja häufig die Selbstdefinition als Nation überhaupt, ein Gedanke, der den vorrömischen nordeuropäischen „Barbaren“ beispielsweise zumeist fremd war) häufig sogar erst als Reflex auf imperiale Hegemonialstrebungen entsteht – wie es auch später, etwa im mittelalterlichen Italien, als Reaktion auf solche eines deutschen Kaisers Barbarossa geschah. Übrigens à propos: Herr Sathom hört gelegentlich von Intellektuellen (hörte es auch schon von ihm sonst sehr geschätzte Kabarettisten auf der Bühne daherphantasieren), es wäre doch wünschenswert gewesen, hätten die Römer einst die Varusschlacht gewonnen, das olle Germanien erobert und die dortigen Primaten zivilisiert; hei, das wär’ eine Freude gewesen, es hätte dann damals schon Zentralheizung und lecker italienisches Essen gegeben statt immer nur Rüben, und später vielleicht keinen Hitler. Blöd nur, daß Grabfunde aus der Periode römischer Eroberungsversuche und der Zeit davor belegen, daß eine religiöse und kulturelle Militarisierung der rechtsrheinischen Stämme erst nach und nach infolge der römischen Attacken, als deren Resultat also, stattfand – vorher waren sie vielleicht nur in Hütten hausende Flachsbauern, die irgendwelchen sexuell suggestiven Fruchtbarkeitsgötzen huldigten, aber nach ihren Grabbeilagen zu urteilen etwa an Waffen nur sekundär interessiert, also verglichen mit anderen damaligen Völkern  wohl eher harmlos (nicht kriegslüsterner als jene jedenfalls). Die „heldenhaften“ Germanen, jenen Popanz des Deutschnationalismus und der Nazis, gab’s eh nie, die aggressiven hingegen sind eher Ergebnis römischer Feldzüge, als ein von den Römern leider nicht zivilisiertes Übel. Herr Sathom reitet so auf diesem Punkt herum, weil er zeigt, daß Imperien Nationalismen ebensogut produzieren können, wie sie sie angeblich mäßigen; es ist ein Mangel an Geschichtskenntnis, der linke und andere Intellektuelle an ein fiktives Imperium an sich glauben läßt, das sie (unter Ausblendung der Unterschiede) als jeweils vom römischen, britischen, habsburgischen etc. bis hin zum „amerikanischen“ verkörpert wahrnehmen. Der konstruierte Gegensatz „Imperium vs. Nationalismus“ ignoriert historische Fakten (wie etwa den, um ein weiteres Beispiel anzuführen, daß heutige, scheinbar von grundlosen ethnischen Ressentiments motivierte Stammeskonflikte in Afrika maßgeblich auf gezielte Umsiedlung und gleichzeitiges Gegeneinanderausspielen von Stämmen seitens der imperialen Kolonialherren, beispielsweise der Belgier, zurückgehen) – aber das muß er auch, um ein solches Geschichtsbild aufrechterhalten zu können.

Hinter dieser Liebe zum Imperium als Zivilisationsbringer verbirgt sich eine Idee, die nach Herrn Sathoms Auffassung ihrerseits ideologiedurchtränktes Phantama ist – die Phantasie eines typisch deutschen, kleinbürgerlichen und autoritätshörigen Spießertums, das sich jedoch für besonders intellektuell, unbürgerlich und unprovinzionell hält. Es ist die Phantasie, gewünschte Zustände (etwa den der Multikulturalität, oder im Falle Napoleons schlicht der Befreiung vom Despotismus), die zu schaffen das Bürgertum zu den jeweiligen Zeiten selbst nicht imstande ist bzw. war, von einer mächtigeren Autorität in den Schoß gelegt zu bekommen; einer Autorität, die das Gewünschte notfalls auch mit Gewalt (oder heutzutage mit der Macht des Burger-Tums) durchsetzen kann, dieweil man selbst ihr von den Rängen gefahrlos zujubelt. Sich selbst erlebt man dabei als das schon beschriebene, geistig höherstehende Wesen, das, einem Heinrich Heine gleich, mit Befriedigung registriert, wie den tumben und widerspenstigen Halbaffen in der Gosse, die nicht einsehen wollen, was für sie das Beste ist, dieses Beste schon ordentlich eingetränkt wird.

Dieses „Lob des Imperiums“ (Titel auch des Rutschky-Artikels) singt in einem gleichnamigen Buch auch Herr Bollmann; darin vergleicht er das „Imperium Americanum“ mit dem Römischen und plädiert für den Erhalt des Letzteren. Einen Gedanken Herrn Bollmanns findet Her Sathom dabei durchaus bejahenswert: nämlich den, daß das Römische Imperium vielleicht nicht untergegangen wäre, hätte es die „Barbaren“ mitmachen lassen, sie integriert, anstatt sie zurückzuweisen. Das ist ganz Wasser auf Herrn Sathoms Mühlen, der ja schon immer predigt, daß „Multikulti“ sehr wohl funktionieren kann, daß die Bildung von Parallelgesellschaften, welche westliche Werte ablehnen und starrsinnig Dinge wie Zwangsverheiratungen betreiben, hätte vermieden werden können, hätte man die angeblich so integrationsunwilligen Migranten nicht selbst jahrelang Ablehnung und kalte Zurückweisung, ja Haß, spüren lassen, bis sie keine Lust mehr hatten. Ansonsten jedoch auch hier die Apologie des Imperiums, der kulturellen Hegemonie, die wahre Kultur erst schafft, und vor Allem den Wunsch, daß es bei dieses konkreten Imperiums Vormachtstellung unbedingt bleiben müsse.

Finale: Conclusio (und Erkenntnis, daß womöglich noch argumentative Arbeit notwendig, wäre, dieses Ding dann aber nie fertig wird, ehe es nicht mehr aktuell ist)

Herr Sathom sieht seine Eindrücke hier in zweierlei Hinsicht bestätigt: zum Einen auch hier, bei Herrn Bollmann, das Lob des Imperiums, auch hier, wie bei Herrn Rutschky, das des Amerikanischen; dessen Existenz allein scheint ihnen Garant dafür, daß sich nicht lauter nationalistische Neandertaler gegenseitig auffressen. Das Imperium als Garant der Zivilisation, mit väterlich strenger Hand durchgesetzt, von einer Autorität, welcher sich der hochzivilisierte Mensch (als den die Autoren sich betrachten) freudig unterordnen, ja, dadurch am Glanz des imperialen Lichtes teilhaben kann. Die Alternative: die reine Barbarei. Diese Unbedingtheit, mit der das „amerikanische Imperium“ als alleiniges und unverzichtbares Licht der Zivilisation erlebt wird, als etwas Sakrosanktes also, dessen Verlust apokalyptische Folgen hätte, erklärt immerhin den von Herrn Sathom notierten Reflex, das Handeln des US-amerikanischen GM-Konzerns unbedingt positiv bewerten zu wollen, jeder Kritik an ihm aber prinzipiell den Ruch des Nationalismus anzuhängen; denn: aus dieser Perspektive muß, was aus Amerika kommt, immer unbedingt gut sein, alles, was ihm entgegensteht, notwendigerweise schlecht. Die entsprechenden Denkschubladen sind dabei mittels der oben beschriebenen Theorie stets weit herausgezogen aus dem Denkkasten, angefüllt mit gebrauchsfertigen Klischees. Herr Sathom hat hier also wohl nicht ganz falsch wahrgenommen: GM, weil amerikanisch, soll oder muß „die Guten“ sein. Dem reflexartigen Antiamerikanismus der alten Linken entspricht eben bei ihren kessen Nachfolgern die ebenso automatisiert ablaufende proamerikanische Zuckung bei gleichzeitigen Vorwurf des Antiamerikanismus an Andere. Des Weiteren bestätigen Rezensenten des Buches den anderen an Herrn Bollmanns „taz“-Kolumnen gewonnenen Eindruck Herrn Sathoms, den, daß nicht zuende gedacht, schlampig formuliert oder gefolgert, kurz, möglicherweise unreflektiert geredet wird: in der Argumentation fahrlässig und sachliche Schnitzer produzierend findet es der Rezensent der Süddeutschen Zeitung, Unstimmigkeiten in der Argumentation bescheinigt der der Neuen Zürcher Zeitung.

Man kann die Kritik der proimperialen Theorie, wie sie Rutschky und Bollmann vertreten, folgendermaßen zuspitzen: es trifft durchaus zu, daß etwa an den USA viel Positives zu bemerken ist, so etwa der von Rutschky richtig notierte Umstand, daß „hochdramatische Selbstkritik“ zu den „Basismechanismen“ der USA zählt, daß Kritik an den Herrschenden und deren Handeln, daß radikaler Widerspruch möglich ist und auch stattfindet. Weshalb aber derlei notwendigerweise ursächlich an eine wirtschaftliche oder militärische Hegemonie bzw. Vormachtstellung, oder gar an eine imperiale Staatsform (welche die USA politisch ja gar nicht aufweisen) gebunden sein soll, weiß er vermutlich selbst nicht wirklich (seine etwas hilflose Annahme, ein „Kernland“ sammle die „multitudes“ leichter als viele periphere Lande, wirkt in Zeiten globaler Proteste wie denen von attac etwas präindustriell); und wenn Bollmann schreibt und Rutschky sich freut, daß das Römische Imperium, bedenkt man seine zahlreichen zivilisatorischen Hinterlassenschaften, gar nicht wirklich untergegangen sei, dann blendet dies natürlich alle negativen Bestandteile dieser Erbmasse aus, etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – die das Abendland ebenfalls immer noch prägende (bei den antiken Griechen, ebenfalls als Väter unserer Zivilisation betrachtet, bis zur Gynophobie ausgeprägte) Feindschaft allem Weiblichen gegenüber. Kurz: zwischen den zivilisatorischen Errungenschaften der Römer oder den demokratischen der USA (die ja an sich nicht ihre alleinigen Errungenschaften sind) und dem Vorhandensein eines Imperiums besteht letztlich kein nachweisbarer kausaler Zusammenhang; daß den Autoren derlei nicht auffällt, daß sie zudem die Negativa des Imperialen aus ihrem Denken ausblenden, läßt immerhin die Vermutung statthaft scheinen, daß es das Imperiale (mit all seinen Implikationen, denen der Macht und vor Allem der Durchsetzungsfähigkeit seiner Interessen) ist, was sie anzieht, und daß sie dessen zivilisatorische und demokratische Vorzüge nur sekundär und apologetisch aufzählen. Dazu paßt, daß die Vorzüge der US-amerikanischen Staatsform, die Freiheit der Meinung, die Möglichkeit des Protests etc. ihrerseits in keinem kausalen Zusammenhang stehen mit dem Hegemonialstreben und internationalen Handeln mächtiger Konzerne (die es ja nicht nur in den USA gibt); nur die Behauptung eines solchen, rein fiktiven Zusammenhangs, die gedankliche Ineinssetzung der USA als Staat und der dort gerade heimischen Konzerne, diese Schlamperei der Gleichung Rom = USA = Zivilisation = Kapitalismus = GM, ermöglicht es, Kapitalismuskritik reflexartig als einzig durch Antiamerikanismus und nationalistisches Ressentiment motiviert anzusehen (was, wie Herr Sathom mutmaßt, Herrn Bollmann passiert sein könnte). Daß es genügend unsägliche Äußerungen gibt, die dieses Vorurteil bestätigen, ist dabei leider wahr: wenn ausgerechnet erwähnter Herr Rüttgers, der jetzt von „Turbokapitalismus“ spricht, schon vorher durch üble, ressentimentdurchtränkte Reden wider Rumänen und Chinesen (und noch davor durch den Spruch „Kinder statt Inder“) auffiel, ist das natürlich eine Bestätigung der Vorstellung, nur primitiver Nationalismus könne etwas gegen den Kapitalismus haben.

Dennoch: Herrn Bollmanns Kommentar in der „taz“ suggeriert zumindest durch die Art der Darstellung, jedwede Kapitalismuskritik sei durch nationalistische Ressentiments motiviert, was ja nun nicht behauptet werden kann, und impliziert dabei, Adressaten jener Kritik müßten dementsprechend ansprechbar für fremdenfeindliche Parolen sein. Diese Sichtweise entspräche dabei eben der proimperialen Theorie – sofern man Kapitalismus und USA als eins denkt (womit man ironischerweise das Vorurteil des Antiamerikanismus übernähme). Und es gibt zumindest Anhaltspunkte dafür, daß solcher Tenor auf zwei Auffassungen beruht: einmal dem beschriebenen Dünkel des Intellektuellen, der in den Angehörigen anderer Schichten prinzipiell den von Vorurteilen und Nationalismen infizierten Tölpel sieht, von welchem er sich durch entsprechende Kommentare auch abgrenzen kann, und zum Zweiten jene Liebe zum lichten Imperium, dem man sich zumindest geistig verwandt und mit ihm höherstehend fühlt, welche ihrerseits den theoretischen Hintergrund für die apologetische, ausschließlich positive Einschätzung GMs (als Angehörigem des „Amerikanischen Imperiums“) liefert  (zumindest Indizien für diese Annahme liefert der Blick auf Herrn Bollmanns sonstiges Werk). Träfen Herrn Sathoms Mutmaßungen zu, würden sich kultureller Dünkel und proimperiale Theorie aufs Wunderbarste ergänzen: durch Bejahung der letzteren erweist man sich als ersteres, als Zivilisationsmensch, der über dem ressentimenthegenden Pöbel steht.

Herr Sathom, dies sei klargestellt, lehnt jeden Nationalismus wütend ab; die Mystifikationen des „Volkes“, die „völkische“ Ideologie, ja Religiosität, den Unsinn der Ableitung eigener Identität aus natur- oder schicksalsgegebenen Kategorien wie der der Ethnie, die etwa Herr Rutschky aufzeigt, sind Herrn Sathom durchaus ein Greuel, noch mehr aber der widerliche Haß gegen alles „Fremde“. Herr Sathom hat sich im Studium lang und intensiv genug mit der völkischen Religiosität seit der Romantik befaßt, um wohl zu wissen, daß etwa Herrn Rutschkys diesbezügliche Ausführungen sehr wohl richtig sind. Doch, so meint Herr Sathom, ist der linksintellektuelle Verfechter der westlichen Werte und Zivilisation, teuflische Dialektik, diesem Denken, wider das er sich wendet, nicht wirklich entwachsen: anstelle des vom Nationalisten gehaßten Fremden setzt er den verachteten Unzivilisierten (mit dessen Accessoires er dennoch kokettiert, etwa wenn er abends auf dem U-Bahnhof mit Bierpulle und –fahne wedelt); theoretisch soll dieser integriert werden, doch wenn er laut aufblökt, weil der zivilisatorische Übervater – hier repräsentiert durch GM – ihm eins reinwürgt, dann ist das Antiamerikanismus. Nein, Herr Sathom hegt keinerlei Illusionen, daß ohne die „bösen“ (was sie nicht sind, zumal die positiven Aspekte der amerikanischen Demokratie wohl kaum in Zweifel gezogen werden können) Amis die Welt ein Flickerlteppich nett miteinander spielender Völkerschaften in idyllischen Kleinstaaten wäre; doch der von der linksintellektuellen Elite propagierte Entwurf der kindgleichen Anlehnung an eine Hegemonialmacht, die einem das alles gestattet, mit der man sich prima identifizieren und so am eigenen Zivilisationsideal hochziehen kann, das zu verwirklichen man ohne diese Macht offenbar unfähig (oder zu faul) wäre, hält er auch nicht für eine wirkliche Alternative.

Wie auch immer: Herr Sathom konstatiert, daß sein Eindruck ihn vielleicht nicht täuschte; es gibt zumindest Anzeichen für ideologische Grundlagen dafür, daß GM (als amerikanischer Konzern, für Magna gilt das Gleiche nicht, die kriegen Haue) im „taz“-Tenor nicht nur von Kritik freigestellt, sondern fast wie ein Befreier begrüßt wird; und daß die Darstellung der Kritiker GMs diese und ihr Publikum reduziert nationalistische Dummköpfe, scheint von ihm ebenfalls recht zutreffend wahrgenommen worden zu sein.

Dennoch: Herr Sathom will der „taz“ und insbesondere, weil er ihn so oft erwähnte, dem Herrn Bollmann nicht Unrecht tun, weshalb er explizit feststellt, daß – wie gesagt – die von Letzterem benannten Xenophobien durchaus vorhanden sind (aber, auch das will Herr Sathom betont wissen, eben nicht nur in Teilen des „linken Milieus“ (womit bei Herrn Bollmann das nichtintellektuelle linke Milieu gemeint ist)), während Herr Sathom jedoch das Naserümpfen Mancher über mangelnde Weltgewandtheit, welche im oben zitierten Artikel Herrn Bollmanns Erwähnung findet, selbst für miefig hält; daß ferner nicht der Eindruck entstehen soll, Herr Sathom meine, oder behaupte gar, die „taz“ oder die zitierten und genannten Autor verträten das oben dargestellte dünkelhafte Elite-Vorurteil oder zeigten womöglich entsprechende Verhaltensweisen in der hier sehr zugespitzt dargestellten Art und Weise. Herr Sathom gibt vielmehr seinen Gesamteindruck wieder von jenem Wind, der seines Erachtens durch die Opel-Berichterstattung der genannten „taz“-Ausgabe in toto weht. Er beschreibt hier karikierend ein dumpfes Vorurteil der vermeintlich Höherstehenden, welches seiner Beobachtung nach linke, grüne und brutalkapitalistische „Eliten“ unleugbar und oft erlebbar teilen; und er meint schon durchaus, wenigstens einen Hauch solcher Einstellungen bei den „taz“-Kommentatoren unangenehm zu spüren – auch wenn, Herr Sathom wiederholt’s, sie vielleicht nur auf diese rekurrieren, ohne sich dessen bewußt zu sein, ja, sie sogar ablehnen würden, trügen Andere sie ihnen vor. Woraus sich eben, wie Herr Sathom denkt, ihre Wahrnehmung der aktuellen Ereignisse erklären würde: man fühlt sich den „undogmatischen“ Jungs von GM eben näher, zumal vor dem ideologischen Hintergrund, den man nun einmal hat, und wenn denen dann noch als xenophob identifizierbare Sprüche entgegenschlagen, oder die Politiker sich mal wieder als unredlich, dämlich oder beides erweisen, keilt man eben unter Rückgriff auf eigene Denkstereotypen aus. Nebenbei bemerkt: daß eine gewisse, oft geradezu eklige kleinbürgerliche Spießigkeit bei vielen Bürgersleuten existiert, ist auch nicht schlichtweg unwahr; manche Leserbriefe in seiner Gewerkschaftszeitung (ja, das geht: man kann studiert haben und in der Gewerkschaft sein) lassen den Herrn Sathom nachgerade durchdrehen (woraufhin er dann manchmal selber Leserbriefe schreibt, die einmal sogar Freude in der Redaktion hervorriefen, doch seine diesbezügliche Heldentaten sind eine andere Geschichte). Immerhin läßt sich jedoch ein unter linken und anderen Intellektuellen ein theoretischer Hintergrund aufweisen, der Herrn Sathom seine Erwägungen nicht ganz unplausibel scheinen läßt.

Es bleibt in jedem Fall ein Nachgeschmack, ein unguter Eindruck vom Tenor eindeutiger Häme (mag diese auch hier eher den Politikern gelten, wobei Herr Sathom aber eben meint, daß Reden von den „Instinkten“ des Wahlvolks etc. auch dieses anvisieren), welcher die Kommentare prägt, und dieser legt nahe, daß selbst, wenn man die Hochnäsigkeit eines bestimmten Milieus durchschaut (was Herrn Bollmann eindeutig zugute zu halten ist), man nicht unberührt von dessen Vorurteilen und Wahrnehmungsfiltern bleibt und schreibt, und ihnen gelegentlich ganz oder ansatzweise auf den Leim geht, wenn sie scheinbar eine fixe Deutung ermöglichen (oder sie eben – wenn auch unbewußt – doch teilt, doch derlei will Herr Sathom ausdrücklich niemandem unterstellen). Daß ein Anhauch davon da ist, findet Herr Sathom Grund genug, den Zeigefinger zu heben.

Herr Sathom schließt damit, wobei er sich einer kleinen Stichelei gegenüber der „taz“ nicht enthalten kann: nämlich der, daß in keiner anderen Gazette dermaßen viele orthographische und grammatikalische Fehler seinen Lesefluß hemmen, ihn in die Fallstricke falscher Anschlüsse verwickeln oder sich fragen lassen, was, zum Teufel, der Autor eigentlich meint, da verdank wirrer Syntax ein gelesener Satz dem vorherigen, oder gar sich selbst widerspricht (und dies, obwohl die „taz“-Artikel nicht mit annähernd so barocken, einer Laokoongruppe würdigen Irrungen und Wirrungen prunken wie Herrn Sathoms Satzungetüme). Daß da Manche weder ihre Elaborate Korrektur zu lesen noch die Rechtschreibprüfung ihrer Textverarbeitung zu aktivieren wissen, läßt Herrn Sathom dann doch an ihrem intellektuellen Elitentum zweifeln (Herr Sathom mag die „taz“ aber trotzdem sehr; gerade auch deswegen hat ihn die Opelei etwas enttäuscht).

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