:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Kurz, wir finden Motive notwendiger, sachlich begründeter und gerechtfertigter Kritik verquickt mit Quatsch, sehr zum Schaden der ersteren, die dadurch in ungünstiges Licht geraten mag. Schlimmer jedoch: die Behandlung jener der vernünftigen Kritik entlehnten Motive ist diesen keineswegs angemessen; sie werden verdreht zu Versatzstücken einer These, die von tatsächlichen und sehr komplexen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ablenkt, unter anderem, indem sie ein ursächliches Interesse suggeriert, das wirkliche Interessenlagen undurchschaubar bleiben läßt: in diesem Fall u.a. die angebliche Vorbereitung eines dritten Weltkriegs.

Sicher haben wir es nun etwa bei Herrn Farkas mit einem Autor zu tun, der reine Phantasmen webt und sich möglicherweise nur aufs Parkett der Realität begibt, um dort gerade aktuelle Versatzstücke für neuen Irrsinn aufzulesen, zeittypische Themen auszuschlachten oder einmal seriös zu wirken; schwieriger wird’s bei anderen Autoren, bei denen der verschwörungstheoretische Gehalt weniger offensichtlich, die scheinbare Nähe zu  fundierter Kritik größer ist – sofern man sich auf den ersten Blick verläßt. Herr Ulfkotte (der Bürgerkriegswarner) scheint beispielsweise immerhin mal ein seriöser Journalist gewesen zu sein, betrachtet man seine Biographie, und ist womöglich zwar kein regelrechter Spökenkieker, jedoch mit dem Hang, sich zu verrennen und zugleich unguten Erfahrungen als Auslandskorrespondent in islamischen Landen ausgestattet. Daß er da ein ausgeprägtes Feindbild und entsprechende Angstszenarien ausgebildet hätte, wäre sogar nachvollziehbar; doch eilt ihm ein gewisser Ruf voraus, der quasi nahelegt, sein Geschreibsel für etwas anderes denn Verschwörungsquatsch zu halten, weshalb man es eben gerade kritisch lesen und sich nicht vom Ruf verblenden lassen sollte. Noch etwas anders präsentiert sich Herr Gerhard Wisnewski, der die schon erwähnte Theorie einer Ermordung Jörg Haiders vertritt; der Werbetext zu seinem kritischen Jahresrückblick „Verheimlicht vertuscht vergessen“ (Katalogseite 82) fragt erneut suggestiv auch nach diesem Todesfall, und ebenfalls (wie andere weniger seriös wirkende Schmöker), wer wirklich hinter Barack Obama stecke, benennt allerdings auch Punkte, die dem observanten Medien- und Gesellschaftskritiker wahrhaftig einiger Aufmerksamkeit wert scheinen müssen: welche Interessen etwa mit dem gezielten Lancieren bestimmter Themen verbunden sind, oder weshalb manche Ereignisse sehr schnell wieder aus der Berichterstattung verschwinden. Durchaus Punkte, die Herr Sathom für beachtenswert hält. Die Unterscheidung scheint hier ähnlich schwierig; es mischen sich mögliches Hirngespinst und ernstzunehmende Fragestellung, wobei die Antwort auf Frage, ob man es mit Verschwörungstheoretisiererei oder seriöser Medien- und Gesellschaftskritik zu tun habe, von den jeweils von Herrn Wisnewski angebotenen Erklärungsmustern und der Sorgfalt seiner Recherche abhängen dürfte. Natürlich muß auch Herrn Wisnewskis übriges Schaffen in Betracht gezogen werden, wie etwa seine Mutmaßungen über das RAF-Phantom, die sehr spekulativ sind, aber immerhin nachgewiesenem Geheimdienstschmu wie dem bei der Entführung Aldo Moros ähneln (was heißt: bei der RAF war’s wohl eher nicht so, wie er meint, aber prinzipiell kann derlei vorkommen); andere seiner Hervorbringungen zum 11. September oder zur angeblich gefälschten Mondlandung wiederum werden von Sachkundigen eindeutig ins Reich der Fabel verwiesen – was den guten, alten Mond angeht, hat etwa die ausgezeichnete und rührige Besatzung der Mondbasis Clavius Herrn Wisnewskis Behauptungen akribisch aufgelistet und widerlegt, zu seinen Thesen zum 11. September werden ihm hier die Leviten gelesen, und hier findet sich Lustiges zur Haider-Argumentation. Immerhin: Herr Wisnewski beweist eine eigene kleine Theorie Herrn Sathoms, der sich nämlich bereits unmittelbar, nachdem er von des Herrn Haider Ableben erfuhr, sogleich dachte, daß bestimmt bald Theorien auftauchen dürften, daß selbiger ermordet worden sei. Es paßt halt alles bei diesem Mann, um nach empirischer Erfahrung eine Verschwörungstheorie geradezu zwingend erwarten zu dürfen – was zumindest als Indiz darauf hindeutet, daß es sich dann auch um eine handelt. Gegenüber vielen verschwörungsparanoiden Weltuntergangstheorien hat Herrn Sathoms Hypothese also immerhin schon mal den Vorteil gehabt, eine Voraussage zu ermöglichen, die von den Ereignissen nicht falsifiziert wurde. Jedenfalls: die Gesamtschau von Herrn Wisnewskis Werk läßt erhebliche Zweifel an seiner Kompetenz oder wenigstens Sorgfalt aufkommen, und insofern auch an seiner Behandlung der oben genannten Fragestellungen bezüglich der Medien (womit eben, wohlgemerkt, nicht gesagt ist, daß die Fragen unberechtigt oder alle Antworten falsch sind – nur inwieweit das jeweils der Fall ist, muß genauestens geprüft werden, da sein Werk eben doch zur Verschwörungstheorie neigt).

Wohin führen uns nun diese Verquickungen, das Nebeneinander wirrer Gespensterseher, verschwindend weniger ganz unverdächtiger Autoren und solcher, die irgendwie auf der Kante stehen (wobei nach dem oben gesagten Herr Wisnewski verdächtig kippelt, und im Folgenden noch kippliger werden wird), sowie ernstzunehmender und völlig unsinniger Thesen?

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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