:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Herr Sathom sieht die Sache so: es ist keine Neuigkeit, daß das, was wir als Realität auffassen, stets ein Konstrukt ist; etwas, das wir generieren, indem wir unsere Wahrnehmungen durch den Filter erworbener Erwartungshaltungen, anerzogener Klischees und Stereotypen sowie persönlicher Abneigungen, Ängste, positiver Einstellungen und anderer nicht objektiver Haltungen und Gefühle rieseln lassen. Niemals bilden wir dabei komplett eine objektive Realität ab. Und tatsächlich wird auch versucht, diesen Umstand auszunutzen: Werbemacher, PR-Leute und Spin Doctors appellieren in ihren Botschaften nicht nur ganz gezielt an unsere Ängste und Sehnsüchte, sondern auch an jene unsere eingefleischten Stereotypen, vorgefaßten Meinungen und Fiktionen von Realität. Das wissen auch die Verschwörungstheoretiker (sind aber, im Gegensatz zu dem, was sie behaupten, damit keineswegs die großen Enthüller eines ansonsten unbekannten Geheimnisses).  Jedoch: anders als postmodernes Schwaflertum suggerieren will, ist unsere Sicht auf die Realität doch nicht beliebig und immer gleich „falsch“ (den „Beweis“, daß dem so wäre, führen besagte Theoretiker gern innerhalb geschlossener und somit wenig komplexer, vom Autor geschaffener fiktiver Realitäten, über welche dem Leser nur vom Autor kontrollierte Informationen zugänglich sind, etwa in Romanen, und übertragen ihn dann unzulässigerweise auf die weitaus komplexere äußere Realität, in welcher ja, anders als in der Fiktion, weitere Nachforschung möglich wäre (worüber der Leser hinweggetäuscht wird); wird dies als vorzüglicher Schabernack betrieben wie im legendären „Illuminatus!“, findet’s Herr Sathom auch neckisch, doch überstrapazieren manche den so entstehenden Eindruck, indem sie ihn wiederum zur Realität erklären). Gewissenhafte Prüfung der Quellen und auch des eigenen Selbst erlauben uns vielmehr als Korrekturmechanismen immerhin, gewahr zu sein, daß gesellschaftliche Gruppen bestimmte Interessen verfolgen, die unseren zuwiderlaufen können, und daß sie über Instrumente der Einflußnahme (Lobbyismus, PR, Beschluß hinter verschlossenen Türen) verfügen, diese Interessen durchzusetzen. Und es ist eben möglich, sich über den Wahrheitsgehalt medialer Berichterstattung ebenso ein Urteil zu bilden wie über den von PR und Werbung, über die Hintergründe politischer Entscheidungen und darüber, welche Interessengruppen diese treffen bzw. Einfluß auf sie ausüben. Ebenso wie es möglich ist, sich durch Erwerb von Medienkompetenz weniger manipulierbar zu machen. Und es stimmt ja: es wird laufend versucht, uns zu täuschen, von Interessengruppen und deren PR-Experten und Spin Doctors; es gibt genug dreckige Geheimdienstaffären und politische Klüngelei. Und sicherlich gibt es mediale Sprachregelungen und Fehlinformation, die bewußt lanciert ist oder einfach durch Schlamperei zustande kommt. Doch der aufmerksame Beobachter kann Sprechregelungen und stereotype Darstellungen wahrnehmen (etwa, daß aus dem Sprachgebrauch bundesrepublikanischer Politiker und Nachrichtensprecher unmittelbar nach der Wende der Zusatz „sozial“ verschwand, sobald sie von Marktwirtschaft sprachen), er kann sich seiner eigenen Interessen und der anderer bewußt sein, und auch dessen, inwieweit versucht wird, gesellschaftliche Gruppen bezüglich ihrer eigenen Interessen zu täuschen, wie an ihre Ängste und Ressentiments appelliert wird, und des weiteren mehr. Und er kann gegebenenfalls gegen Wahrgenommenes, den eigenen oder den Interessen der Allgemeinheit Zuwiderlaufendes opponieren. Ob wir an Verschwörungstheorien (also die der Realität am wenigsten ähnliche, unseren Erwartungen, Ressentiments und Ängsten nächste Weltdeutung) glauben oder an realistischere Varianten, liegt lediglich an dem Ausmaß, in dem wir kritik- und reflektionsfähig und kompetent im Umgang mit Informationen sind, und wie gut unsere Realitätsprüfung funktioniert – also daran, inwieweit wir uns selbst aufgeklärt und entsprechende Kompetenzen erworben haben (und letztlich auch davon, über wieviel möglichst nicht einseitige Lebenserfahrung wir verfügen). Ein Schwindel verschwörungstheoretischer Schriften besteht daher bereits darin, sensationsheischend zu suggerieren, sie enthüllten zutiefst verborgene Geheimnisse über alle möglichen Mißstände, deren Kenntnis auch ohne die betreffenden Machwerke frei zugänglich ist.

Der genannte Herr Wisnewski ist ein gutes Beispiel für das oben Gesagte: eine umfassende Recherche vermag zu erhellen, wie er, seine Beweisführung bei seinen „Enthüllungen“, und damit zumindest auch mutmaßlich sein sonstiges Oeuvre einzuschätzen seien. Die in seiner Biographie genannten Punkte lassen ihn dabei zunächst als durchaus ernstzunehmenden Journalisten erscheinen, der für diverse Publikationen arbeitet, und von einem Grimme-Preis liest man auch ab und  was. Aber man muß eben nur genauer hinschauen: den Preis erhielt nicht er für’s RAF-Phantom, sondern jemand anders für dessen Verfilmung (der Katalog nennt zwar nicht den Grimme-Preis, bezeichnet Herrn Wisnewski aber als „preisgekrönt“; in einigen Blogs und Foren, die sich positiv zu Wisnewskis Büchern äußern, wird er allerdings als „Grimme-Preisträger“ bezeichnet, daher noch mal zu Mitschreiben: den Grimme-Preis erhielten Regisseur Dennis Gansel und Darsteller Jürgen Vogel für den Film Das Phantom, und nicht Herr Wisnewski. Dessen Wikipedia-Biographie listet keinerlei Preise auf (was nicht heißt, daß es keine gäbe, doch ist Herrn Sathom kein solcher bekannt). Aber es läßt sich natürlich prima andeuten, wie verläßlich die Thesen eines Autors sind, wenn man ihn als den „Grimme-Preisträger xyz“ bezeichnet); zu den Blättern, für welche daselbst Herr Wisnewski schon schrieb, gehört unter Anderem das Bollwerk investigativen Journalismus, die „Bild“. Viele von Herrn Wisnewskis Thesen und Belegen für diese sind in sorgfältiger Kleinarbeit widerlegt worden (siehe oben). Und siehe: es stimmt eben nicht, daß man die Realität beliebig so oder so sehen kann (wäre dem so, machten die „Enthüllungen“ verschwörungstheoretischer Autoren ja auch gar keinen Sinn – es könnte ja dann doch auch wieder ganz anders sein); man kann je nach Genauigkeit der Recherche durchaus zu Ergebnissen kommen, die sich wirklichen Sachverhalten mehr oder weniger annähern (bei Verschwörungstheorien eben weniger), und welche eben auch die Einschätzung von Autoren wie Informationen der Realität anzugleichen vermögen. Wir sehen also: man muß nicht alles unhinterfragt glauben, was einem an offiziellen Verlautbarungen entgegenschlägt – gehe es nun um die Mondlandung, die RAF, oder angebliche Sachzwänge der Globalisierung, hinter denen sich massive Kommerzinteressen verstecken, die aber als vermeintlich unbeeinflußbare Naturgesetze gehandelt werden. Man darf aber auch einem, der vermeintliche Hintergründe aufdeckt, nicht unbedarft glauben – man kann seine Quellen, seine sonstigen Thesen, die von ihm präsentierten Fakten ebenfalls einer genauen Überprüfung unterziehen. Man muß nur am Ball, aufmerksam und skeptisch bleiben, und schon kann man sich tatsächlichen Sachverhalten annähern – und damit sowohl berechtigte Kritik üben, als auch diese von unglaubwürdigen Konstrukten unterscheiden. Herr Sathom könnte viel und lang über die gesellschaftliche, soziale, kulturelle und mediale Produktion und Konstruktion von Realität dozieren, und darüber, daß es eben zutreffe, daß diese immer Konstruktion sei, wobei auch Glaubwürdigkeit und Plausibilität von Vorprägungen des Betrachters abhängen, um dann zu widerlegen, daß die Konstruktion nicht dennoch zu durchschauen wäre; er beschränkt sich statt dessen auf die lapidare Feststellung, daß man eben schon hinkieken muß, weil man sonst nüscht sieht.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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