:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Daß dessen unbenommen der Eindruck bleibt, daß vieles, das in den Medien als Realität präsentiert wird, was uns z.B. an wirtschaftsliberaler Weltdeutung, offizieller Verlautbarung oder als Werbung entgegenschlägt, bezüglich seines Wahrheitsgehalts vielleicht keine nachgerade „verschwörungstheoretischen“, jedoch sehr wohl „Realität“ konstruierende Qualitäten hat, steht auf einem anderen Blatt – eben deswegen muß es kritisch überprüft werden, nur daß eben voreingenommene oder nachlässige Prüfung letztlich erst recht Verschwörungstheorien gebiert – solche, die von den tatsächlichen Sachverhalten noch weiter wegführen.

Was bleibt, ist: wir finden in besagtem Katalog Autoren, die ganz offensichtlich realitätsfernen Wahnvorstellungen anhängen oder solche bewußt produzieren, um die Unbedarften oder Verängstigten auszunehmen, die sich also von PR-Schwindlern oder medialen Lügnern gar nicht so sehr unterscheiden; jene, die ein ehrliches Aufklärungsinteresse haben (und von denen, wenn auch irrend, vermutlich Frau Ates die einzige im behandelten Katalog ist, dieweil Herr Sathom Herrn Broder wenigstens zugestehen will, daß er sich vermutlich Mühe gibt); und jene, deren Realitätsprüfung manchmal versagt, deren vorgeprägte Erwartungshaltungen ihnen eine Interpretation des Wahrgenommenen nahelegen, welche sie in den Bereich der Verschwörungstheorie abgleiten läßt – um so mehr, wenn das psychologisch erklärbare Bedürfnis, an eine bestimmte Deutung zu glauben, sie gegenüber Fehlinformation leichtgläubig, in der Recherche nachlässig, in ihrer Auswahl der Fakten selektiv werden läßt. Ob Herr Ulfkotte und Herr Wisnewski zu diesen, oder zu den bewußt Schwindelnden gehören, vermag Herr Sathom an dieser Stelle nicht zu entscheiden und enthält sich dahingehend auch jedes Urteils.

Jedenfalls zeigt sich: erstens läßt sich vermittels beharrlicher Nachforschung unter Beibehaltung stets kritischer Distanz durchaus erkennen, was „wirklich vorgeht“; ggf. kann man auffällige Erscheinungen bezeichnen, ohne dahinter gleich eine ganz bestimmte Erklärung für diese zu postulieren. Zweitens ist es deswegen nicht nur möglich, begründete Kritik an gesellschaftlichen Instanzen, Entwicklungen und Interessengruppen zu üben, sondern auch, diejenigen Weltdeutungen letztlich zu enttarnen, die zunächst nicht als Verschwörungstheorien erkenntlich sind, weil sie nicht mit offenkundigem UFO-Budenzauber argumentieren, sondern Motive einer rationalen (wenn auch durchaus und zulässigerweise moralisch oder empathisch motivierten) Kritik aufgreifen.

Die Nähe, die zwischen seriöser Aufklärung bzw. investigativer Recherche und Verschwörungstheorie entsteht, indem von bestimmten Autoren Motive und Erkenntnisse ernstzunehmender Nachforschung oder Kritik aufgegriffen und als Mäntelchen für wirre oder voreilige Deutungen zweckentfremdet werden, ist allerdings fatal; und zwar deswegen, weil dadurch möglicherweise zutreffende Erkenntnisse neben komplett verstiegenen Thesen (bzw. zu deren Begründung) dargeboten werden, womit letzteren ein Hauch Glaubwürdigkeit verliehen, und zugleich jede ernstzunehmende Wahrnehmung in den Dunstkreis des Irrsinns gezogen wird. Dies geschieht einerseits dadurch, daß eben – wie beschrieben – innerhalb der Werke die zutreffende Kritik zum Argumentationsbaustein absurder Theorien wird, und andererseits dadurch, daß Werke voll irrsinnigster UFO-Wahnvorstellungen neben weniger oder ganz und gar nicht verdächtigen präsentiert werden (wobei, Herr Sathom wiederholt’s, ihm ganz und gar unverdächtig nur Frau Ates und Herr Broder sind, wiewohl er beiden nicht zustimmt und den Herrn Broder zudem ganz und gar nicht leiden mag).

Um das Dilemma noch etwas klarer zu zeichnen: da gibt’s ein Buch von Albrecht Müller, „Meinungsmache“ (Katalogseite 66), das davon handelt, wie die öffentliche Meinung durch gesteuerte und bezahlte Kampagnen beeinflußt wird, wie dies so lange und über verschiedenste Kanäle betrieben wird, bis alle das, was vermeintliche Experten ihnen eintrichtern, geglaubt wird (was ja nicht unzutreffend ist – wobei zu berücksichtigen wäre, daß derlei manchmal mit, manchmal ohne Steuerung stattfindet, dann z.B. qua gegenseitiger Bestätigung in gemeinsamen stereotypen „Erklärungen“, die in bestimmten meinungsbestimmenden Kreisen gerade „in“ sind); und das ganz richtig konstatiert, daß politische Entscheidungen „von kleinen Zirkeln und sehr großen Interessen bestimmt“ (Werbetext) werden, was ja allzu häufig zutrifft und letztlich bedeutet, daß die Demokratie von Oligarchie unterhöhlt wird (auch wenn die Verallgemeinerung und Ausschließlichkeit der Aussage zu hinterfragen wäre). Ein anderer Titel handelt davon, daß die hehre Wissenschaft nicht immer lautere Erkenntnis kündet (Erdoğan Ercivan: Gefälschte Wissenschaft, Katalogseite 99), sondern Ergebnisse von Studien u.a. davon abhängen, wer sie bezahlt (Herr Sathom würde hinzufügen: nicht immer, manchmal auch vom zeitgeistgesteuerten, vom Wissenschaftler nicht reflektierten Vorurteil, das sowohl die Interpretation seiner Ergebnisse als auch bereits die Fragestellung bestimmt, was für die tatsächlichen, ebenso unreflektiert bleibenden Motive seines vermeintlichen Erkenntnisstrebens ebenfalls gilt. Zudem: auch in wissenschaftlichen Disziplinen gibt es Erklärungsstereotypen, die gerade „in“ sind). Hat man’s hier nun mit Verschwörungstheorien zu tun oder sachlicher, gewissenhaft recherchierter Aufklärung, mit seriöser Medien- und Wissenschaftskritik oder Dummfug? Nun, bei Herrn Ercivan ist die Antwort schnell gefunden: ein anderes seiner Machwerke, „Verbotene Ägyptologie“ (Seite 8, November-Katalog) kündet davon, daß die ollen Pharaonen bzw. deren Priester  schon über Elektrizität, Uranenergie und Klonexperimente Bescheid wußten; und sein Titel „Imhoteps Grab“ (a.a.O.) enthüllt, daß der ägyptische Priester Imhotep ein von „Göttern“ (im Werbetext in Anführungszeichen, gemeint sind also wohl „Astronautengötter“ à la EvD) erlangtes Geheimwissen hinterließ, das „bestimmte Organisationen“ und „geheimnisvolle Geldgeber“ (Werbetext) jedoch der Öffentlichkeit vorenthalten wollen. Und auf Seite 9 derselben Katalog-Ausgabe erfahren wir, daß Herrn Ercivans „Missing Link der Archäologie“ u.a. enthüllt, daß das allgemeine Bild der minoischen Kultur (Matriarchat & stuff) auf den Phantasien des Ausgräbers Arthur J. Evans (eines archäologischen Amateurs, wie die Kolonialzeit sie mehrfach hervorbrachte) und eines „Schweizer Künstlers“, und die Evolutionstheorie auf einer Lüge basiere. Man erkennt das Problem: Herr Ercivan greift Motive durchaus berechtigter Wissenschaftskritik auf, und mischt sie mit absurden Thesen; so stimmt es ja, daß man Studien und Erklärungsmodellen aus diversen Gründen kritisch begegnen muß, und es ist – um einen konkreten Punkt aufzugreifen – nach aktuellem Forschungsstand ebenfalls richtig, daß Sir Evans beim „Rekonstruieren“ ausgegrabener minoischer Stätten die vorgefundene Realität seinen Erwartungen, na sagen wir mal, anpaßte (was damals durchaus nicht unüblich war, unter den häufig als Archäologen sich umtuenden Dilettanten zumal), und daß einige seiner „Beweise“ für einen matriarchalen Kult möglicherweise von seinen Restauratoren (die wußten, was er suchte, und gut bezahlt wurden, dies zu liefern, und eben leider auch clevere Kunstfälscher waren) gefälscht wurden (indem sie z.B. Trümmer unterschiedlicher kultischer Figuren so zusammenkleisterten, daß neue, den Erwartungen des Herrn Evans entsprechende, entstanden), was Evans jedoch bezüglich dieser Fundstücke zum Gefoppten, nicht zum Schwindler machen würde (ganz so wie Herrn Ercivans These, Evans habe alles zusammen mit einem Schweizer Künstler erfunden, lautet die tatsächliche Kritik also nicht). Ercivan vertritt jedoch zugleich auch völlige Irrsinnsthesen – was die zutreffenden wissenschaftskritischen Äußerungen, die er sich aus dem fachlichen und öffentlichen Diskurs herausfischt, eben unter Umständen diskreditieren könnte, weil es sie ins Zwielicht des übrigen Quatschs zieht (bzw. der berechtigten Kritik ähnliche, aber nicht ganz identische Behauptungen aufstellt und diese mit völligem Unfug mischt).

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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