:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Sicher, man kann bzw. muß dann eben die Werke lesen, kritisch prüfen, sich ggf. über die Bücher hinaus zu Autoren und Themen selber kundig machen (die Behauptung, daß die wahren Ursachen von AIDS vertuscht würden, macht Herrn Ercivans Buch „Gefälschte Wissenschaft“ schon wieder suspekt und rückt es in die Nähe gängiger Konspirationstheorien) – aber wird mancher sich für aufgeklärt halten wollende Zeitgenosse dies überhaupt, so er sie in solchem Umfeld antrifft, das scheinbar schon alles aussagt, und werden umgekehrt jene, die denen das verschwörungstheoretische Umfeld zusagt, solch kritischen Umgang betreiben? Und wo Werke beides, das Vernünftige mit dem Unsinn mengen – welchen Eindruck gewinnt da Mancher vom Vernünftigen? Gleiches gilt für das Thema Kapitalismuskritik: ein katalogisiertes Werk etwa beklagt u.a. das internationale Transfergeschäft, das ja tatsächlich – entkoppelt von eigentlicher Produktion und somit Wertschöpfung (lassen wir philosophische Implikationen wie die, daß der Begriff „Wertschöpfung“ bereits die Wertlosigkeit nicht vermarktbarer Dinge impliziert und somit etwas über die psychologische Verfaßtheit des der Wirtschaftsontologie anhängenden Menschen aussagt, mal beiseite) – zu Gunsten weniger Profiteure enorme Nachteile für die Mehrheit der Menschen bedingt, und im Zuge der Globalisierung in an sich gesunden Lokalwirtschaften Armutsproletariate schafft; allein, es werden solche berechtigten Kritikpunkte in vielen firmierenden Werken durchmischt mit wirren Phantasmen, und sofern sich im Katalog tatsächlich fundierte, realistische Darstellungen finden sollten, sind diese bereits durch ihre Nachbarschaft zu offenkundigem Schwachsinn einem Anfangsverdacht ausgesetzt (den manche auf diesbezügliche Kritik verallgemeinern könnten – denn es gibt ja auch ein Bedürfnis, sich einzureden, daß schon alles in Ordnung sei).

Herr Sathom gesteht es ein – es scheint ihm unmöglich, bei jedem Werk, zumal wenn er die Autoren nicht kennt, zu beurteilen, ob es Wahrheit, Schwachsinn, oder eine Mixtur aus beidem beinhaltet. Es bliebe, jedes einzelne Werk kundig zu prüfen (was heißt: es erwerben zu müssen, sofern man’s nicht in einer Stadtbibliothek findet) – daran etwas zu beklagen, wäre so naiv wie eitel, denn reflektierter Umgang mit publizierten Thesen und Informationen gehört nun einmal dazu (allerdings reicht im vorliegenden Fall ein Blick auf die im Werbtext aufgeführten Behauptungen der Autoren zumeist aus, verschwörungstheoretische Elemente, die mit Themen seriöser Kritik vermischt aufgezählt werden, zu erkennen). Doch dadurch, daß sich verschwörungstheoretische Autoren gerechtfertigter Kritik bemächtigen, und daß Schriftwerk seriöser Autoren (soweit vorhanden) in unmittelbarer Nähe zu irrsinnigsten Wahnideen paradiert, beschädigen jedenfalls Verlag und Verschwörungstheoretiker die aufklärerische, notwendige und sachlich fundierte Kritik durchaus. Letztlich jedenfalls zeigt sich: ohne Zweiflertum, Quellenkritik und Differenzierungsvermögen geht’s nicht, und ist die Öffentlichkeit ausgestattet mit diesen, stellen auch üble konspirationstheoretische Schriften kein Problem dar – eine Umgangsweise mit Schriftwerk, welche die Werbung für verschwörungstheoretische Schriften allerdings vorab zu unterwandern sucht, indem sie jene als Enthüllungen tiefster Wahrheit preist. Herr Sathom etwa interessiert sich sehr für einen Forschungszweig, Epigenetik genannt, welcher aufzeigt, daß Umwelteinflüsse das Genom auf sich sofort auf den Stoffwechsel des Individuums auswirkende und zudem dauerhaft vererbbare Weise verändern können (womit nicht eine Mischung aus Metamorphose und Mutation – „Hulk Smash!“ – gemeint ist, sondern etwa Blockade von Genen – etwa durch bestimmte Nahrung – und Weitervererbung dieser Inhibition, wobei das Ganze auf chromosomaler Ebene stattfindet); daß auch dieses Thema unter den vom Kopp-Verlag vertriebenen Publikationen auftaucht, rückt es durch Nachbarschaft irgendwelcher Chroniken des Wahns gleich wieder in ein Licht, das Herrn Sathom ärgert.

Letztlich bleibt die Notwendigkeit einer Kritik der durch Aufgreifen berechtigter und fundierter Kritik „getarnten“ Konspirationstheorie (die bloße Aussage, daß sie eben „Quatsch“ sei, nutzt gar nichts, und straft zudem den sich für rational haltenden Kritiker Lügen), um sie zu scheiden von reflektierter, emanzipatorischer, einer demokratischen öffentlichen Debatte dienlicher Aufklärung; es ist ihr ebenso kritisch zu begegnen, wie jeder anderen Form von Berichterstattung auch, sofern sie sich nicht auf den ersten Blick als Unfug entlarvt, sondern sich durch Einkleidung in Fakten, die unabhängig von ihr durchaus echt sein können, mit einem Mäntelchen der Plausibilität umgibt.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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