:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Denn der aufgeklärte und kritische Geist wird nicht nur politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Themen kritisch,  reflektiert und aufmerksam begegnen; er wird auch nach Hintergründen fragen, den Aussagen von Meinungsmachern und Mainstreammedien analytisch und mit wachsamem Verstand begegnen, und sich im Klaren sein, daß weder das, was PR-Agenturen in Form viraler Information verbreiten oder den Presseagenturen unterjubeln, noch das, was die Werbung ihm manipulativ eintrichtern will, die lautere Wahrheit sei, und unverdrossen nach derselben forschen. Er wird sich medienkompetent machen, auf daß er die Strategien der berufsmäßigen Lügenbolde kenne und durchschaue, wisse, nach welchen Maßgaben sie vorgehen und was in ihm selbst Anknüpfungspunkte für ihre niederträchtigen Tricks biete (Selbsterkenntnis wird’s genannt), aber zugleich auch diejenigen Informationen, die offiziellen Verlautbarungen und medialer Meinungsmache zuwiderlaufen, mit derselben gesunden Skepsis der Quellenkritik unterziehen. Er wird Herrschaftsinteressen und –mechanismen kritische Aufmerksamkeit schenken und bestrebt sein, sich über gesellschaftliche Vorgänge und deren Dynamik, über Motive und Hintergründe politischen Handelns sowie deren Folgen aufzuklären, und gegen diese gegebenenfalls opponieren, sei’s, indem er sich in den Diskurs einbringt, sei’s, indem er auf Demos mitspaziert. Er wird sich zu guter Letzt analytisch, aufgeklärt und reflektiert damit befassen, welche Interessengruppen den öffentlichen Diskurs, und damit die gesellschaftliche und soziale Entwicklung, auf welche Weise beeinflussen, und kritisch darauf hinweisen, zumal dann, wenn dies zum Schaden anderer Interessengruppen gereicht, insbesondere zu sozialen Verwerfungen führt.

Und dafür gibt’s ja an sich Anlässe zuhauf: wie die Ideologie des Neoliberalismus funktioniert, auf welche Stereotypen und Klischees sie aufbaut, und wie sie, sich seit Jahren erfolgreich qua entsprechender Geschichtsdeutung zur endgültigen, historisch siegreichen ultima ratio zivilisatorischer Entwicklung ausrufend, jeden alternativen Denkansatz zu diskreditieren sucht; wie Denkklischees und Vorurteile unser Urteil bestimmen und geschickt genutzt werden, um Meinungen zu manipulieren, wie durch Werbung den Menschen die Welt als Abenteuerspielplatz dargestellt wird, darin sie ihre Identität und ihren Wert durch Produktbesitz und Zugehörigkeit zur Masse der Besitzer bestimmter Produkte erlangen, und sich zudem durch den Kauf die als erstrebenswert dargestellten Charakterzüge ewig Spaß habender Konsumzombies verschaffen können. Wie sie durch die Fiktion, auf einer ewig währenden Party zu sein (und da ordentlich mithalten zu müssen) über ihre tatsächlichen Lebensbedingungen getäuscht werden, auf daß sie diese nicht bemerken mögen. Wie es zugeht, daß die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, daß Bildungschancen vorenthalten und vom Geldbeutel abhängig gemacht werden, und wie durch geschickt lancierte Feindbilder und Klischees die Gefoppten dazu angehalten werden, aufeinander loszugehen, anstatt auf die eigentlichen Verursacher, und, und, und.

Über viele dieser Themen haben schon hervorragende Denker (was beispielsweise die Wirkung der Medien angeht, bereits in den 1950ern prophetisch der Herr Günther Anders) gewitzt und klug geschrieben, ehe Herr Sathom geboren ward, andere beleuchten sie heutigentags kritisch; und was Herrn Sathom erzürnt, ist schlichtweg dies: daß wie gesagt die Verschwörungstheoretiker sich genau der Themen bemächtigen, welche auch dem kritischen Humanisten ein Skandal sein müssen; daß sie aufnimmt, was Medienkritiker, kritische Journalisten, Kultur- und Sozialwissenschaftler aufdeckten an Mechanismen und Strukturen, über welche es aufzuklären, und wider die zu streiten es gilt; und daß sie das Aufgenommene benutzt, um es, vermischt mit ihren eigenen paranoiden Irrsinnstheorien, zu einem ganz eigenen Süppchen zusammenzukochen. Was daran dem Herrn Sathom Brechreiz bereitet, ist einerseits, was für ein Süppchen das oft ist, und andererseits, daß die Elenden durch ihr Tun analytische, investigative, reflektierte, dialektische und kritische Herangehensweisen an die Welt in die Nähe ihrer verquasten Hirngespinste rücken.

Besonders frivol dabei findet yours truly nicht nur, daß sie zugleich ihren Kopfgeburten durch Rekurs auf die ja nachweisbaren Sachverhalte und Kritikpunkte, die sie anderen abgeguckt haben, das Mäntelchen der Glaubwürdigkeit umhängen, sie damit also in den Augen Vieler hoffähig machen. Vielmehr kommt, daß sie damit die auch mehr als notwendige Kritik und Analyse tatsächlicher Mißstände sabotieren, nach Herrn Sathoms Auffassung noch hinzu; denn nicht nur diskreditieren sie richtige und notwendige, politische und gesellschaftliche Kritik (auch Protest und Widerstand) durch Übernahme von deren Themen, nein – sei erweisen sich vielmehr auch als ultrakonservativ dadurch, daß sie die Aufmerksamkeit ihrer Anhänger von wirklichen Zusammenhängen auf verquaste  Pseudoerklärungen umlenken, wie Herr Sathom in Folgenden aufzuweisen gedenkt (daß ein konservatives Element auch in linken Verschwörungstheorien aufscheint, mag überraschen, doch auch dazu wird Herr Sathom in einem späteren Artikel ein paar erläuternde Worte zu sagen haben).

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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