:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

These 3: Die Verschwörungstheorie appelliert an ein Gefühl der Ohnmacht, schürt so bestehende Ängste, aber auch Wut- und Haßgefühle (bzw. produziert diese), an welche verschwörungstheoretische Texte ebenso wie die für sie betriebene Werbung wiederum anknüpfen können. Die nicht verschwörungstheoretische Auffassung, daß sowohl Interessenlagen und -konflikte wie auch Methoden bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, ihre Interessen (durchaus auch intrigant) durchzusetzen,  durchschaubar seien, transparent gemacht, politisch und sozialwissenschaftlich analysiert werden könnten, läßt diese als handhabbar erscheinen; Auseinandersetzung, Gegenagitation, eigene Einflußnahme auf die Gestaltung der Gesellschaft und auch nötigenfalls Protest und Widerstand werden möglich, sind aber auch erforderlich, kosten also Zeit, Mühe und Engagement. Im Gegensatz dazu erzeugt die Verschwörungstheorie zunächst ein Gefühl des Ausgeliefertseins und Betrogenwerdens; zwar greift sie gern auch von der rationalen Gesellschaftskritik behandelte Punkte auf, gibt sich kritisch gegenüber Politik, Massenmedien, Wirt- und Wissenschaft, benutzt diese Elemente jedoch nur als Versatzstücke für ein Weltbild, in dem die eigentlichen Drahtzieher – die ggf. noch hinter den tatsächlich agierenden Mächtigen, gesellschaftlichen Gruppen und Schichten verborgen gedacht werden – unsichtbar oder unantastbar bleiben und eventuell sogar durch außerirdische oder jenseitige Mächte unterstützt werden, jedenfalls aber der Beeinflussung durch Kritik oder der Verhängung von Konsequenzen oder Sanktionen für ihr Handeln entzogen bleiben. Dient die rationale Gesellschaftskritik der Aufklärung und somit auch der Instandsetzung, gegen durchschaute und als nicht wünschenswert, als den eigenen Interessen zuwiderlaufend eingeordnete Entwicklungen und Zustände aktiv handelnd vorzugehen, dienen die „Entlarvungen“ angeblicher Verschwörercliquen in dunklen Kellern der Erzeugung von Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen, ggf. von Angst und/oder Haß. Dies hat zwei Konsequenzen: zum Einen kann bequemerweise gegen angebliche Illuminaten,  sonstige Geheimbündler und reale Angehörige verdächtiger „Eliten“ gar nicht vorgegangen werden, da sie als nahezu omnipotent oder vom System komplett geschützt gedacht werden, womit der Verschwörungsgläubige von eigener Verantwortung zum Handeln freigestellt ist  (einmal davon abgesehen, daß seine Gegner, sofern jedenfalls als Illuminaten etc.- also als eher phantastische Protagonisten – imaginiert, nicht existieren, und man Nichtexistentes nicht bekämpfen kann) – denn was soll er schon unternehmen gegen jahrhundertealte Mächte des Bösen, die zudem noch von magischen oder außerirdischen Kräften unterstützt werden (außer deren Machenschaften zu enthüllen, also: verschwörungstheoretisch aktiv zu sein). Zum Anderen kann er sich überzeugt geben, daß demokratische Formen der Auseinandersetzung  (auch in Form außerparlamentarischer Opposition) wirkungslos sind,  da das vollkommen korrupte System der Scheindemokratie diese ohnehin ignoriert, diffamiert oder mundtot macht. Sofern überhaupt, bleibt dem Verschwörungsgläubigen daher als Mittel der Auseinandersetzung oder Opposition nur noch der Weg in die eigene, ideologisch abgeschottete Subkultur (oder ins politisch, weltanschaulich oder religiös (und ja, auch muslimische Verschwörungstheorien gibt’s) radikale Spektrum) – also der Ausstieg aus allen anderen Strukturen, die ihm ja als durch und durch konspirativ unterwandert gelten (angesichts der Beeinflussung der Politik durch Lobbyismus, der Wähler und Konsumenten durch Spin-Doctors, des gesamtgesellschaftlichen Diskurses durch Interessengruppen, der hinter verschlossenen Türen gemachten Politik und deren Winkelzügen kein völlig unzutreffender Vorwurf – etwa zum EU-Vertrag gäbe es hier Einiges zu sagen; das Problem ist ein anderes: nämlich daß die Weltsicht, der zufolge die manipulative Kontrolle von Verschwörergruppen total ist, herkömmliche Systemkritik oder öffentlichen Widerstand sinnlos erscheinen läßt, so wie auch systemkritische Informationen, die nicht aus eigenen Netzwerken oder von vertrauten „Enthüllungs“-Auoren stammen, prinzipiell weniger wert sind). Anders ausgedrückt: der Verschwörungsgläubige wendet seinen Haß und seine Aggression beispielsweise gegen die Migranten, weil er an die düsteren Mächte, welche ihm diese angeblich absichtlich zwecks Kulturzerstörung ins Land treiben, nicht herankommt; polemisch gesprochen: anstatt beispielsweise gegen als Mißstand wahrgenommene  Sachverhalte Volksentscheide zu initiieren, beklagt er lieber, diese gingen  in ihren Möglichkeiten nicht weit genug, anstatt mal die „Piraten“ zu wählen, erklärt er Wahlen für sinnlos, und verschiebt jegliche Aktivität außer der Verbreitung seiner Behauptungen lieber auf einen in eine beliebig nahe oder ferne Zukunft projizierten Tag X, an dem die „Massen“, denen endlich die Augen aufgehen, es Denen da oben schon zeigen werden. Und bildet sich dabei in seiner Idiotie ein, mit alledem wirklichen und inexistenten Drahtziehern eins auszuwischen.

Es ist legitim und notwendig, nach den Hintergründen politischer Entscheidungen zu fragen, Einflußnahme durch Lobbyisten bloßzustellen und zu kritisieren, oder bei intransparenten Entscheidungen die Frage „Wem nützt es?“ zu stellen; anders als der aufklärerisch-kritische Geist wird der Theoretiker der Konspiration jedoch stets von gerade diesen Fragen ablenken, sie weder profund beantworten können noch wollen, tatsächlich wirkende Spin Doctors und Interessengruppen nur als Belege für seine These anführen, daß hinter eben diesen noch ein kapuzentragender Butzemann im Hintergrund lauert, der wahlweise Illuminat, Freimaurer, Außerirdischer oder Agent der gar nicht untergegangenen, sondern nach Atlantis umgesiedelten Rest-Sowjetunion sein kann. Wirkliche Kritik, Aufklärung und auch wirklicher Protest oder Widerstand werden so unterbunden – einer wie auch immer gearteten Einflußnahme und Beteiligung ist man nämlich nicht mehr mächtig (und auch guten Gewissens enthoben), wenn man nicht gegen reale Mißstände, Strukturen, Interessen und deren Vertreter handeln und argumentieren kann, sondern es mit der Mumie von Adam Weishaupt zu tun hat (oder hat einer von Euch schon mal eine Demo gegen die Illuminati gesehen, Leute?).

Die scheinbar seriöse Verschwörungstheorie wiederum leistet das Gleiche, indem sie, wie gezeigt, Scheingefechte entfesselt, Schauplätze aufbaut, daselbst sich das berechtigte Mißtrauen der Menschen an irrelevanten Pseudoproblemen die Zähne ausbeißen kann.

Dafür, daß an solche Ohnmachtsgefühle appelliert wird, mag auch beispielhaft ein erneuter Rekurs auf den Werbetext zu Frau Ates’ Buch zeigen, diesmal mit Blick auf das Unheimliche der „Gefahr“, die dort beschworen wird. Unheimlich, das heißt: Grusel erregend, im Dunklen lauernd, undurchschaubar und nicht greifbar (wenigstens vermeintlich; eine Psychoanalyse des Begriffs führte hier jedoch zu weit). Der Mensch ist dunklen, ominösen Mächten ausgeliefert, lautet die Botschaft, und denen geht’s mindestens um den Weltuntergang; mit Diskurs und Diskussion, auch vielleicht öffentlichem Protest, oder gar mit Kommunikation, ist da nichts zu machen. Und schon gar nicht ist irgendwas von alledem mit wachem, analytischem Verstand durchschaubar, sondern kommt ans Licht nur verdank der Lehren weniger Weiser, die uns ihr auf geheimen und fährnisreichen Pfaden erworbenes Wissen voll prophetischer Güte mitteilen.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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