:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

War er jedenfalls angesichts solcherart enthüllter Gefahren noch immer nicht bereit, sein Mad Max-Outfit anzulegen und den letzten V8 warmlaufen zu lassen, gab dem Herrn Sathom ein weiteres beworbenes Werk Herrn Ulfkottes den Rest: in „Heiliger Krieg in Europa“ (Katalogseite 80) enthüllt dieser den „Masterplan der Muslimbruderschaft“ (Werbetext), die Europa „seit Jahrzehnten systematisch unterwandert“ (ebenda) und die Niederwerfung der Welt durch die Muslime nach Abschluß von „Phase 7“ jenes Plans für das Jahr 2020 (schon wieder dieses verdammte Jahr! Was ist denn aus 2012 geworden?) prognostiziert. Herr Sathom hört die guten alten Protokolle der Weisen von Zion – nur mit anderem Feindbild versehen – rascheln, wenn er solch gequirlte  Scheiße liest. (Und ehe man Herrn Sathom mißversteht (oder gern mißverstehen möchte): er unterstellt Herrn Ulfkotte ausdrücklich keinen Antisemitismus (was in diesem Zusammenhang ohnehin schwachsinnig wäre), und ebenso keinerlei enstprechende oder ähnliche gegen Muslime gerichtete Gesinnung. Herr Sathom verweist auf jene Protokolle lediglich metaphorisch, um durch Hinweis auf deren Absurdität den seiner Auffassung nach paranoiden, ebenfalls komplett absurden Gehalt der Idee einer von Verschwörern absichtlich betriebenen Zerstörung der westlichen Zivilisation aufzuzeigen).

Pikant ist, daß sich derlei Machwerke in derselben Rubrik und unmittelbaren Nachbarschaft der „Kritik der reinen Toleranz“ des intellektuellen Herkules Henryk M. Broder, aber auch des Buches „Der Multikulti-Irrtum“ der vielhofierten Madame Seyran Ates finden; ob Frau Ates, die ja korrekt beobachtet und zu Recht kritisiert, was an der Bildung von Parallelgesellschaften und dem Verhalten mancher Migranten nicht zu dulden ist, aber irgendwie die Ursachen verwechselt – nicht Multikulti, sondern Ignoranz, vor allem aber fortwährende, jahrzehntelange Feindseligkeit gegenüber Migranten und die Weigerung, sich als Einwanderungsland zu erkennen, führten nach Herrn Sathoms Auffassung zur Bildung von Parallelgesellschaften; die, welche die Entwicklung jetzt beklagen, haben sie also selbst herbeigeführt, nicht irgendwelche Multikulti-„Spinner“, denen sie jetzt die Schuld zuschieben – ob Frau Ates also sich in solcher Nachbarschaft wie der des Herrn Ulfkotte wohlfühlt, fragt sich Herr Sathom ernstlich. Pikant auch, daß der Werbetext für „SOS Abendland“ auch eine Lobhudelei des Herrn Ralph Giordano für das betreffende Machwerk beinhaltet (ob welcher Lobrede Herrn Giordano auch schon intellektueller Selbstmord bescheinigt wurde). Solche Akzeptanz gediegenen Schwachsinns auch seitens eines etablierten Intellektuellen, wie auch die Präsentation neben Büchern wie dem der sicher nicht des Verschwörungstheoretisierens verdächtigen Frau Ates sei hier betont, um aufzuzeigen, weshalb Trennschärfe zwischen reflektierter Herrschafts- und Gesellschaftskritik einerseits und Verschwörungsgefasel andererseits so wichtig ist: die Nähe der Präsentation suggeriert, auch vermittels entsprechender Werbetexte (zum Werbetext zu Frau Ates’ Buch unten mehr), eine inhaltliche Nähe, welche die Verschwörungstheorien glaubwürdiger machen soll, die Glaubwürdigkeit der vernünftigeren Schrift hingegen beschädigt (nicht, daß Herr Sathom nun deswegen irgendeiner Äußerung von Herrn Broder je den Rang höherer Erkenntnis zugestehen würde, aber man versteht das Prinzip, gell). Um so mehr scheint solche Trennschärfe auch gefragt, als Manche Herrn Ulfkotte tatsächlich für so etwas wie einen investigativen Journalisten halten, obwohl er sich oft genug blamiert hat (indem er einstens etwa die von einer österreichischen Künstlergruppe in satirischer Absicht verbreitete Forderung, der Alpen Gipfelkreuze durch Halbmonde zu ersetzen, für bare Münze nahm und flugs als Beleg für seine Thesen publizierte, und ein anderes Mal auf eine drollige Zeitungsente hereinfiel – siehe zu beidem hier und hier).

Allein, das Lob Herrn Giordanos bedeutet noch mehr: daß nämlich eine Neigung, Konspirationstheorien zu verfallen, keineswegs allein die Sache ungebildeter Deppen aus der Unterschicht ist, wie sich mancher vom Bildungsdünkel heimgesuchte Gymnasialabgänger vom Typus „ZEIT“-Leser wohl schmeicheln mag. Passen die eigenen Vorurteile, stimmt die Theorie mit den eigenen Erwartungen überein, ist auch in gebildeten (oder sich dafür haltenden) Kreisen ganz schnell Schluß mit Quellenkritik, Reflexion und all dem lästigen Kram, von dem man nur Kopfschmerzen bekommt.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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