:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Nun mag der oder die geneigte Leser/in argwöhnen, daß die Nähe rein zufällig sei, in welcher die Werke nicht verschwörungstheoretischer (wenn auch gelegentlich – oder regelmäßig – irrender) Autoren zu Titeln, die eben verschwörungstheoretische sind, im Katalog präsentiert werden; denn es mag ja sein, daß der Verlag eben beiderlei bietet, und nur themenbedingt die enge Nachbarschaft entsteht. Allein, Herr Sathom meint angesichts der überwiegenden Mehrzahl der konspirationsbezogenen Wälzer und des Rufs, dessen besagter Verlag sich erfreut, daß die unverdächtigen Werke entweder rein zum Zwecke der Bemäntelung, um die weniger seriösen Büchlein glaubwürdiger scheinen zu lassen, oder weil man sie irrtümlich tatsächlich für desselben Weltbildes teilhaftig hält, im Katalog firmieren (unangenehm jedenfalls der Nachgeschmack, den solch enges Beieinander hinterläßt).

Denn was den überwiegend verfolgungswahnhaften Charakter des Versandprogramms betrifft, geht es ja noch weiter, hier häuft sich Werk auf Werk. Bereits erwähnt wurden die Schriftrollen der antiarchäologischen Zunft, darunter die des Herrn von Däniken (in Fankreisen EvD genannt); doch zu seiner großen Freude fand Herr Sathom unter den propagierten Autoren auch den berühmt-berüchtigten Herrn Jan van Helsing (alias Jan Udo Holey) wieder, welcher Herrn Sathom schon zu Zeiten seines Religionswissenschaftsstudiums großen Spaß bereitete. Daß der alte Pirat noch lebt, wo ihn doch eigentlich die Illuminaten längst gemeuchelt haben müßten, hätte er jemals wirklich etwas über sie gewußt oder enthüllt, das wärmt dem Herrn Sathom das Herz. Er erinnert sich noch, wie der Gute einst fabulierte, Herr Helmut Kohl sei in Wahrheit ein jüdischer Weltverschwörer namens Henoch Cohn (wofür Herr van Helsing weder Quellen noch Informanten nannte, natürlich nur, um diese zu schützen – Sie wissen schon, die Killer der Illuminaten), was den Herrn Sathom herzlich lachen ließ. Allerdings scheint Herr van Helsing – ein Pseudonym, das den ehrenwerten Peter Cushing, vom Herrn Stoker ganz zu schweigen, im Grab rotieren lassen müßte – inzwischen auch unter die Lebensberater gegangen zu sein: gemeinsam mit einem „Dr. Dinero“(!) offenbart er den sicheren Schlüssel zu Geld und Erfolg, den uns üble Geheimbündler vorenthalten wollen, auf daß nur sie selbst prosperieren – mit anderen Worten: nebenbei wird uns die wahre Ursache der weltweit immer mehr auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich enthüllt (in: „Das eine Million! (sic) Euro Buch“, Katalogseite 69). Der Werbetext zu einem anderen seiner Machwerke hingegen fragt, ob man weiterhin gelebt werden, oder sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen wolle, wobei natürlich des Herrn van Helsing Büchlein hilft.

Überhaupt bleibt beim Herrn van Helsing kein Auge trocken: denn auch den Sensenmann persönlich hat er laut Werbtext aufgespürt und interviewt, wobei jener ihm enthüllte, wer er (also der Sensenmann, nicht der Herr van Helsing) sei, wo er die Leute nach dem Tod hinbringe, und was er sonst noch an Berufsgeheimnissen habe (in „Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann…?“, Katalogrubrik „Phänomene“, Seite 24 der Oktober-Ausgabe). Mann, der Herr Sathom hält den Atem an – was für ein Kerl, dieser van Helsing. Hält ganz cool einfach so dem alten Freund Hein ein Diktiergerät unter die verweste Nase. Herr Sathom fand es sehr schade, daß anstelle dieses Titels in des Katalogs November-Ausgabe nunmehr ein anderes Buch prangte.

Doch wie auch immer – so wie viele andere im Katalog vorgestellte Machwerke lebensberatenden Charakters, die Erfolg, Reichtum, Liebe und Immunität gegen Kryptonit versprechen, bedient sich Herr van Helsing der oben erwähnten Floskel vom „gelebt werden“ allerdings nicht, um Fragen der Fremdbestimmung und Emanzipation des Subjekts kritisch oder psychologisch zu erörtern, sondern um – wie andere Autoren auch – flugs zu einer an sich neoliberalen, hier jedoch mit magischen Vorstellungen verzinkten Stereotype zu finden: Geld (gefolgt von Erfolg und weniger wichtigem Zeug wie Liebe) kann man mit der richtigen Einstellung  herbeidenken, künden die Reklametexte zu fast all diesen Werken, man ist also einzig und allein selbst des eigenen Glückes omnipotenter oder eben omnifallibler Schmied; im Fall von Herrn van Helsings Buch verhält es sich allerdings so, daß man anhand irgendwelcher Zeichen, die der Kundige zu deuten weiß, die richtigen Momente für Investitionen, Berufswechsel usw. erkennen kann – ein Geheimwissen, das böse Mächte im Hintergrund lieber für sich behalten möchten. Doch egal wie nun das Geheimrezept lautet: beherrscht man es nicht, liegt’s an einem selbst – oder daran, daß finstere Geheimgesellschaften, die über das Geheimnis des telepathischen Monetenchannelns verfügen, dieses den Massen vorenthalten. So oder so – eine sozialkritische oder analytische Perspektive bleibt von vornherein ausgeblendet; entweder ist man, ganz wie’s die Ideologien von Kapitalismus und Spaßgesellschaft auch wollen, an eigener Armut oder sonstigen Wehwehchen selber schuld, weil man halt nicht die richtige Einstellung hat, die das Gewünschte gemäß gängiger Coachingmythen schon herbeizaubert, oder finstere Intriganten betrügen einen um die Kenntnis, wie man es besser haben könnte. In beiden Fällen bleiben tatsächliche Ursachenzusammenhänge wachsender Armut, sozialer Verwerfungen etc. ausgeblendet. Was der alte Marx Verschleierung nannte, hier wird’s zelebriert at it’s best.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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