:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Interessant ist, wie in solchen Lebensberatungsschmökern (und nicht nur den esoterischen) Motive der Aufklärung aufgegriffen und verdreht werden. Zu diesen Motiven gehört das Streben nach Selbstverbesserung ebenso wie das das nach Emanzipation, Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Nun wurde das Anliegen der Perfektibilität des Menschen, das die frühen Aufklärer umtrieb, ja bereits früh gewendet in die Forderung einer unreflektierten, größtmöglichen Anpassung an Leistungsanforderungen, hinter denen sich Ausbeutungsinteressen Dritter verbergen; das Streben, sich zu einem annähernd vernünftigen Subjekt aufzuklären, wurde zur Suche nach den besten Mitteln zu solcher Selbstnutzbarmachung. Die als Erkenntnisvermögen gedachte Vernunft verkam zur rein instrumentellen, zum Mittel, nach den jeweils ökonomischsten Wegen der totalen Verwertung der Welt, und auch des Menschen, zu suchen. Das ursprünglich politische Anliegen des Bürgertums, sich von despotischer Fremdbestimmung zu emanzipieren (das viel später auch zu einem Anliegen gesellschaftlicher Gruppen und letztendlich, privatim, der einzelnen Subjekte selbst wurde), blieb dabei stets ein aufklärerisches Gegenpotential. Jedoch die neoliberale Ideologie nahm beides – Perfektibilitätsstreben und emanzipatorisches Anliegen – und wandte diese zu einer Ideologie, welche den Einzelnen zum Einzelkämpfer erklärt, isoliert und entsolidarisiert, indem sie strukturelle und systemische Zusammenhänge verschleierte und dem Subjekt weismachte, was immer ihm widerfahre, sei nicht Ergebnis ökonomischer Interessenlagen und entsprechenden Handelns von Interessengruppen, sondern läge allein in seiner als schon nahezu omnipotent skizzierten Macht (und somit Verantwortung), welche wiederum basiert auf seiner Einstellung, und jedes Scheitern sei somit allein persönliches Versagen. Die zu diesem Zweck auch angewandte Zweckentfremdung vulgarisierter Erkenntnisse der Psychoanalyse, Psychologie, Soziologie und anderer Wissenschaften fanden in dieser verballhornten Form auch Eingang in eben jene Lebensberatungsliteratur und Coachingideologie, welche dem Subjekt verspricht, es zu gesellschaftlichen Anforderungen kompatibel zu gestalten und ihm jene Güter zu verschaffen, die als Ausdruck von Glück, Erfolg, kurz, davon, es „richtig“ gemacht zu haben und „in Ordnung“ zu sein, gelten. Dies, nebenbei bemerkt, bereits ein Anliegen von Diätetiken und anderen Ratgebern bereits zu Kants Zeiten – die instrumentelle Vernunft war von Anfang an dabei (und ihre Versprechen vielleicht eher Movens des Erfolges der Aufklärung, als edlere Anliegen es waren). Die Ideologie des „du kannst alles, wenn du nur willst, und wenn’s schiefgeht, hast du eben nicht richtig gewollt“ hat zu guter Letzt auch Eingang in die esoterische Lebensberatung gefunden – hier wird die angestrebte Omnipotenz (die als Vorstellungsmotiv eben dazu dient, den Erfolg als alleinig vom Subjekt abhängig darzustellen) als mittels magischer, naturalistisch-monistischer Mittel erreichbar dargestellt: liebe das Geld, dann wird’s sympathetisch angezogen schon zu Dir gesaust kommen; kommt es nicht, hast Du wohl noch Blockaden etc. und liebst es nicht genug. Die verschwörungstheoretische Variante mildert die Macht und Last der Eigenverantwortung wiederum ein wenig: du könntest schon omnipotent sein, aber Bösewichte enthalten dir das Wissen vor, wie.

Die neoliberale Lesart des eben Beschriebenen lautet etwa so: in Zeiten, da trotz erwirtschafteter Profite zwecks weiterer Gewinnmaximierung Massenentlassungen stattfinden, den Menschen immer mehr Billiglohnjobs aufgezwungen werden (man sie also am von ihnen erwirtschafteten Profit immer weniger beteiligt) etc., sind nicht etwa Profitinteressen und Handeln Weniger, die all dies veranlassen, für die wachsende Benachteiligung der Mehrheit verantwortlich; vielmehr waltet „der Markt“, ein als Naturgewalt oder –gesetz gedachtes Etwas, das irrtumsfrei, unkritisierbar und am Ende alles stets zum Guten wendend gedacht wird, und wer dabei unter die Räder kommt, ist eben selbst schuld, ein Versager, entspricht nicht den Anforderungen dieser harten, sozialdarwinistischen Welt, die als eben solche prima in Ordnung ist. Er ist den „Gesetzen des Marktes“ – einer kosmischen Ordnungsmacht – gegenüber schuldig, ihnen nicht hinreichend zu entsprechen. Die esoterische Variante hingegen wäre: auch in Zeiten, in denen es wie oben beschrieben zugeht, kann man unabhängig von anderen Faktoren qua richtiger Einstellung jedweden Erfolg herbeizaubern – ist man nur in Einklang mit Schicksalsmächten und Universum, bringen die einem schon entgegen, was man durch das richtige Denken und Empfinden anzieht (es gibt sogar Bücher und Kurse für’s richtige Wünschen, das dann auch aber hallo funktioniert). Gelingt einem das nicht, ist man entweder wie gehabt selbst schuld (falsche Einstellung, zu pessimistisch etc.), oder finstere Mächte enthalten einem halt das Wissen vor, wie es richtig ginge. Für beide Weltdeutungssysteme, das neoliberale wie das esoterische, gilt: es gibt eine Weltordnung, die an sich richtig ist, allein weil sie eben da ist, und mit der man im Einklang sein muß, und aus welcher man nur dann herausfällt, wenn eben mit einem selbst etwas nicht in Ordnung ist, nicht stimmt, wenn man unpassend, unfit for survival ist. So sind sich beide Weltsichten ironischerweise darin gleich, daß sie naturalistisch-monistisch argumentieren: Erfolg ist Ausdruck von nichts Geringerem, als den Regeln der vermeintlichen Ordnung des Kosmos, wie das jeweilige Weltbild sie skizziert, zu entsprechen, im Einklang mit ihnen zu schwingen, Mißerfolg (unter Ausblendung aller anderen rational kritisierbaren Faktoren) Ausweis davon, daß man gemessen an den Gesetzen der kosmischen Ordnung fundamental fehlerhaft ist.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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