:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Aber weiter im Text, denn nun wird’s erst recht interessant, was Herrn Sathoms Unterfangen der Scheidung kritischen Denkens von paranoidem Konspirationsgewäsch angeht.

Herr Sathom nämlich rät ja selbst stets zur Medienkritik, ist diesbezüglich ein Eiferer gar, und so sollte er eigentlich ganz d’accord sein, wenn ein gewisser Viktor Farkas in „Lügen in Krieg und Frieden“ (Katalogseite 64) die „geheime Macht der Meinungsmacher“ ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen verspricht. Daß jenes Schriftwerk laut Werbetext enthüllt, wie Macht über unsere Köpfe hinweg ausgeübt wird (ach was), wie die Macht des Wortes eingesetzt wird, wie Kriege durch PR vorbereitet werden (nein wirklich?!), woran man „verlogene Nachrichten“ erkennen kann (indem man sich umfassend informiert und kritisch bleibt?) und vieles mehr, müßte dem Herrn Sathom doch ganz Wasser auf seine Mühlen sein. Tja. Wäre es nur nicht leider so, daß Herrn Farkas’ Druckwerk, auch dies verrät der Werbetext, einen geheimnisvollen Jemand bloßstellt, der jede Form von Propaganda, Werbung oder Manipulation erfunden habe, und enthüllt, wer dieses Geheimnisvollen Nachfolger sei, jener „legendäre „Vater der Verdrehungen““ (Werbetext), der neben Weltkriegen und rauchenden Frauen (igitt!) auch mal eben die US-Übergewichtsplage verursacht hat  (wer die beiden Schandbuben seien, ob etwa J. Jonah Jameson und Lex Luthor, oder Max und Moritz gar, wird allerdings von der Reklame nicht verraten – schließlich muß Herr Farkas ja auch von was leben, man wird also wohl sein Elaborat sich anschaffen müssen). Das Gesamtbild, zu dem Herr Farkas die „geheimen Fäden des Manipulationsnetzes“ (Werbetext) knüpft, sei jedenfalls „überraschend“ – da allerdings wettet Herr Sathom drauf. Dachte Herr Sathom, der arme Irre, doch bisher, was man an medialer Manipulation zu beklagen habe, sei einem komplexen Ursachengemisch zu danken, reichend von bewußter Manipulation über gezielte PR-Aktion bis hin zu journalistischer Inkompetenz, und nicht den Künsten zweier mephistotelischer „Großer Unbekannter“ à la Fantômas. Blöd auch, daß Herr Farkas sich schon deswegen nicht dem Verdacht aussetzt, ein rationaler Medien- oder Politikkritiker zu sein, weil ein ebenfalls im selben Katalog verherrlichtes Ergebnis seines Schaffens, „Schatten der Macht“ (Seite 69), mal wieder die allseits beliebten Geheimgesellschaften zur Brust nimmt. Suggestiv fragt der Werbetext zu diesem Schund, ob Weltordnung gleich Geldordnung und der nächste Börsenkrach vorprogrammiert seien – schon, meint Herr Sathom, aber bestimmt nicht deswegen, weil „die Dunkelmächte“ (Werbetext zum Buch) das in ihrem Masterplan zwischen Küchendienst und Einkaufsliste notiert haben. Sondern schlicht und einfach deswegen, weil die Banken ihre durch Staatshilfen – also auf Kosten der Allgemeinheit – gewonnene Liquidität schon wieder im Kasino zu verzocken beginnen, an Managerboni für Transaktionsgeschäfte schon keiner mehr was findet, kaum daß die Krise abzuflauen scheint, und dadurch die nächste Blase schon aufgepumpt wird. Und weil die zaghaft-mickrigen, diesbezüglichen Regularien von der Bankenlobby diktiert, und Gesetze eh schon von Rechtsanwaltskanzleien geschrieben werden, also Oligarchie an die Stelle von Demokratie tritt. Alles Dinge, die man auch wissen kann, ohne Enthüllungsschmöker lesen zu müssen – Dinge, hinter denen natürlich Lobbies und Interessengruppen stecken, aber keine, deren wahre Natur, wie die Werbung suggeriert, in Geheimnistiefen verborgen liegt und nirgendwo anders als in jenen Büchern „mutig“ (Werbetext zu „Schatten der Macht“) enthüllt wird.

Nebenbei zum „Mut“ der Autoren: es scheint, so jedenfalls Herrn Sathoms Eindruck, unabdingbar zur Stilisierung des verschwörungstheoretischen Autors zu gehören, zu betonen, wie tapfer er sich seinen Feinden stellt, wie beherzt er die grauenhaftesten Erkenntnisse mitteilt, und trotz Verfolgung und Schikane unverdrossen die Wahrheit ausspricht. Die Darstellung des genannten Herrn Jan van Helsing (oder JvH, wie ihn Herr Sathom in Anlehnung an EvD nennt), ist dafür typisch: bereits zwei seiner Bücher seien aufgrund ihres brisanten Inhalts verboten worden, prahlt der Werbetext zu „Hände weg von diesem Buch!“ (das, worin Herr vH aufzeigt, wie man nicht mehr gelebt wird, Katalogseite 68), und fährt fort, es verginge kein Tag, an dem die Bevölkerung nicht vor den Ideen des „gefährlichsten Sachbuchautors Deutschlands“ (im Werbetext in Gänsefüßchen – was offenbar ein Zitat ohne Quelle darstellt, oder sich auf einen szenebekannten, lobenden Ausspruch über JvH beziehen kann) gewarnt werde – das Verbot und die angeblich täglichen Warnungen (es hat ja auch keiner was Besseres zu tun, als ununterbrochen vorm Herrn Van Helsing zu warnen) ein Qualitätssiegel, das den Autor auf eine Stufe mit von Unrechtsregimes verfolgten Journalisten oder Dissidenten stellt. Der Autor der Verschwörungstheorie, so suggeriert zumindest die Werbung, ist ein Held, einer, der neben seinem Mut, sich finsteren Geheimbündlern (die ja auch schon manchen zum Schweigen brachten) und dummen oder übelwollenden Kritikern entgegenzustellen, durch nichts Geringeres ausgezeichnet wird als sein selbstloses Bestreben, die Welt zu retten (laß das mal lieber Hayden Panettiere machen, meint Herr Sathom, sieht auch besser aus). Und zudem der Einzige, der über bestimmtes geheimes Wissen verfügt, und es der Welt enthüllen kann; ein Exklusivanspruch, mit dem investigative Journalisten, Medienkritiker etc. natürlich nicht mithalten können. Es gibt übrigens unter den Letztgenannten viele, die tatsächlich für ihren Mut und ihre Wahrheitsliebe viel erleiden müssen, sogar ums Leben gebracht werden (Namen wie Anna Politkovskaja kommen in den Sinn, um nur einen zu nennen); daß Werbung für verschwörungstheoretische Titel oft suggeriert, deren Autoren seien mit solchen oft unter Lebensgefahr ihr Werk verrichtenden Menschen gleichzusetzen, ist dabei eine ganz besonders erbärmliche Schamlosigkeit – ebenso wie die Berufung der Autoren selbst auf jene, denen sie nicht das Wasser reichen können, so sie denn vorkommt (bei Herrn Sathoms erster Begegnung mit Herrn van Helsing anläßlich der Lektüre eines esoterischen Käseblättchens präsentierte Letzterer sich auf einem Foto von hinten, auf daß seine gefährlichen Verfolger ihn nicht erkennen möchten – das war so albern, daß es fast schon wieder gut war. Vielleicht ist JvH ja insgeheim ein Eulenspiegel?).

Ach ja, und übrigens: verboten (d.h. beschlagnahmt und vom Markt genommen) wurden zwei Bücher des Herrn van Helsing wegen Volksverhetzung, nicht weil sie „brisant“ oder irgendwelchen geheimbündlerischen Kapuzengestalten unangenehm gewesen wären (das folgende Strafverfahren wurde wegen „mangelnder örtlicher Zuständigkeit“ eingestellt – auch das spricht nicht gerade eine von Illuminaten geschickt inszenierte Verfolgung des Autors, möchte man meinen). Übrigens meint Herr Sathom (ist sich aber nicht sicher), daß die Henoch Cohn-Story (die im Internet immer noch kursiert) aus einem der beiden beschlagnahmten Bücher stammen müsse; er selbst kennt sie aus einem vor Urzeiten gelesenen Vorabdruck eines van Helsingschen Buches in erwähntem Käseblatt, das er sich einst kaufte, weil die Schlagzeile auf dem Titel viel Vergnügliches versprach, hieß es dort doch, man habe das (praktischerweise in diverse irdische Sprachen übersetzte) Handbuch eines abgestürzten UFO-Piloten gefunden (leider verriet dessen auszugsweise Veröffentlichung vieles über die angeblichen Ziele und Intrigen der Aliens, jedoch kein Sterbenswörtchen über die Bedienung eines UFOs, weshalb Herr Sathom, gelänge es ihm jemals, eines zu kapern, es – anders als bei des Blattes Kauf erhofft – doch nicht fliegen könnte. Vielleicht ging es dem havarierten Ufonauten ja ebenso). Herr Sathom kann das betreffende Blatt leider nicht mehr finden, falls es ihm doch noch gelingt, wird er dessen Titel an dieser Stelle nachliefern.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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