:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Aber zurück zu Herrn Farkas: vielleicht teilt dieser uns ganz einfach medienbezogene Fakten, die auch nachweisbar sind und Kritik verdienen, sachlich und seriös mit, und man tut ihm unrecht damit, ihn unter die Verschwörungstheoretiker einzureihen?

Nun, derselbe Herr Farkas informiert uns in weiteren Erzeugnissen seines Erfindergeistes immerhin über Stalins PSI-Geheimwaffe, sprechende Steine und Phantominseln auf hoher See („Rätselhafte Wirklichkeiten“, Katalogseite 23) sowie menschenverschlingende „Todeswälder“, Astralreisen und sich verdoppelnde Menschen („Jenseits des Vorstellbaren“, ebenda) – ganz realitätsnahe Dokumentationen also, die seinen medien- und Geldweltmachtbezüglichen Aussagen bestimmt große Glaubwürdigkeit verleihen (oder, und das ist eben, was Herr Sathom unverzeihlich findet: wirklich fundierte Kritik an Medien, Meinungsmanipulatoren etc. in die Nähe eigenartiger Hirngespinste in anderen Veröffentlichungen desselben Autors rücken). Der Werbetext zu „Jenseits des Vorstellbaren“ preist den Autor übrigens als „Kühn im Weiterdenken, sachlich in der Schlußfolgerung“ – und listet dann auf, was dieser dem Leser über die „geheime Natur unserer Welt“ mitzuteilen weiß: etwa daß „unbekannte Mächte […] Privatgrund einzäunen“ (Herr Sathom fragt sich schon lange, wo diese das Querfeldeingehen behindernden „Zaun“-Dinger eigentlich immer herkommen, da ist doch was faul). Diese und andere „Unglaublichkeiten“, wird versichert, sind „Tatsachen“, die der Autor „niemals den Boden des Sachlichen verlassend“ darstellt. Na dann is ja gut, Herr Sathom dachte schon. Und auch seine heißgeliebten, die Weltgeschichte lenkende Verschwörungen muß der Leser in diesem Buch natürlich nicht missen.

Letztlich sind die Themen, denen sich Herr Farkas insgesamt widmet, unter Esoterikern lange schon verbreitete Vorstellungsmotive: daß es einen Geheimplan für die Errichtung einer neuen Weltordnung gäbe, daß mit dem Kennedy-Mord irgendwas nicht stimme (mag ja sein), daß „Hintergrundmächte“ unsere Gedanken kontrollieren können, daß „geheime Schreckenspläne für die Zukunft der Menschheit existieren“ (Werbetext zu „Schatten der Macht“) – vor Allem aber, daß das alles miteinander zusammenhängt und irgendwer Mysteriöses Strippen zieht. So fabuliert der Werbetext zum oben erwähnten „Schatten der Macht“ denn auch von Geheimgesellschaften und einem „Langzeit-Fahrplan“ für eine „Neue Weltordnung“.

Hier jedenfalls finden wir eines von mehreren Indizien zur Unterscheidung zwischen aufgeklärter (und aufklärerischer) Kritik und derjenigen Art von Verschwörungstheorie, die nicht offenkundig Unsinn faselt, sondern sich durch Aufgreifen von Themen jener seriöseren Kritk tarnt: sie klärt nicht auf über reale Strukturen und Zusammenhänge, sondern verortet hinter diesen noch irgendwelche Masterminds, die aus einem zweitklassigen Fantasyroman entsprungen sein könnten: sie sind eben die „Dunkelmächte“. Der Herr Sathom kramt sicherheitshalber schon mal seine Amulette gegen schwarze Magie raus.

Herr Sathom könnte sich noch lange auslassen über die Gesellschaft, in der die vorgeführten Druckerzeugnisse und Autoren sich befinden, da solch Umfeld belegt, daß hier Paranoia und Wirrsinn fröhliche Urständ feiern: Filmwerk (ja, DVDs hat’s auch), welches bezeugen zu können behauptet, daß – was nie fehlen darf – der Mondflug ein Schwindel war (wen kümmert’s eigentlich, fragt sich Herr Sathom so langsam, nachdem ihm diese Kamelle schon Hunderte Male unterkam), das weiß, daß Jörg Haider (ein „Siegertyp“, so der Werbetext) einem Mordkomplott zum Opfer fiel, daß die Mondflugtechnik (die’s nun auf einmal doch wieder gibt) noch während des II. Weltkriegs von den Nazis entwickelt wurde, und daß die Amis sie nicht weiterentwickeln konnten, sondern seitdem mit ihren Space Shuttles explodieren, weil sie zu blöde sind, die technologischen Details zu verstehen („Mit dem Balkenkreuz zum Mond“ von Friedrich Georg, Katalogseite 89). Auch anderer Schwachsinn wie der, daß Nazis sich nach dem Ende des „Dritten Reichs“ unter dem Südpol häuslich einrichteten, und daß die fliegenden Untertassen ihre Flugscheiben darstellen, vermittels welcher sie bald die Weltherrschaft an sich zu reißen trachten, findet sich hier (ein Zusammenhang, in dem auch Bulwer-Lyttons gutes altes Vril wieder zu Ehren kommt). Ferner wird enthüllt, daß Barack Obama die Marionette unheiliger Geheimbündler sei –  diesmal der Skull & Bones (einer von Verschwörungsfans zum Geheimorden aufgeblasenen, elitär-vetternwirtschaftlichen US-amerikanischen Kasperlstudentenverbindung), so wie auch unser aller Angie ferngesteuert wird („Wem dient Merkel wirklich?“ von David Korn, in der November-Ausgabe des Katalogs mittlerweile ersetzt durch Michael Bubacks „Der zweite Tod meines Vaters“ an derselben Stelle).

Nicht fehlen im Gewimmel der propagierten Theorien darf auch das Szenario, daß ökologische Anliegen nur eine weltweite Verschwörung maskieren (die Klimakatastrophe, so der Werbetext zu Torsten Manns „Rote Lügen in grünem Gewand“ (Katalogseite 71), sei ebenso wie Waldsterben und Ozonloch ein Schwindel, der helfen soll, einen globalen Umverteilungsstaat in Gestalt einer UNO-kontrollierten ökosozialistischen Diktatur zu schaffen, wobei ehemalige sowjetische Kommunisten und US-amerikanische Hochfinanz dasselbe Ziel verfolgen (ein wunderschönes Amalgam ähnlich der jüdisch-kommunistisch-kapitalistisch-demokratisch-schlumpfig-überhaupt-alle-Weltverschwörung); weil nämlich, wie derselbe Herr Mann den Unbedarften in seinem Schundwerk „Weltoktober“ (Katalogseite 73) weismacht, der Fall des Ostblocks nur von den Roten inszeniert war, um die marktwirtschaftliche Ordnung schleichend in eine sozialistische „Neue Weltordnung“ zu überführen. Dies und noch mehr desgleichen tummelt sich da auf hochglanzbedruckten Seiten.

Climatetiathan Copyright © 2009 Sathom
:: Das Gespenst des Klimawandels, wissen Verschwörungstheoretiker, ist nur ein großes Matte-Painting, das die Mitglieder der ökosozialistischen Weltdiktaturverschwörung an den Horizont gepinselt haben — (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Lustigerweise gab’s neulich im ZDF eine Satiresendung des Titels „Der Schwarze Kanal kehrt zurück“, darin solche Theorien nett verwurstet wurden (angebliche Zeitzeugen enthüllen im Interview, daß Honecker den Mauerfall inszenierte, um die BRD in die Pleite zu treiben, und bereits damals eine gewisse Physikstudentin für ihre anschließende 20-Jahres-Mission briefte); leider war dieser Artikel zu jenem Zeitpunkt noch nicht fertig, und Herr Sathom bemerkte die Sendung daselbst erst am Abend ihrer Ausstrahlung, sonst hätte er drauf hingewiesen.

5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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