:: Gormenghast – Nachlese

Herr Sathom hat sich mittlerweile alle Folgen der kürzlich hier annoncierten Gormenghast-Verfilmung auf arte angesehen (aus Zeitgründen hatte er sie aufgezeichnet und nicht sofort goutiert) und getraut sich nunmehr, für diejenigen, so vielleicht der artetypischen Wiederholung harren, eine Rezension abzugeben. Jene seien allerdings gewarnt, daß Herr Sathom an einigen Stellen Spoiler nicht vermeiden kann, um seine Auffassungen zu begründen.

Um es vorab zu sagen: Herr Sathom war teils angetan und teils enttäuscht. Er fand die Geschichte spannend, das Spiel der Darsteller hervorragend, zugleich aber die Machart teils kritikwürdig und den Genuß auch schmälernd, und zudem einige Aspekte der Idee bzw. Aussage des Werks nicht hinreichend prononciert. Er rät jedoch deswegen nicht davon ab, sich die filmische Umsetzung anzuschauen, da diese auch unleugbare Vorzüge hat, meint aber, daß man in der einen oder anderen Hinsicht ein Auge zudrücken müsse, um sich das Vergnügen nicht von den weniger gelungenen Aspekten schmälern zu lassen.

Was Herrn Sathom eine verschenkte Chance scheint, ist dabei zunächst die Visualisierung von Gormenghast selbst: denn zwar meint Herr Sathom keineswegs, daß diese zwanghaft dem literarischen Vorbild getreu sein oder etwa Herrn Sathoms eigenen Erwartungen entsprechen müsse, doch etwas mehr als eine beliebig zusammengewürfelte Ansammlung in geringer Qualität computergenerierter Gebäude, deren chaotische Zusammenstellung so uninspiriert wie ihre Architektur einfallslos ist, hätte man selbst in einer TV-Produktion aus dem Jahre 2000 durchaus erwarten dürfen. Gleiches gilt für die Kulissen der Innenräume: von wenigen atmosphärisch stimmigen Räumen  – etwa fin de siècle-haft dekadent vor Einrichtung überbordenden Gemächern oder ruinösen, verlassenen Gebäudeteilen – einmal abgesehen, erinnern diese in ihrer Plastik- und Pappmachhéhaftigkeit teilweise an billige Fantasyserien-Produktionen, an denen gemessen Szenenbilder aus frühen Next-Generation-Folgen oder 70er-Jahre-Honkong-Kung-Fu-Brüllern den Inbegriff des Realismus darstellen. Zudem sind auch sie – von genannten Ausnahmen abgesehen – vielfach recht einfallslos gestaltet. Forderungen an die Phantasie des Zuschauers, sich das ganze als Gemäuer vorzustellen, in allen Ehren, doch meint Herr Sathom, es müsse dennoch bitteschön nicht so offensichtlich aus Plaste und Elaste sein, und ein gut gemachtes Modell Gormenghasts in der Außenansicht hätte vielleicht auch mehr an Atmosphäre mit sich gebracht als jene Computergrafik.

Eine weitere Schwäche der Verfilmung sind Szenen und Sequenzen, von welchen Herrn Sathom nicht ganz klar ist, wie sie zustande kamen, und ob sie sich Mängeln des Skripts oder der Produktion verdanken: so hat Herr Sathom beispielsweise nicht verstanden, wie der üble Steerpike vermittels eines raffinierten Systems über das Schloß verteilter Spiegel den ihm verhaßten Zeremonienmeister Barquentine in dessen Gemach nicht nur beobachten, sondern auch hören kann, was jener daselbst redet (eine denkbare zusätzliche Abhöranlage ist jedenfalls visuell nicht umgesetzt worden – ob sie im Skript oder bei der konkreten In-Szene-Setzung vergessen wurde, weiß Herr Sathom nicht; Lippenlesen scheidet hingegen aus, dieweil Herr Steerpike auch weiß, was sein Opfer mit abgewandtem Antlitz redet); auch was dem ogerhaften Küchenchef bei seinem Mordversuch an Flay (fulminant: Christopher Lee) widerfährt (Herr Sathom will nicht unbedingt alles verraten, sagt daher nur: wo genau ist die Wand geblieben? Trümmer sah er keine, und war man Sekunden zuvor überhaupt nahe einer Wand?) und einige andere ungeschickt inszenierte Szenen hätte man besser gestalten können. Was Herr Sathom nicht weiß, sich jedoch in diesem Zusammenhang fragt: ob die Romanvorlage ebenfalls nicht erklärt, wie das wilde Mädchen, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, in der Wildnis eigentlich überleben konnte, oder ob man es hier mit einer Skriptlücke zu tun hat.

Zu den Stärken der Verfilmung zählen hingegen etwa die wenigen Szenen, in denen – wenn auch nur verhalten – deutlich wird, daß Gormenghast nicht so sehr aufgrund seiner abgeschiedenen Lage ein Gefängnis darstellt, sondern seine Einwohner gefangen sind in dem, was jenen Ort auf einer gesellschaftlichen Ebene zum Kerker macht: in Einordnungen wie Standeszugehörigkeiten nach Geburt, in Regeln und Vorurteile, die unüberwindlich sind, und für welche das steinerne Gormenghast mit seiner Topographie, Architektur und geographischen Isolation eher materialisierte Metapher ist. Kenntlich wird dies wiederholt vor Allem am Aufstieg des Schurken Steerpike, eines zwar teuflischen, zugleich jedoch auch sympathischen und charismatischen Mörders und Intriganten, dessen Motive teilweise durchaus nachvollziehbar sind, der jedoch zugleich sadistisch, falsch und grundlos bösartig genug ist, um für den Zuschauer ambivalent zu bleiben, hervorragend gespielt von Jonathan Rhys Meyers: ursprünglich Küchenjunge in katakombenartigen Gewölben, darin das Personal Tag und Nacht sein Dasein zu fristen verdammt ist, gelingt es ihm, sich bis in die Position des Zeremonienmeisters zu schmeicheln und zu morden, ohne für die Privilegierten je zu etwas anderem zu werden als ein Minderwertiger, der als „Küchenabschaum“ oder „Schabe“ bezeichnet wird; seine Abkunft gerät nie in Vergessenheit. Eine der intensivsten Szenen, darin das Kerkerhafte Gormenghasts in jeglicher Hinsicht angesprochen wird, ist die, darin Steerpike – nunmehr durchschaut und vor den Häschern in ein Zimmer geflüchtet, daraus es keinen anderen Ausgang gibt – von bitterem Lachen unterbrochen konstatiert: „Kein Weg führt hinaus… niemals!“ – und damit sichtlich nicht nur den Raum, in dem er für den Augenblick festsitzt, meint. Gleiches gilt für die (dabei so dramatische wie aufwühlende) Sequenz, in welcher die von ihm heimtückisch umgarnte Lady Fuchsia ihn, obwohl sie ihn liebt, wegen seines Standes abweist (und dies, obwohl sie selbst eben daran verzweifelt – was sie nicht hindert (oder gar der Grund dafür ist?), ihn unter wüsten Beschimpfungen ob seiner niederen Geburt zu schmähen und ihm zu verdeutlichen, daß er kein gleichwertiger Mensch sei, noch es – gleich durch welche Leistung oder Verdienst – je werden könne). Da diese Szene in der Romanvorlage nicht vorkommt, muß man sie sogar als geschickte Drehbuchleistung loben, welche ansonsten unter den Tisch Fallendes verdichtet zu präsentieren vermag. Gelungen in diesem Zusammenhang auch die Szenen, in welchen – etwa durch Äußerungen des alten Zeremonienmeisters – klar wird, daß Gormenghast für seine Bewohner nicht nur einen Ort, sondern den Inbegriff allgemeingültiger, nicht zu hinterfragender Regeln, Rituale und Hierarchien, und somit die verbindliche Weltordnung darstellt, jenseits von deren unsichtbaren wie sichtbaren Mauern nichts Bedeutung hat oder auch nur möglich ist, einen transzendenten Ort, der allen Einwohnern alternativ- und gnadenlos ihren Platz und ihre einzig mögliche Rolle zuweist, wie es Tradition und gesellschaftliche Hierarchie so oft tun. Konsequent ist in der Wahrnehmung der Einwohner auch die physische Welt auf Gormenghast beschränkt, existiert die Außenwelt bestenfalls als irrelevantes Abstraktum: „Es gibt kein Anderswo“, wie Lady Gertrude an einer Stelle bemerkt. Die Stärken der Verfilmung liegen in solchen Momenten, in denen verstörend die Mentalität der Gormenghaster offenbar wird, aber ebenso auch in der schauspielerischen Darstellung der Charaktere, von denen keiner vollends zur Identifikation taugend sympathisch wird, von denen aber alle an der einen oder anderen Stelle den Zuschauer zu rühren und sein Verständnis zu erwecken vermögen. Gerade diese Aufrechterhaltung einer gewissen Distanz und Zwiespältigkeit gegenüber den handelnden Figuren läßt diese – dieweil mit Vorzügen und Fehlern ausgestattet – trotz teilweise absurder Spleens realistisch erscheinen, und den Zuschauer das Geschick aller Protagonisten bis zum Ende mit gleichermaßen allen geltender Anteilnahme und Gespanntheit verfolgen. Um so mehr hätte Herr Sathom den Hervorragendes leistenden Darstellern zeitweise ein gelungener gemachtes Set als angemessene Umgebung für ihr ausgezeichnetes Spiel gewünscht.

Grad jenen Aspekt Gormenghasts, als Gesellschaft (und eben nicht nur als Bauwerk) einen Kerker darzustellen, dessen unsichtbare Ketten und Verlieswände mindestens so einengend sind wie seine materiellen Mauern, hätte Herr Sathom sich stellenweise noch stärker betont gewünscht (wobei Gormeghast düsterer und architektonisch gotischer zu zeigen, was Herrn Sathoms Recherche zufolge wohl auch der Romanvorlage getreuer gewesen wäre, diesen Aspekt auch visuell besser unterstützt hätte) – nicht, weil er verlangt, daß die Geschichte um jeden Preis eine Gesellschaftsmetapher oder –kritik zu sein hätte, sondern weil es jene rigide  Enge mit ihrem Autoritarismus und ihrer Unterdrückung der Einwohner ist, die  sämtliche Protagonisten der Handlung hauptsächlich prägt und motiviert, nehme man nun Flays und Nannie Slaggs Servilität und Selbstaufgabe, aber auch ihre Verachtung und Erbarmungslosigkeit  gegenüber in der Hierarchie „niedriger“ stehenden, des Zeremonienmeisters ebenso unnachsichtige Auffassung der gesellschaftlichen Ordnung und ihrer Rituale als Selbstverständlichkeit, Titus’ und Steerpikes Rebellion oder Fuchsias verzweifelte Not zum Exempel. So aber bleibt der benannte Aspekt der Gesellschaft von Gormenghast zwar nicht unberücksichtigt, die Motivation der Protagonisten jedoch nur teilweise nachvollziehbar, gerade was Titus’ und Steerpikes intensiven, oftmals geäußerten Haß auf die Feste und das Dasein darin angeht, das in der Verfilmung doch zu gemütlich-skurril anmutet, um gerade die Regungen ausgerechnet der beiden Hauptfiguren ganz begründen zu können.

Herr Sathom befindet: trotz der genannten Mängel ist die Verfilmung nie langweilig, sondern vielmehr bis zum Schluß spannend, und weiß des Zuschauers Interesse an den Figuren und deren Ergehen durchgehend aufrecht zu erhalten; er findet das Machwerk daher durchaus unterhaltsam, stellenweise sogar fesselnd, und trotz seiner Makel ansehbar, so lang man nicht das Fantasy-Meisterwerk dieses Jahrzehnts erwartet (und auch und gerade von der BBC (na gut, es ist eine Coproduktion, aber nichtsdestotrotz) hat man schon weit Besseres gesehen), was sich in allererster Linie der fulminanten Kunst der beteiligten Schauspieler verdankt. Soviel zur Verfilmung; von den Büchern, die er noch nicht kennt, auf welche er nun aber nur um so neugieriger ist, erhofft sich Herr Sathom allerdings mehr.

Ach ja: etwas enttäuscht war Herr Sathom auch, daß die im Anschluß an die vierte Folge angekündigte Dokumentation über Herrn Christopher Lee ausfiel, was arte nur kurz in einer Einblendung zu Beginn des stattdessen gesendeten Bildwerks über Herrn Béla Lugosi mit rechtlichen Schwierigkeiten begründete. Nun fand Herr Sathom die Sendung über Herrn Lugosi zwar auch interessant, hatte sich aber eben auf etwas anderes gefreut und würde zu gern wissen, das da denn nun wieder los war.

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4 Kommentare zu „:: Gormenghast – Nachlese“

  1. Ich gebe zu, ich habe die Gormenghast nach ca. 15 Minuten ausgeschaltet. Ich bin irgendwie nicht warm geworden damit. Obwohl der erste Auftritt von Sir Lee und Mr Rhys Myers fulminant war. Aber das Ambiente machte mich nicht „an“.

    Was die Doku über Christopher Lee angeht, so wiederholt Arte diese, ich meine am 13.1.2010 spätnachts, aber man möge mich nicht darauf festnageln, sondern selber die Programmzeitschrift konsultieren.

    1. Herr Sathom meint, daß „Ambiente“ ein wirklich treffender Begriff für das ist, woran es bei dieser Gormenghast-Verfilmung hapert. Es will einfach keine stimmige Atmosphäre – gleich in welcher Richtung – aufkommen. Das findet Herr Sathom insbesondere deswegen schade, weil hier scheitert, was britischen Produktionen, und gerade denen der BBC, sonst fulminant gelingt (beim Herrn Doctor Who beispielsweise): groteske, komische, spannende und düstere Elemente, so disparat sie scheinen mögen, zu einer fein abgestimmten, wirkungsvollen Mischung zu alchimieren.

      Herrn Sathoms Programmzeitschrift vermeldet keine Doku über Herrn Lee am genannten Datum, was aber auch nichts heißen muß – er wird daher mal den arte-Text verfolgen oder des Senders Website konsultieren. Eine Ausstrahlung dürfte wohl davon abhängen, ob die als Begründung für den Ausfall angeführten juristischen Probleme inzwischen ausgeräumt sind.

      Nachtrag: laut arte-Text wird in der Nacht vom 13. auf den 14.01. um 01:40 Uhr wiederum nicht die Dokumentation über Herrn Lee, sondern die „Der gefallene Vampir“ betitelte über Herrn Lugosi ausgestrahlt – die allerdings auch sehr interessant ist, selbst wenn man – wie Herr Sathom – nicht zu den ausgeprochenen Lugosi-Fans zählt. Tatsächlich bringt sie Einiges (für Herrn Sathom zumindest) doch sehr Überraschende und allerhand Spannendes über das tragische Leben des Herrn Lugosi, sowie viel Interessantes und über die Maschinationen Hollywoods und die US-Kommunistenparanoia der damaligen Zeit zur Kenntnis, und ist nach Herrn Sathoms Auffassung durchaus empfehlenswert, sofern man den notwendigen kritischen Umgang mit Dokumentationen nicht vergißt (Herr Sathom hat als alter Rosinenkacker zweierlei an ihr auszusetzen: erstens, daß sie, was Herrn Lugosis frühe europäische Bühnenerfolge angeht, möglichwerweise dessen Selbstinszenierung aufsitzt (hier steht die Darstellung der Dokumentation beispielsweise gegen die auf Wikipedia) und zweitens, daß ihre Macher – was heutzutage ungewöhnlich ist – wohl zu den letzten zählen, die immer noch nicht wissen, daß „Frankenstein“ nicht der Name des Monsters ist, verdammt nochmal).

      1. Das Frankenstein nicht der Name des Monsters ist, ist leider, entgegen Herrn Sathoms Hoffnung, keine weit verbreitete Erkenntnis. Neulich in einer zufällig herbeigezappten Doku auf Phoenix, in der es um allerlei Zelluloidungeheuer ging, wurde der Patchworkzombie auch ständig Frankenstein genannt – und nicht dessen Kreatur.

      2. Tja, was soll der Herr Sathom dazu sagen. Trotz seiner Misanthropie ward er noch zu optimistisch: die Menschen sind noch viel blöder, als selbst er es wahrhaben mochte. Ein Abgrund, traurig, traurig.

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