:: Wege zum Glück

…oder: Gesundheit ist die Hauptsache, vor allem demnächst.

Das Thema ist an sich nicht neu, sondern spätestens seit der unsäglichen Dudelschmonzette „Don’t worry, be happy“ und dem ebenso zynischen Ramschschmöker „Anleitung zum Unglücklichsein“ – kurz, seit den narzißtischen 80ern – ein Dauerbrenner in populärpsychologischen Lebenshilferatgebern, esoterischen Zirkeln und schlampig zusammengehauenen, von Binsenweisheiten strotzenden Zeitschriftenartikeln: die Frage, wie man es denn schaffen könne, glücklich zu sein, und das bitteschön möglichst ununterbrochen, beschäftigt und ernährt ganze Branchen.

In letzter Zeit fällt Herrn Sathom jedoch auf, daß die Behandlung jener Problematik, die offenbar Unzählige umtreibt, noch einmal inflationär zugenommen hat, wobei sich zu dem quantitativen Anstieg medialer Aufmerksamkeit der neue Faktor höherer Weihen gesellt: selbst in „seriösen“ Talkshows der öffentlich-rechtlichen Dritten, ja sogar letztens am Sonntag im „Wissenschaftsforum Petersberg“ des Senders Phoenix beschäftigen sich mittlerweile die üblichen Sinngebungsexperten, Philosophen und andere Spin-Doktoren des gesellschaftlichen Bewußtseins (was, zum Teufel, soll beispielsweise ein „Glücksökonom“ sein, wie einer der Diskussionsteilnehmer auf dem Petersberge tatsächlich betitelt ward?) hochgelehrt und weise mit der Frage, was Glück sei, was glücklich mache, und vor Allem: ob Geld dazu beitrage und wie es auch ohne dasselbe ginge.

Herrn Sathom bringt das ins Grübeln. Daß die Frage nach dem Glück – bisher behandelt von irgendwelchen Hirschausens, deren These vornehmlich lautet, daß unglücklich nur die Doofen seien – solche Relevanz erhält, daß sie nunmehr vielen Sendeorts auch die wissenschaftlichen Eliten in Fahrt hält, oft souffliert von wohlbestallten und erfolgreichen Glückspilzen, von denen man sich Rat aus der Praxis erhofft, mag in Zeiten der Finanzkrise, da die Schere zwischen Arm und reich immer weiter aufklafft, viele den sozialen Abstieg dräuen sehen und allenthalben Frust und Murren – derzeit nur kurz gedämpft durch das Anästhetikum der Weltmeisterschaft, in deren Verlauf, so die Regenbogenpresse (Herr Sathom weiß nicht mehr, ob „B.Z.“ oder „Bild“), Herr Mesut Özil uns bereits einmal „ins Glück“ geschossen hat – herrschen, durchaus nachvollziehbar sein. Jedoch findet Herr Sathom, daß die Art, wie die Frage gestellt und wie sie beantwortet wird, durchaus Anlaß zur Analyse sei.

Auffällig ist zunächst, daß sie erst neuerdings wieder gern in Zusammenhang mit Geld und Wohlstand gebracht wird, und daß sie regelmäßig so beantwortet wird, daß jene zwei Dinge es nicht seien, die glücklich machen. Das mag sein, aber wir wollen nicht leugnen, daß der Grad der tatsächlichen Freiheit, Selbstverwirklichung und -bestimmung und Partizipation, der einem in unserer Gesellschaft gegönnt wird, schon maßgeblich vom Einkommen abhängt, und daß ein Mangel an demselben somit Anlaß zu Befürchtungen und Unzufriedenheit gibt.

Um dem entgegenzuwirken, wird nunmehr von den Weisen, mit Autorität versehen kraft Professorentitels oder anderer hoher Positionen, gern empfohlen, zufrieden zu sein mit dem, was man habe; keine großen Erwartungen zu hegen, dem Moment zu leben, sich zu bescheiden wie Diogenes in der Tonne, sich und das seine nicht zu vergleichen mit dem der Anderen, bla bla bla. Sicher ist da rudimentär was dran; allein, Herr Sathom hört angesichts solcher Parolen das Gras wachsen. Die ganzen letzten Jahre hieß es, je mehr Schotter, desto besser, und wer den Kies einfährt, sei Euch Vorbild eures Strebens, und nun auf einmal liegt das Glück nicht nur nicht mehr im Geld, sondern sogar in der stoischen Annahme des – wie auch immer miserablen – eigenen Kismets, auch und gerade des pekuniären?

Würde ein Umdenken bezüglich des Zusammenhangs von Moneten und Glück in Bänker-, Manager- und Aktionärskreisen wirklich stattfinden und die Gewinnsucht einer gewissen Bescheidenheit und Freude an eigener Verantwortung (kann ja auch glücklich machen, oder?) weichen, wäre dies ja zu begrüßen; aber ach, Herrn Sathom schwant, daß die neue Botschaft vom bescheidenen Glück einmal mehr nur den Massen der Fronenden gilt, so wie auch in früheren Jahren Forderungen nach Sekundärtugenden immer nur an diese gerichtet wurden, während diejenigen, die solche Forderungen erhoben, sich davon ausgenommen sahen (mit bekanntem Ergebnis). Übrigens in diesem Zusammenhang zum erwähnten Wissenschaftsforum: allerdings ward auch dort bei der Idee, Glück aus anderem als aus Geld zu schöpfen, vornehmlich der Wohlhabenden gedacht, denen, so meinte man dort, diese Einstellung zu bedenken wohl täte; allein, was die eigentlichen Adressaten der Botschaft anbetrifft, weckte bei Herrn Sathom aufgrund seiner sonstigen Überlegungen zum Thema bereits der Titel der Sendung Verdachtsmomente: „Unser neuer Wohlstand – Glück statt Geld?“. Die Vermutung, daß (zumindest unter Anderem) jenen, die kein Geld haben, mit solch parolenartigen Sätzen ein Placebo präsentiert werden soll, drängt sich Herrn Sathom auf; so wie auch die Frage, ob das, was in der Sendung als Alternative vorgeschlagen ward und so ganz und gar nicht neu ist (Familie als Glücksquelle etwa), nicht eine Luxusalternative für diejenigen ist, welche sich ums tägliche Brot gar nicht zu sorgen brauchen. So scheint das Glücksproblem offenbar eher eines der Satten, wobei nebenher allerdings auch etwas für die Hungrigen abfällt: die Botschaft, daß man doch gar nicht, angesteckt vom „Virus des Vergleichs“, wie es in der Sendung (zum Glück nicht unwidersprochen) hieß, danach trachten solle, etwas vom Kuchen abzubekommen.

Doch betrachten wir einen weiteren Aspekt, den Herr Sathom in den öffentlichen Glücksdebatten leider vermißt: daß der zeitgenössische Mensch durch ununterbrochene Berieselung mit der Botschaft, er solle ohne Pause gut drauf, spaßerfüllt und happy sein, möglicherweise auch einem Streß, glücklich sein zu sollen, ja zu müssen, ausgesetzt ist, was ihn wiederum zwangsläufig, da menschenunmöglich, in Frustration treibt, entgeht dabei der Aufmerksamkeit (was den gut verdienenden Glücksbotschaftern selbst, deren Kundschaft an Ratsuchenden solcherart beständig bleibt, natürlich nur recht sein kann). Daß es einen solchen Glücksstreß gebe, dafür spricht auch, daß schon seit Eröffnung der Glückspropaganda in eingangs erwähntem Jahrzehnt derjenige, der auch nur kurz einmal Anzeichen von Traurigkeit oder Bedrücktheit zeigt, behandelt wird wie einer, dem die Lepra anhaftet, wie ein Narr zudem, ein Aussätziger und Versager (wie auch in alten Zeiten Krankheit und Irrsinn als Folge moralischer Verfehlung galten), als einer, der jedenfalls das Schlimmste, was einem im Zeitalter der Selbsthilfeschwarten und Life-Coaches anhaften kann wie Scheiße am Schuh, nämlich die falsche Einstellung hat. So hängt am Pfosten des Wegweisers zur ewigen Glückseligkeit auch stets noch ein Warnschild: Paß bloß auf, daß wir Dich nicht mit hängenden Mundwinkeln erwischen, Baby (wir haben Kampfhunde).

Es sind ganze Industrien, die davon leben: die Werbebranche, die vorgaukelt, daß das Leben ein nicht enden wollender Glücksrausch zu sein und der Mensch pausenlos gut drauf, cool und fröhlich zu sein habe – was man, so das Versprechen, durch den Erwerb der angepriesenen Ramschwaren erreichen könne; die Coaches und Trainer, die uns einreden, schlecht wäre nur unsere Einstellung, und von dieser Beratung allerdings nicht schlecht leben.

Es ist nur konsequent, daß eine ganze Generation mit völlig verblasenen Ansprüchen daran herumläuft, was sie erreichen und haben müsse, um „glücklich“ zu sein, daß es überhaupt eine Nummer kleiner als totales Glück vs. totales Unglück (wie wär’s zum Beispiel mit Zufriedenheit vs. Unzufriedenheit?) gar nicht mehr geht. Man hat es ihnen eingeimpft, um ein Geschäft draus zu machen, und auch aus ihrem zwangsläufigen Scheitern und ihrer daraus resultierenden Pein macht man ein weiteres.

Betrachtet man all dies, so scheint der Schluß unvermeidlich, daß wir es bei diesem ganzen Glücksgewäsch mit einer Form gesellschaftlicher Doktrin und Propaganda zu tun haben. Zum einen wird uns sehr wohl tagtäglich eingetrichtert, daß Glück auf Einkommen und materiellem Wohlstand basiere, denn so erscheinen uns die wenigen, die auf unsere Kosten immer reicher werden, als verehrungswürdige Vorbilder, denen man vielleicht nacheifern, die man aber weder kritisieren kann, noch darf, weil sie ja offenbar die „richtige“ Einstellung haben, die zu Erfolg und Freude führt; darüber hinaus verhökert man uns eitel Tand mit dieser Mär, in den Werbespots sieht man’s schließlich, Dauerparty dank diesem Bier und Familienglück dank jenem Kaffee, und ohne iDies und iDas bist Du ein Nichts, Alter. Zum Anderen wird, wem dieses Glücks teilhaftig zu werden oder es als solches zu empfinden nicht gelingt, gekennzeichnet als Niete, als Depp, der nur selbst daran die Schuld trägt, dieweil soziale Verwerfungen, Arbeitsmarkpolitik oder amoklaufender Kapitalismus als Ursachen fürs Unglück des Individuums nicht in den Fokus geraten oder diesem entzogen werden (ist es, nebenbei bemerkt, nicht lustig, daß noch bis kurz vor der Finanzkrise von Seiten mancher Meinungsmacher, teils mit philosophischer Schützenhilfe, gar die Rehabilitation der Gier – eben der Erfolgreichen – als eines positiven Charakterzuges eifrig betrieben wurde? Soviel zu derlei Diskursbeiträgen).

Tatsächlich wird so zweierlei erreicht: Glück oder Zufriedenheit werden, was die Verantwortlichkeit für selbige betrifft, komplett individualisiert, was mit einer Entsolidarisierung der Gesellschaft, aber auch der Familien- und Freundeskreise einhergeht; jeder ist ganz allein seines Glückes Schmied, und Aufstieg oder Fall meines Nachbarn, gar des Freundes oder Verwandten, sie kümmern mich nicht, noch frage ich nach dem Warum und Weshalb – ich weiß ja, er ist selbst schuld, und nicht die Umtriebe irgendwelcher Finanzhaie. Zugleich wird Unzufriedenheit diskreditiert als schuldhafter Tatbestand, als falsche Weltsicht, die zu überwinden wiederum allein der Einzelne, auf sich gestellt, verantwortlich ist.

Dabei sind Unzufriedenheit und Solidarität mächtige Motoren der Veränderung hin zu mehr Glück: weder die Bürgerrechtsbewegung in den USA noch die Frauenbewegung, noch viele andere solche Initiativen hätten jemals etwas erreicht, hätten sich die Beteiligten brav mit ihrer gesellschaftlichen Rolle, dem Stand der Dinge, ihren Möglichkeiten und winzigen Freiräumen, beengt oder ganz abwesend wie diese waren, beschieden, wie es heute manche raten. Tatsächlich würden wir, hätten unsere Altvorderen sich stets an diesen Rat gehalten, heute noch auf den Bäumen sitzen und uns am Arsch kratzen, Raubtierangriffe und Winterskälte stoisch hinnehmen und einander zugrunzen: sei froh, daß der Höhlenbär diesmal nicht dich erwischt hat – don’t worry, be happy.

Gewiß, gewiß: Glück (oder der Eindruck, es zu haben bzw. glücklich zu sein) hängt auch von der eigenen Einstellung ab; und natürlich kann (und muß) man selbst etwas dazu tun, das Gewünschte zu erreichen, sowie sich in Selbsterkenntnis zu üben, um überhaupt zu wissen, was einen selbst wirklich glücklich mache. Allein, in der öffentlichen Debatte werden diese richtigen Aussagen pauschalisiert und vermischt mit einer Brandmarkung jeglicher Form von Unzufriedenheit, mit der Fiktion, daß zu Mißmut, unabhängig von den Umständen, darin einer lebt, niemals Anlaß sei. Durch die Idolisierung des materiellen Erfolgs haben diejenigen, die ihn betrieben haben, einen Teufel der Unzufriedenheit aus der Flasche gelassen, den sie nun, indem sie den Unzufriedenen das Maul verbieten, wieder zu bannen suchen: Du kannst – wenn Du nur willst – auch glücklich sein, wenn die Hundefutter aus der Dose frißt, lautet die Message, du mußt nicht – wie wir es doch zuvor gern vorgaukelten – wie wir auf Kosten Dritter das Bruttosozialprodukt verprassen können. Wollen mußt Du halt, das machen wir Dir zum neuen ethischen Imperativ. Und wenn Du Kritik übst, ist es nur albernes Gemecker, Du hast halt nicht kapiert, wie Du auch so glücklich sein kannst.

Es gibt vieles jenseits der materiellen Dinge, das glücklich macht, dies ist wohl wahr; Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung gehören dazu (sind aber eben demjenigen, der einen demütigenden Billiglohnjob machen muß, oft gar nicht möglich). Doch die Verbindung zwischen Wohlstand und Glück als Dauerzustand ist uns ja durch Werbung und Selbstdarstellung der Profiteure des Neoliberalismus erst massiv ins Hirn geblasen worden, auf daß wir sie bewundern, beneiden, als die stets im Recht befindlichen – weil alles richtig machenden, über die wahre Lebensweisheit und –kunst verfügenden – Lenker unseres Schicksals anerkennen mögen; nun, da der Schuß nach hinten losgeht, und mancher neidisch oder auch in gerechtem Zorn den Zahn wetzt, muß Abhilfe her, und sie lautet: sei glücklich in Deiner Tagelöhnerkate, da ist es auch schön.

Zu dieser Propaganda gehört auch die häufig und gern von – natürlich meist wohlhabenden somehow very important persons – in Talkshows und anderenorts verbreitete Mär, wie glücklich die Armen anderenorts, In Afrika, den südamerikanischen Favelas, oder wo immer man sonst sich kürzlich für teuer Geld als Armutstourist ergangen hat, doch seien, und daß man die sich doch mal zum Beispiele nehmen sollte; ja klar, meint Herr Sathom, deswegen herrscht in solchen Gegenden auch ununterbrochen Mord und Totschlag, werden hier Kindersoldaten rekrutiert und zu Vergewaltigern dressiert und herrschen dort mafiöse Vereinigungen mit Gewalt und Terror, weil die Leute da so verdammt glücklich sind, daß sie’s einfach nicht mehr aushalten und ein bißchen ausrasten vor lauter Freude. Botschaft und Absicht hinter solchen folkloristischen Lügengeschichten sind hier jedenfalls ganz klar und eindeutig: sicher werdet ihr immer ärmer, weil wir euch allenthalben ausbeuten und ausplündern, aber guckt euch doch mal die an und haltet die Schnauze.

Handelt es sich bei alledem nun um zentralgesteuerte Propaganda „der Eliten“, wie sie von Verschwörungstheoretikern gern geheißen werden? Herr Sathom verweist die Idee ins Reich der Fabel. Er meint vielmehr: es handelt sich um eine Ideologie, die allmählich erwuchs, indem sich meinungsmachende Kreise – von Journalisten, ihrerseits bereits mit dem Virus des totalitären Wirtschaftsliberalismus infiziert, über Autoren billiger Ratgeber bis hin zu „ernsthaften“ Philosophen – gegenseitig die Bälle zuwarfen, ihrerseits interessengesteuert und von entsprechenden Weltbildern und Vorstellungen geprägt, ohne sich dessen bewußt zu sein, befangen in gemeinsamen Vorurteilen gegen die angeblich Dauerunzufriedenen und ewigen Meckerer mit ihrem ebenso angeblichen Sozialneid; so geht das meistens, da bedarf es keiner dunklen Absprachen. Psychotherapeutische Fast-Food-Ansätze wie die amerikanische Transaktionsanalyse (eine Vulgärversion der Adlerschen Individualpsychologie) und New Age-Zeitgeist würzen die so entstandene Suppe. Diese klebt so fest an den Hirnschalen, daß angesichts wachsender Unzufriedenheit gar nicht gedacht werden kann, daß mit der Ideologie vielleicht etwas nicht stimmt – und so muß eben auf einen Erzähltopos dieser Ideologie, nämlich den der falschen Einstellung der „Unglücklichen“, eben noch einmal eins drauf gezimmert werden. Wer innerhalb dieser narzißtisch-vereinzelnden, die Menschen genau genommen voneinander wie auch von der sie umgebenden gesellschaftlichen Realität isolierenden Ideologie denkt, kann nur dem irrigen Schluß verfallen, daß sich diejenigen, die immer noch was zu Maulen haben, eben noch nicht den richtigen Bewußtseinszustand phantasierter Glückseligkeit erlangt haben, den die Glücksideologie fordert.

Was die Menschen zerreißt, meint Herr Sathom jedenfalls, ist die aus oben genannten Gründen andauernd an sie herangetragene Forderung, ohne Unterbrechung glücklich, fröhlich, putzmunter drauf zu sein (ein menschenunmögliches Ding, wie schon Herr Sigmund Freud wußte, denn: der Mensch ist evolutionär darauf angelegt, Schwierigkeiten zu überwinden, er bedarf ihrer auch in gewissem Grade), angesichts deren Unmöglichkeit aufgrund äußerer Umstände nun die Kritik an jenen Umständen vereitelt werden soll, indem man leugnet, daß Glück von solchen Umständen abhinge, es um so entschlossener zur Einstellungssache erklärt. Nicht umsonst lautet eine jener Lieblingsweisheiten der Coachingbranche, die uns als Aphorismen – manchmal als von angeblichen Ureinwohnern oder mythischen Gurus stammend ausgewiesen, wiewohl ihnen eher den Charakter von urban legends und Bauernregeln eignet – daß sich nie etwas ändere bzw. nichts veränderbar sei, als man selbst. Ergo: versuch nicht, etwas an ungerechten Lohnkürzungen, Lohndumping, unglücklich machenden Lebensumständen etc. zu ändern, sondern ändere Deine Einstellung zu Deinem mickrigen Niedriglohn und Deinem sozialen Abstieg. Das macht glücklich. Gewerkschaftliches Engagement, Protest, Suche nach Alternativen? Alles pfui baba, falsche Einstellung. Die Aktivisten der Hausbesetzerszene in den 80ern wußten es besser: Nur Äktschn, dichteten sie, bringt Satisfäktschn.

Der offenbar allenthalben gefühlte Mangel an Glück, meint Herr Sathom, ist Ausdruck massiver Verluste an Lebensqualität, weil diese Qualität nur für die einen zu Lasten der anderen ansteigt. Die aktuelle Glücksdebatte hingegen dient vielleicht nicht dem bewußten Zweck, zielt aber dennoch darauf ab, jeglichem Ausdruck von Unzufriedenheit und Unmut der Mehrheit mit diesem Umstand von vornherein zu knebeln. Nicht an den gesellschaftlichen Realitäten sollst Du arbeiten, sondern allein an Deiner Einstellung, möglichst schön für Dich, isoliert und entsolidarisiert, und zu diesem Zwecke Dein Geld wie früher zum Likörstand zu den Vertretern der Lebensberatungsindustrie tragen. Zumindest die macht das glücklich – und glücklich machen beglückt ja auch, gell?

Herr Sathom aber singt lieber weiterhin das Lob der Unzufriedenheit eingedenk dessen, zu was für Verblödungen das Streben nach kitschumflorter Glückseligkeit doch führt. Denn siehe: dieweil die Deutschen – jedenfalls bis zum Mittwoch abend – glückstrunken (und da wäre es wohl wirklich besser gewesen, nur freudentrunken zu sein, und ansonsten mit den Füßen auf dem Boden der Realität zu bleiben, statt gleich nach dem Superlativ des nationalen „Glücks“ zu trachten, ganz besoffen vom psychotropen Schierlingstrank der Selbstverliebtheit) einhertaumelten ob des Abschneidens ihrer Mannschaft bei der WM und darob den sozialen Kahlschlag des Sparpakets bereits vergaßen, mogelte die schwarz-gelbe Koalition heimlich ein übles Abseitstor an ihrer geschwundenen Realitätsprüfung vorbei: nicht nur steigen 2011 die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen einmal mehr, nein, auch der Zusatzbeitrag wird vom Einkommen entkoppelt und seine Deckelung zugleich ersatzlos abgeschafft, mit anderen Worten: ab jetzt kann die Krankenkasse vom Versicherten kassieren, was immer sie gelüstet, mit nach oben offener Richterskala, und zwar ganz gleich, wie viel (oder wie wenig) er verdient. Überhaupt trägt steigende Gesundheitskosten ab jetzt einseitig der Arbeitnehmer, auch das freut die FDP-Klientel. Das Ganze soll sozial ausgeglichen werden aus Steuermitteln – mit anderen Worten: was einem aus der einen Tasche rausgeklaut wird, kriegt man vielleicht zurück von dem, was aus der anderen gemopst wurde. Herr Rösler grinst geliert und fröhlich dazu – immerhin einer, der den Weg bewältigt hat, ein wahrer Hans im Glück. Doch getrost: man hat uns ja nun belehrt, daß das Glück nicht im Mammon liegt – siehe oben; so verschafft uns auch diese Unreform die Chance, uns in bescheiden-buddhistischer Askese zu üben und darin unser Glück zu suchen. Die geeignete Philosophie dazu wird uns wohlfeil frei Haus geliefert.

P.S.: Natürlich will Herr Sathom sich nicht so verstanden sehen, daß man permanent unzufrieden sein solle, denn davon wird man ja krank (was Herr Sathom angesichts aktueller Vorschläge, die Praxisgebühr künftig nicht pro Quartal, sondern pro Arztbesuch zu erheben, auch keinem raten möchte). Aber vielleicht sollte man einfach einsehen, daß man manchmal glücklich ist, über manches auch andauernd, manchmal fröhlich, aber eben auch immer wieder traurig, sauer oder richtig stinkig, wenn der Anlaß besteht. Der uns eingeimpfte Wahn jedoch, immerzu in Dauerglück verharren zu wollen und besessen danach zu streben, dieses utopistische Glücksideal zu erreichen, und die uns dazu anempfohlenen Mittel, dies sollten Herrn Sathoms Erörterungen gezeigt haben, führen letzten Endes nur zu einem: daß wir besonders leicht zu verarschen sind. Denn so bringt man uns dazu, erst jedem Hype hinterher zu rennen, uns jederlei Tand andrehen zu lassen und selbstvergessen unsere Identität je nachdem zu gestalten, was uns manipulative Einflüsterer darüber erzählen, was wir haben und wie wir sein müßten, um glücklich zu werden; und wenn’s dann eng wird, ändert sich die Botschaft schnell: werde glücklich, indem Du dich abfindest. Laß alles mit Dir machen, und freu Dich, daß Du Dein trautes Heim mit Gartentwerg noch hast (so lange Du es noch hast). Und das kann’s ja wohl auch nicht sein.

P.P.S.: Was die WM angeht – nichts gegen die hervorragende Leistung von Jogis Jungs, denen Herr Sathom für das Spiel um den 3. Platz gegen Uruguay gern die Daumen hält (was nicht heißt, daß er den Mannschaftsmitgliedern, welche sich der üblen „Ihre Meinung zu Bild“-Werbekampagne anschlossen, dies darum nachsehen würde); worum es Herrn Sathom zu tun ist, ist einfach der Unterschied zwischen freuen sich (gern auch herzlich, wenn man auf Fußball steht, Herr Sathom mag Boxen lieber) oder aus Anläsen, die mit dem eigenen Dasein eigentlich gar nichts zu tun haben und es keineswegs bessern, komplett gaga zu werden und alles andere um sich herum zu vergessen. Wer keine der eigenen Existenz überhaupt erst Sinn verleihenden Glücksräusche erwartet, schmeißt vielleicht nach einer Niederlage auch nicht mit Feuerwerkskörpern nach Angehörigen der Siegernation, wie es hierzulande von tumbem Pöbel dann leider getan wurde (ein Verhalten, das Herr Sathom so nur von Fußballfans kennt; was wohl einiges aussagt über die eigenartig übersteigerten Erwartungen an glückselig machende Sinngebung, die diese Sportart, anders als andere, seltsamerweise bei manchen ihrer merkwürdigen Anhänger auszulösen vermag). Merke: Glück – jedenfalls das, welches einem nach dem Motto „Weniger Brot, aber dafür wenigstens Spiele“ angeboten wird –  und das Streben danach, jedenfalls mit dem Pilger im Zuge der Massenverdummung ebenso wie die irrwitzige Dauerglückssuche  selbst angetragenen Mitteln, machen manchmal auch blöd.

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