:: Deutschland schafft sich (wirklich) ab

Allerdings nicht so, wie es Herr Sarrazin und die angeblich 56% der Deutschen, die ihm ja zustimmen sollen, wissen wollen. Sondern wohl vielmehr so, wie es dergleichen Leute aktuell durch die unsägliche Zuwanderungsdebatte selbst herbeireden, was unter anderem auch eine Folge der ZDF-Sendung Frontal21 vom 19.10.2010 vorzüglich belegte (die sicherlich demnächst noch auf diversen ZDF-Kanälen wiederholt wird, wobei Herr Sathom keine Zeitpunkte eruieren konnte und daher auf die Programmgazetten verweist; den Beitrag als Video sowie einen Text zum Thema findet man jedoch auch hier auf der ZDF-Website – aber macht hinne, Leute, unsere lobbygesteuerte Politik hat ja inzwischen dafür gesorgt, daß öffentlich-rechtliche Fernsehbeiträge jetzt online ein Verfallsdatum haben ;-)).

So sollte man sich beispielsweise vor Augen halten, daß in den letzten zwei Jahren etwa 70.000 qualifizierte Fachkräfte mehr das Land verlassen haben, als insgesamt Menschen eingewandert sind – kein Wunder, wenn sie alle so wie derzeit immer wieder öffentlich über den sarrazinschen Kamm geschoren werden, und sich darüber hinaus noch weiteren Unbilden ausgesetzt sehen: etwa wenn hochqualifizierte eingewanderte Akademiker/innen als Hausmeister oder Kellnerinnen jobben müssen, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden, oder wenn Zuwandererkindern in zweiter Generation qua Ausländerrecht trotz hervorragender Schulnoten höhere Ausbildung und Studium verwehrt werden, indem man sie zu Schulabbruch und Ausbildung in niedrig qualifizierten Jobs (oder unqualifizierter Arbeit) zwingt, da sie zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen müssen, welchen jedes Familienmitglied, sobald dazu imstande, nach gesetzlicher Maßgabe selbst erwirtschaften muß – was man von keinem deutschen Schüler, selbst aus Hartz IV-Familien, verlangen würde.

Dies alles in Zeiten, da Deutschland jährlich einer Zuwanderung von ca. 100.000 qualifizierten Fachkräften bedürfte, wozu den deutschen Zipfelmützen aber nichts Besseres einfällt, als jene Kompetenten durch Debatten wie die aktuelle zu vergraulen – und sich langfristig international einen denkbar schlechten Ruf als attraktiver Arbeits- und Lebensort zu erwerben, einen Ruf, den man womöglich in Jahrzehnten nicht wieder los wird.

Wie prekär die Situation ist und welchen Schaden eine Debatte anrichtet, die Deutschland von einer Flutwelle ungebildeter, integrationsunwilliger, fanatisch mit den Augen rollender und dabei auf ihren Bärten herumkauender Muselmanen unterspült sieht und damit alle integrationswilligen Migranten nachhaltig verprellt (die, nebenbei bemerkt, bei den Integrationskursen Schlange stehen, weil der deutsche Staat sich außerstande sieht, die für das von ihm selbst auferlegte Pflichtprogramm die Ressourcen bereitzustellen), zumal indem man ihnen immer unverschämtere Forderungen nach totaler Anpassung anträgt, erhellten in genannter Sendung u.a. Interviews mit Migrationsforscher Thomas Straubhaar und Rita Süssmuth (ebenfalls unter o.g. Link in der ZDF-Mediathek einsehbar).

Herr Sathom jedenfalls kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Abschaffung Deutschlands (durch Überalterung und internationale Wettbewerbsunfähigkeit, während weltweit die Industrienationen mit Geburtenrückgang kämpfen und um die besten Köpfe konkurrieren) hierzulande auf die gleiche Art und Weise herbeigeredet wird, auf welche in den vergangenen Jahrzehnten durch permanente Signale der Ablehnung migrierter Mitbürger die Entstehung von Parallelgesellschaften und Integrationsunwilligkeit zumindest stark mitbefördert wurden. So wird es Jenen, die jetzt schon einen von ihnen selbst beförderten Ist-Zustand krokodilstränenreich beklagen und fälschlich den „Multi-Kulti-Irrtum“ für diesen Zustand verantwortlich machen, vielleicht auch noch glücklich gelingen, das von ihnen jetzt wortreich Beschworene am Ende eintreten zu lassen – so, wie sie bereits in der Vergangenheit dafür sorgten, daß das, was sie „schon immer gesagt“ oder „schon immer gewußt“ hatten, sich als selbsterfüllende Prophezeiung auch ja verwirkliche. Die da ein Klima der Ausgrenzung und Ablehnung geschaffen und damit über Jahrzehnte hinweg Integration erfolgreich vereitelt haben, und nun pauschal die Migranten als per se und in toto integrationsunwillig verleumden, sind nun dabei, den Grabstein für das von ihnen selbst geschaufelte Grab zu meißeln.

Nebenbei: während all dies vor sich geht, wird Deutschland zugleich, wie in derselben Sendung zu erfahren, zu einem Billiglohnland, in das Investoren aus anderen Ländern Arbeitsplätze auslagern, dieweil hier sowohl die Löhne als auch die Umweltschutzstandards mittlerweile niedriger sind als anderswo. Im geschilderten Fall gilt dies für dänische Schweinemastfirmen, die in Deutschland nur halb so hohe Löhne zahlen müssen wie daheim und zudem unbesorgt Millionen Liter Gülle in die Landschaft kippen (in einem der berichteten Fälle sich sogar im Naturschutzgebiet ansiedeln) dürfen, was man ihnen in Dänemark eigenartigerweise nicht gestatten mag, na sowas. Herr Sathom meint sich vage zu erinnern, daß ihm derlei bekannt vorkäme – Fachkräftemangel und –abwanderung, Lohndumping, Gebiete, in die Arbeitsplätze ausgelagert werden, weil dort der Unterbezahlte front? Ach ja, es fällt ihm wieder ein: aus Dritte Welt- und Schwellenländern kennt man das. Dazu noch dumpfer Provinzialismus, Rassismus und eine Portion Abschottungsmentalität – es dünkt Herrn Sathom, daß das vormalige Land der Dichter und Denker, später der Richter und Henker, und danach wahlweise des von Nazitaten exkulpierenden Wirtschaftswunders oder der qua Deklaration antifaschistischen Greisenherrschaft sich mittlerweile einen ganz neuen Titel verdient hat: den der Bananenrepublik.

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2 Kommentare zu “:: Deutschland schafft sich (wirklich) ab”

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