:: Deutschland schafft sich (wirklich) ab – The Sequel

Hier ein älterer und bisher unveröffentlichter Artikel, der Herrn Sathom bei der Abfassung des vorangegangenen noch einmal unterkam. Nachdem Herr Sathom, der das Pamphlet bereits vor mehr als Monatsfrist im beginnenden Fieberwahn in seine getreue taiwanesische PC-Tastatur gehämmert hatte, sich an der Veröffentlichung durch Ausbruch einer schweren Erkältung gehindert fand, schien ihm nun, daß es recht gut zur kürzlich behandelten Thematik passe, weshalb er es hiermit nachreicht.

Damals gerade aus dem wundervollen Wien zurückgekehrt und von seinem Glotzkasten sofort wieder mit dem heimischen Wahnsinn konfrontiert, bot Herrn Sathom Anlaß zur Niederlegung seiner Gedanken das Betrachten einer Folge von Frau Maybrit Illners Talkshow (bereits in Wiederholung), darin die gute Frau Steinbach von den Vertriebenen ihre Sicht der Dinge bezüglich ihrer umstrittenen Äußerungen darstellen durfte, worum’s hier aber nicht gehen soll.

Denn thematisiert wurde unter der Fragestellung, ob es hierzulande Denk- oder Redverbote bezüglich gewisser Themen und Ansichten gäbe, auch der Selbstabschaffungs-Schmöker des unverbesserlichen Herrn Sarrazin. Dessen Thesen sollen ja laut ZDF-Politbarometer 56% der Deutschen (darunter 45% der Grünen-Wähler, soviel zu deren politischem Bewußtsein) zustimmen.

Nun wird ja, wenn Anrüchiges in die Welt gebrüllt, populistisch verbraten oder in verschwörungstheoretischen Schwarten verbreitet wird, wobei sich die Nachplapperer solchen Geschwätzes gern ihrer politischen Unkorrektheit rühmen (so, als stünde diese bereits für inhaltliche Korrektheit), jede Kritik am Gesagten gern mit der Behauptung abgebügelt, die Gescholtenen seien halt aus dem Zusammenhang gerissen zitiert worden oder die Kritiker hätten, sofern Stein des Anstoßes ein Buch ist, selbiges gar nicht gelesen.

Beim Betrachten besagter Talkshow nun mußte Herr Sathom eingedenk dessen sehr grinsen, stellte doch Herr Heiner Geißler, den Herr Sathom ja aufrichtig für einen ehrenwerten Mann hält, listig fest, daß er nicht glaube, jene 56% der Deutschen (bzw. jene 56% der Umfrageteilnehmer, die denn so antworteten), die Herrn Sarrazin angeblich zustimmen, hätten dessen Buch ihrerseits überhaupt gelesen. Stimmt, dachte sich Herr Sathom: 56% bei einem 80-Millionen-Volk, das hieße ja, daß das Pamphlet inzwischen ca. 44 Millionen mal über den Ladentisch gewandert sein müßte, und daß über die Hälfte der Deutschen – einschließlich neugeborener Babies – es sich angetan und für gut befunden hätten. Kaum wahrscheinlich.

Lassen wir den Umstand, daß solche Umfrageergebnisse sich immer Hochrechnungen verdanken und so viel wert sind wie Statistiken, die eine Übereinstimmung zwischen Geburtenrate und Größe der Klapperstorch-Population nahelegen, daß also die befragten Teilnehmer keineswegs zwangsläufig „die Deutschen“ sind, mal beiseite, so ergibt sich für Herrn Sathom doch folgende Frage an die Sarrazin-Sympathisanten: eben, wie viele von Euch, die dem Mann Recht geben, haben sein Machwerk überhaupt nicht gelesen und kennen eben nur jene „aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate“, die sie johlend beklatschen, ohne dabei en Detail zu wissen, was es eigentlich ist, dem sie da zustimmen? Reflektierenen weder das zugrundeliegende Menschenbild noch die absurden vererbungstheoretischen Vorstellungen (von denen sich Herr Sarrazin selbst mittlerweile distanziert hat, was Herrn Sathom jedoch nur zu der Frage führt, wieso er diesen eingestandenen Schwachsinn dann überhaupt erst geschrieben hat – weiß er plötzlich mehr über Vererbungslehre oder Sozialisationstheorien als neulich noch?), kurz, sagen ja zu etwas, wovon sie keine Ahnung haben? Mag’s sein, daß Ihr mal eben zustimmt, weil Ihr angesichts des Empörungsgeschreis einfach mal annehmt, der Inhalt der Schwarte werde schon mit Euren eigenen dumpf empfundenen Ressentiments und vage geahnten paranoiden Vorstellungen – eben mit dem, was man „wohl doch noch sagen dürfen muß“ – übereinstimmen? Oder daß eben jene „aus dem Zusammenhang gerissenen“ Zitate genügen, um Euch losgehen zu lassen wie Pawlowsche Hunde beim Bimmeln des Glöckchens – weil schon diese Informationsfetzen ausreichen, bei Euch die richtigen Knöpfe zu drücken, Eure bereitliegenden Aversionen und unterdrückten Haßgefühle, die ihr leise murmelnd mit Euch herumtragt, abzuspulen wie eine simple Stapeldatei aus der seligen Frühzeit der Heimcomputer?

Ihr seid dieselben, vermutet Herr Sathom, die sich über das Zitieren aus dem Zusammenhang ständig ereifern, aber zugleich  – oh nichteuklidischen Bahnen folgende Logik – eben solchen Invektiven jederzeit grölend zustimmen, ohne daß es Euch in diesem Fall kümmern würde, wie bruchstückhaft und verzerrt Eure Informationslage ist. Denn was Euch anmacht, ist einmal das „politisch Unkorrekte“ solcher Aussagen, schon allein darauf reagiert Ihr wie dressierte Pudel, denn das trifft sich mit Eurer eigenen dumpfen Gehässigkeit, mit all dem Niederträchtigen, das Ihr nicht sagen „dürft“, dann die inhaltliche Übereinstimmung der einseitigen Äußerungen mit Euren eigenen verstümmelten Wahrnehmungen der gesellschaftlichen Realität, und zu guter Letzt der polternde, gehässige Ton, der den Mißklängen Eurer eigenen Gedanken- und Gefühlswelt sich anbiedert – dies all steht Euch stellvertretend für einen objektiven Wahrheitsbeweis.

Herr Geißler fand übrigens gerade den Umstand, daß eben diese 56% das sarrazinsche Kulturkampfpamphlet womöglich gar nicht gelesen hätten, offenbar beruhigend; beunruhigt wäre er, so führte er aus, hätten sie es gelesen und stimmten immer noch zu. Herr Sathom nimmt es nicht ganz so leicht: denn wie jeck muß man sein, um Zeugs zu bejahen, das man nur gerüchteweise kennt, und was sagt das denn über den politischen Meinungsbildungsprozeß, die Qualität des Diskurses und die Beurteilungskompetenz der „mündigen Bürger“ „im Lande“ (eine Formulierung, die Frau Steinbach offenbar sehr mag, soweit Herr Sathom aus dem häufigen Gebrauch folgern konnte) aus?

Oder würden diejenigen, die jetzt wohlfeilen (weil billig zu habenden und Kopfschmerzen vom Denken ersparenden) Anfeindungen zustimmen, sich eines Tages einmal mehr damit herausreden, sie hätten’s gar nicht gelesen, wenn irgendwann mal wieder einer ein Buch schreibt, gegen welches sich die Pöbeleien des Herrn Sarrazin wie Kindergartenkram ausnehmen? Bei solch geistreichem Publikum, zumal von solcher Charakterstruktur, ist’s nicht mehr verwunderlich, daß ein gewisser Schmöker einst in jedem deutschen Bücherregal prangte, hinterher aber keiner gewußt haben wollte, was drin stand.

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