:: Rücktritt einer Lichtgestalt

Karl-Theodor zu Guttenberg ist infolge der hinsichtlich seiner Doktorarbeit zutage getretenen „Fehler“ von seinen politischen Ämtern zurückgetreten. Herr Sathom gibt zu, der Zeitpunkt hat ihn überrascht – zwar war’s sicher unausweichlich, doch angesichts des bisherigen Umgangs des nunmehrigen Ex-Verteidigungsministers mit der Affäre, welcher von Ausreden und Selbstdarstellung ebenso geprägt war wie von bizarrem, irrationalem Rückhalt bei seiner Fangemeinde, hatte Herr Sathom schon erwartet, daß der Mann sich schon noch eine Weile an sein Amt klammern würde – so lang es eben ginge halt.

Nachdem sich Herr Sathom übrigens über den jeder Vernunft spottenden Rückhalt, den der Freiherr beim Publikum während der ganzen Affäre genoß, bereits in seinem vorangegangenen Blog-Artikel ausführlich verbreitet hatte, hier noch eine kleine Leseempfehlung (nicht nur) für Mitglieder Freundeskreises Guttenberg: das Guttenplag-Wiki, das sich eine ausführliche Analyse und Dokumentation der Guttenbergschen Doktorarbeit auf die Fahne geschrieben hat. Hier können sich Freund und Feind vom Ausmaß nachgewiesener Plagiatsanteile (bei letzter Sichtung durch Herrn Sathom 82.44%) an der Arbeit überzeugen.

Doch nun wieder zum Rücktritt. Die Frage bleibt: bedeutet dieser nun Einsicht, Eingeständnis eigenen Fehlverhaltens oder gar Reue?

Warum dies wichtig ist? Ein Argument der Guttenberg-Fans für den Minister bestand ja in der Aussage, daß er  – wie jeder – eine zweite Chance verdient hätte, eine Möglichkeit, sich zu bewähren. Dem hatte Herr Sathom – ebenfalls im oben genannten Blog-Artikel – ja u.a. zugestimmt, jedoch den Vorbehalt erhoben, daß tatsächlich jeder eine erneute Chance verdiene (nach Herrn Sathoms Auffassung sogar immer wieder), daß diese aber nicht darin bestehen könne, den Betreffenden nun einfach weitermachen zu lassen, als sei gar nichts gewesen, sondern daß er zuvor sich bewähren und erneut Vertrauen gewinnen müsse.

Es wäre also ein Schritt in die richtige Richtung, sich zu dem, was man falsch gemacht hat, zu bekennen und zuzugeben, daß die gezogene Konsequenz unabdingbar sei – infolge eigenen Fehlverhaltens, das nicht toleriert werden kann. Dies wäre wichtig und wiedergutmachend auch bezüglich des angerichteten Schadens für den Ruf von Politik und Wissenschaft, und auch, was die Ohrfeige betrifft, die Art des Titelerwerbs, den Enthüllungen folgendes Lavieren und Reaktion der eigenen Unterstützerklientel (Stichwort: Kavaliersdelikt) für alle ernsthaft und ehrlich Studierenden und wissenschaftlich Arbeitenden darstellten.

Leider zeigt Analyse der nunmehr gestern – s’ ist Mitternacht, Geisterstunde, da Herr Sathom gerade diesen Satz tippt – vorgetragenen Rücktrittserklärung des Herrn Guttenberg, daß nichts dergleichen der Fall ist. Es entsteht vielmehr der Eindruck, daß dieser nüscht jelernt hat und versucht, seinen Nimbus auch mittels dieser Erklärung krampfhaft aufrecht zu erhalten.

Doch gehen wir Schritt für Schritt vor (den vollständigen Text der Rücktrittserklärung findet man hier bei der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung oder hier bei HNA Online; Herr Sathom zitiert bei der folgenden Wiedergabe von Bestandteilen der Rede aus diesen Quellen (Zitate sind blau gekennzeichnet)):

Bereits eingangs stellt Herr zu Guttenberg fest: „Und ich gehe nicht alleine wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit […].“

Damit ist die Zielrichtung bezüglich eigenen Fehlverhaltens vorgegeben und bleibt über den Rest der Erklärung hin erhalten: immer noch ist die Arbeit „fehlerhaft“, hat also in Irrtum oder Übersehungen gründende Mängel, doch keine, die sich absichtlichem Verhalten verdanken.

Dieses Schema behält Guttenberg bei und erweitert es, wenn er fortfährt:

„Ich trage bis zur Stunde Verantwortung […]. Verantwortung, die möglichst ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit verlangt – mit Blick auf die größte Bundeswehrreform in der Geschichte, die ich angestoßen habe, und mit Blick auf eine gestärkte Bundeswehr mit großartigen Truppen im Einsatz, die mir engstens ans Herz gewachsen sind.“

Wichtig ist hier zunächst, daß darauf verwiesen wird, seine Arbeit müsse fehlerfrei sein – allein das kann der Minister in seinen Augen nicht mehr garantieren, nicht jedoch seine Glaubwürdigkeit oder Kompetenz.

Die Wende folgt auf dem Fuße: verweist zu Guttenberg im obigen Absatz zunächst flink auf einen (unstreitigen) Verdienst, leitet er damit sogleich auch eine Attacke gegen seine Widersacher ein – daran, daß er aktuell nicht konzentriert und fehlerfrei arbeiten könne, sind nämlich sie schuld!

Zu diesem Zweck ist er sich nicht zu schade, seine Kritiker erst einmal äußerster Pietätlosigkeit zu zeihen: wenn nämlich

„die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zulasten der mir Anvertrauten statt.“

Ja, so sind sie, diese krummen Hunde – geifernd beseiern sie sich nur über des Ministers Person, und unsere Jungs und Mädels im Kriegsähnlicherzustandsgebiet sind ihnen nicht nur wurscht, nein, sie hindern ihren Überpapa auch noch, sich so recht um die Soldaten zu kümmern. Und so tritt er heroisch deswegen zurück, weil er es nicht mehr verantworten kann, daß

„es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll […].“

Immerhin gesteht er dann zu, daß er den gleichen Schritt „auch von anderen verlangt habe und verlangt hätte.“ Aber: eben einen heldenhaften Schritt zum Schutz der ihm Anvertrauten, um sie vor Schaden zu bewahren, der daraus entsteht, daß ihn diese Dreckschleudern da nicht in Ruhe arbeiten lassen, und nicht etwa einen, den er gehen muß, weil er Mist gebaut hat.

Bezüglich seines eigenen Verhaltens wird dieser Tenor durchgehalten; so ist im Weiteren die Rede davon, zu den eigenen „Schwächen“ und „Fehlern“ zu stehen, und daß er sich bei jenen entschuldige, die er durch „Versäumnisse verletzt“ habe; nirgends ein Eingeständnis von Schuld, vielmehr stets der beibehaltene Versuch, sich darauf zurückzuziehen, daß man halt ein wenig geschlampt und womöglich ein paar Flüchtigkeitsfehler gemacht habe.

Die Attacken auf seine Kritiker hält Guttenberg ebenfalls über die ganze Länge der Erklärung hinweg durch, und weiß sie mit Verweisen auf eigenes Wohlverhalten und honorige Einstellung zu würzen: daß er am Amt, „an dem das ganze Herzblut hängt“, so lang festgehalten habe, liege daran, daß er trotz der „hohen medialen und oppositionellen Taktfrequenz“ erst einmal zu tun hatte:

„Nachdem dieser Tage viel über Anstand diskutiert wurde, war es für mich gerade eine Frage des Anstandes, zunächst die drei gefallenen Soldaten mit Würde zu Grabe zu tragen und nicht erneut ihr Gedenken durch Debatten über meine Person überlagern zu lassen.“

Das könnte man so lesen: der Taktfrequenz (Herr Sathom hatte hier die Assoziation anhaltenden Trommelfeuers aus schweren Geschützen) seiner Widersacher fehlt es an Takt, und über Anstand schwadronieren sie zwar, doch er ist derjenige, der welchen beweist – etwa, indem er die Gefallenen würdevoll zu Grabe tragen läßt, dieweil ihm seine Verächter doch viel lieber über deren Gebeinen am Hosenbein zerren mögen. Während sie es also selbst an Anstand fehlen lassen, sind zugleich sie es, die den Verteidigungsminister überhaupt erst daran hinderten, sich verantwortungsvoll seinem Amt zu widmen (dafür, daß sein lavierendes Verhalten die Affäre ewig währen und Nachfragen nicht verstummen ließ, daß wenn, dann also er dem Andenken der Soldaten und der konstruktiven Arbeit zu deren Frommen geschadet hat, ist nichts, was der Freiherr zu realisieren scheint; vielmehr wird ihm die Kritik an seinem Tun, die er als Attacke auf der persönlichen Ebene wertet, zur Begründung, daß er nicht sofort tabula rasa und den Weg für jemand anderen frei gemacht hat). Daß Herr Guttenberg hier wirklich absichtsvoll das Ziel verfolgt, seine Kritiker in Mißkredit zu bringen, will Herr Sathom dabei nicht einmal unterstellen – daß derlei Gerede von einem gewissen Realitätsverlust zeugt, vielleicht darstellt, was Herr Guttenberg selbst gerne glauben möchte, muß er allerdings feststellen.

Im Weiteren tut Herr Guttenberg, was er bereits mit dem vorherigen Verzicht auf seinen Doktortitel (auf den er erneut verweist, dabei aber dessen Vorläufigkeit vergißt) tat – heroisch bietet er an, was ohnehin unausweichlich und unvermeidlich ist. So erklärt er tapfer:

„Es würde daher nach meiner Überzeugung im öffentlichen wie in meinem eigenen Interesse liegen, wenn auch die staatsanwaltlichen Ermittlungen etwa bezüglich urheberrechtlicher Fragen nach Aufhebung der parlamentarischen Immunität, sollte dies noch erforderlich sein, zeitnah geführt werden können.“

Dies, als ob er darauf irgendeinen Einfluß hätte oder es sein persönliches Entgegenkommen wäre, wenn nun die Schergen der Justiz flugs die Folterbänke polieren können.

Daß er zur „enorme[n] Wucht“ der „medialen Betrachtung meiner Person“ selbst beigetragen habe, gibt er immerhin zu, moniert jedoch deren „Qualität“ (wobei ihm zu entgehen scheint, daß sein Krisenmanagement durchaus auch nicht qualitativ hochwertig war und ihm wohlgesonnene Medien seine Fans mobilisierten); und wieder interpretiert er die Kritik um – auf seine Person hat man’s abgesehen, nicht auf seine Verfehlung.

Und ein wenig Mitleid darf’s auch sein: die miese Qualität der Auseinandersetzung bleibe nicht ohne Wirkung auf ihn und seine Familie, führt Herr Guttenberg aus, und hier muß Herr Sathom zugestehen, daß es für die Familie wirklich arg ist, aber erneut fragen: wessen Schuld ist das denn? Für Guttenberg steht’s fest: es sind die „die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft“, die „zerstörerisch sein können.“ Hat man sich fürs politische Geschäft entschieden, darf man kein „Mitleid“ erwarten – um eben dieses wird hier jedoch gebuhlt, der/die Zuhörer/in soll erschaudernd spüren, daß hier nicht um der Sache willen kritisiert ward, sondern daß „Mechanismen“ (= etwas Gefühlloses) sich um des Zerstörens willen bzw. weil es in ihrer Natur liegt, zerstörerisch zu sein, sich den Herrn Guttenberg und seine Familie mitleidlos zum Frühstück vorgenommen haben.

Guttenberg leitet das Ende seiner Erklärung ein mit Danksagungen an die Adresse „der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung, den vielen Mitgliedern der Union, meinem Parteivorsitzenden und insbesondere den Soldatinnen und Soldaten, die mir bis heute den Rücken stärkten, als Bundesverteidigungsminister nicht zurückzutreten.“

Er selbst sei stets bereit gewesen, zu kämpfen, habe aber die Grenzen seiner Kräfte erreicht, schließt er dann – tapfere Worte eines von einer tollwütigen Meute bis zur Erschöpfung Gehetzten. Herr Sathom gratuliert dem Redenschreiber.

Gerade die Danksagungen, mit denen die Erklärung schließt, sind für Herrn Sathom übrigens auffällig. Sie erwecken tatsächlich den Eindruck, daß Guttenberg bzw. seine Rede sich weniger an die Öffentlichkeit im Allgemeinen wenden denn an seine Anhänger. Vornehmlich diesen soll das Bild des Ministers als von gnadenlosen Schergen gehetzter Lichtgestalt erhalten bleiben, die Kritiker hingegen sollen als hetzende Meute vorgeführt werden bzw. sich selbst als solche angesprochen fühlen.

Soll man nun glauben, daß der Freiherr bis zuletzt mit Chuzpe versucht, den Leuten bewußt etwas vorzugaukeln? Herr Sathom ist unsicher. Der Mechanismus der narrativen (Um)gestaltung der eigenen Biographie – beispielsweise zum Zweck des Erhalts der Selbstachtung oder der Rechtfertigung früheren wie aktuellen Verhaltens – ist ihm aus den Sozialwissenschaften wohl vertraut. Insofern würde er sich nicht einmal ein abschließendes Urteil darüber erlauben, ob Herr Guttenberg während der letzten Wochen überhaupt bewußt gelogen hat. Es scheint Herrn Sathom zwar der Ex-Minister zu intelligent, um nicht wenigstens zu ahnen, daß seine Geschichtchen recht dünn sind, ob er sie jedoch selber glaubt (oder glauben möchte), oder nur verzweifelt um sein Ansehen (auch in den eigenen Augen) kämpft, mag Herr Sathom nicht entscheiden. Fest steht, daß der Mann zwei übermächtige Vorfahren von einigem Ruhm hat, was für einen Wunsch, diesen gleichzukommen, nötigenfalls durch falschen Glanz, eine Rolle spielen mag oder auch nicht – Herr Sathom will mangels hinreichenden Dateninputs darob nicht spekulieren.

Auf eines aber möchte Herr Sathom wetten: daß die Rücktrittserklärung ihren Zweck erfüllen wird, den Freiherrn vor seiner Anhängerschar nur um so edler und tragischer erscheinen zu lassen, und daß ihm wohlgesonnene Medien schon Gewehr bei Fuß stehen, die Mär von der verfolgten Unschuld ins kollektive Gedächtnis zu brennen. Die Verfolgung weiterer Umfragwerte in den kommenden Tagen dürfte insofern unterhaltsam werden.

Alle Zitate SZ Online / HNA Online (Text dort jeweils identisch).

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