:: Norwegen und das Internet

Die Attentate in Norwegen sind widerwärtig und erschütternd; alles Mitgefühl muß den Opfern und ihren Angehörigen, den Taten selbst kann nur Abscheu gelten.

Den Täter soll man gemäß seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit be- und verurteilen; denn es ist zynisch, in solchen und ähnlichen Fällen bei Opfern und Angehörigen gedanklich nur den Sekundenbruchteil zu verweilen, den es braucht, eine Ausrede dafür zu gewinnen, eigene Gewaltphantasien auf den Urheber der Anschläge zu richten. Man erweist denen, die unter seinem Handeln leiden, damit keinen Respekt; daß man den Mörder je nach Schuldfähigkeit behandelt, bedeutet nicht, seine Taten wie auch seine Motive nicht zu verabscheuen.

Ob es mit Zynismus oder ideolgischer Verblendung zusammenhängt, daß für einschlägig interessierte Kreise einmal mehr die Schuld am Geschehen nun das Internet haben soll, sei dahingestellt; es kommt jedoch ein unheimliches Gefühl auf, wenn Konservative sofort feststellen, daß das Netz die Tat verursacht habe, oder die Attentate flugs zum Anlaß nehmen, einmal mehr ihren Überwachungsphantasien Gehör zu verschaffen, etwa die Vorratsdatenspeicherung zu propagieren – so wie der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (dem entgangen zu sein scheint, daß der Täter die Tat im Internet weder vorbereitet, noch bis unmittelbar vor ihrem Stattfinden, also zu einem Zeitpunkt, da es ohnehin zu spät war, darauf zu reagieren, angekündigt hat).

Zwei Kommentare, die von größerer Sachkunde zeugen als solche populistischen Äußerungen, finden sich hier:

Udo Vetter im ZDF-Hyperland-Blog

Kommentar von Markus Beckedahl auf heute.de

Und, zum Thema dieses Artikels leicht off topic, aber doch damit zusammenhängend, hier noch ein Bericht des BR-Magazins quer zu Internetauftritten rechtspopulistischer Ideenträger (und dazu, weshalb der Verfassungsschutz keinen Handlungsbedarf sieht).

Etwas anderes allerdings bleibt noch festzustellen. Betrachtet man die mediale Berichterstattung über rechtsetxreme und rechtspopulistische Netzwerke im Internet, oder über Propagandisten rechter Ideologien in social networks, ensteht beim Verfasser gelegentlich der Eindruck, daß die Attacken auf ein Medium, dessen sich eben unter anderem Rechte bedienen, auch die Funktion einer Ablenkung vom eigentlich Skandalösen und Erschreckenden der online zu findenden Äußerungen erfüllen (mögen sich die Macher solcher Berichte dessen bewußt sein oder nicht).

Gäbe es das Internet nicht, organisierten sich die Rechten eben anders – das taten sie bereits vor der Existenz des Netzes und tun es immer noch, so wie sie auch keine Onlinepräsenz benötigen, um Mitglieder zu gewinnen, etwa Jugendliche in ihren Bannkreis zu ziehen; und so ist die der Aufregung werte Nachricht nicht, daß im Internet Räume bestehen, die sie nutzen können, sondern der, daß es ihre Ideen (und, soweit sie über die Opfer der norwegischen Anschläge lästern u.ä., ihre Einstellung zum Menschen) überhaupt noch gibt.

Dämonisiert man das Netz als einen Raum, in dem demokratiefeindliche Ideologien und menschenverachtende Äußerungen verbreitet werden können, lenkt dies den Blick beinahe zwangsläufig vom Dämonischen der Inhalte ab; so, als wäre das, worüber eigentlich debattiert, und wogegen eigentlich vorgegangen werden müßte, nicht die zynische Einstellung, nicht der ideologische Wahn, sondern der Umstand, daß beide öffentlich wahrnehmbar kommuniziert werden. Die Darstellung geriert sich, als wäre der Skandal die Verbreitung der Inhalte, weniger deren Existenz in den Köpfen und in der Gesellschaft – beinahe so, als würden Welt- und Menschenbild, die da propagiert werden, fände dies nur nicht im Internet statt, inexistent oder wenigstens unproblematisch werden; doch existieren sie unabhängig vom virtuellen Raum, sind vor Allem nicht durch diesen verursacht, können aber, so sie online verbreitet werden, nicht so leicht ignoriert werden wie anderenfalls. Doch darum, sie ignorieren zu wollen, geht es bei der reflexartigen Netzschelte womöglich viel mehr als darum, des Problems Herr zu werden.

So wie das Verdammen von Onlinewelt und „Killerspielen“ im Fall von school shootings von Strukturen ablenkt, die Menschen erst zu Amokläufern werden lassen oder dazu führen, daß diese Entwicklung von der Umgebung tunlichst nicht bemerkt wird, so verdrängt die Erregung darüber, daß Rechtsextreme und Rechtspopulisten sich online austauschen und organisieren können, jede Frage danach, wie es sein kann, daß in einer demokratisch, pluralistisch und tolerant sein wollenden Gesellschaft immer noch Ideen tradiert werden, die aus menschenverachtenden Ideologien stammen, und an die rechtsorientierte Gruppierungen jederzeit anknüpfen können, um Billigerklärungen des Weltgeschehens abzugeben und Orientierungslose zu vereinnahmen; wie es sein kann, daß junge oder im sozialen Abseits befindliche Menschen in dieser Gesellschaft so sehr durchs Raster fallen können, daß sie für derartige Ideologien ansprechbar werden, weil sich, dies der Zynismus der Situation, die Gesellschaft für sie nicht im Geringsten interessiert, bis sie als Nazis negativ auffallen, dieweil sie für die Rechten durchaus von Interesse sind – und entsprechend reagieren, wenn sich anscheinend nur die für sie interessieren, endlich einmal jemand; wie es, last but not least, sein kann, daß wie gesagt eine vorsintflutliche und barbarische Ideenwelt weiterhin tradiert wird, von Menschen, die ihr ohne Not anhängen – die weder perspektivlose Jugendliche noch solche Erwachsene sind, für sich also keine Ausrede anführen können als die, daß sie das Zeug, das sie da propagieren, glauben wollen. Das latente Vorhandensein und Fortleben von Ressentiments und Einstellungen, aus deren Quelle Demagogen jederzeit Material für ihre Propaganda schöpfen können, ist beschämend – der Verbreitungsweg hingegen nur etwas, auf das sich zu fixieren die Aufmerksamkeit von diesem Zustand ablenkt, sowie davon, daß es anderer Verbreitungswege genug gibt.

Dieses geistige Klima stellt, führt man es sich einmal wirklich vor Augen, einen gesamtgesellschaftlichen Skandal dar. Und machen wir uns nichts vor: die wenigsten Deutschen sind rechtsextrem; doch in den trüben Randgewässern dessen, worin sich die Extremisten tummeln, gedeihen die Populisten, auch die sich intellektuell gebenden, und mit denen stimmen Allzuviele überein, weil ihr eigenes, ganz selbstverständlich qua Erziehung erworbenes Weltbild es ermöglicht. Es entsteht gelegentlich der Eindruck, manchem ordnungsliebenden Normalbürger sei der Radau, den klischeetypische „Glatzen“ machen, eher suspekt als deren Meinungen – zumindest gibt es Schnittmengenbildungen. Die Perspektive auf ein vermeintlich hauptsächlich für das Problem verantwortliches Medium zu verengen, ist einmal mehr auch ein Versuch, bewußt oder unbewußt, vor diesem Skandal die Augen zu verschließen.

Respekt und Bewunderung müssen, dies zum Schluß, für ihren Umgang mit der Tragödie den Norwegern gezollt werden. Trauer und ein Bekenntnis zu mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr politischer Beteiligung (so der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg) – von hysterischem Geschrei nach mehr Überwachung, kurzschlüssigem Aktivismus oder Versuchen, die ungeheuerliche Tat politisch auszubeuten, keine Spur.

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