:: Religion vs. Aufklärung 1:0

Nachdem kürzlich das Kölner Landgericht die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen zur strafbaren Körperverletzung erklärte, war der weitere Verlauf der Ereignisse durchaus vorhersehbar.

Daß Religionsvertreter sich medienwirksam und lautstark empören, der Rechtsstaat schließlich einknicken und – wie mittlerweile geschehen – eine rechtliche Neuregelung in Aussicht stellen würde, erfolgte mit solcher Zwangsläufigkeit, daß man die Vortäuschung einer entsprechenden öffentlichen Debatte und die damit verbundenen Talkshows ebenso gut überspringen, und sofort eine Gesetzesänderung hätte durchwinken können.

Die Kampagne, die zu diesem Ergebnis führte, wurde von den Vertretern der großen Religionen mit professioneller Empörung und routiniertem Spiel auf der emotionalen Klaviatur der eigenen Gläubigen geführt; medial geschickt und wirkungssicher wurden alle Register, von verletzten Gefühlen zutiefst verunsicherter, im Innersten erschütterter Gläubiger über den Holocaust, bis hin zu Ängsten vor internationalen Reaktionen, gezogen.

Dabei wurden im Verlauf dieses emotionalisierten Feldzugs gerade von den Vertretern der Religionsgemenischaften prekäre Fragen an die Religion, die das Kölner Urteil aufwirft, vollkommen ignoriert – Fragen, denen der deutsche Staat und seine Politiker, die sich unisono auf die Seite der Religion schlugen, in ihrer aktuellen Reaktion ebenso wenig Beachtung schenken.

Fatal an dieser Entwicklung, so vorhersehbar sie auch sein mochte, ist Einiges.

1.) Die Interpretation der Religionsfreiheit

Die Frage, ob bestimmte Handlungen, sobald sie von den Ausführenden religiös begründet werden, nicht ansonsten geltenden rechtlichen Bestimmungen unterliegen sollen, läßt sich nur absolut beantworten: entweder positiv für jede religiöse Handlung, oder für keine. Wenn die die Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion, Brigitte Zypries, verlauten läßt, es könne nicht sein, „dass Jahrtausende alte Traditionen von Millionen von Menschen auf diese Weise in Deutschland infrage gestellt werden“ (Quelle: tagesschau.de), dann müssen sämtliche auf religiösen Vorstellungen basierenden Rituale und Verhaltensweisen vom Strafrecht ausgenommen werden; alles andere würde bedeuten, daß man bestimmten Religionsgemeinschaften mehr Religionsfreiheit zugesteht, als anderen.

So, wie die parteienübergreifende Zusatimmung und die politische Begründung für eine rechtliche Sonderregelung derzeit formuliert sind, bieten sie keine Handhabe, nicht auch andere Praktiken per Sonderrecht dulden zu müssen, darunter etwa die weibliche Genitalverstümmelung, in deren Vollzug je nach regionaler Spielart Schamlippen und Klitoris entfernt, und in manchen Fällen auch der Scheidenvorhof vernäht wird. Diejenigen, die diese barbarische und die Betroffenen meist schwer traumatisierende Praxis üben, könnten sich ebenso auf die Freiheit ihrer Religion berufen, wie die aktuell betroffenen Religionsgemeinschaften – und sie ihnen zu verweigern, würde bedeuten, bestimmten Religionen mehr Rechte zuzugestehen als anderen. Da zur Zeit die Flucht aus Ländern, in denen die Genitalverstümmelung praktiziert wird, als Asylgrund anerkannt wird, stünde eine Duldung nicht nur im Widerspruch zu jeder abendländisch-aufgeklärten Tradition, sondern hätte auch weitreichende Auswirkungen auf andere Rechtsbereiche (hier: das Asylrecht).

Die Schaffung von Gesetzen, die religiöse Praktiken vom für alle anderen Bürger gültigen Recht ausnehmen, bedeutet letztlich auch eine Kapitulation des in der Tradition der Aufklärung stehenden Staates; und mehr noch: sie bedeutet, daß der Staat sich seiner Verpflichtung entzieht, alle Bürger zu schützen, und einen rechtsfreien bzw. sonderrechtlichen Raum schafft, sobald eine ansonsten strafbare Handlung religiös begründet wird.

Die Konsequenzen für andere Tatbestände – neben der Beschneidung weiblicher Genitalien etwa die gern kritisierten Praktiken neureligöser Kulte, der sogenannten „Sekten“ – sind von den Verantwortlichen offenbar in ihrer panischen Reaktion auf die Lobbyarbeit der großen Religionsgemeinschaften nicht bedacht worden.
[Weiterlesen]