:: Deutschland – ein Lügenmärchen?

Der Mythos „Wirtschaftswunder“ prägt das Selbstbild der Deutschen – zumindest in den alten Bundesländern – bis heute.

Zur Eigenwahrnehmung zählen der berühmte deutsche Fleiß, mittels dessen nach der „Stunde Null“ ein völlig zerbombtes Land ohne Industrieanlagen aus dem Nichts wieder aufgebaut wurde; die hervorragende deutsche Ingenieurskunst, die daraus resultierende überlegene Qualität von Waren „Made in Germany“; und nicht zuletzt die Vorstellung, als Musterschüler der Marktwirtschaft gegenüber anderen Staaten als Lehrmeister auftreten zu können, ihnen, wie etwa Griechenland und Spanien, bis an die Substanz gehende Sparmaßnahmen zuzumuten – weil ihre Bevölkerung die miserable Wirtschaftslage durch eigene Faulheit verursacht hätte.

Doch hat dieses „Wunder“ so, wie es von unseren Eltern, vom Geschichtsunterricht, von der medialen Darstellung bis heute kolportiert wird, in dieser Form wirklich stattgefunden – oder war alles ganz anders? War die Leistung gar keine so besondere, zumal keine Eigenleistung der Deutschen selbst? Was hieße es für die Selbsteinschätzung der Deutschen als wirtschaftliche Sonderleister, als „Zahlmeister Europas“, die anderen Sparvorgaben aufdrücken dürfen, wenn der wirtschaftliche Aufstieg nach dem Krieg sich u.a. einem enormen Schuldenschnitt verdankte, den die europäischen Nationen Deutschland – zusammen mit Verzicht auf sämtliche Reparationen – gewährt hätten?

Ein ernüchterndes Bild zeichnet diesbezüglich vor Kurzem Christoph Webers Dokumentation Unser Wirtschaftswunder – und eines, das insofern überrascht, als die recherchierten Einzelheiten der Geschichtswissenschaft, besonders der Wirtschaftsgeschichte, offenbar schon lange bekannt sind (während der Umstand, daß sie bisher keinen Eingang ins öffentliche Bewußtsein gefunden haben, wiederum nicht wirklich erstaunt).

Als Podcast bzw. in der Mediathek ist die Dokumentation leider nicht verfügbar, und als Wiederholung offenbar nicht geplant; hier allerdings ein Interview mit Weber beim Deutschlandfunk.

Den Legenden, die in den Wirtschaftswunder-Mythos eingeflochten sind, stellt die Dokumentation u.a. solche Rechercheergebnisse gegenüber:

Das Wirtschaftswunder war keine Ausnahmeleistung – Alle europäischen Nachkriegsnationen entwickelten sich ähnlich, auch ohne die massive amerikanische Hilfe, die Westdeutschland erfuhr.

Deutschland war nicht völlig zerstört – Das Bild zerbombter Innenstädte wurde jahrzehntelang als Ausweis dafür vorgeführt, wie es in ganz Deutschland ausgesehen habe; tatsächlich waren Industrieanlagen weitenteils intakt, ihre Leistungsfähigkeit sogar höher als vor dem Krieg.

Fleiß spielte die geringste Rolle – Tatsächlich begannen die Westdeutschen nach der Währungsreform so richtig die Ärmel hochzukrempeln; vorher lohnte sich der Schwarzmarkt eher. Womit tatsächlicher Fleiß, auch vor der Reform, nicht abgestritten werden soll – nur, so Weber, spielte er keine ausschlaggebende Rolle.

Auch die Bedeutung Ludwig Erhards als angeblichen Schöpfers der D-Mark, der Details auch gegen den Willen der Amerikaner durchsetzte, hinterfragt die Dokumentation kritisch; wie auch die Vorstellung nicht verschont bleibt, Deutschland sei auf dem Weltmarkt dank hervorragender Warenqualität schnell an die Spitze gelangt. Wer sein Selbstbewußtsein als Deutscher über das Siegel „Made in Germany“ definiert und davon ausgeht, die deutsche Ingenieurskunst sei extrem viel höher entwickelt als die anderer Länder, dürfte schwer zu schlucken haben an der These, die Industrie hätte im Kriegsverlauf Erfahrung mit Billigproduktion in gerade noch hinreichender Qualität gesammelt, und diese Taktik beim Aufbau einer Massenproduktion weiter genutzt.

Allerdings beschränkt sich die Dokumentation nicht auf das debunking beliebter Mythen, sondern führt auch bisher kaum Bekanntes ins Feld: der bis heute anhaltende Aufstieg Deutschlands zum Exportweltmeister habe mit dem Koreakrieg begonnen; deutsche Industrien lieferten Material und Maschinen zur Waffenherstellung. Zwar nicht als Rüstungsexporteur, aber als Zulieferer für militärische Rüstung war die Bundesrepublik also schnell wieder am Start. Ebenfalls förderlich war, von den Nazis enteignete jüdische Betriebe nicht zurückzugeben, oder die Rückgabe möglichst zu verzögern, und die Besitzer mit marginalen Entschädigungen abzuspeisen. Verbindungen in die Politik erwiesen sich dabei als hilfreich; so soll Ludwig Erhard im Fall der Porzellanfirma Rosenthal, für die er als Berater tätig war, eine durchaus unrühmliche Rolle gespielt haben. Und vom Schuldenerlaß, von dem Deutschland heute bei anderen Ländern nichts wissen will, war bereits die Rede.

Das Wirtschaftswunder als nationalreligiöser Mythos

Sofern die Aussagen, die Weber in seinem Dokumentarfilm trifft, die historische Wirklichkeit wiedergeben – und u.a. die ausgewählten Interviewpartner lassen daran wenig Zweifel aufkommen – wäre dies nicht nur in Hinsicht einer Entzauberung des mythischen Wirtschaftswunders an sich bedeutsam. Dazu einige Überlegungen.

Zusammen mit dem „Wunder von Bern“ stellt das „Wirtschaftswunder“, wie schon angedeutet, für die Deutschen einen Kristallisationspunkt positiver Identifikation dar; gewissermaßen eine narrative Selbstdefinition, eine Sammlung von Erzählungen (über den deutschen Fleiß, die desaströse Ausgangslage, den zauberweisen Ludwig Erhard), die Aufzählung eigener Vorzüge, hinter denen das Bild der eben noch Nazis gewesenen Deutschen in den 1950er Jahren schnell verblaßte, und durch ein anderes Selbstbild ersetzt wurde. Beide Wunder galten und gelten als Wiedereintritt in die Völkergemeinschaft; allerdings, das zeigt das damals beliebte Motto das Motto „Wir sind wieder wer“, bereits wieder mit einer gewissen Überheblichkeit gepaart: „Wer“ ist man, d.h. beachtlich, und nicht bloß irgendeiner unter zahllosen Gleichen.

Eine Mutmaßung: der Begriff des „Wunders“, der ja aus der religiösen Sphäre stammt, wird bei alledem nicht zufällig bemüht; er deutet den Wiederaufbau teils als übermenschliche (in den Bereich des Wunderbaren ragende) Leistung, teils als gerechten Lohn transzendenter Mächte für den deutschen Fleiß. Er drückt aus, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik meinte, von höheren Schicksalsmächten die Absolution für tausend Jahre Terror erhalten zu haben, oder wenn nicht von solchen Mächten, so doch vom nüchternen Ablauf der Geschichte ganz objektiv rehabilitiert worden zu sein. Dafür spricht zumindest die Umstandslosigkeit, mit der die Bundesdeutschen recht früh die Nazivergangenheit als erledigt ansahen, als sei dies durch Umlegen eines Schalters zu bewerkstelligen, und forderten, es müsse „doch endlich mal Schluß“ sein mit dem Gerede über Auschwitz.

Qualifiziert für diese Absolution hatten sie sich durch herausragende Leistungen beim Autobau und im Fußball; also nicht durch Aufarbeitung dessen, was sie getan hatten. Kein unwesentlicher Punkt: die Vergangenheit war nicht durch Auseinandersetzung bewältigt, sondern durch etwas anderes, das stattdessen getan wurde; etwas, das die vor dem Nazi-Desaster in Deutschland herrschende Vorstellung, etwas Besonderes vor allen anderen Völkern zu sein, wiederherstellte. Ja: wieder herstellte.

Denn der erleichterte Seufzer „Wir sind wieder wer“ drückt eben durch das „wieder“ eine Rückkehr zu etwas Gewesenem aus. Was kann dieses schon einmal da Gewesene sein? Augenscheinlich die Stellung des Deutschen als Wunderkind (fleißiger etc.) der Geschichte – also eben die Eigenwahrnehmung, die auch den „Arier“ erzeugte. Tatsächlich: das „Dritte Reich“ erscheint so gesehen als Betriebsunfall; die Deutschen sind eben doch „wer“, jemand Besseres nämlich, und die gewährten Wunder setzen sie in den wohlverdienten Stand wieder ein. Was auch bedeutet: das Selbstbild, daß sie jetzt als Deutsche haben, hat einen Vorläufer, der reinstalliert wird; ein Heilungsprozeß findet statt.

Daß er durch Fleiß etc. herbeigeführt wurde, verleiht ihm den Charakter von etwas Verdientem, einer Belohnung; und daß wiederum die Eigenschaften, die ihn herbeiführten, nicht als etwas betrachtet werden, über das auch andere Völker verfügen, sondern als etwas, das die Deutschen in besonderem – wenn nicht gar ausschließlichem Maße – besitzen, macht diese Eigenschaften zu angeborenen Qualitäten, zu ethnischen, naturgegebenen Eigenschaften des Deutschen. Dieser wird also im Grunde dafür belohnt, Deutscher zu sein. Damit dies möglich ist, dürfen die Anderen natürlich keine ähnlichen Leistungen erbracht haben; der wirtschaftliche Wideraufbau Deutschlands muß historisch einzigartig sein.

Die „Wunder“ veränderten – zumindest nach Auffassung der Westdeutschen selbst – schlagartig deren Status, deren Identität, was ihre Qualität als wunderbare Ereignisse noch erhöht; anstelle eines langwierigen historischen Prozesses der Aufarbeitung war durch vermeintlich unwahrscheinliche Erfolge ein plötzlicher Umschlag getreten – eine Erlösung.

Diese Heilung, diese Erlösung führt die Deutschen nicht bloß zurück in die Gemeinschaft der Völker – sie erhebt sie bereits wieder über jene. Der Exzeß, den solche Überheblichkeit im Nationalsozialismus feierte, wird zur filmrissigen Erinnerung an eine durchzechte Nacht; man hat eben ein wenig über die Stränge geschlagen. Jetzt aber hat, bitteschön, alles wieder gut zu sein. Was man im Suff angestellt hat, weiß man ja auch schon gar nicht mehr so genau.

Der Deutsche wird also durch beide Wunder wieder in seine ursprüngliche Position versetzt – und der Naziexzeß damit zum Schandefleck, der endlich abgewaschen ist, und zwar so endgültig, daß er keiner weiteren Erwähnung mehr bedarf. Eine weitere Funktion der Wunder: wie eine rituelle Waschung haben sie reinigenden Charakter; und die Reinigung ist endgültig. Der Deutsche, dem das Wunder widerfuhr, sieht zu Schuldgefühl keine Anlaß mehr. Tatsächlich empfindet er den anhaltenden Hinweis auf seine Vergangenheit als Zumutung; daß ihm etwas vorgehalten wird, mit dem er, der neue und zugleich alte, wiederhergestellte, doch gar nichts mehr zu schaffen hat, versteht er nicht einmal. Er verhält sich, als sei er ein anderer geworden als der, der er bis 1945 war. Daß spätere Generationen Vorwürfe abwehren, ist nachvollziehbar; doch die Rede ist hier von der Generation der Täter, die so dachte.

Wie gesagt: dies sind Mutmaßungen; allerdings qualifizierte. Historisch und religionswissenschaftlich betrachtet, hat die Vorstellung vom auserwählten Deutschen ihre Vorläufer in „völkischen“ und anderen nationalistischen Vorstellungen, auch in einer „Völkischen Religiosität“, die bereits vor dem ersten Weltkrieg im Schwange war, einer synkretitischen Mischung von Vorstellungen, denen gemeinsam ist, daß sie das deutsche Volk oft als von der Geschichte auserwählt, von transzendenten Mächten – wahlweise der Geschichte, Gott, der Vernunft oder dem Schicksal – in eine besondere historische Position gestellt, und von der Natur mit enstprechenden, besonderen Fähigkeiten ausgestattet sahen. Als eine „Schicksalsgemeinschaft“ (ein weiterer vertrauter Begriff) also, der durchaus „Wunder“ widerfahren können.

Diese Überlegungen entspringen somit keineswegs einer vagen Ähnlichkeit des Phänomens „Wirtschaftswunder“ mit religiösen Erscheinungen. Treffen sie zu, dann fügen sie sich in ein lang gewachsenes, schon vor der Naziherrschaft bestehendes naturalistisch-monistisches Verhältnis der Deutschen zu sich selbst, das religiös-schwärmerische Aspekte aufweist, und über die „Völkische Bewegung“ des Wilhelminischen Reiches direkt in den Nazismus mündete. Gemeint ist die Vorstellung, von der Natur verliehene, nationale Charaktereigenschaften prädestinierten die Deutschen zu einer Vorreiterrolle, die wiederum Ausdruck kosmischer Gesetzmäßigkeiten sei (früher denen des „Daseinskampfes“, heute denen des Marktes). Als „Musterschüler“ beim Erlernen dieser Gesetze verdienen sie einen besonderen Status, gegebenfalls die Rolle des Klassenprimus, der die Schulhofaufsicht führt. Die „Wunder“ aber, die ihnen nach dem Krieg widerfuhren, haben sie in diesen Status wieder eingesetzt.

Daß die heutigen Deutschen noch korrekt oder umfassend beschrieben wären durch Auffassungen und Verhaltensweisen der unmittelbaren Nachkriegszeit, wird dabei niemand behaupten wollen; daß die Selbststilisierung, die sich im Mythos des „Wirtschaftswunders“ ausdrückt, und deren naturalistisch-monistische Quellen immer noch nachwirken, wenn auch gemildert, ist jedoch eine beunruhigende Vorstellung – insbesondere, wenn dies einen Einfluß auf die heutige deutsche Politik, etwa im Umgang mit EU-Partnerstaaten, hätte.

Sollte die Vermutung, daß das „Wirtschaftswunder“ und das „Wunder von Bern“ mit religiösen Bedeutungen aufgeladen sind, und eine bestimmte Funktion für die Selbstwahrnehmung der Deutschen erfüllen, dann müßte sich allerdings zeigen lassen, daß die Art, wie diese „Wunder“ dargestellt und tradiert werden, eher von Wunschdenken und psychologischen Bedürfnissen zeugt als von realen Ereignissen. Zumindest für das „Wirtschaftswunder“ macht Webers Dokumentation dies plausibel. Bleibt das „Wunder von Bern“. Dessen Ruf als Bestätigung deutscher Besonderheit allerdings ist zwar angeschlagen, denn Dopinggerüchte gab es schon immer; doch diese sind, genau genommen, irrelevant. Um die Sache zu entmystifizieren, würde es womöglich es genügen, sie einfach zur Abwechslung einmal ganz nüchtern zu betrachten: vollkommen egal wie, wurde hier eben bloß ein weiteres Fußballspiel gewonnen – sonst nichts.

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