:: Einige Einwände zu kürzlichen Verlautbarungen der bekannten Frau M.

„PEGIDA“ bestimmt weiterhin einen großen Teil der öffentlichen Debatte; nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo nur um so mehr.

In der vergangenen Woche forderte Bundeskanzlerin Merkel eine „demokratische Rückbesinnung“. Diskriminierung und Ausgrenzung dürften in der Gesellschaft keinen Platz haben; jeder „Generalverdacht“ verbiete sich. Das erinnert an die Neujahrsrede, in der sie den „PEGIDA“-Teilnehmern „Kälte im Herzen“ vorwarf. Gleichzeitig spricht sich die Kanzlerin unter dem Eindruck der Pariser Attentate für eine Rückkehr zur Vorratsdatenspeicherung aus – soviel zum Demokratieverständnis.

Demgegenüber ist noch einmal festzuhalten:

Erstens, flächendeckende Überwachung ist kein geeignetes Mittel, Terroristen an ihren Taten zu hindern, oder sie aufzuspüren. Dies ist auch nicht ihr angestrebter Zweck.

Professionelle Terroristen verfügen längst über Mittel und Methoden, sich solchen Überwachungstechniken zu entziehen; daß ihnen das wieder und wieder gelingt, dafür sind die Taten von Paris nur die letzten einer Vielzahl von Belegen. Zu solchen Mitteln gehören, wie medial oft erwähnt und berichtet, der Tausch von Handychipkarten, unverfängliche Gesprächsthemen als Codes u.v.m.

Offen lesbar wie ein Buch ist per totaler Überwachung nur einer: der ganz gewöhnliche, aber vielleicht politisch, gewerkschaftlich oder gesellschaftskritisch aktive Bürger. Dieser verfügt schlichtweg nicht über das know-how, sich der völligen Erfassung zu entziehen. Und ihm gilt auch die eigentliche Aufmerksamkeit.

So berichtete etwa der Guardian schon vor einiger Zeit von Forschungsprojekten amerikanischer Universitäten, die Methoden entwickeln sollen, potentielle politische Bewegungen (vergleichbar etwa mit der Friedensbewegung der 1980er Jahre oder Occupy, aber auch lokalen Bürgerinitiativen) frühzeitig zu erkennen, die Rolle einzelner Vertreter zu identifizieren, und die öffentliche Meinungsbildung zu Anliegen solcher Bewegungen zu steuern. Daß die Ausbreitung sozialer Bewegungen dabei als „Infektion“ (contagion) bezeichnet wird, verdeutlicht die Einstellung der Überwacher zu legitimen, demokratischen Aktivitäten der Bürger.

Die Sammelwut der Big-Data-Fetischisten gilt den Demokraten, nicht den Feinden der Demokratie.  Und die totale Erfassung dient neben politischen auch wirtschaftlichen Zwecken. Unter dem Eindruck der Taten von Paris einer verstärkten Überwachung das Wort zu reden, spielt gerade Jenen in die Hände, die Freiheit und Selbstbestimmung untergraben wollen.

Daß die Forderung nach stärkerer Überwachung ausgerechnet aus dem politischen Lager kommt, das durch Unterzeichnung von Abkommen wie TTIP eine de facto-Abschaffung der Demokratie zumindest zuläßt, wenn nicht betreibt, muß zu denken geben.

Zweitens: Wie hier bereits früher ausgeführt, dürfte die Erfahrung von Diskriminierung, Ausgrenzung und Generalverdacht neben Migranten auch den sozial Deklassierten unserer Gesellschaft – darunter jenen von ihnen, die bei „PEGIDA“ mitmarschieren – traurigerweise mehr als geläufig sein. Soweit sich unter den Anhängern „gebildete“ (zumindest ihrer eigenen Meinung nach) Bürger, oder Besserverdiener finden, geht ihnen vermutlich ein intuitives Verständnis dafür, daß auch ihnen im Fall des sozialen Abrutschens Gleiches droht, durchaus nicht ab.

Die „Kälte im Herzen“, von der die Kanzlerin spricht, erfahren Menschen in unserer Gesellschaft täglich am eigenen Leib. Dies gehört zur Normalität, zur Diktion der Verachtung, zur erniedrigenden Behandlung, die allgemein üblich geworden sind unter dem Vorzeichen des Radaukapitalismus. Der Generalverdacht gegen die Armen, der höhnische Blick von oben auf die „Verlierer“, der Zynismus, mit dem Gentrifikation betrieben wird und vieles mehr, sie gehen vom Establishment aus. Also von vielen derjenigen, die sich als Prominente über „PEGIDA“ empören.

Umgekehrt: In der abstrusen Furcht der „PEGIDA“-Demonstranten vor einer keineswegs drohenden „Islamisierung“ äußert sich natürlich Fremdenhaß; mit diesem geben sie jedoch nur die Verachtung weiter, die sie selbst längst erleben (oder noch zu erfahren fürchten). Beziehungsweise: sie suchen nach jemandem, dem gegenüber sie sich so schäbig verhalten können, wie der Umgang allgemein längst geworden ist. Mangels sozialen Status greifen sie dabei – unausweichlich – so tief in die Klamottenkiste des Primitiven wie möglich; ihre Auswahl an Opfern ist schlichtweg kleiner. Wer wohlhabend ist, hat eine größere: er kann wahlweise Hartz IV-Empfänger, „bildungsfernes“ Prekariat, jeden beliebigen Hausmeister verachten. Gegen Flüchtlingsheime in Nachbarschaft seiner Villa klagt er vor Gericht. Er hat es nicht nötig – und das ist Ausdruck seines „höheren“ Standes – sein menschenverachtendes Ressentiment so deutlich zu zeigen wie Jene.

Indizien: Das „Licht aus“ der Stadtverwaltungen, der symbolische „Kehraus“ der Gegendemonstranten. Sie verdeutlichen es, sagen: wir wollen euch nicht sehen; ihr seid Dreck. Sie stellen etwas anderes dar als eine (notwendige) Absage an Rassismus und Islamophobie. Sie bringen zum Ausdruck, daß die „Gerechten“ ihrerseits einen Abschaum benötigen, auf den sie spucken können.

So widerlich die Fremdenfeindlichkeit von „PEGIDA“ auch sein mag – in vieler Hinsicht ist die Bewegung letztlich die nur wenig häßlichere kleine Schwester der gutbürgerlichen Mittelschicht, und Enkelkind der höheren Klassen.

Diffamierung, Vorurteile – teilweise gleichlautend mit rassistischen; aus der warmen „Mitte“ der Gesellschaft verstoßen, oder von ihr abgelehnt zu werden; das erleben bei uns Arme und Migranten gleichermaßen. Ressentiment und kalte Verachtung – wer das Vorrecht hat, diese gegenüber Anderen zum Ausdruck zu bringen, darum geht es beim Konflikt zwischen „PEGIDA“ und Gutmenschen wirklich; nicht darum, Einstellungen, mittels derer in unserer Gesellschaft Gräben gezogen, Machtverhältnisse begründet werden, wirklich zu bekämpfen. „PEGIDA“ ist der Versuch, endlich wieder zugelassen zu werden zum Mob, der diese Grenzen ziehen darf. Die Gegenbewegung der, als auserlesener Kreis, dessen Ressentiment gestattet ist, unter sich zu bleiben.

Liest man den Forderungskatalog von „PEGIDA“, stellt man fest, daß viele der offiziellen, schriftlich fixierten Äußerungen moderat scheinen (während andere dezidiert antipluralistisch sind). Einige fordern sogar eine offenere Flüchtlingspolitik, als derzeit praktiziert. Allerdings unterscheidet auch „PEGIDA“ – wie etablierte Politiker ebenfalls, etwa Sigmar Gabriel – zwischen erwünschten und unerwünschten Flüchtlingen. Daß die Stoßrichtung dennoch aggressiver fremdenfeindlich, und von Vorurteilen durchtränkt ist, erweist – neben Ansichten und Verhalten der Demonstranten – auch die irrsinnige Selbstbenennung der „Bewegung“, die von einer „Islamisierung des Abendlandes“ faselt. Doch ist das, was sich da äußert, so verschieden vom Geist der Ablehnung, der das gesellschaftliche Gegeneinander überall prägt? Man muß begreifen, daß „PEGIDA“ der Gesamtgesellschaft einen Spiegel vorhält. Die häßliche Fratze, die diese darin erblickt, ist weitenteils auch ihre eigene.

Noch einmal: hier geht es nicht darum, „PEGIDA“ – oder auch bestimmte Kreise der AfD – nachsichtig zu verstehen, oder ihre Fremdenfeindlichkeit gar zu entschuldigen. Sondern um die Feststellung, daß „PEGIDA“ & Co. genau so unsolidarisch und sozial egoistisch sind wie ihre Gegner im bürgerlichen Lager. Wie die Grünen etwa, längst eine Partei der Besserverdiener und der sozialen Verachtung. Es sind die im Stich gelassenen, die das Establishment da aufstehen sieht. Daß diese Protestierenden keineswegs die Gerechten sind, sondern das Privileg anstreben, wieder auf Seiten der Ungerechten stehen zu dürfen – daß sie Opfer (Migranten, Flüchtlinge, Menschen, die „anders“ sind) suchen, gegen die sie so menschenverachtend reden und handeln dürfen, wie in unserer Gesellschaft gegen alle Schwächeren geredet und gehandelt wird, steht außer Frage. Nur: Das Establishment macht’s vor.

Den Demonstranten das vorzuwerfen, was man ihnen antat; selbst weiterhin tut; was jenseits der Sonntagsreden zum normalen Umgang miteinander in dieser Gesellschaft gehört: ist Heuchelei.

Die „PEGIDA“-Demonstranten ihrerseits rechtfertigt das nicht: denn statt gegen die Mechanismen der Verachtung zu protestieren, versuchen sie nur, aus der Position der Verachteten wieder in die von Verächtern zu gelangen. Jemand anders soll der ständig Beschimpfte, verächtlich gemachte, der Ausgeschlossene sein; nicht sie selbst.

Übrigens: Daß Lutz Bachmann jetzt beim Hitlergrüßen erwischt wurde (Ja sowas! Der Bachmann ein Rechter?! Wer hätte das gedacht!), ändert an dieser Einschätzung von „PEGIDA“ nichts. Gewiß werden sich nicht Wenige zufrieden zurücklehnen – aha, eben lauter tumbe Rassisten, wußten wir’s doch; Fall erledigt.

Daß die Motivlage der Pegidianer äußerst heterogen ist; daß sie sich unter dem falschen Banner vereinigen, der an die Wand gemalte Feind nicht existiert, daran bestand schon vorher kein Zweifel. Auch nicht daran, daß die Frage, warum sich solche Menschen ausgerechnet auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Fremdenfeindlichkeit einigen, keineswegs dadurch beantwortet ist, daß man die Xenophobie der Parole halt feststellt.

Die Gefahr besteht, daß nun die Selbstgerechten mit der Entlarvung Bachmanns – die, mal im Ernst, niemanden überraschen kann und somit auch keine ist – auch die vielfältigen Anliegen, die „PEGIDA“-Demonstranten auf die Straße führten, als fein säuberlich abgehakt vom Tisch wischen. Eben alles nur Quatsch, und alle Teilnehmer rassistische Spinner. Daß erklärt wird, was immer die einzelnen wollten, auch jene, die dezidiert keine Islamophoben sind, sei diskreditiert und ihre Beschwerde damit gegenstandslos. Daß sie daran selbst Mitschuld tragen, wenn sie sich einem so fehlgeleiteten Motto anschließen, statt ihre jeweils separaten Interessen als eben solche zu artikulieren, unbenommen – daß dieses Abhaken dennoch falsch wäre, aber auch. Es führte nur zu weiter schwelendem Mißmut, der sich irgendwann wieder falsche Gräben bahnt.

 

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:: Nachrede zu „Pegida“

In seiner Rede anläßlich der Anti-“PEGIDA“-Demo in Dresden äußerte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Samstag vieles, dem man nur zustimmen kann. Weltoffen, tolerant, mitmenschlich sei Dresden, mit der Kraft zur Integration aller in dieser Gesellschaft ausgestattet; ein Appell an grundlegende Werte, der ehrlich gemeint wirkte.

Herr Sathom hat dennoch, im Licht des kürzlich hier gesagten, einen Einwand. Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Gesellschaft angesichts des Zerrspiegels, den ihr „PEGIDA“ vorhält, auf die aufgezählten Tugenden besinnen würde; doch mitmenschlich und integrationsstark zeigt sie sich wohl schon seit Jahren eher nicht – gegenüber Migranten und einheimischen Sozialabsteigern. (Und da Tillich auf die kulturellen Errungenschaften Dresdens anspielte: gerade im Jubeltrubel bunten Kulturlebens werden diejenigen, die es als billige Arbeitskräfte an Garderoben, am Einlaß oder in der Sicherheit erst ermöfglichen, oft genug übersehen und untergepflügt.)

Weite Teile der Gesellschaft überantwortet man seit Langem gleichermaßen dem Verrecken; hat sie, Mitbürger gleich welchen ethnischen und kulturellen Hintergrunds, aufgegeben, überläßt sie achselzuckend ihrem Schicksal. Wenigstens, bis sie negativ auffällig werden.

Doch läßt man Menschen verkommen, darf man sich nicht scheinheilig verwundern, als was für „Tiere“, manchmal verroht, manchmal radikalisiert, vielleicht emotional und intellektuell erodiert, sie dann zuletzt aus ihren Löchern zu kriechen scheinen. (Aber: daß sie kaum mehr als Tiere seien, hat man wohl schon vorher beschlossen; schön, wenn man sich dann dadurch bestätigt sehen darf, daß sie sich auch wie welche benehmen.)

Was soll Herr Sathom etwa davon halten, wenn er irgendwelchen Fernsehberichten entnimmt, daß die NPD in Ostdeutschland mit Kinderfesten und allerlei Ringelpietz auf Menschenfang geht – und es der evangelischen Kirche und anderen „Anständigen“ erst daraufhin einfällt, sich auch mal ein bißchen um die zu kurz gekommenen zu kümmern? Mitmenschlich, integrationsfähig, das hieße, es vorher zu tun – um der Sache selbst willen; ehe die Betroffenen zum Objekt eines Gezerres zwischen Demokratiefeinden und trägen Wohlstandbürgern werden.

Diese Art der Gesellschaft, mit Menschen umzugehen, die nicht in etablierte Schemata passen oder aus ihnen herausfielen, entspringt einem menschenverachtenden Denken; die Rhetorik, die das Handeln gegenüber solchen Ausgegrenzten vorbereitet und begleitet, auch. Hat man sie dann an den Rand der Gesellschaft treiben lassen, nein, sogar aktiv getrieben, wirft man ihnen vor, dort angeschwemmt zu liegen. Es paßt zu diesem Kreislauf der Menschenverachtung, daß ausgerechnet Hartzkanzler Schröder in den letzten Tagen einen „Aufstand der Anständigen“ forderte.

Die „Anständigen“? Es sind oft genug sie – die sich nun als Verteidiger hehren Anstands in die Brust werfen – welche die Unanständigen erst erzeugten; sie fortwarfen wie Müll. Das sollte man bedenken, ehe man sich mokiert, was da im Dreck herumkriecht.

:: Endlich wieder alles klar

Herr Sathom hatte zum Jahreswechsel wieder so eine Diskussion am Silvestertisch und dachte:

Hach, wie gut, daß es Russia Today gibt.

Was war das irritierend die letzten Jahre. Als wir merken mußten: unsere seriösen Qualitätsmedien sind das gar nicht immer, liefern oft zur Information die Weltdeutung im Sinne der bestehenden Herrschafts- oder Gesellschaftsordnung gleich mit; stellen Dinge einseitig dar, vertreten unisono eine Blockmeinung – Herrschaftsmeinung, die den herrschenden Klassen genehme eben; sangen das Loblied des Sozialabbaus, des Kapitalmarktes, der allem innewohnt und es gottgleich zum Besten regelt, weshalb die immer ärmer werdenden selbst schuld sind, und der wohlbestallte Bürger in der Mitte der Gesellschaft siedelt, dieweil die an den „Rändern“ – denn das impliziert die Rede von der „bürgerlichen Mitte“ – als Bürger gar nicht zählen. Weshalb sie auch nicht gefragt werden, und man in Talkshows über Hartz-IV-Empfänger redet, aber nicht mit ihnen.

Doch nun wird alles anders!

Vorbei die Zeit der Verwirrung; zuende auch die Zumutung, ständig kritisch zu hinterfragen, was man da liest oder sieht, und überlegen zu sollen, woher das kommt – etwa daher, daß auch Journalisten voreingenommen sind, oft derselben gesellschaftlichen Schicht entstammen und deren Weltsicht unkritisch teilen? In der Kommunikation mit anderen Mitgliedern ihrer in-group einander ihre Vorurteile bestätigen? Die Nachricht in ihr festliegendes, oft nicht bewußt reflektiertes Weltbild einsortieren, sie gemäß aktueller Denkklischees deuten? Manchmal einfach auch schlampig recherchieren, oder voneinander abschreiben? Wäre alles denkbar. Daß gerade ein gemeinsames Weltbild die Berichterstatter prägt, dafür war ja erst kürzlich die antigewerkschaftliche Angstmacherei angesichts der Lokführer- und Pilotenstreiks mit ihrem munteren Rückfall in 90er-Jahre-Rhethorik ein anschauliches Beispiel. Kurz, da kommt einiges zusammen, und eine einzige Ursache, ein lenkender Schuft, ist nicht immer auszumachen.

Doch mit solch komplexen Wirrnissen müssen wir uns nicht länger plagen. Nicht länger solch vertrieselte, von Fall zu Fall unterschiedlich gehäkelte Ursachenknäuel aufknoten. Endlich, endlich ist die Welt wieder einfach, und aufs Beste erklärt.

Die Medien sind gesteuert! (Aha!) Doch nun enthüllt uns eine über jeden Zweifel erhabene Instanz endlich die Wahrheit! (Hurra!) Der dürfen wir endlich wieder ungeprüft alles glauben! (Uff!)

Und ist ja auch alles hochplausibel:

Wenn wir – „der Westen“ – nun doch nicht die Guten sind, dann müssen es wohl „die Russen“ sein. Zumal die ja überhaupt nicht dieser Tage Transsexuellen das Autofahren verboten haben. Und muß wohl bei ihnen auch der Hort der holden Tatsachen wohnen, dieser aber Russia Today sein, wo nur Edelmenschen arbeiten, und selbstlos, unermüdlich, Töpfe voll eitel Wahrheitshonig über uns ausgießen. Und weil das so ist, hörte man in unseren unseren durchkorrumpierten Westmedien ja auch ü-ber-haupt nichts vom Folterbericht der CIA, und laufen auf 3sat auch gar keine kapitalismuskritischen Dokumentationen – während RT ganz offen zeigt, wie in der heiligen Rus marodierende Banden mit dem Segen der orthodoxen Kirche Homosexuelle foltern und Videos davon online stellen, die Polizei die Täter aber nicht identifizieren kann, obwohl die freudig ihre Rüssel in die Kamera halten und ggf. die einzigen Bewohner des dörflichen Tatorts sind.

Wie schön: ehe man sich mühsam durch den Mediendschungel quält, Meinungen vergleicht, Quellen prüft, gesellschaftlichen Entwicklungen analytisch begegnet, vielleicht mal ein paar politologische oder soziologische Bücher liest (Tipp: Eva Herman schreibt die nicht), kann man doch auch einfach entscheiden, daß unsere Medien eben durch die Bank lügen – weil nämlich Obama und Merkel morgens bei SZ und „Zeit“ anrufen und den Redakteuren in den Block diktieren,welche Meldungen erwünscht sind. Sofern die Illuminaten das nicht gleich selbst erledigen, statt solche Politmuppets vorzuschicken.

Lästige Wahrnehmungen wie die, daß auch Westmedien immer wieder kritisch berichten; daß der britische Guardian mutig, gegen Regierungsdruck, Edward Snowdens Enthüllungen publizierte; daß gerade die als „gesteuertes“ Leitmedium geschmähte SZ eben auch einen kapitalismuskritischen Heribert Prantl hat; daß immerhin offen berichtet wurde vom Schwindel der Biowaffen in Saddam Husseins Bastelkeller; all diesen lästigen Quatsch weiß der Erleuchtete, dem die Welt dank RT wieder eine geordnete ist, beiseite zu wischen. So was passiert unfallshalber, erklärt er, und dauert grad, bis wieder „der Maulkorb“ verhängt wird; oder er nimmt es einfach gar nicht zur Kenntnis. Auch der Widerspruch, daß die – sonst durchaus aufklärerischen und klugen – Insassen der „Anstalt“ in der letzten Sendung vor Jahresende so froh wie unbekümmert suggerierten, RT betreibe wenigstens im Gegensatz zur SZ richtigen Journalismus, und daß sie das im bösen ZDF auch dürfen, stört ihn nicht im Geringsten.

Darum hält er sich auch nicht damit auf, zu bestimmten Debatten auch andere europäische, oder gar US-amerikanische Medien zu konsultieren. Schieflagen der deutschen Berichterstattung und Talkshow-Welterklärung, die einem uniformen mindset der deutschen Medien entspringen, machen auch diese bereits sichtbar (wie etwa in der Debatte zum Beschneidungsurteil). Aber das würde ein zu pluralistisches Bild der Westmedien zeichnen. Lieber sucht man sich ein unfehlbares Orakel.

Denn neeein, das staatsfinanzierte RT ist natürlich kein Propagandainstrument; wäre ja noch schöner. Dann müßten wir uns ja klar machen, daß keine Seite ausschließlich „gut“ oder „böse“ ist; daß in der Ukraine alle beteiligten Machtblöcke ihre Interessen auf Kosten der ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung verfolgen; daß auch die Erklärungen für fuck-ups der Westmedien, die Herr Sathom hier ja auch schon geißelte, etwas komplizierter sind als im Kasperltheater, wo der Teufel Hörner hat, damit man weiß, er ist der Böse. Kurz, wir müßten ständig, wie der alte Kant mal formulierte, den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Und wie ist das doch, wenn es dazu schon keines Mutes wie zu Inquisitionszeiten mehr bedarf, furchtbar anstrengend.

Da ist es einfacher, sich um 180 Grad zu drehen. Waren vorher wir die ausschließlich Guten und „die“ eben die Bösen, ist’s jetzt halt andersrum; alle Ukrainer gelten plötzlich als Nazis, und Greueltaten werden natürlich nur an den Separatisten verübt, nie von ihnen. Und das Feinste: statt ständig aufmerksam beobachten und kritisch hinterfragen, Quellen auswerten zu müssen, weiß man sich jetzt wieder qua Identifikation mit einer unfehlbaren Instanz auf Seiten des Guten; im Vollbesitz der einen, lichten, lauteren Wahrheit. Hat endlich wieder den Durchblick! Weiß bescheid – das heißt, darf „wissen“, was einem in den Kram paßt. Gut, daß die Welt wieder sauber aufgeteilt ist in schwarz und weiß; man selbst auf der richtigen Seite. Bloß glauben muß, was aus der einen Quelle stammt, und an die Suppe aus der anderen eben nicht. Weiteres Denken: endlich wieder unnötig.

Wie da selbst Leute, die sich dem aufklärerischen Geist verschrieben haben, diesen in letzter Zeit manchmal diskreditieren, indem sie einseitig in eine populäre Kerbe hauen (ja, Herr Sathom guckt euch an, Anstaltsbetreiber), ist zumindest besorgniserregend.

Auch der heitere Herr Pispers irrt (selten, aber kommt vor), wenn er – etwa im Programm „Bis neulich 2014“ – zumindest suggeriert, „die Medien“ würden bestimmte Nachrichten in irreführender Absicht machen. Gewiß gibt es in den höheren Verlagsetagen auch Drahtzieher, die politischen Agenden folgen; sicher beeinflussen PR-Agenturen und Lobbyisten Themenwahl und Weltdeutung; gewiß gibt es sogar propagandistische Kampagnen (wer hat z.B. in den letzten Jahrzehnten Arbeitslose und „Sozialschmarotzer“ diffamiert, daß die Balken knirschen?). Doch die Mehrzahl der „Medienmacher“, Journalisten, Kommentatoren, Feuilletonisten, deuten die Welt ganz von sich aus gemäß ihrer schichtspezifischen Dressur. Manche von ihnen mögen als Chefredakteure einer politischen Agenda folgen, in Absprache mit Kumpels aus anderen Verlagen handeln; Kommentatoren dem Geltungsdrang frönen, gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen und steuern, oder die Politik vor sich hertreiben zu wollen. Und, ja: Manche lügen. Dagegen kann man aufklärerisch anreden; die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, sämtliche Journalisten – vom Chefredakteur bis zum Fußvolk mit Mikrophon – per Verschwörungstheorie zu einem abgestimmt handelnden Netzwerk zu erklären, und vor allem: einfach die Instanz zu wechseln, der man nun unkritisch alles von den Lippen abliest; von der man nun glaubt, sie sei unfehlbar, lauter in ihren Absichten, und jedes ihrer Worte licht und wahr.

Wenigstens den Leuten von der heute-show ist mal was anderes eingefallen: angeregt durch Bilder von Bildern aggressiven, schon ansatzweise gewaltbereiten Verscheuchungsverhaltens der PEGIDA-Demonstranten gegenüber ARD-Journalisten, schickten sie kurz vor Jahresende den billigst als RT-Mitarbeiter verkleideten Carsten van Ryssen zur Demo, dem die Teilnehmer trotz eines so eindeutig vorgetäuschten russischen Akzents, daß Herr Sathom Ohrenpilz bekam, bereitwilligst Auskunft gaben. Natürlich entstammen auch die gezeigten Interviewmitschnitte einer Auswahl (aber im Ernst: wollt Ihr euch sowas drei Stunden lang geben, Folks?); aber wie sich da mancher um Kopf und Kragen redet im Glauben, zum einzigen Wahrheitssender des Planeten zu sprechen, ist dennoch entlarvend.

Jedenfalls: die Dinge sind ein bißchen komplizierter, Leute; einfach bloß bei den „Guten“ und „Bösen“ die Hüte auszutauschen, um mal eine idiotische Metapher aus dem Reich des Meetinggeschwafels aufzugreifen, reicht da nicht.

Und, ach ja – Herr Sathom stimmt allem, was die Macher der „Anstalt“ in letzter Zeit zum Thema Flüchtlinge sagten, aus tiefstem Herzen zu. Er fragte sich bloß neulich: wo doch jetzt wir die Bösen sind und Putin & Co. die Guten, wie viele syrische Flüchtlinge nimmt Rußland da eigentlich auf? Man hört so gar nichts.

Schön, das verschweigen wohl wieder bloß die bösen Westmedien, und RT ist einfach zu bescheiden, um deswegen Wind zu machen.

Diese guten Menschen!

:: Nachtgedanken zu „PEGIDA“

Die Aktionen der „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („PEGIDA“) riefen anfangs hastig wirkende Erklärungsversuche, inzwischen, endlich, berechtigte Empörung und entschlossenen Widerstand hervor.

Die Deutungsmuster der Erklärungen sind altbewährt, reichen von „dumpfen“ Bedrohungsgefühlen und Ressentiments über das lustige Ostdeutschen-Bashing in der heute-show des ZDF, als ob es in den alten Bundesländern keine Ableger gäbe, bis hin zur Annahme, die Teilnehmer aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten seien irgendwie mit irgendwas unzufrieden, und lenkten ihre Wut auf Migranten um. Daran zumindest ist etwas dran. Als Erklärung des Phänomens „PEGIDA“jedoch ist diese Feststellung des Offensichtlichen unzureichend.

Herrn Sathom scheint, daß bei alledem ein wesentlicher Aspekt unbemerkt bleibt. Vielleicht, weil er der Wahrnehmung entzogen ist, einen blinden psychologischen Fleck darstellt; oder nicht wahrgenommen werden soll.

Richtig ist, daß die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen sich aus Bürgern unterschiedlichster Motivation und politischer Einstellung rekrutieren; daß sie aber offenbar in fremdenfeindlichen Ängsten den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Dumpf, irrational, weil unbegründet, ist die geäußerte Angst vor einer „Islamisierung“ sicher – nur, daß das nichts erklärt. Jedenfalls nicht, wie die ganz unterschiedlichen Ängste und Unzufriedenheiten dieser Menschen sich gemeinsam an ein Motiv hängen können; auch nicht, wieso sie gegen ein nachweislich nicht existentes Problem angehen sollten, was in Bezug auf ihre eigentlichen Klagen kontraproduktiv und wohl kaum „zielführend“ ist. Daß in der Gesellschaft xenophobe Vorstellungen vorhanden sind, gewissermaßen gebrauchsfertig vorliegen, ist unleugbar; ebenso, daß es einen latenten – oder auch gar nicht so latenten – Rassismus in Deutschland gibt. Daß aber jemand, der beispielsweise sozialen Abstieg befürchtet, oder gerade erleidet, zwingend auf rassistische Erklärungsmodelle verfallen muß (statt, beispielsweise, auf eine rationale Kapitalismuskritik), wird dadurch nicht erklärt – es sei denn, man nimmt pauschal an, daß alle Beteiligten Idioten sind. Eine Annahme, die – möglicherweise – Teil des Problems ist.

Dazu einige Vermutungen.

Sie sollen das, was da unter dem Kürzel „PEGIDA“ veranstaltet wird, weder beschönigen noch mit verständnisvoller Nachsicht behandeln; sondern drücken die Befürchtung aus, daß sich hier etwas äußert, das nicht nur Sache einiger, irgendwie zufällig halt fremdenfeindlicher Trottel ist, sondern Anzeichen eines gesellschaftlichen Zustands (oder Mißstands), der auch in die Reihen jener hineinreicht, die sich besten Gewissens als Gegner PEGIDAs, als tolerante, weltoffene Bürger betrachten.

Herr Sathom möchte seine Verdachtsmomente zunächst einzeln benennen und anschließend ausführlich erläutern. Sie lauten:

Erstens, die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen und ihre Gegner gleichen sich in einer Hinsicht. Beide teilen etwas; nämlich eine Haltung, die in unserer Gesellschaft maßgebliches Werkzeug der Errichtung und Aufrechterhaltung von Herrschaft, sowie der Abgrenzung sozialer Schichten darstellt. Es ist die Verachtung des anderen, insbesondere dessen, der zwar als bedrohlich gemalt, eigentlich aber als schwächer, wehrloser – also gefahrlos angreifbar – wahrgenommen wird.

Die PEGIDA-Bewegten rekrutieren sich – wenigstens teilweise – aus solchen Verachteten, den „Verlierern“ am „Rand“ Der Gesellschaft, zum anderen Teil als solchen, die fürchten, durch Abstieg bald der Verachtung anheimzufallen; doch sie zweifeln den Mechanismus der Verachtung nicht an; protestieren nicht dagegen, daß sie als sozial Deklassierte von den „höheren“ Schichten, dem Establishment, den „Eliten“ verachtet und unwürdig behandelt werden, noch dagegen, daß diese Form der Verachtung in unserer Gesellschaft überhaupt prägend für den Umgang geworden ist. Sie fordern schlicht, statt zu den Verachteten zu den Verächtern gehören zu dürfen. Sie müssen zu diesem Zweck eine Gruppe finden, von der sie intuitiv hoffen, diese sei gesellschaftlich noch weniger akzeptiert als sie selbst sind, oder sich wähnen.

Zweitens geht es ihnen folgerichtig nicht um eine Veränderung des Gesellschaftssystems bzw. der Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse; noch um eine Änderung der Mechanismen (u.a. Verächtlichmachung), mittels derer diese gefestigt werden. Sie können daher gar nicht gegen die eigentlichen Ursachen ihrer Unzufriedenheit angehen; dazu müßten sie das System infrage stellen, innerhalb dessen sie ja selbst etabliert sein, bzw. wieder werden möchten. Insofern, als sie die Haltung der Verachtung teilen, d.h. zustimmen, daß es verachtenswerte Andere gebe, ist ihnen die Wahrnehmung derjenigen, von denen sie verachtet werden, als ihrem eigentlichen Gegner tatsächlich unmöglich. Psychologisch unmöglich, unabhängig von ihrer Intelligenz oder „Bildung“. Denn: sie wollen ja deren Platz einnehmen, oder sich wenigstens unter sie reihen.

Das Privileg, verachten zu dürfen, das die Eliten ihnen gegenüber ausüben, reklamieren sie für sich selbst.

Drittens: Daß sich Menschen, die aus verschiedensten Gründen erbittert, unzufrieden oder wütend sind, unter dem Banner radikaler Thesen oder im Gefolge sogenannter „Rattenfänger“ sammeln (Sprache der Verachtung: sie erklärt die Eingefangenen zu Ratten), daß sie sich dabei bizarre Verschwörungstheorien oder fremdenfeindliche Parolen zueigen machen, zu Recht diskreditierte Weltdeutungsmodelle; daß sie also in einem höchst dubiosen Umfeld in Erscheinung treten und sich äußern, stabilisiert gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. Der gemeinsame Nenner des Rassismus, den die Gesellschaft als Auffangbecken bereithält und am Leben erhält (etwa, indem Angela Merkel im Verlauf der Eurokrise die Griechen pauschal als faul verunglimpfte), erfüllt mehrere Zwecke. Die rassistische Thesen übernehmen, sind an der Wahrnehmung der wirklichen Ursachen ihrer Probleme gehindert; sie sind leicht zu verurteilen, ohne nach diesen Ursachen zu fragen (sofern Politiker davon reden, ihre „Sorgen ernst zu nehmen“, können sie auf die rassistischen, unbegründeten Sorgen Bezug nehmen, statt auf die wirklichen); sie sind, unschädlich gemacht, da diskreditiert, in einem Auffangbecken versammelt, das ihren Protest entschärft und verpuffen läßt.

Der Nutzen solcher Proteste ist also der, daß sie Menschen mit unterschiedlichsten Anlässen zur Unzufriedenheit zusammenführen, in Gruppen, die leicht als bösartige Spinner abgehakt werden können; denen zuzuhören also unnötig ist (es sei denn, um eine restriktive Flüchtlingspolitik zu rechtfertigen, die jedoch die eigentlichen Probleme der meisten Protestierer weder löst, noch überhaupt berührt). Während von jenen, die sich nun als Islamgegner echauffieren, zugleich nicht mehr befürchtet werden muß, daß sie sich anderweitig engagieren, womöglich gar wirklich im Sinn ihrer Interessen.

Viertens (falls Sie noch dabei sind): Die PEGIDA-Demonstranten, irgendwelche andere Vor-Ort-Protestler gegen Flüchtlingsunterkünfte, liefern ein öffentliches Schauspiel; eines, das Herrschafts- und Sozialverhältnisse spiegelt, und zugleich rechtfertigt. Das Schauspiel nützt dem Publikum, das die Darbietung ablehnt, mehr als den Darstellern, auch wenn beiden Seiten der Charakter des inszenierten Spiels nicht bewußt ist, sondern dieses sich dynamisch aus ihren Haltungen/Einstellungen entwickelt.

Indem sich sozial Deklassierte durch Äußerung rassistischer Thesen diskreditieren, bestätigen sie selbst ungewollt den Anspruch der „höheren“ Klassen, sie zu unterdrücken, zu maßregeln, ihre Anliegen als ungerechtfertigt abzuhaken: der Mob muß in Schach gehalten werden.

Begründung

Einen von mehreren Ausgangspunkten der Thesen liefert die schon vor einiger Zeit auf zdf_neo gelaufene Dokumentation Der Rassist in uns, die ein Sozialexperiment begleitet. In dessen Verlauf gelingt es den Versuchsleitern, in einer Gruppe von Migranten binnen kürzester Zeit rassistische Vorurteile gegen eine andere Gruppe aufzubauen. Die „Opfer“ des Vorurteils ihrerseits, allesamt Einheimische, beginnen nach ebenso kurzer Zeit, sich den Vorurteilen entsprechend zu verhalten, oder vielmehr: sich so zu verhalten, daß die kurzzeitig rassistisch „gemachte“ Gruppe ihr Vorurteil bestätigt sieht. Wie gelingt das?
[Weiterlesen]

:: Hysterie: Ein Nachtrag

Samstag, 10.01.: Die mediale Nachlese zum Attentat auf Charlie Hedbo nimmt ihren Lauf. Die sprachliche Einordnung der Geschehnisse als „Terrorwelle“ hat sich eingeschliffen. Der ständig – und als einziger – auf das Geschehen angewandte Begriff, endlos wiederholt, entscheidet, was die Verbrechen sein sollen: Kriegszustand, nicht schreckliche Einzeltaten. Das Etikett erklärt, deutet vorgreifend, macht weiteres Fragen unnötig; schließt andere Sichtweisen aus.

Daß, würden rechtsradikaler Terror und Morde – die des „NSU“ etwa – entsprechend bewertet, Deutschland unter einer Terrorwelle litte, die seit Jahren anschwillt, sich im „Krieg“ gegen den rechten Terror befände, kommt nicht in den Sinn. Zu unterschiedlich die Maße, die an die Taten gelegt werden.

CDU-Spitzenpolitiker werden munter, fordern u.a. die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung. Daß die Attentäter überwacht wurden; daß Frankreichs Premierminister Valls Versäumnisse der Geheimdienste einräumt; egal. Überwachung: das Allheilmittel. Die Ausschlachtung der Tragödie hat begonnen.

:: Kurzer Gedanke zum religiösen Gefühl

Aus aktuellem Anlaß:

Wer religiöse Gefühle besonderen Schutzes für würdig hält; sie zu verletzen als anderen – schwerer wiegenden – Tatbestand ansieht, als die Verletzung sonstiger Gefühle; postuliert damit eine Zweiklassengesellschaft.

Denn: Das religiöse Gefühl gilt ihm als höherwertig, verglichen mit dem areligiöser Menschen. Gläubigen räumt er ein größeres Recht ein, gekränkt zu sein, als etwa dem Marxisten angesichts einer Marx-Karikatur, dem Philosophen vor einer Schmähung des Sokrates. (Und: Ist es nicht merkwürdig, wie leicht beleidigt dieses religiöse Fühlen ist, wie so viel empfindlicher – wehleidiger? – als anderen zugestanden wird?)

Wer also religiöse Gefühle für besonders schützenswert hält – nicht bloß für ebenso wie andere – erklärt: Daß es eine Gruppe von Menschen gebe, deren Empfinden wertvoller ist; deren Gefühle mehr zu gelten hätten, als die anderer Menschen. Und deren Glaube mehr bedeutet als der eines, der etwa „nur“ an die Freiheit glaubt; oder den gleichen Wert aller Menschen.

:: Hysterie

Die mutmaßlichen Attentäter auf Charlie Hebdo sind tot, ebenso der Geiselnehmer im Osten von Paris. Vier seiner Geiseln brachte er bereits beim Betreten des Supermarktes um. Ein weiterer Grund zur Trauer.

Am gleichen Nachmittag zuvor, live auf Phoenix am 09.01.: Daniel Gerlach, Herausgeber der Zeitschrift Zenith, weist darauf hin, daß es sich bei den Aktionen der Täter nicht um einen „Krieg“ handele. Er erinnert an den norwegischen Umgang mit den Anschlägen Anders Breiviks, die dort mit rechtsstaatlichen Mitteln geahndet wurden, ohne daß die Norweger ihre offene, pluralistische Gesellschaft der Paranoia opferten.

Französische Politiker sprechen von Krieg; eingespielte Berichte deutscher Korrespondenten von einer „Kette“ von Taten, der Moderator von Frankreich im „Ausnahmezustand“. Untertitel soufflieren dazu das Stattfinden einer „Terrorwelle“.

Nein. Es ist keine „Welle“. Die Ereignisse, auch wenn sie zeitlich so dicht aufeinander folgen, bilden auch keine Kette (anders als die Morde des „NSU“); konstituieren keinen Kriegszustand. Der Pariser Geiselnehmer, vermutlich derselbe Täter, der am Vortag eine Polizistin erschoß, steht – soweit bekannt – in Beziehung zu den Attentätern; ein enges Geflecht, doch trotz der Zeitnähe ein begrenztes Szenario.

Was in der Rede von Krieg, Terrorwelle usw. zur Anwendung kommt, ist eine Sprache der Hysterie; der Versuch, mit politischer Absicht – oder, bei Medienvertretern, aus unreflektierter Hypererregung – den Horror aufzublähen. Eine Sprache der der Eskalation. Der Ablauf eingeübter Reflexe, aus einer Situation das Maximum an Angst und Katastrophenstimmung herauszupressen, auch wenn dies – so tragisch, schrecklich und krisenhaft die Ereignisse wirklich sind – den Anlaß weit übersteigt. Und, leider, in einigen Fällen auch der schnell gewitterte Anlaß, aus der fiktionalen Apokalypse Schlußfolgerungen zu ziehen, die der eigenen politischen Agenda folgen.

Schon wird in der „Bild“ Akzeptanz technischer Überwachung propagiert, werden Geheimdienstler mit der These zitiert, Edward Snowden habe uns „erblinden“ lassen – so, als wären die Täter der letzten zwei Tage nicht überwacht worden, den französischen und US-amerikanischen Sicherheitskräften bekannt gewesen, und als hätte sie das gehindert. Als würde flächendeckende Überwachung Terroristen beeinträchtigen, und gälte nicht vielmehr politischen Aktivisten, demokratischer Opposition.

Wer weiß, ob man nicht demnächst wieder den Schulterschluß mit Diktaturen sucht, in Saudi-Arabien und anderswo, in der Hoffnung auf erfolterte Informationen, oder vor Ort an der Rückreise gehinderte Bürgerkrieger. Wiederum: als hätte das bisher etwas genützt.

Ob konservativer Kommentator oder überwachungsfreudiger Politiker – sie schlachten die Toten für ihre Zwecke aus. Es ist leider so – kein Anlaß ist zu schäbig, ihn für eigene Zwecke zu nutzen. Herr Sathom erinnert sich noch an die klammheimliche Freude einiger Teilnehmer von Fernsehdiskussionsrunden nach dem elften September. Nach Anschlägen auf die Freiheit wittern ihre Verächter Morgenluft.

Gerade dies ist letztlich ein Erfolg für die Terroristen – der freiwilligen (Rück-)Schritt ihrer Gegner in eigene Barbarei, den Norwegen vermied. Die Aufgabe jener Freiheit, die gerade angegriffen wurde. Man sollte sachlicher reden; und nicht das Schreckliche als Gelegenheit nutzen, freiheitsfeindliche Agenden durchzusetzen. Der aufgeregten, sich überschlagenden Stimme der Hysterie nicht trauen.

:: Vous n’êtes pas Charlie

Wer derzeit in Deutschland „Nous sommes Charlie“ oder „Je suis Charlie“ sagt, tut etwas anderes als die Franzosen.

Ihnen, die Charlie Hebdo kennen, deren Kultur das Blatt eben auch verkörpert, steht der Ausruf zu; sie ehren damit respektvoll die Toten, bekennen sich zu dem, was sie darstellten; stehen ein, wofür sie einstanden.

Einige derer, die den Ruf hierzulande gebrauchen, maßen sich jedoch – gelegentlich schamlos – an, Jenen gleich zu sein, deren anarchischem Witz und Mut sie nicht das Wasser reichen können. Wenigstens, wenn etwa ein Blatt der Boulevardpresse „Trauer um Kollegen“ heuchelt, ein anderes zwei Tage nach dem Anschlag behauptet: „Berlin ist Charlie“.

Bestenfalls handelt es sich beim gesamtmedialen Schulterschluß um gutgemeinte Solidaritätskundgebungen, Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, denen dennoch ein irritierender Beigeschmack anhaftet. Vielleicht, weil selbst die Gutmeinenden sich so zu Rebellen erklären, die sie gewöhnlich nicht sind. Vielleicht, weil die Grenze verfließt zwischen ihnen und Jenen, die mit der Parole die Toten schmähen, sie für die eigenen Zwecke vulgär ausbeuten – zur Selbststilisierung. Denn Manche schmücken sich im Augenblick mit fremden Federn, denen sie nicht gerecht werden. Zerren die Toten aus ihren Kleidern und stolzieren darin umher, Leichenfledderer, als wäre gerade ihnen das Kleid nicht zu groß.

Ebenso utilisiert und schmäht sie – in beiden Ländern – wer jetzt ihr Schicksal, die abscheuliche Tat ihrer Mörder, zum Anlaß nimmt, politische Agenden (der AfD, der von PEGIDA, der Front National) zu rechtfertigen, oder – in Frankreich – Gewalt gegen friedliche Muslime zu üben.

Was die Rechte angeht, die plötzlich auch Charlie ist, trifft der taz-Kommentar auf den Punkt (zur dort erwähnten Verachtung allerdings hier später mehr), wie auch Charlie Hebdo selbst mit der im Artikel abgebildeten Karikatur.

Teilweise mutet es jedoch leider eigenartig an, wer sich da unter die Aufrechten reiht, James Cameron etwa, der sich zur Pressefreiheit bekennt in einem Land, das diese nicht als Verfassungsrecht kennt, und dessen Regierung den Guardian bekriegt. Allerdings, auch das ist richtig: sie geht nicht los und veranstaltet Massaker an mißliebigen Journalisten.

Jemandem wie Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig darf man es als ehrenwert abnehmen, wenn er sich auf seiner Website per „Je suis Charlie“ solidarisiert. Aber was die meisten von uns angeht – warum nicht ehrlich, und bescheidener, als dies weitenteils der Fall ist, eingestehen: wir sind nicht wie Charlie Hebdos Mitarbeiter; haben vielleicht nicht ganz das Zeug dazu, oder jedenfalls zu selten. Das ehrte sie wirklich.

Schweigen wir daher, und trauern; verbeugen wir uns vor ihnen. Und hoffen wir, immer möge jemand ihren Mut, ihre Frechheit finden. Seien wir dankbar für Jeden, dem das gelingt.