:: Hysterie

Die mutmaßlichen Attentäter auf Charlie Hebdo sind tot, ebenso der Geiselnehmer im Osten von Paris. Vier seiner Geiseln brachte er bereits beim Betreten des Supermarktes um. Ein weiterer Grund zur Trauer.

Am gleichen Nachmittag zuvor, live auf Phoenix am 09.01.: Daniel Gerlach, Herausgeber der Zeitschrift Zenith, weist darauf hin, daß es sich bei den Aktionen der Täter nicht um einen „Krieg“ handele. Er erinnert an den norwegischen Umgang mit den Anschlägen Anders Breiviks, die dort mit rechtsstaatlichen Mitteln geahndet wurden, ohne daß die Norweger ihre offene, pluralistische Gesellschaft der Paranoia opferten.

Französische Politiker sprechen von Krieg; eingespielte Berichte deutscher Korrespondenten von einer „Kette“ von Taten, der Moderator von Frankreich im „Ausnahmezustand“. Untertitel soufflieren dazu das Stattfinden einer „Terrorwelle“.

Nein. Es ist keine „Welle“. Die Ereignisse, auch wenn sie zeitlich so dicht aufeinander folgen, bilden auch keine Kette (anders als die Morde des „NSU“); konstituieren keinen Kriegszustand. Der Pariser Geiselnehmer, vermutlich derselbe Täter, der am Vortag eine Polizistin erschoß, steht – soweit bekannt – in Beziehung zu den Attentätern; ein enges Geflecht, doch trotz der Zeitnähe ein begrenztes Szenario.

Was in der Rede von Krieg, Terrorwelle usw. zur Anwendung kommt, ist eine Sprache der Hysterie; der Versuch, mit politischer Absicht – oder, bei Medienvertretern, aus unreflektierter Hypererregung – den Horror aufzublähen. Eine Sprache der der Eskalation. Der Ablauf eingeübter Reflexe, aus einer Situation das Maximum an Angst und Katastrophenstimmung herauszupressen, auch wenn dies – so tragisch, schrecklich und krisenhaft die Ereignisse wirklich sind – den Anlaß weit übersteigt. Und, leider, in einigen Fällen auch der schnell gewitterte Anlaß, aus der fiktionalen Apokalypse Schlußfolgerungen zu ziehen, die der eigenen politischen Agenda folgen.

Schon wird in der „Bild“ Akzeptanz technischer Überwachung propagiert, werden Geheimdienstler mit der These zitiert, Edward Snowden habe uns „erblinden“ lassen – so, als wären die Täter der letzten zwei Tage nicht überwacht worden, den französischen und US-amerikanischen Sicherheitskräften bekannt gewesen, und als hätte sie das gehindert. Als würde flächendeckende Überwachung Terroristen beeinträchtigen, und gälte nicht vielmehr politischen Aktivisten, demokratischer Opposition.

Wer weiß, ob man nicht demnächst wieder den Schulterschluß mit Diktaturen sucht, in Saudi-Arabien und anderswo, in der Hoffnung auf erfolterte Informationen, oder vor Ort an der Rückreise gehinderte Bürgerkrieger. Wiederum: als hätte das bisher etwas genützt.

Ob konservativer Kommentator oder überwachungsfreudiger Politiker – sie schlachten die Toten für ihre Zwecke aus. Es ist leider so – kein Anlaß ist zu schäbig, ihn für eigene Zwecke zu nutzen. Herr Sathom erinnert sich noch an die klammheimliche Freude einiger Teilnehmer von Fernsehdiskussionsrunden nach dem elften September. Nach Anschlägen auf die Freiheit wittern ihre Verächter Morgenluft.

Gerade dies ist letztlich ein Erfolg für die Terroristen – der freiwilligen (Rück-)Schritt ihrer Gegner in eigene Barbarei, den Norwegen vermied. Die Aufgabe jener Freiheit, die gerade angegriffen wurde. Man sollte sachlicher reden; und nicht das Schreckliche als Gelegenheit nutzen, freiheitsfeindliche Agenden durchzusetzen. Der aufgeregten, sich überschlagenden Stimme der Hysterie nicht trauen.

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