:: Vous n’êtes pas Charlie

Wer derzeit in Deutschland „Nous sommes Charlie“ oder „Je suis Charlie“ sagt, tut etwas anderes als die Franzosen.

Ihnen, die Charlie Hebdo kennen, deren Kultur das Blatt eben auch verkörpert, steht der Ausruf zu; sie ehren damit respektvoll die Toten, bekennen sich zu dem, was sie darstellten; stehen ein, wofür sie einstanden.

Einige derer, die den Ruf hierzulande gebrauchen, maßen sich jedoch – gelegentlich schamlos – an, Jenen gleich zu sein, deren anarchischem Witz und Mut sie nicht das Wasser reichen können. Wenigstens, wenn etwa ein Blatt der Boulevardpresse „Trauer um Kollegen“ heuchelt, ein anderes zwei Tage nach dem Anschlag behauptet: „Berlin ist Charlie“.

Bestenfalls handelt es sich beim gesamtmedialen Schulterschluß um gutgemeinte Solidaritätskundgebungen, Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, denen dennoch ein irritierender Beigeschmack anhaftet. Vielleicht, weil selbst die Gutmeinenden sich so zu Rebellen erklären, die sie gewöhnlich nicht sind. Vielleicht, weil die Grenze verfließt zwischen ihnen und Jenen, die mit der Parole die Toten schmähen, sie für die eigenen Zwecke vulgär ausbeuten – zur Selbststilisierung. Denn Manche schmücken sich im Augenblick mit fremden Federn, denen sie nicht gerecht werden. Zerren die Toten aus ihren Kleidern und stolzieren darin umher, Leichenfledderer, als wäre gerade ihnen das Kleid nicht zu groß.

Ebenso utilisiert und schmäht sie – in beiden Ländern – wer jetzt ihr Schicksal, die abscheuliche Tat ihrer Mörder, zum Anlaß nimmt, politische Agenden (der AfD, der von PEGIDA, der Front National) zu rechtfertigen, oder – in Frankreich – Gewalt gegen friedliche Muslime zu üben.

Was die Rechte angeht, die plötzlich auch Charlie ist, trifft der taz-Kommentar auf den Punkt (zur dort erwähnten Verachtung allerdings hier später mehr), wie auch Charlie Hebdo selbst mit der im Artikel abgebildeten Karikatur.

Teilweise mutet es jedoch leider eigenartig an, wer sich da unter die Aufrechten reiht, James Cameron etwa, der sich zur Pressefreiheit bekennt in einem Land, das diese nicht als Verfassungsrecht kennt, und dessen Regierung den Guardian bekriegt. Allerdings, auch das ist richtig: sie geht nicht los und veranstaltet Massaker an mißliebigen Journalisten.

Jemandem wie Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig darf man es als ehrenwert abnehmen, wenn er sich auf seiner Website per „Je suis Charlie“ solidarisiert. Aber was die meisten von uns angeht – warum nicht ehrlich, und bescheidener, als dies weitenteils der Fall ist, eingestehen: wir sind nicht wie Charlie Hebdos Mitarbeiter; haben vielleicht nicht ganz das Zeug dazu, oder jedenfalls zu selten. Das ehrte sie wirklich.

Schweigen wir daher, und trauern; verbeugen wir uns vor ihnen. Und hoffen wir, immer möge jemand ihren Mut, ihre Frechheit finden. Seien wir dankbar für Jeden, dem das gelingt.

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