:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)

Wir haben in der letzten Folge konstatiert, daß The Walking Dead ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit zeichnet; und daß im Verlauf der fünften Staffel verstärkt thematisiert würde, worin diese besteht.

Bei oberflächlicher Betrachtung eindeutig darin, daß der Mensch „in Wirklichkeit“ ein Ungeheuer sei; daß Grund zum Mißtrauen gegenüber jedermann bestünde, da nach dem Zusammenbruch der Zivilisation die Überlebenden nichts Besseres zu tun haben, als aufeinander loszugehen – teils im Kampf um Ressourcen, teils aus irrationaler Lust am Morden und Vergewaltigen. Was wiederum ggf. dazu berechtigt, vorauseilend selbst grausam oder bösartig zu handeln, um ihnen zuvorzukommen.

Einzelne Charaktere beharren dabei darauf, daß ihre aktuelle Situation die Wirklichkeit an sich sei, und zwar die der Verfassung des Menschen, die sich nach einem hypothetischen Ende der Plage nicht ändern würde (also auch vor ihrem Ausbruch keine andere gewesen wäre); daß also Zivilisation, Mitmenschlichkeit etc. immer nur Schein sind, die den tatsächlichen Zustand des Menschen nur verschleiern. Doch nicht nur die Protagonisten geben diese Einstellung kund, und handeln ihr gemäß – auch die Ereignisse der Serie selbst zeigen eine Realität, in der die These zutrifft.

Nun verhalten sich in Krisensituationen sicherlich viele Menschen egoistisch, sogar monströs; jedoch eben nicht alle. Die Wirklichkeit der aktuellen Flüchtlingssituation belegt, daß unter entsetzlichen Bedingungen keineswegs Jeder die innere Bestie entdeckt – viele fliehen, statt an der gegenseitigen Zerfleischung teilzunehmen, viele helfen ihnen selbstlos. Hilfe unter Lebensgefahr, wie sie die „Ärzte ohne Grenzen“ in Kriegsgebieten leisten, eine Vielzahl von Beispielen belegt, daß sogar unter grauenhaften Umständen nicht jeder Mensch seine bestialische oder auch nur opportunistische Natur demonstriert, sondern ebenso gut zu altruistischem, sogar aufopferndem Verhalten fähig ist. Die Frage nach der „Wirklichkeit“ der in der Serie beschriebenen menschlichen Natur ist damit nicht vollends erledigt, jedoch auch nicht eindeutig beantwortet; um so mehr müssen wir fragen, wie es gelingt, die Überbetonung eines Aspekts menschlichen Verhaltens als ausschließliche Wirklichkeit zu vermitteln.

Wie wird „Wirklichkeit“ im Zusammenhang der Serie also konstruiert (und wie tut Unterhaltung dies allgemein)?

Zunächst auf recht offensichtliche Weise. Beinahe alles, was Rick und seinen Begleitern geschieht, ist geeignet, ihre Grundhaltung zu bestätigen: Jedem Fremden ist zunächst zu mißtrauen; beinahe alle sind gefährlich. Entweder beabsichtigen sie, der Gruppe zu schaden, oder erweisen sich als inkompetent, unfähig, sich der von Rick & Co. begriffenen Realität zu stellen, und dadurch als Risiko. Vom Governor bis zu den Terminauten begegnen unseren Helden Heerscharen von Soziopathen, als habe die gesamte übrige Menschheit entschieden, der beste Weg, der Zombieplage zu begegnen, bestünde nicht in Kooperation, sondern darin, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Nun sind alle Erfahrungen, die unsere Protagonisten machen, allerdings inszeniert – sie folgen einer Dramaturgie, die den Eindruck wiederholter Bestätigung einer bestimmten Realität suggeriert, jedoch eigentlich gezielt zu diesem Zweck konstruierte Ereignisse aneinander reiht. Was hier begegnet, ist die Erzeugung von „Wirklichkeit“ durch Redundanz – indem immer wieder vorgeführt wird, daß der Mensch ein Monstrum ist, gerinnt der Eindruck zur Gewißheit. Die Konstruktion von Wirklichkeit im Alltag funktioniert kaum anders: „Wie jeder weiß“, „Es ist allgemein bekannt“, „Nun ist es ja so, daß“ lauten nur einige der Floskeln, denen vermeintliche Gewißheiten folgen, und die ihre Autorität aus dem Verweis auf „Alle“ beziehen; auf die Gesellschaft also, gegen die man sich stellen (oder vor der man als Narr gelten) müßte, widerspräche man.

Ein weiteres bewährtes Mittel, Realität zu produzieren, besteht in schlichter Weglassung – ehrliche, hilfsbereite, „gute“ Menschen, die nicht zugleich verheerend inkompetent oder als zwangsläufige Opfer markiert sind, kommen in der Serie weitaus seltener vor, als die omnipräsenten „Bösen“, die das „wirkliche“ Wesen des Menschen wiedergeben (daß sie vorkommen, wird noch zu erörtern sein).

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:: La guerre, encore?

Was der US-amerikanische „Krieg gegen den Terror“ erreichte, ist hinlänglich bekannt: Haß, Zulauf für Terroristen – mehr Terror.

Insofern wirkt es beunruhigend, daß der französische Staatspräsident François Hollande aktuell in eine Kriegsrhetorik verfällt, die den Äußerungen George W. Bushs nach den Anschlägen des elften September verblüffend ähnelt, sogar beinahe identisch scheint. Dies um so mehr, als sie mit einer Einschränkung der Bürgerrechte einhergeht, wie sie in den USA unter dem Eindruck der Attacken ebenfalls etabliert wurde.

Daß die Anschläge von Paris erschreckend, empörend und verwerflich waren, daß Solidarität mit unseren französischen Nachbarn selbstverständlich ist, sollte keiner Erwähnung bedürfen. Doch Ziel von Terroristen sind, zusätzlich zu den Menschen, die ihnen zum Opfer fallen, auch die Überlebenden. Diese sollen traumatisiert, verängstigt, von ihren eigenen Werten abgebracht werden; kurz, von einem Leben, das nicht terroristisch ist. Eines, dessen Anblick der Terrortäter nicht erträgt.

Bestimmte Maßnahmen nach Terrorakten verhelfen den Tätern vielleicht gerade zum erwünschten Ergebnis: Dieses Leben einzuschränken, zu bedrücken – wenn nicht abzuschaffen.

Dabei ist „Krieg“ (statt gezielter Maßnahmen als Rundumschlag geführt) kontraproduktiv, und zunehmende Überwachung zumindest nicht zielführend. Bereits vor den Pariser Anschlägen erlaubten französische Gesetze Überwachungsmaßnahmen, die wir – etwa beim Thema Vorratsdatenspeicherung – noch kontrovers diskutieren; sie haben nichts genützt.

Folgt das Schema der französischen, der europäischen Reaktion auf die Ereignisse des Wochenendes diesem fatalen Schema? Und die französischen Medien? Folgen sie, ähnlich wie damals die amerikanischen, im derzeitigen Schockzustand ihrem Präsidenten blindlings? Oder setzen sie gerade das, was sie unterscheidet, die Werte von Liberté, Egalité, Fraternité dagegen?

Ein Bericht des NDR-Medienmagazins ZAPP beleuchtet die Situation.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)

Die Wanderleichen sind weitergezogen; und mit ihnen Sheriff Rick samt Kumpanen.

Zum Ende der 5. Staffel der Walking Dead einige Gedanken.

Sie gelten nicht den zur Genüge behandelten Qualitäten der Serie, ihren gern aufgezählten Besonderheiten wie etwa der für eine Fernsehserie extremen visuellen Brutalität, oder den üblichen Betrachtungen darüber, was die Toten bzw. Untoten kulturell bedeuten (die aufgrund ihrer Allgemeinheit den spezifischen Film, die gerade besprochene Serie oder das Buch selten treffen); sondern der Frage, was Wirklichkeit sei.

Denn gerade diese Frage wird gegen Ende der vierten, und im Verlauf der gesamten fünften Staffel von den Protagonisten der Serie aufgeworfen, und ausführlich erörtert; also von den Autoren bewußt thematisiert.

Zuvor jedoch einiges Allgemeine (das für die weitere Erörterung notwendig sein wird):

Beginnend mit Night of the Living Dead gilt der Zombiefilm als sozialer Kommentar. Die Botschaft, mehr oder weniger: Die eigentlichen Ungeheuer sind wir. Deutlicher als in der Erfolgsserie, die sich das Motto Fear the Living auf die Fahnen geschrieben hat, kam dies allerdings selten zum Ausdruck; wesentlich handelt die Serie vom Bösen, das die Überlebenden einander antun, während im Hintergrund dekorativ einige Leichen herumschlurfen. Die Untoten sind nur Anlaß; wozu der Mensch fähig sei, das eigentliche Thema.

Rick und seine Gruppe, die sich durch die zombieverseuchte Welt schlagen, machen in den ersten Staffeln wiederholt die Erfahrung, daß der größte Feind des Menschen längst der Mensch ist. Sie lernen, daß nahezu jeder Böses im Schilde führt – die anderen Überlebenden zum eigenen Vorteil auszuplündern, umzubringen oder den Walkers, den Untoten, zu überlassen bereit ist. Sie beginnen, Güte als gefährliche Schwäche, Tötungshemmung als Versagen vor den Anforderungen der Situation aufzufassen; sie werden nach und nach skrupelloser – verweigern anderen auch Hilfe, überlassen sie dem sicheren Tod. Oder, wie Rick in Folge Zehn der fünften Staffel fordert: tun, was sie tun müssen, um sich der Realität anzupassen.

Daß man entweder „Schlächter oder Schlachtvieh“ sei, lernen wir diesmal bereits in der ersten Staffelfolge; die Tötungshemmung des Protagonisten Tyreese wird von seinen Mitstreitern grundsätzlich als Makel behandelt, und daß Kinder sterben müssen, wenn sie „nur Gutes in sich“ haben, erfuhren wir schon in der vierten Staffel.

Und die Untoten?

Als Bedrohung spielen die seligen Verstorbenen in The Walking Dead kaum eine Rolle. Nicht ausschließlich, doch recht häufig nur Teil der Landschaft, (part of the landscape, wie ein Kommentator auf io9 einmal schrieb), werden sie am Zaun menschlicher Bollwerke fast schon beiläufig ausgejätet, eine Gelegenheit, sich vor dem Frühstück noch etwas Bewegung zu verschaffen; gefährlich macht sie häufig erst menschliche Niedertracht, etwa, wenn es gilt, sie auf lebende Feinde zu hetzen, ein Topos, den die Serie über und über wiederholt, wie um ständig daran zu erinnern, wozu der Mensch imstande sei (und der, als genüge dies nicht, auch im Spin-Off Fear the Walking Dead bemüht wird). Gefährlich sind sie auch gelegentlich für irgendein armes, von Beißern umzingeltes Schwein, das man seinem Schicksal überlassen kann, vielleicht, um seine Plünnen noch einzusammeln, sobald die Verwesten ihren Verdauungsschlaf halten.

:: Nachtrag zu Gute Märchen, böse Märchen

Wie methodisch unsauber die vom Stern beauftragte Umfrage tatsächlich ist, belegt die Rubrik „Durchgezappt“ des WDR-Medienmagazins ZAPP vom 04.11. – und legt launig eine eigene, parodistisch-abstruse Umfrage vor.

Ebenfalls in dieser Folge: Die Reportage „Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden“ (Text zur Sendung hier) aus der ARD-Serie Die Story im Ersten (Thema: Nachrichtenfälschung), deren Video leider nur bis zum 26.10. in der Mediathek vorlag, wird von ZAPP noch einmal aufgegriffen. Interessant vielleicht auch dieser ältere Artikel über die Probleme der Nachrichtenverifikation angesichts zunehmenden Aktualitätsdrucks, und die Verläßlichkeit von Online-Quellen.

:: Gute Märchen, böse Märchen

Da haben wir’s.

Laut einer Forsa-Umfrage glauben mittlerweile 44% der Deutschen, die hiesigen Medien würden „von ganz oben gesteuert“; daß der immer wieder erhobene „Lügenpresse“-Vorwurf also zutrifft.

Lassen wir die methodischen Probleme solcher Umfragen einmal beiseite. Zu denen der vorgelegten Untersuchung zählt etwa, daß sie an lediglich 1002 Befragten vorgenommen wurde, und die gestellten Fragen verschiedene Thesen zusammenfassen, weshalb man z.B. der Aussage, die Presse werde von „oben“ gesteuert und verbreite deshalb „geschönte und unzutreffende Meldungen“, nur pauschal zustimmen, oder sie komplett verneinen kann – ganz gleich, ob man den einen Vorbehalt teilt, den anderen nicht. Nein, stören wir uns nicht an solchen Details.

Denn daß die deutschen Medien in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, massiv Vertrauen verspielt haben, kann – auch wenn das Ausmaß sich kaum in exakte Zahlen fassen läßt – ja nicht geleugnet werden. Zu den Ursachen stellt das Blog der Karlshochschule einige interessante Thesen auf, denen sich weitere Gründe – von denen auch dieses Blog bereits einige benannte – leicht hinzufügen ließen. Ein Großteil der Kritik ist berechtigt, die Problematik allerdings sicherlich komplexer, als daß Thesen einer Zentralsteuerung von „ganz oben“ sie erklären könnten. Schlechte Berichterstattung verdankt sich Strukturen und Bedingungen des Medienbetriebs; diese aufzuzeigen, bedarf keiner Hypothesen, die so unnötig wie angesichts der Vielzahl der Branchentätigen absurd sein müssen; und auch nicht klären, wo „ganz oben“ eigentlich sein soll, und wer sich da herumtreibt – außer, man vermutet als Drahtzieher eben „die da“, wer immer sie sind.

An sich wäre die zunehmende Medienkritik also zu begrüßen, zeugte sie von wachsendem analytischem Verstand des Publikums – von seiner zunehmenden Fähigkeit, die Herkunft von Informationen zu hinterfragen, das Zustandekommen von Nachrichten, die mit ihnen verfolgten Absichten, die durch ihre Zurichtung erzeugte Weltdeutung zu durchschauen. Und hier beginnt das Problem.

Es besteht nicht in der mißtrauischen Haltung gegenüber den etablierten Medien, sondern darin, daß gerade die Skeptiker sich oft genug völlig unkritisch anderen Quellen zuwenden, die sie nun als fraglos glaubwürdig akzeptieren.

Dazu gehört auch, Widersprüche zum Bild der durchweg manipulativen Mainstream-Medien zu ignorieren. In sozialen Netzwerken und Blog-Kommentaren findet sich regelmäßig die Auffassung, die per „Zwangsabgabe“ finanzierten Öffentlich-Rechtlichen wären ferngesteuerte Lügner, als würden diese nicht (ggf. in den von Gebührengegnern reflexartig für überflüssig erklärten Drittprogrammen) immer wieder differenziert und kritisch berichten; als stammten die Aufklärung US-amerikanischer Lügen über Saddams Giftgaslager, oder kritische Berichte zu Freihandelsabkommen und Brutalkapitalismus, nicht aus eben diesen gescholtenen Medien. Oder als würden Sendungen wie „Die Anstalt“, vielen ein Hort wahrheitstreuer Aufklärung, nicht vom ZDF, sondern illegal von Rebellen auf YouTube verbreitet.

Derartige Widersprüche, auch der, daß hiesige mediale Fehler – vom Irrtum bis zur Mogelei – eben auch von den etablierten Medien entlarvt werden, stören die Kritiker der „Lügenpresse“ kaum. Viele Informationen, auf die sie sich berufen, stammen aus eben dieser, ein Umstand, den sie hervorragend auszublenden vermögen; was um so kurioser wirkt, als sie ohnehin gern behaupten, die „offiziellen“ Medien nicht mehr zu rezipieren (aber genau wissen, was diese verbreiten).

Was geschieht hier?

Eine zunehmende Medienkritik hat die alten Leitmedien als vermeintliche Bollwerke der Wahrheit und qualifizierten Weltdeutung erschüttert. Man sollte daher meinen, wir hätten eine reflektierte Haltung gegenüber medialen Verlautbarungen jeglicher Herkunft entwickelt. Stattdessen paart sich die grundsätzliche Ablehnung „der“ Medien (der westlichen wohl) inzwischen häufig mit kritikloser Bereitschaft, jede Verlautbarung obskurer Hintertreppenquellen unhinterfragt anzunehmen; sie müssen lediglich das Gegenteil dessen behaupten, was uns die ARD erzählt. Ob es sich um die 9/11-„Truther“ dieser Welt handelt, das russische Staatsfernsehen oder nicht überprüfbare Behauptungen auf Facebook, aus denen „Volkes Stimme“ spricht, bleibt völlig gleichgültig; wer behauptet, irgendwo hätten irgendwelche Flüchtlinge die Zebras im Zoo vergewaltigt, ist automatisch glaubwürdiger als die „Lügenpresse“, die das ja bloß wieder vertuscht. Weite Teile der Öffentlichkeit scheinen keineswegs bereit, jeder Quelle, die als Besitzer der Wahrheit auftritt, mit kritischem Vorbehalt zu begegnen; sondern willens, sich neue Vorsager zu suchen, denen man nach Verlust der bisherigen wieder bedingungslos glauben darf.

Das ist das eigentlich Erschreckende an der Glaubwürdigkeitskrise der Medien: Daß sie nicht Ausdruck der Kritikfähigkeit mündiger Bürger scheint, sondern der Suche nach neuen Autoritäten, die uns fortan an das eigene Denken wieder abnehmen könnten – jene schreckliche Last, die der Verlust alter Weltdeutungsinstanzen uns aufzwang; daß es nicht heißt, „laßt uns kritisch und aufmerksam die mediale Verstrickung in gesellschaftliche Denkklischees und Machtstrukturen beobachten“, sondern gefragt wird, wer denn nun die „Wahrheit“ spräche, mithin fraglos ehrlich, dabei auch irrtumsfrei, also unbedingt verläßlich sei. So daß man endlich zurück in die gute alte Zeit findet, da man nicht selbst zu überlegen brauchte, wer denn nun gerade dummes Zeug redet. Denn, nicht wahr, wenn man „weiß“, wer immer die Wahrheit sagt, weshalb ergo jeder Andere immer lügt, das ist doch viel einfacher, als jedes Mal selbst kritisch den Einzelfall prüfen zu müssen.

Wie ist das aber nun mit der Wahrheit, jenem flüchtigen Ding? Als einen der Kardinalfehler der etablierten Medien macht der Blogartikel der Karslhochschule eben jenen Anspruch aus, „Wahrheit“ zu verkünden; wer diesen verfehlt, bzw. dabei erwischt wird, ist automatisch diskreditiert. Weiter bedeutet, sich als Wahrheitskünder zu geben, zwangsläufig den Lieferanten gegenläufiger Information der Lüge zu bezichtigen – jedenfalls dann, wenn der eigene Hoheitsanspruch auf die Wahrheit absolut ist.

Kann man die gegenwärtige Medienkrise also so deuten, daß die Künder der „Lügenpresse“-Botschaft bzw. deren Quellen, von Russia Today bis Ufobücher-Verlag, dieses Spiel einfach besser, geschickter spielen als die satt und etwas feist, daher selbstzufrieden gewordenen Leitmedien?

Herr Sathom fürchtet, daß das Problem damit nicht vollständig gefaßt ist.

Gewünscht wird nicht, endlich verläßlich informiert zu werden; sondern sich nach dem Glaubwürdigkeitsverlust der alten nun neuen Autoritäten zuwenden zu dürfen, die wieder als unfehlbar gelten können; denen man also wieder ungeprüft alles glauben darf. Autoritäten sollen sie sein in dem Sinne, daß sie nicht nur berichten, sondern bestimmen und verfügen, was ist. Denn es geht nicht nur um das Bedürfnis nach Nachrichtenquellen, denen man wieder gemütlich vom Ohrensessel aus alles ungeprüft abkaufen kann. Auch ein Fürsprecher sollen sie sein, die Meinung des Rezipienten vertreten – durch sie will man selbst sprechen, und auf diese Weise Macht ausüben. Als „wahr“ empfinden die Anhänger jeder Presse, was ihrer vorgefaßten Meinung entspricht – die Dienstleistung, ihnen solche Wahrheiten zu liefern, erbringen die alteingesessenen Medien nicht mehr zuverlässig, müssen also ausgewechselt werden.

Für diese Sichtweise spricht einiges.

Den ironischerweise schmäht man ja die „Blockmeinung“ der Medien teilweise zu Recht, setzt dann aber bloß die eigene, mindestens ebenso einäugige, dagegen – tatsächlich scheint gerade die Vielfalt medial verbreiteter Meinungen und Perspektiven zu stören. Die auf den Tisch gesetzte Faust, das „nur so ist es, und nicht anders (wie ich es sehe nämlich)“, ist der Gestus des „Lügenpresse“-Rufers. Nicht „Wahrheit“ als zutreffende Darstellung dessen, was ist, sucht er; sondern verlangt, daß seine Weltdeutung als Wahrheit gelte, inklusive klar gezogener Grenzen zwischen schwarz und weiß, mit ihm auf der Lichtseite, daß es ihm Autorität und Herrschaftsanspruch schaffe. Daß er damit den Spieß, den die Leitmedien als Sprachrohr der „staatstragenden Mitte“ schwingen, bloß umdreht, soll gar nicht geleugnet werden; daß er etwas an der Mechanik herrschaftstragender Deutungshoheiten ändern möchte, sollte er hingegen nicht behaupten. Zur Wahrheit bloß deklarierte Blockmeinung wünscht er ja gerade, nur die eigene soll es sein; die Mediendiktatur, die er errichten würde, erhielte er die Gelegenheit, könnte sich sehen lassen. Verfolgt man seine Wutausbrüche im Netz, weiß man: wäre seine „Wahrheit“ die herrschende, könnten sich Andersdenkende warm anziehen.

Man bedient sich eben nicht mutig des eigenen Verstandes, wie Kant einst versonnen forderte – verlangt stattdessen kategorische Gut-Böse-Schemata zurück, ruft nach Weltdeutern, die solche verläßlicher liefern als jene, die vor dem selbst erhobenen Wahrheitsanspruch versagten. Kann ein Teil der Medienschelte darauf beruhen, daß man schlicht von ihnen enttäuscht ist, die sich erwischen ließen; einen betrogen um das schöne Vorrecht, aus ihren Brüsten Wahrheitsmilch zu saugen, die Botschaft nämlich, rechtens zur herrschenden Mehrheit zu zählen (in jenen Zeiten, da diese noch schweigen durfte, um Macht auszuüben)? Es scheint leider so; der Zorn der „Lügenpresse“-Rufe auf den Straßen, in den Foren klingt danach. Was den Medien übel genommen wird, ist nicht, daß sie „lügen“ würden; sondern daß sie nicht mehr das eigene Interesse als Staatsräson, die eigenen Meinungen als Wahrheit verkaufen.

Viele sind von gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung ausgeschlossen, von sozialem Abstieg bedroht, viele andere fürchten all dies; ihr Ärger darüber ist berechtigt. Zu Kritikfähigkeit gegenüber Macht und Meinungsmache hat dies jedoch nicht geführt. Vielmehr zum Verlangen nach einer neuen Interessenvertretung, die zu Macht verhilft, indem sie den Machtanspruch auf die Behauptung eines Wahrheitsmonopols gründet: Wo „Bild“ war, soll Russia Today werden.

Letztlich trifft es zu, daß in den letzten Jahrzehnten die Wirtschaftsliberalen mit ihrer Propaganda das Machtzepter des Zeitgeistes schwangen, sie fast ungefiltert durch die Medien verbreiten konnten; und daß diejenigen, für die das Leben im Kapitalismus immer härter wurde, sich oft genug noch als Versager verhöhnen lassen durften. Allerdings: Auch der Gegenwind für die offizielle, neoliberale Blockmeinung wehte aus den Senderäumen der Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenmedien“. Haben wir daraus nichts Besseres gelernt, als den Übergang dieses Zepters in unsere Hände zu fordern, die es nun (als unsere vermeintlichen Vertreter) totalitär und autoritär schwingen mögen? Gälte es nicht vielmehr, Strukturen der Meinungsmache generell aufzubrechen, eine Mühsal gewiß, da man immer neue Schliche durchschauen muß, aber notwendig?

Gleiches gilt übrigens auch für staatliche Autorität und Konzernmacht. Statt Herrschaftsstrukturen generell kritisch zu bewerten, wünschen wir uns, nun, da die USA diskreditiert sind, daß Putin Zar im Reich des Guten sei, und RT sein Quell der Wahrheit; und daß russische Bomben Zivilisten schonen, da die Splitter sie irgendwie von IS-Terroristen unterscheiden können, warum nicht, im russischen Staatsfernsehen erfährt man ja – anders als in unseren „Lügenmedien“ – nichts von fuck-ups der eigenen Seite, also kann es auch keine gegeben haben.

Die Wahrheit ist ein flatterhaftes Wesen, von dem mal der eine, mal der andere einen Zipfel erhascht, sich dann wieder irrt, aufs Neue suchen muß; vielleicht existiert sie gar nicht, ist bloß Konstrukt, Machtansprüche zu begründen. So muß man stets gewärtig sein, sich selbst zu täuschen, vorschnell als wahr aufzufassen, was dem eigenen Vorurteil entspricht. Die Macher der etablierten Medien bilden da keine Ausnahme. Aber nicht diese Einsicht leitet die „Lügenpresse“-Schreier; vielmehr verlangen sie, daß es eine simple Wahrheit gebe, und daß sie die ihre sei. Mithin also, daß fortan sie entscheiden, was Medien aussprechen dürften. Was sie auf deren Websites denn auch lautstark fordern.

Das schöne Wort Wahrheit, ein problematischer Begriff; so gesehen prangt es ein wenig zu unverzagt im Vorspann der „Anstalt“, deren Macher sich bei allem löblichen Einsatz für Flüchtlinge zugleich in der letzten Folge nicht zu schade waren, posthum alle gewesenen Diktatoren des nahen und mittleren Ostens zu Heroen der Frauenbefreiung zu verklären. Gefoltert haben die ganz bestimmt nicht – das tut nur der Amerikaner, das zähnefletschende Biest, im Rollentausch mit „dem Russen“ früherer Zeiten. Wer aber Uthoff und von Wagner zu Propheten erklärt (ein Status, den sie selbst gar nicht beanspruchen), der darf sich weltweise dünken, und besser, moralisch zumal, als der unaufgeklärte Abschaum. Ja, der sollte eigentlich das Sagen haben.

Sich auf neue Hoheiten der Weltdeutung zu berufen, hat dabei unleugbar den Vorteil, jeden Einwand als Lüge denunzieren zu können. Und sich qua Identifikation mit den Wahrheitskündern auf der richtigen Seite wähnen zu dürfen – jener der zweifellos Gerechten, der lauteren, lichten Reinen. Denn so irrtumsfrei und moralisch, so über jeden Zweifel erhaben wie sie wäre man dann, als ihr Gefolgsmensch, ja auch; der eigenen Fähigkeit zu irren entledigt. Und damit einer von denen, die bestimmen sollten, verdammt nochmal, was wahr ist, und wie die Dinge deswegen zu laufen hätten.

Wer die Wahrheit zu kennen behauptet, legitimiert sich als Inhaber des Deutungsmonopols, als denjenigen, dessen öffentliche Rede Herrschaftsstrukturen setzt, und stabilisiert. Diese Zusammenhänge aufzubrechen, hieße, Aufklärung zu betreiben – auch schwierige, schmerzhafte Selbstkritik. Eben danach verlangt es den Kritiker der „Lügenpresse“ keineswegs. Er will ja die alten, klar gezogenen Grenzen zwischen Licht und Schatten zurück; die simplen Welterklärungen, die Herrschaft begründen, diesmal aber ihn auf Seiten der Herrschenden einordnen. Nun ist das mit der Herrschaft so eine Sache – sie ist ähnlich schwer greifbar wie die Wahrheit, oder auch die von den Herren Kalkofe und Rütters berühmt gemachte kleine Fee, die im Kopf Vanilletee kocht. So orientiert man sich eben zu größeren Autoritäten hin, die einem die Arbeit des Grübelns wieder abnehmen; und auf deren Aussagen man den Anspruch gründen kann, was die Zeitung zu schreiben hätte.

Wir haben unsere Autoritäten verloren – leider hat uns das nicht autoritätskritisch gemacht. Einsam wäre das und zugig so allein, ohne Vorbeter und Lichtgestalten, von deren Schein auch auf uns etwas abglänzt, uns über die Tumben und Bösen erhöht. Und da es nun kalt geworden ist an den Schultern der USA und der Süddeutschen Zeitung, suchen wir uns neue Schöße, auf die wir uns setzen können; neue Geschichtenerzähler, die Märchenstunde halten, nur daß diesmal wirklich alles wahr ist. Ganz bestimmt.