:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)

So häuft die Serie Beispiele dafür, daß man sich in bestimmten Situationen nicht nur grausam und hinterhältig verhalten darf, sondern geradezu muß – ehe die anderen einem dabei zuvorkommen; denn das werden sie, wenn man sie läßt. Es ist unausweichlich, also warum nicht als erster schießen – vielleicht haben die Typen ja noch was dabei, das man gebrauchen kann.

Güte ist Schwäche; nicht böse zu sein, bedeutet den Tod. Verstöße gegen diese Regeln bringen die Überlebenden wiederholt in Gefahr, können sich sogar katastrophal auswirken. Misanthropische Paranoia ist dabei nicht nur eine Grundhaltung des Helden Rick, und mehr oder weniger stark ausgeprägt seiner Begleiter, sondern wird durch ihre Erlebnisse ständig als berechtigt bestätigt.

Sozialer. Kommentar.

Welchen sozialen bzw. gesellschaftlichen Zustands eigentlich? Welcher Wirklichkeit?

Die der Realität des menschlichen Daseins; dessen, was den Menschen und die ihn umgebende Welt wirklich ausmacht.

Wie wird diese Wirklichkeit dargestellt? Handelt The Walking Dead z.B. davon, wie grausame Umstände den Menschen verändern, ihn traumatisieren, verrohen lassen?

Eher nicht. Betrachten wir einen Dialog aus der Serie.

Darin warnt ein Mitglied von Ricks Gruppe diesen, sich zu sehr zu verändern, zum Ungeheuer zu werden – er könnte sich vielleicht nicht mehr einfügen, wenn die Katastrophe vorbei, und sie wieder „in der Wirklichkeit“ wären. Rick antwortet, daß dies – die augenblickliche dog-eats-dog-Situation – die Wirklichkeit sei (alles andere, das davor war und danach käme, also nur Schein, so der Subtext); sein Gegenüber beharrt darauf, das Gegenwärtige sei nicht wirklich, sondern ein Alptraum.

Der Dialog bezieht sich wohlgemerkt nicht auf die Aussicht, in Terminus Zuflucht zu finden, dessen scheinbare Idylle sich umgehend als kannibalische Hölle entpuppen wird; sondern auf die grundsätzliche Möglichkeit, die Seuche könnte besiegt werden.

Demzufolge bestreitet Rick, daß nach dem Ende der Zombiekatastrophe – mit Rückkehr des vorherigen Zustands also – ein Zustand einträte, der „wirklich“ sein würde.

Was jetzt stattfindet, diese „Wirklichkeit“ also, würde auch, wenn das Grauen vorüberginge, andauern; der folgende Friede nur Schein sein. Was implizit bedeutet, daß der rücksichtslose Kampf Aller gegen Alle, unabhängig von äußeren Umständen, der eigentliche Daseinszustand des Menschen ist; und die Eigenschaften, die Menschen im Augenblick zur Schau stellen, ihre vornehmlichen, prägenden – vielleicht einzigen. Der Unterschied bestünde dann lediglich darin, daß die momentane Situation diese Wahrheit über Mensch und Welt sichtbar macht.

Also: Während sein Gesprächspartner von einer Rückkehr ins „wirkliche Leben“ träumt, beharrt Rick darauf, das augenblickliche Jeder-gegen-Jeden sei die wirkliche Daseinsform des Menschen; spiegele also seine wirkliche Natur. Immer – Zombies hin oder her.

Was die Serie als Wirklichkeit präsentiert, scheint dabei weitgehend geeignet, Rick zu bestätigen. Schon kurz nach dem Ausbruch der Zombieplage hat die Mehrzahl der Überlebenden nichts Besseres mehr zu tun, als sich gegenseitig an die Kehle zu gehen; primitivste Instinkte brechen durch, und Jeder ist des Anderen Feind.

Vieles, das Rick und seinem Gefolge zustieß, belegt, daß man niemandem trauen kann; daß es sogar richtig ist, einen einzelnen Überlebenden, den eine Horde Zombies verfolgt, nicht zu retten – weil jeder gefährlich ist, seine Aufnahme in die Gruppe unter Umständen deren Überleben aufs Spiel setzt, und sei es nur, weil man sich einen Inkompetenten aufhalst.

3 Kommentare zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)“

  1. Das klingt aber alles sehr negativ. Ich kenne die Serie noch nicht. Macht das denn trotzdem Spaß zu gucken wenn die Stimmung derart dystopisch ist ? Wer will sich denn gerne so runterziehen lassen ?

    Das Computerspiel fand ich großartig deshalb interessiert mich wie die Serie so ist.

    1. Ich würde im Zweifelsfall empfehlen, einfach probeweise ein paar Folgen zu gucken – spätestens wenn die sechste Staffel ansteht, wird RTLII garantiert wieder alle vorherigen Staffeln über den Bildschirm hetzen 😉
      Im Ernst, ich find’s schon sehr dystopisch; allerdings werden sich die nächsten Folgen der „Serie nach der Serie“ auch mit der Frage beschäftigen, ob das Bild wirklich so einseitig ist. Ich will vorab nicht zuviel preisgeben, aber ich denke, die meisten Serien haben zwar eine „Stoßrichtung“, sind aber so konstruiert, daß ein größtmögliches Publikum etwas für sich darin findet.
      Tipp: Wesentlich ulkiger fand ich die jetzt gelaufene erste Staffel von „ZNation“. Dafür, daß es von The Asylum (Stichwort „Sharknado“) produziert wurde, ist es trotz einiger Mängel eine überaschend gut gemachte, ganz witzige Parodie (mal davon abgesehen, daß es zum Ende hin etwas düsterer wird, und ein, zwei Folgen hat, die nicht nur richtig schlecht, sondern für den Handlungsverlauf auch völlig unnötig sind).

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