:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)

Daß er niemals sicher sei, selbst unter einer Vielzahl von Menschen nicht, lehrt Rick in Folge 2 der neuen Staffel seinen Sohn, der naiverweise darauf beharrt, daß es nicht nur böse Menschen geben könne (man ahnt, daß Father Gabriel, der ihn zu solchem Unfug inspiriert, Dreck am Stecken hat; und daß Rick vielleicht eigentlich meint, gerade unter Menschen sei es nicht sicher). Daß diese Unsicherheit darauf beruhe, daß man seinen Nächsten zu fürchten hat, wird die Serie nicht müde zu betonen.

Welches Menschenbild wird hier also als „wirklichkeitstreu“ vermittelt?

Daß Jedermann suspekt ist, beinahe sicher Böses im Schilde führt – und man deshalb nur an sich, und den nächsten, engsten Kreis menschlicher Beziehung denken darf. Sich Außenstehenden gegenüber entsprechend rücksichtslos zu verhalten hätte, ggf. vorauseilend, ehe sie die Gelegenheit dazu haben. Und während diese Parolen gleich zu Beginn der neuen Staffel in einer Art Tempel der kannibalischen Terminus-Bewohner an die Wand gemalt stehen, mußten unsere Helden schon zuvor immer wieder erfahren, daß sie berechtigt sind. Die Menschenfresserbande ihrerseits hat eine Vorgeschichte, die ihre Hinwendung zum Bösen nachvollziehbar macht (bis auf den Teil, bei dem sie jeden Passanten nicht bloß abmurksen und ausplündern, sondern auch noch aufessen; doch genau genommen haben sie nur gelernt, was auch Rick und seine Gruppe längst verstanden haben). Ironischerweise bestätigen die Einwohner von Terminus ihr eigenes Motto; sind selbst das beste Beispiel für seine Wahrheit.

Vor Allem aber: All das gilt allgemein; nicht nur während einer hypothetischen Katastrophe, sondern grundsätzlich. Es beschreibt – auch wenn die Serie diesen Begriff kaum verwendet – die Natur des Menschen, unabhängig von zivilisatorischem Firnis, der nur Schein darstellt.

Wie ein Beleg dessen erscheint die Darstellung der Alexandria Safe Zone, deren einfältige Bewohner versuchen, einen vorstädtischen Lebensstil aufrecht zu erhalten – also „Normalität“, wie sie verloren ging und wiederkehren könnte, spielen. Oder anders ausgedrückt: sich wie naive Kinder weigern, die um sie herum existierende Wirklichkeit anzuerkennen.

In der zivilisierten Atmosphäre der Zuflucht Alexandria ist es Sasha, die wieder den grundlegenden Zweifel aufbringt: „Das hier – das ist nicht real“, sagt sie.

Warum nicht?

Als Daryl und ein Bewohner Alexandrias außerhalb der Schutzmauern ein Pferd zu fangen versuchen, weist Daryl auf die Schwierigkeit hin, daß das Tier, je länger in Freiheit, sich desto mehr wieder der Natur anpasse.

Die Mitglieder von Ricks Gruppe warnen sich gegenseitig mehrfach davor, „schwach“ zu werden; schwach sind die Alexandrier, weil sie zivilisiert sind.

Weil sie nicht damit rechnen, daß der Stärkere regiert, die Gütigen, und darum Schwächeren, ausbeutet – indem er sich deren gute Seiten, ihre Schwächen eben, zunutze macht; daß jeder des anderen Feind ist, was Rick & Co. als selbstverständlich und alternativlos begriffen haben. Es entspricht der „Natur“ und stellt darum die Wirklichkeit dar; und deswegen ist die Zivilisation, die Mitmenschlichkeit Alexandrias nur Schein. Rick und seine Gruppe, die wie das Pferd lange „draußen“ waren, haben nun Anteil an dieser Wirklichkeit, haben die wahre Natur der Welt begriffen – und so, wie sie Heimtücke und Bösartigkeit des Menschen als unausweichlich deuten, indem sie die „Schwäche“ der Alexandrier als Makel feststellen, beschließen sie mit größter Selbstverständlichkeit, den Ort zu übernehmen (um dort die von ihnen begriffene Realität als Grundprinzip zu etablieren). Sie tun also gerade das, wozu sich die Alexandrier ihrer Meinung nach anbieten – und, suggeriert das von der Serie als Wirklichkeit gezeichnete Bild, mit Recht.

Real ist die bösartige Natur des Menschen, weil sie Natur ist, alles andere darum nur Fake.

Wenn nun aber die „Wirklichkeit“ grundsätzlich und immer darin besteht, daß paranoides, feindseliges Mißtrauen angebracht ist, auch unabhängig von der Zombie-Apokalpyse – welche Wirklichkeit wird dann eigentlich beschrieben?

Die unserer Gesellschaft.

Weil sie demnach auch unsere derzeitige Realität prägen müßte. Die vor der Apokalypse, die ja zugleich diejenige nach der Apokalypse ist.

Die Floskeln, die eine solche Haltung ausdrücken, sind bekannt – daß „Jeder sich selbst der Nächste“ sei etwa; die Erwartung, die Rick und andere Gruppenmitglieder an die Menschheit als solche herantragen, also durchaus eine, die allgemein verbreitet ist.

3 Kommentare zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)“

  1. Das klingt aber alles sehr negativ. Ich kenne die Serie noch nicht. Macht das denn trotzdem Spaß zu gucken wenn die Stimmung derart dystopisch ist ? Wer will sich denn gerne so runterziehen lassen ?

    Das Computerspiel fand ich großartig deshalb interessiert mich wie die Serie so ist.

    1. Ich würde im Zweifelsfall empfehlen, einfach probeweise ein paar Folgen zu gucken – spätestens wenn die sechste Staffel ansteht, wird RTLII garantiert wieder alle vorherigen Staffeln über den Bildschirm hetzen 😉
      Im Ernst, ich find’s schon sehr dystopisch; allerdings werden sich die nächsten Folgen der „Serie nach der Serie“ auch mit der Frage beschäftigen, ob das Bild wirklich so einseitig ist. Ich will vorab nicht zuviel preisgeben, aber ich denke, die meisten Serien haben zwar eine „Stoßrichtung“, sind aber so konstruiert, daß ein größtmögliches Publikum etwas für sich darin findet.
      Tipp: Wesentlich ulkiger fand ich die jetzt gelaufene erste Staffel von „ZNation“. Dafür, daß es von The Asylum (Stichwort „Sharknado“) produziert wurde, ist es trotz einiger Mängel eine überaschend gut gemachte, ganz witzige Parodie (mal davon abgesehen, daß es zum Ende hin etwas düsterer wird, und ein, zwei Folgen hat, die nicht nur richtig schlecht, sondern für den Handlungsverlauf auch völlig unnötig sind).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.