:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)

Wir haben in der letzten Folge konstatiert, daß The Walking Dead ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit zeichnet; und daß im Verlauf der fünften Staffel verstärkt thematisiert würde, worin diese besteht.

Bei oberflächlicher Betrachtung eindeutig darin, daß der Mensch „in Wirklichkeit“ ein Ungeheuer sei; daß Grund zum Mißtrauen gegenüber jedermann bestünde, da nach dem Zusammenbruch der Zivilisation die Überlebenden nichts Besseres zu tun haben, als aufeinander loszugehen – teils im Kampf um Ressourcen, teils aus irrationaler Lust am Morden und Vergewaltigen. Was wiederum ggf. dazu berechtigt, vorauseilend selbst grausam oder bösartig zu handeln, um ihnen zuvorzukommen.

Einzelne Charaktere beharren dabei darauf, daß ihre aktuelle Situation die Wirklichkeit an sich sei, und zwar die der Verfassung des Menschen, die sich nach einem hypothetischen Ende der Plage nicht ändern würde (also auch vor ihrem Ausbruch keine andere gewesen wäre); daß also Zivilisation, Mitmenschlichkeit etc. immer nur Schein sind, die den tatsächlichen Zustand des Menschen nur verschleiern. Doch nicht nur die Protagonisten geben diese Einstellung kund, und handeln ihr gemäß – auch die Ereignisse der Serie selbst zeigen eine Realität, in der die These zutrifft.

Nun verhalten sich in Krisensituationen sicherlich viele Menschen egoistisch, sogar monströs; jedoch eben nicht alle. Die Wirklichkeit der aktuellen Flüchtlingssituation belegt, daß unter entsetzlichen Bedingungen keineswegs Jeder die innere Bestie entdeckt – viele fliehen, statt an der gegenseitigen Zerfleischung teilzunehmen, viele helfen ihnen selbstlos. Hilfe unter Lebensgefahr, wie sie die „Ärzte ohne Grenzen“ in Kriegsgebieten leisten, eine Vielzahl von Beispielen belegt, daß sogar unter grauenhaften Umständen nicht jeder Mensch seine bestialische oder auch nur opportunistische Natur demonstriert, sondern ebenso gut zu altruistischem, sogar aufopferndem Verhalten fähig ist. Die Frage nach der „Wirklichkeit“ der in der Serie beschriebenen menschlichen Natur ist damit nicht vollends erledigt, jedoch auch nicht eindeutig beantwortet; um so mehr müssen wir fragen, wie es gelingt, die Überbetonung eines Aspekts menschlichen Verhaltens als ausschließliche Wirklichkeit zu vermitteln.

Wie wird „Wirklichkeit“ im Zusammenhang der Serie also konstruiert (und wie tut Unterhaltung dies allgemein)?

Zunächst auf recht offensichtliche Weise. Beinahe alles, was Rick und seinen Begleitern geschieht, ist geeignet, ihre Grundhaltung zu bestätigen: Jedem Fremden ist zunächst zu mißtrauen; beinahe alle sind gefährlich. Entweder beabsichtigen sie, der Gruppe zu schaden, oder erweisen sich als inkompetent, unfähig, sich der von Rick & Co. begriffenen Realität zu stellen, und dadurch als Risiko. Vom Governor bis zu den Terminauten begegnen unseren Helden Heerscharen von Soziopathen, als habe die gesamte übrige Menschheit entschieden, der beste Weg, der Zombieplage zu begegnen, bestünde nicht in Kooperation, sondern darin, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Nun sind alle Erfahrungen, die unsere Protagonisten machen, allerdings inszeniert – sie folgen einer Dramaturgie, die den Eindruck wiederholter Bestätigung einer bestimmten Realität suggeriert, jedoch eigentlich gezielt zu diesem Zweck konstruierte Ereignisse aneinander reiht. Was hier begegnet, ist die Erzeugung von „Wirklichkeit“ durch Redundanz – indem immer wieder vorgeführt wird, daß der Mensch ein Monstrum ist, gerinnt der Eindruck zur Gewißheit. Die Konstruktion von Wirklichkeit im Alltag funktioniert kaum anders: „Wie jeder weiß“, „Es ist allgemein bekannt“, „Nun ist es ja so, daß“ lauten nur einige der Floskeln, denen vermeintliche Gewißheiten folgen, und die ihre Autorität aus dem Verweis auf „Alle“ beziehen; auf die Gesellschaft also, gegen die man sich stellen (oder vor der man als Narr gelten) müßte, widerspräche man.

Ein weiteres bewährtes Mittel, Realität zu produzieren, besteht in schlichter Weglassung – ehrliche, hilfsbereite, „gute“ Menschen, die nicht zugleich verheerend inkompetent oder als zwangsläufige Opfer markiert sind, kommen in der Serie weitaus seltener vor, als die omnipräsenten „Bösen“, die das „wirkliche“ Wesen des Menschen wiedergeben (daß sie vorkommen, wird noch zu erörtern sein).

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5 Kommentare zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)“

  1. Bin schon gespannt auf den nächsten Artikel über die Botschaft der Serie.

    Ja die Botschaft mit der vermeintlich „harte Realität“. Das Böse das nur mit Bösem bekämpft werden kann. Wer gut ist der ist naiv und kommt unter die Räder. Anscheinend (bei mir gefühlt) seit Anfang diesem Jahrtausends ein gerne postuliertes Weltbild. Warum dem Zuschauer das immer wieder suggeriert wird und zu welchem Zweck weiß ich nicht. Mir geht das ziemlich gegen den Strich, ich verstehe nicht was mit dieser Botschaft erreicht werden soll. Desillusionierung ? Wozu ?

    Sehr schön ins Bild passt die Serie „The Shield“ in die wir vor nicht allzu langer Zeit mal reingeschaut haben auf der Suche nach einer guten Serie.

    Der Hauptprotagonist Samuel „Vic“ Mackey ist ein sehr erfolgreicher Cop der aber sehr oft außerhalb des Gesetzes arbeitet und mit Bestechung, Folter und sogar Mord kein Problem hat und dermaßen Verbindungen im Verbrechersumpf hat dass er quasi schon mit dazu gehört.Um diese Verbindungen aufrecht zu erhalten muss man ihnen natürlich auch etwas bieten… Aufgrund dieser Verbindungen kommt er aber immer wieder an wichtige Informationen um Fälle aufzuklären. Obwohl der Typ der Prototyp des arroganten korrupten Arschl*chs ist wird er wohl aufgrund seiner überragenden Aufklärungsquote geduldet. Dabei wünscht man sich als Zuschauer von Anfang an dem Typen die Pest an den Hals so hervorragend wird das inszeniert und gespielt (Das muss man der Serie ja lassen).

    Der sympatische Charakter der ersten Folge der sich in die verschworene Truppe um den Hauptprotagonisten einschleust um in dem korrupten Sumpf mal aufzuräumen wird von diesem am Ende noch bei einem Einsatz kaltblütig hinterrücks erschossen weil er längst bescheid wusste.

    Die Lehre daraus: Um das Böse zu bekämpfen musst du selber böse werden, der Rechtschaffene kommt unter die Räder.
    Nach der ersten Folge haben wir regelrecht angewidert abgeschaltet. Dieses Weltbild wird da dermaßen zelebriert, es war nicht zu ertragen.

    Ähnliches befürchte ich nach deinen Beschreibungen bei „The Walking Dead“ (Das ich noch immer nicht gesehen habe).

    1. Ich hab‘ so meine Vorstellungen, weshalb solche Botschaften seit geraumer Zeit wieder sehr populär sind (ganz aus dem Denken verschwunden waren sie ja nie); ich bin aber nicht sicher, ob sie *absichtlich* in die Serie eingebaut sind, weil die Autoren selbst diese Botschaften glauben oder vermitteln möchten (zu beiden Themen in den nächsten Folgen mehr). Soweit ich orientiert bin, scheint in der sechsten Staffel, die in den USA schon läuft, auch eine Art Umschwung stattzufinden (ob er anhält, kann man wiederum auch nicht absehen).
      Vorab würde ich mal sagen, daß es eine Reihe anderer Gründe geben kann, solche ethischen Konflikte aufzubauen (Spannung, emotionales Aufpeitschen, vielleicht auch ein Kalkül betreffs des Publikumsgeschmacks).
      „The Shield“ kannte ich nicht (bin nicht so der Cop-Serien-Fan, alle CSIs gehen auch glatt an mir vorbei ;)) . . . dieses „man muß böse sein“ erinert mich allerdings an diese „24“-Serie mit Kiefer Sutherland. Nur daß der Spin hier wohl war, daß sich einer opfern muß (das Böse tun) um die Bösen zu stoppen.

      1. Einfach mal die erste Folge anschauen von „The Shield, das reicht(e) (mir) schon.
        Was mir noch einfällt zu deinem Beitrag. Als positives Beispiel hast du die Leute genannt die Flüchtlingen helfen oder Ärzte ohne Grenzen. Das ist hier aber nur bedingt vergleichbar da die nicht „mit im Boot“ sitzen. Bei The Walking Dead zumindest sitzen ja alle im gleichen Boot. Alle haben die gleichen Probleme, niemand der sagen kann „uns geht es ja gut hier, den armen Menschen muss geholfen werden“ und es gibt auch kein fliehen aus der Situation. Und hier wäre die Frage ob sich alle bei gleichen Voraussetzungen auch ähnlich verhalten würden / müssen.
        Ein interessantes Spiel zu dem Thema ist übrigens „This War Of Mine“ wo man ähnlich unangenehme Entscheidungen treffen muss wie bei „The Walking Dead“. Wo man z.B. auch schonmal überlegen muss ob man die harmlosen alten Leute in ihrem Haus ausplündert und damit zum Tode verurteilt bevor es ein Anderer tut und damit wenigstens meine Gruppe etwas davon hat.

      2. Naja, jein. Bestimmte Helfergruppen wie die Ärzte ohne Grenzen sitzen schon „mit im Boot“ – sie sind ja vor Ort, und da kann es durchaus mal passieren, daß man – wie kürzlich in Syrien – ein paar Bomben auf’n Kopp kriegt. Daß hiesige Helfer (Flüchtlinge) nicht in unmittelbarer Gefahr sind, also nicht vor der Frage „die oder wir“ stehen, stimmt natürlich (andererseits: wäre der Mensch wirklich immanent schlecht, würden sie dennoch jede Hilfe verweigern).
        Da du das Spiel und The Shield erwähnst: Ich leugne gar nicht, daß sich Menschen in bestimmten Situationen und Umfeldern moralisch ambivalent verhalten. Mich stört an solchen fiktionalen Darstellungen (Serien) oder Gedankenspielen (in Games oder als „Gedankenexperiment“) nur zweierlei.
        Erstens ist die vorgegebene Situation schon künstlich so zugerichtet, daß sie bestimmte (unmoralische) Entscheidungen suggeriert, bzw. kaum eine andere Wahl läßt (die Vorgabe ist quasi so „hingedreht“); dabei handelt es sich i.d.R. um katastrophale Ausnahmesituationen (inwieweit The Shield eine Ausnahmesituation schildert oder das „normale“ Ghettoleben realistisch wiedergibt, müßte man natürlich diskutieren; ich hab’s nie gesehen und würde eher an Serien wie 24 denken, die Folter „rechtfertigen“).
        Zweitens wird dann aus der Ausnahmesituation, die zudem noch so manipuliert ist, daß man sich mies verhalten „muß“, eine Lehre für das Zusammenleben im gesellschaftlichen Normalfall konstruiert.
        Genau das thematisiert The Walking Dead nun meiner Meinung nach in der fünften Staffel: Ist das, was die Gruppe „lernen“ mußte, um zu überleben, nur für die zombiekatastrophale Situation gültig, oder immer? Rick würde diese Frage bejahen. Der Mensch ist auch in der gesellschaftlichen Realität ohne Krieg, Seuchen etc. des Menschen Wolf.
        Und hier wird’s m.E. gefährlich. Wenn man diese Botschaft inhaliert, weil sie einem z.B. in Zeiten wirtschaftlichen Konkurrenzkampfs opportun erscheint, schafft man eine soziale Realität: alle verhalten sich entsprechend, so, als gäbe es keine Alternative. Dabei „beweist“ diese menschenfeindliche Sicht der Dinge sich zirkelschlüssig selbst: alle benehmen sich asozial, weil sie entsprechend indoktriniert sind, und weil sich alle so verhalten, wirkt ihr Verhalten „naturgegeben“, dem Menschen quasi angeboren.
        Die 6. Staffel von The Walking Dead scheint – gesehen habe ich sie bisher nicht, bloß darüber gelesen – das übrigens aufzugreifen: Rick wirkt darin mehr wie jemand, der sich der neuen Situation nicht anpassen kann, und seiner Truppe zunehmend suspekt wird. Er hat sich an das „Überleben des Stärkeren“-Szenario außerhalb Alexandrias angepaßt – und ist nun selbst der Soziopath, weil er seine Maßstäbe (derzeit wenigstens) nicht erneut anpassen kann.

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