:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)

Beides, die endlose Wiederholung wie das Ausblenden von Gegenbeispielen, schafft eine Welt, die Partikel der Wirklichkeit zuläßt, andere weitgehend ausblendet; einen Teil der Realität also für das Ganze ausgibt. Auf Dauer wäre dies gewiß ermüdend redundant, und letztlich auch als Formel durchschaubar; die Serienschöpfer gehen jedoch weitaus subtiler vor.

Dazu gehört, daß sie Gegenbeispiele durchaus zulassen, Anzeichen von Menschlichkeit oder Güte jedoch als gefährliche Dummheit denunzieren (nicht ausschließlich, aber zumeist). Die Realität wird dabei per Drehbuch so eingerichtet, daß sie solche Regungen bestraft; den meisten guten Taten folgt unmittelbar darauf wie zwangsläufig ein Ereignis, das solches Handeln als fatal entlarvt. Doch The Walking Dead inszeniert den „Beweis“ der „Wirklichkeit“ noch raffinierter.

Betrachten wir als Beispiel die Bewohner Alexandrias.

Die Einwohner der Safe Zone sind, um es mit einem Wort zu bezeichnen, nett; wodurch allein ihre Siedlung angesichts der gezeigten Realität beinahe komisch wirkt, ein Schlumpfdorf inmitten der Hölle. Zugleich erweisen sie sich im Kampf gegen die Zombies als hoffnungslos inkompetent, dabei völlig ahnungslos, was die vor ihren Toren lauernden Gefahren angeht, zumal die von lebenden Menschen ausgehenden; und, sobald sie in Bedrängnis geraten, teilweise als feige. Ganz so, als hätten sie die letzten Monate nicht mitbekommen, was sich außerhalb ihrer Mauern abspielt (dazu später mehr). An sich ist die bloße Existenz Alexandrias in der Serienwirklichkeit also vollkommen unglaubwürdig; eben das wird jedoch genutzt, um diese Wirklichkeit plausibel zu machen.

Als Rick den Alexandriern in der vorletzten Staffelfolge wutentbrannt erklärt, daß sie in der Wirklichkeit ankommen müßten; daß Andere sie grundsätzlich zunächst einmal benutzen, ggf. töten wollen; daß man nicht Jeden in der Safe Zone leben lassen dürfte, sondern vielleicht grausam, aber eben realistisch aussortieren müsse – kurz, seine Auffassung von Wirklichkeit komprimiert vorträgt – suggerieren Schnitt und Gegenschnitt (Sahsa erschießt zeitgleich Zombies an der Mauer), daß er Recht hat. Die Alexandrier sind sich der Gefahr, in der sie schweben, nicht bewußt; sie sind, das wird durch ihre Verhalten und ihre Reaktionen immer wieder deutlich, naive Kinder. Während sie dastehen und Rick anglotzen, muß jemand anderes (Sasha) die Arbeit erledigen.

Was wir sehen, ist also die scheinbare Bestätigung Ricks durch die parallel stattfindenden Ereignisse; tatsächlich aber inszeniert, drehbuchgewollt.

Zugleich lassen die Autoren Risse in diesem scheinbar eindeutigen Bild zu. Rick attackiert auch Mitglieder der eigenen Gruppe, die seinen Gewaltausbruch stoppen wollen, sogar Carl; und es ist Michonne, die ihn niederschlägt.

Ricks Ausbruch ist kontraproduktiv, läßt sein Anliegen irrsinnig wirken. Und als er einige Folgen zuvor fast verliebt den Lauten der Walkers außerhalb der Mauer lauscht, läßt auch das Drehbuch keinen Zweifel, daß Rick nicht mehr völlig realitätstüchtig ist.

Doch diese Risse werden schnell gekittet. Die Autoren lösen das Wirklichkeitsproblem, indem sie die Ereignisse den Lauf nehmen lassen, der „zufällig“ die Grundthese beweist. Es zeugt beinahe von Selbstironie, wenn Michonne nach der Auseinandersetzung zu Rick sagt, daß etwas passieren würde, er es jedoch nicht selbst herbeiführen solle. Der negative Verlauf, weiß selbst Michonne als fiktive Figur, ist gesichert. Die „Wirklichkeit“ – tatsächlich das Drehbuch – wird dafür sorgen.

Das Desaster ereignet sich an dem Tag, an dem der Rat der Safe Zone über Rick befinden soll. Auch diese Versammlung ist als Beispiel für die Konstruktion vermeintlicher Wirklichkeit aufschlußreich.

Rick plagen vor dem Treffen Selbstzweifel, darunter die Erinnerung an eine frühere Warnung, sich nicht so weit von der Zivilisation zu entfernen, daß er irgendwann nicht mehr zurück könne. Der innere Kampf macht Rick sympathisch; er ist gar kein Unhold, sollen wir merken, tut nur, was er muß, und leidet darunter. Eben das wird Michonne während er Verhandlung zu seinen Gunsten anführen und so beide Szene verknüpfen: Richtig, merken wir, sie behauptet das nicht bloß; wir haben Ricks Zustand gesehen.

5 Kommentare zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)“

  1. Bin schon gespannt auf den nächsten Artikel über die Botschaft der Serie.

    Ja die Botschaft mit der vermeintlich „harte Realität“. Das Böse das nur mit Bösem bekämpft werden kann. Wer gut ist der ist naiv und kommt unter die Räder. Anscheinend (bei mir gefühlt) seit Anfang diesem Jahrtausends ein gerne postuliertes Weltbild. Warum dem Zuschauer das immer wieder suggeriert wird und zu welchem Zweck weiß ich nicht. Mir geht das ziemlich gegen den Strich, ich verstehe nicht was mit dieser Botschaft erreicht werden soll. Desillusionierung ? Wozu ?

    Sehr schön ins Bild passt die Serie „The Shield“ in die wir vor nicht allzu langer Zeit mal reingeschaut haben auf der Suche nach einer guten Serie.

    Der Hauptprotagonist Samuel „Vic“ Mackey ist ein sehr erfolgreicher Cop der aber sehr oft außerhalb des Gesetzes arbeitet und mit Bestechung, Folter und sogar Mord kein Problem hat und dermaßen Verbindungen im Verbrechersumpf hat dass er quasi schon mit dazu gehört.Um diese Verbindungen aufrecht zu erhalten muss man ihnen natürlich auch etwas bieten… Aufgrund dieser Verbindungen kommt er aber immer wieder an wichtige Informationen um Fälle aufzuklären. Obwohl der Typ der Prototyp des arroganten korrupten Arschl*chs ist wird er wohl aufgrund seiner überragenden Aufklärungsquote geduldet. Dabei wünscht man sich als Zuschauer von Anfang an dem Typen die Pest an den Hals so hervorragend wird das inszeniert und gespielt (Das muss man der Serie ja lassen).

    Der sympatische Charakter der ersten Folge der sich in die verschworene Truppe um den Hauptprotagonisten einschleust um in dem korrupten Sumpf mal aufzuräumen wird von diesem am Ende noch bei einem Einsatz kaltblütig hinterrücks erschossen weil er längst bescheid wusste.

    Die Lehre daraus: Um das Böse zu bekämpfen musst du selber böse werden, der Rechtschaffene kommt unter die Räder.
    Nach der ersten Folge haben wir regelrecht angewidert abgeschaltet. Dieses Weltbild wird da dermaßen zelebriert, es war nicht zu ertragen.

    Ähnliches befürchte ich nach deinen Beschreibungen bei „The Walking Dead“ (Das ich noch immer nicht gesehen habe).

    1. Ich hab‘ so meine Vorstellungen, weshalb solche Botschaften seit geraumer Zeit wieder sehr populär sind (ganz aus dem Denken verschwunden waren sie ja nie); ich bin aber nicht sicher, ob sie *absichtlich* in die Serie eingebaut sind, weil die Autoren selbst diese Botschaften glauben oder vermitteln möchten (zu beiden Themen in den nächsten Folgen mehr). Soweit ich orientiert bin, scheint in der sechsten Staffel, die in den USA schon läuft, auch eine Art Umschwung stattzufinden (ob er anhält, kann man wiederum auch nicht absehen).
      Vorab würde ich mal sagen, daß es eine Reihe anderer Gründe geben kann, solche ethischen Konflikte aufzubauen (Spannung, emotionales Aufpeitschen, vielleicht auch ein Kalkül betreffs des Publikumsgeschmacks).
      „The Shield“ kannte ich nicht (bin nicht so der Cop-Serien-Fan, alle CSIs gehen auch glatt an mir vorbei ;)) . . . dieses „man muß böse sein“ erinert mich allerdings an diese „24“-Serie mit Kiefer Sutherland. Nur daß der Spin hier wohl war, daß sich einer opfern muß (das Böse tun) um die Bösen zu stoppen.

      1. Einfach mal die erste Folge anschauen von „The Shield, das reicht(e) (mir) schon.
        Was mir noch einfällt zu deinem Beitrag. Als positives Beispiel hast du die Leute genannt die Flüchtlingen helfen oder Ärzte ohne Grenzen. Das ist hier aber nur bedingt vergleichbar da die nicht „mit im Boot“ sitzen. Bei The Walking Dead zumindest sitzen ja alle im gleichen Boot. Alle haben die gleichen Probleme, niemand der sagen kann „uns geht es ja gut hier, den armen Menschen muss geholfen werden“ und es gibt auch kein fliehen aus der Situation. Und hier wäre die Frage ob sich alle bei gleichen Voraussetzungen auch ähnlich verhalten würden / müssen.
        Ein interessantes Spiel zu dem Thema ist übrigens „This War Of Mine“ wo man ähnlich unangenehme Entscheidungen treffen muss wie bei „The Walking Dead“. Wo man z.B. auch schonmal überlegen muss ob man die harmlosen alten Leute in ihrem Haus ausplündert und damit zum Tode verurteilt bevor es ein Anderer tut und damit wenigstens meine Gruppe etwas davon hat.

      2. Naja, jein. Bestimmte Helfergruppen wie die Ärzte ohne Grenzen sitzen schon „mit im Boot“ – sie sind ja vor Ort, und da kann es durchaus mal passieren, daß man – wie kürzlich in Syrien – ein paar Bomben auf’n Kopp kriegt. Daß hiesige Helfer (Flüchtlinge) nicht in unmittelbarer Gefahr sind, also nicht vor der Frage „die oder wir“ stehen, stimmt natürlich (andererseits: wäre der Mensch wirklich immanent schlecht, würden sie dennoch jede Hilfe verweigern).
        Da du das Spiel und The Shield erwähnst: Ich leugne gar nicht, daß sich Menschen in bestimmten Situationen und Umfeldern moralisch ambivalent verhalten. Mich stört an solchen fiktionalen Darstellungen (Serien) oder Gedankenspielen (in Games oder als „Gedankenexperiment“) nur zweierlei.
        Erstens ist die vorgegebene Situation schon künstlich so zugerichtet, daß sie bestimmte (unmoralische) Entscheidungen suggeriert, bzw. kaum eine andere Wahl läßt (die Vorgabe ist quasi so „hingedreht“); dabei handelt es sich i.d.R. um katastrophale Ausnahmesituationen (inwieweit The Shield eine Ausnahmesituation schildert oder das „normale“ Ghettoleben realistisch wiedergibt, müßte man natürlich diskutieren; ich hab’s nie gesehen und würde eher an Serien wie 24 denken, die Folter „rechtfertigen“).
        Zweitens wird dann aus der Ausnahmesituation, die zudem noch so manipuliert ist, daß man sich mies verhalten „muß“, eine Lehre für das Zusammenleben im gesellschaftlichen Normalfall konstruiert.
        Genau das thematisiert The Walking Dead nun meiner Meinung nach in der fünften Staffel: Ist das, was die Gruppe „lernen“ mußte, um zu überleben, nur für die zombiekatastrophale Situation gültig, oder immer? Rick würde diese Frage bejahen. Der Mensch ist auch in der gesellschaftlichen Realität ohne Krieg, Seuchen etc. des Menschen Wolf.
        Und hier wird’s m.E. gefährlich. Wenn man diese Botschaft inhaliert, weil sie einem z.B. in Zeiten wirtschaftlichen Konkurrenzkampfs opportun erscheint, schafft man eine soziale Realität: alle verhalten sich entsprechend, so, als gäbe es keine Alternative. Dabei „beweist“ diese menschenfeindliche Sicht der Dinge sich zirkelschlüssig selbst: alle benehmen sich asozial, weil sie entsprechend indoktriniert sind, und weil sich alle so verhalten, wirkt ihr Verhalten „naturgegeben“, dem Menschen quasi angeboren.
        Die 6. Staffel von The Walking Dead scheint – gesehen habe ich sie bisher nicht, bloß darüber gelesen – das übrigens aufzugreifen: Rick wirkt darin mehr wie jemand, der sich der neuen Situation nicht anpassen kann, und seiner Truppe zunehmend suspekt wird. Er hat sich an das „Überleben des Stärkeren“-Szenario außerhalb Alexandrias angepaßt – und ist nun selbst der Soziopath, weil er seine Maßstäbe (derzeit wenigstens) nicht erneut anpassen kann.

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