:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)

Am Abend sind Rick und Father Gabriel nicht erschienen; die Versammlung beginnt ohne sie. Alle Mitglieder von Ricks „Familie“ tragen seine (und zugleich ihre) Sicht der Dinge vor; belehren die Gegenseite über ihre Naivität und Ahnungslosigkeit. Auffällig ist, daß außer Deanna kein einziger Einwohner Alexandrias sich zu Wort meldet – ausgenommen Petes Frau, die Ricks Partei ergreift. Die Argumente für die Ideologie der Gruppe wären teilweise leicht zu entkräften – wenn etwa Abraham davon spricht, daß außerhalb der Mauern ein „Meer von Scheiße“ existiere, von dem sie keine Ahnung haben, ließe sich erwidern, daß man vor Ankunft der Gruppe dieses Meer recht erfolgreich draußen gehalten habe.

Es sind die Drehbuchautoren, die dafür sorgen, daß die Alexandrier stumm und mit gesenkten Köpfen dasitzen, wie Kinder, die keine Antwort wissen, wenn Vatern eine Lektion über die Härten des Lebens erteilt; und nicht der Umstand, daß es keine Gegenargumente gäbe. Was uns gezeigt wird – das Schweigen der Stadtbewohner – erweckt den Eindruck, sie wüßten nichts zu erwidern; wieder jedoch ist dies so eingerichtet. Die Alexandrier sind nur Figuren, dazu da, eben diesen Zweck zu erfüllen: beschämt, stumm zu sein, ihr Schweigen ein Eingeständnis.

Doch selbst wenn beide Seiten sich noch einigen könnten, die Umstände sind (wie vorhergesehen) anders. Zunächst beweist Father Gabriel einmal mehr, daß man Fremden nicht helfen soll. Denn der verrückte Priester, den man unvernünftigerweise rettete, kriegt absichtlich die Tür nicht zu – schwupps sind die unterprivilegierten Hungerleider auf dem Grundstück; das hindert Rick, pünktlich zum Pow-Wow zu erscheinen, und die Ereignisse nehmen ihren vorherbestimmten Lauf (die Sequenz repliziert die frühere mit Sasha – diesmal muß Rick sich, während die anderen palavern, um die eigentlich wichtigen Dinge kümmern). Derweil verhaut Glenn einen Alexandrier, der ihn doch glatt für die gut gemeinte Erklärung, „wie die Dinge laufen“, abmurksen wollte; da sieht man mal wieder, was man von Freundlichkeit hat.

Der „Trick“ dieser Sequenz besteht darin, noch einmal alle Belege der misanthropischen These, die im Verlauf der Serie als wirklichkeitstauglich angehäuft wurden, im Block vorzuführen; sie dergestalt als Massiv an Argumenten vorzustellen, während von den Alexandriern – nichts kommt.

Nebenbei: Überlegen wir kurz, was die Folge wäre, wenn Deanna sich Ricks Sichtweise anschlösse.

Erstens: Sie müßte Rick aus Alexandria verbannen, da er sich als gefährlich erwiesen hat. Sie müßte zweitens alle Mitglieder seiner Gruppe verjagen, da sie möglicherweise ihm gegenüber loyal bleiben würden; und sie müßte drittens alle unbewaffnet vertreiben, um Racheakte auszuschließen.

Handelte Deanna also gemäß Ricks Agenda, wären er und seine Leute längst tot. Was auch heißt: Gelänge es Rick oder seinen Leuten, sie zu überzeugen, würden sie sich damit selbst zum Tod verurteilen.

Soviel zur Realitätstüchtigkeit ihres Handelns.

Das Paradoxon Alexandrias wiederum besteht darin, daß es gar nicht existieren könnte, längst überrannt worden sein müßte, träfe Ricks Konzept von Wirklichkeit zu; was jedoch durch geschickte Narration emotionalen Aufruhrs und schwelender Konflikte verschleiert wird.

An sich kann es Alexandria überhaupt nicht geben; es widerspricht der Realität der Serie grundsätzlich. Entweder müßten die Bewohner weitaus weniger unbedarft sein, als uns gezeigt wird, oder längst tot – ein Hinweis, daß sie nur zu einem Zweck vorhanden sind, der im Beleg einer These bestehen kann, oder dramaturgisch bedingt ist (denn wir werden uns noch mit der Frage befassen müssen, ob die Autoren tatsächlich eine These beweisen, und die Irrealität Alexandrias zu diesem Zweck durch Konflikte vergessen machen wollen – oder ob die ethischen und sonstigen Konflikte stattfinden, um den Zuschauer aufzuwühlen; womit die misanthropische These dann selbst einem Unterhaltungszweck diente, statt primäres Anliegen zu sein).

5 Kommentare zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)“

  1. Bin schon gespannt auf den nächsten Artikel über die Botschaft der Serie.

    Ja die Botschaft mit der vermeintlich „harte Realität“. Das Böse das nur mit Bösem bekämpft werden kann. Wer gut ist der ist naiv und kommt unter die Räder. Anscheinend (bei mir gefühlt) seit Anfang diesem Jahrtausends ein gerne postuliertes Weltbild. Warum dem Zuschauer das immer wieder suggeriert wird und zu welchem Zweck weiß ich nicht. Mir geht das ziemlich gegen den Strich, ich verstehe nicht was mit dieser Botschaft erreicht werden soll. Desillusionierung ? Wozu ?

    Sehr schön ins Bild passt die Serie „The Shield“ in die wir vor nicht allzu langer Zeit mal reingeschaut haben auf der Suche nach einer guten Serie.

    Der Hauptprotagonist Samuel „Vic“ Mackey ist ein sehr erfolgreicher Cop der aber sehr oft außerhalb des Gesetzes arbeitet und mit Bestechung, Folter und sogar Mord kein Problem hat und dermaßen Verbindungen im Verbrechersumpf hat dass er quasi schon mit dazu gehört.Um diese Verbindungen aufrecht zu erhalten muss man ihnen natürlich auch etwas bieten… Aufgrund dieser Verbindungen kommt er aber immer wieder an wichtige Informationen um Fälle aufzuklären. Obwohl der Typ der Prototyp des arroganten korrupten Arschl*chs ist wird er wohl aufgrund seiner überragenden Aufklärungsquote geduldet. Dabei wünscht man sich als Zuschauer von Anfang an dem Typen die Pest an den Hals so hervorragend wird das inszeniert und gespielt (Das muss man der Serie ja lassen).

    Der sympatische Charakter der ersten Folge der sich in die verschworene Truppe um den Hauptprotagonisten einschleust um in dem korrupten Sumpf mal aufzuräumen wird von diesem am Ende noch bei einem Einsatz kaltblütig hinterrücks erschossen weil er längst bescheid wusste.

    Die Lehre daraus: Um das Böse zu bekämpfen musst du selber böse werden, der Rechtschaffene kommt unter die Räder.
    Nach der ersten Folge haben wir regelrecht angewidert abgeschaltet. Dieses Weltbild wird da dermaßen zelebriert, es war nicht zu ertragen.

    Ähnliches befürchte ich nach deinen Beschreibungen bei „The Walking Dead“ (Das ich noch immer nicht gesehen habe).

    1. Ich hab‘ so meine Vorstellungen, weshalb solche Botschaften seit geraumer Zeit wieder sehr populär sind (ganz aus dem Denken verschwunden waren sie ja nie); ich bin aber nicht sicher, ob sie *absichtlich* in die Serie eingebaut sind, weil die Autoren selbst diese Botschaften glauben oder vermitteln möchten (zu beiden Themen in den nächsten Folgen mehr). Soweit ich orientiert bin, scheint in der sechsten Staffel, die in den USA schon läuft, auch eine Art Umschwung stattzufinden (ob er anhält, kann man wiederum auch nicht absehen).
      Vorab würde ich mal sagen, daß es eine Reihe anderer Gründe geben kann, solche ethischen Konflikte aufzubauen (Spannung, emotionales Aufpeitschen, vielleicht auch ein Kalkül betreffs des Publikumsgeschmacks).
      „The Shield“ kannte ich nicht (bin nicht so der Cop-Serien-Fan, alle CSIs gehen auch glatt an mir vorbei ;)) . . . dieses „man muß böse sein“ erinert mich allerdings an diese „24“-Serie mit Kiefer Sutherland. Nur daß der Spin hier wohl war, daß sich einer opfern muß (das Böse tun) um die Bösen zu stoppen.

      1. Einfach mal die erste Folge anschauen von „The Shield, das reicht(e) (mir) schon.
        Was mir noch einfällt zu deinem Beitrag. Als positives Beispiel hast du die Leute genannt die Flüchtlingen helfen oder Ärzte ohne Grenzen. Das ist hier aber nur bedingt vergleichbar da die nicht „mit im Boot“ sitzen. Bei The Walking Dead zumindest sitzen ja alle im gleichen Boot. Alle haben die gleichen Probleme, niemand der sagen kann „uns geht es ja gut hier, den armen Menschen muss geholfen werden“ und es gibt auch kein fliehen aus der Situation. Und hier wäre die Frage ob sich alle bei gleichen Voraussetzungen auch ähnlich verhalten würden / müssen.
        Ein interessantes Spiel zu dem Thema ist übrigens „This War Of Mine“ wo man ähnlich unangenehme Entscheidungen treffen muss wie bei „The Walking Dead“. Wo man z.B. auch schonmal überlegen muss ob man die harmlosen alten Leute in ihrem Haus ausplündert und damit zum Tode verurteilt bevor es ein Anderer tut und damit wenigstens meine Gruppe etwas davon hat.

      2. Naja, jein. Bestimmte Helfergruppen wie die Ärzte ohne Grenzen sitzen schon „mit im Boot“ – sie sind ja vor Ort, und da kann es durchaus mal passieren, daß man – wie kürzlich in Syrien – ein paar Bomben auf’n Kopp kriegt. Daß hiesige Helfer (Flüchtlinge) nicht in unmittelbarer Gefahr sind, also nicht vor der Frage „die oder wir“ stehen, stimmt natürlich (andererseits: wäre der Mensch wirklich immanent schlecht, würden sie dennoch jede Hilfe verweigern).
        Da du das Spiel und The Shield erwähnst: Ich leugne gar nicht, daß sich Menschen in bestimmten Situationen und Umfeldern moralisch ambivalent verhalten. Mich stört an solchen fiktionalen Darstellungen (Serien) oder Gedankenspielen (in Games oder als „Gedankenexperiment“) nur zweierlei.
        Erstens ist die vorgegebene Situation schon künstlich so zugerichtet, daß sie bestimmte (unmoralische) Entscheidungen suggeriert, bzw. kaum eine andere Wahl läßt (die Vorgabe ist quasi so „hingedreht“); dabei handelt es sich i.d.R. um katastrophale Ausnahmesituationen (inwieweit The Shield eine Ausnahmesituation schildert oder das „normale“ Ghettoleben realistisch wiedergibt, müßte man natürlich diskutieren; ich hab’s nie gesehen und würde eher an Serien wie 24 denken, die Folter „rechtfertigen“).
        Zweitens wird dann aus der Ausnahmesituation, die zudem noch so manipuliert ist, daß man sich mies verhalten „muß“, eine Lehre für das Zusammenleben im gesellschaftlichen Normalfall konstruiert.
        Genau das thematisiert The Walking Dead nun meiner Meinung nach in der fünften Staffel: Ist das, was die Gruppe „lernen“ mußte, um zu überleben, nur für die zombiekatastrophale Situation gültig, oder immer? Rick würde diese Frage bejahen. Der Mensch ist auch in der gesellschaftlichen Realität ohne Krieg, Seuchen etc. des Menschen Wolf.
        Und hier wird’s m.E. gefährlich. Wenn man diese Botschaft inhaliert, weil sie einem z.B. in Zeiten wirtschaftlichen Konkurrenzkampfs opportun erscheint, schafft man eine soziale Realität: alle verhalten sich entsprechend, so, als gäbe es keine Alternative. Dabei „beweist“ diese menschenfeindliche Sicht der Dinge sich zirkelschlüssig selbst: alle benehmen sich asozial, weil sie entsprechend indoktriniert sind, und weil sich alle so verhalten, wirkt ihr Verhalten „naturgegeben“, dem Menschen quasi angeboren.
        Die 6. Staffel von The Walking Dead scheint – gesehen habe ich sie bisher nicht, bloß darüber gelesen – das übrigens aufzugreifen: Rick wirkt darin mehr wie jemand, der sich der neuen Situation nicht anpassen kann, und seiner Truppe zunehmend suspekt wird. Er hat sich an das „Überleben des Stärkeren“-Szenario außerhalb Alexandrias angepaßt – und ist nun selbst der Soziopath, weil er seine Maßstäbe (derzeit wenigstens) nicht erneut anpassen kann.

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