:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Warum erscheint die Botschaft, daß der Mensch „an sich böse“ sei, man niemandem helfen solle (als Ausrede: nicht könne), und sich sogar vorsorglich selbst egoistisch gegen seine Mitmenschen wenden müsse, so populär? Immerhin scheint eine Vielzahl von Unterhaltungsformaten, die besonders erfolgreich ist, gerade auf dieses Bild zu vermitteln.

Wir begeben uns hier in den Bereich der Spekulation, da umfassende empirische Daten zur Rezeption von The Walking Dead nicht verfügbar sind, wie ja überhaupt den Anlaß zur Abfassung eines Essays meist darin besteht, daß Ressourcen und institutionelle Möglichkeiten zu empirischer Forschung fehlen; ganz ohne empirische Basis wollte Herr Sathom allerdings nicht auskommen, und hat daher eine umfassende Suche nach Online-Äußerungen zur Serie durchgeführt, die in einer weiteren Folge ausgewertet wird. Nur würde er das Ergebnis nicht als „statistisch relevant“ bezeichnen..

Immerhin haben wir den Anhaltspunkt, daß Serien, die ein negatives Menschenbild betonen, unabhängig vom Sujet Konjunktur haben.

The Walking Dead läuft hervorragend, und ist derzeit auf elf bis zwölf Staffeln projektiert. Die Serie Defiance hingegen, die ein postapokalyptisches Szenario anders behandelt – hier gelingt es, ein sicherlich fehlerhaftes, teilweise korruptes, doch ohne ständigen Massenmord funktionierendes Gemeinwesen aufrecht zu erhalten – mittlerweile nach drei Staffeln eingestellt. Serien mit vergleichbarer Botschaft wie Game Of Thrones oder House Of Cards erfreuen sich zugleich immenser Beliebtheit.

Nehmen wir die Aussage der Serienschöpfer ernst, daß es bei TWD nicht um die Zombies, sondern die Menschen geht, müssen wir zugestehen, daß der genreübergreifende, gemeinsame Nenner derzeit sehr beliebter Serien deren Misanthropie ist; wobei TWD zuletzt offen diskutierte, ob die „Wirklichkeit“ darin bestünde, daß der Mensch eine Bestie sei. Was, da wie erörtert vor der Katastrophe zugleich nach der Katastrophe ist, bedeuten würde, daß er es immer ist. Die Wirklichkeit der Zombiewelt also auch die unserer Gesellschaft.

Kann es sein, daß eben diese Botschaft dem Zuschauer willkommen ist?

Suchen wir nach Indizien.

Wenn Rick seinen Sohn Carl davor warnt, Anderen zu trauen, ihm einschärft, daß er gerade unter vielen Menschen nicht sicher sei; wenn sich der Vorbehalt gegenüber dem Fremden immer wieder bestätigt; entspricht das nicht Einstellungen, die in unserer Gesellschaft zunehmend verbreitet sind?

Das paranoide Mißtrauen, das gerade das Verhältnis der ökonomisch besser Gestellten prägt (zu Angehörigen derselben Schicht wie gegenüber denen anderer Schichten), derjenigen, die ihre Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen lassen, verweist auf die existentiellen Ängste, die sich in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung als allgemeines Mißtrauen, als Furcht vor unspezifischen Gefahren äußern.

In Herrn Sathoms Kindertagen konnte ein Erstklässler, der eine Woche nach der Einschulung noch an Muttis Hand erschien, sich allgemeinen Spotts sicher sein; heute begleiten, wie Fernsehberichte und dem Verfasser bekannte Eltern bezeugen, Erziehungsberechtigte ihre Kinder bis zur dritten Klasse bis ins Schulgebäude, sofern dessen Hausherr dem Spuk nicht wehrt. Es ist dies nur ein Beispiel von vielen. Die urban paranoia, die laut Stephen Kings Essayband Danse Macabre: The Anatomy of Horror der Autor Ira Levin in Rosemary’s Baby dem New Yorker attestiert, scheint auch hierzulande allgemeine Grundhaltung geworden.

Der Andere, der uns entgegentritt, ist potentiell ein gefährlicher Freak – und zwar immer; das ist das Lebensgefühl der Generation Hubschrauber, die ihre Kinder am liebsten bis in den Klassenraum begleiten würde; die überall, in Jedem, den Feind wittert. Und wenn nicht diesen, so den störenden Spinner, der einem in der U-Bahn die Obdachlosenzeitung feilbietet – auch den läßt man tagtäglich zum möglichen Verrecken unverrichteter Dinge ziehen, wie Rick den später gefressenen Wanderer, der ebenso weinerlich wie manch ein Bettler dem Auto hinterher fleht (wer weiß, was man sich einhandelte, rettete man den und hätte ihn dann am Hacken).

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