:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Jeder ist ein Gegner, selbst ungefährlich eine Gefahr, wie neue Gruppenmitglieder in der Serie, die sich dann als unfähig herausstellen. Man muß sich vor solchen Gestalten schützen – und ganz besonders die Kinder. Schließlich hat man in die investiert, Unmengen Geld für kursgefüllte Tage ohne Freizeit, damit sie dereinst Supersoldaten im gesellschaftlichen Verteilungskampf jeder gegen jeden werden; dieser Investition, stets auch eine emotionale ins eigene Ego, gilt die Furcht, nicht dem kleinen Wesen aus Fleisch und Blut. Daß einfach alle anderen Feinde sind, ist ein Grundgefühl, das diese Generation, diese Gesellschaftsschicht, gewiß kennt; und sich so im fiktiven Zombieland verstanden fühlt.

Die Botschaft, daß der Andere Übles im Schilde führt, man sich seiner mit allen Mitteln zu erwehren hat und Notleidenden keinesfalls helfen darf, dürfte den Angehörigen einer Ellbogengesellschaft also höchst bequem sein. Als Ausrede, als Rechtfertigung; als Begründung ihres Verhaltens, von dem sie sich nun sagen können, daß es auf einer realistischen Sicht der wirklichen Welt beruhe.

Auch für den Zaudernden hat diese Ideologie einen Ausweg parat: den, daß man irgendwann keine Wahl mehr habe. So zieht auf io9 der Rezensent des Walking Dead-Spinoffs Fear the Walking Dead aus dem Schicksal eines der Handlungsträgers die Lehre:

„We’d want to remain the best person we could be… until we couldn’t.“ Was unvermeidlich passieren muß. Denn so funktioniert die Welt; mithin einfach Alles.

Kommen wir auf Günther Anders zurück, dessen These lautete, das Zusammenfügen und Weglassen von Aspekten der Wirklichkeit schaffe einen Mikrokosmos, der seine künstlich präparierte Scheinrealität für das „Ganze“, das lückenlose Bild der Wirklichkeit ausgibt. Dieses Weltbild, so Anders, sei pragmatisch – also darauf ausgerichtet, „unser Handeln, unser Erdulden, unser Benehmen, unser Unterlassen, […] mithin unsere gesamte Praxis überhaupt, zu formen“.

Pragmatisch: Das allerdings hieße, daß wir aus misanthropischen Erzählungen Lehren zu ziehen suchen, wie wir uns verhalten könnten; oder Rechtfertigungen für solches Verhalten.

Gewiß, Situationen, die einem tatsächlich keine Wahl lassen, etwa Selbstverteidigung erfordern, kommen vor. Innerhalb einer Serie oder sonstigen fiktionalen Erzählung sind sie jedoch ebenfalls konstruiert. Wenn in Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive Vampire, die nicht töten wollen, es am Ende doch tun, die Frage „What choice do we have?“ auf den Lippen, wird deren Heuchelei offensichtlich – natürlich hätten sie eine Wahl. Keine leichte, gewiß – nicht jeder ist ein Held. Auch darüber trösten uns Geschichten, die den Figuren „keine Wahl“ lassen, so wie auch der Topos der „moralischen Grauzone“, der ähnlichen Zwecken dient. Hier erweisen sich die Autoren von The Walking Dead als weniger plump – in Morgan präsentieren sie einen Protagonisten, der sich verteidigt, wenn er muß, ohne aus Prinzip „vorsorglich“ bis zum Äußersten zu gehen. Zu diesen Brüchen, die ihre Weltdarstellung nicht einseitig werden lassen, später mehr.

In welchem Ausmaß vermeintliche „Wirklichkeit“ zur Ausrede für eigenes Handeln gerät, zeigt sich immer dann, wenn die Protagonisten Menschen, die von Zombies bedroht werden, nicht helfen – weil sie nicht können, wie Rick nicht müde wird, zu betonen. Denn ihnen, den längst perfekten Killern, die sich sonst mühelos durch ganze Zombiekohorten metzeln, wird ein Dutzend langsam-behäbiger Beißer dann plötzlich zu unbesiegbaren Übermacht. Die Wirklichkeit, die ihnen den Versuch verwehrt, besteht nicht so sehr in der Übermacht der Untoten, sondern als Haltung in ihren Köpfen (der des Egoismus nämlich); gegen diese innere „Wirklichkeit“ zu handeln, wäre allerdings enorm schwierig. Es würde ihnen die Rechtfertigung ihrer eigenen Untaten rauben – deshalb „können“ sie „wirklich“ nicht.

Ein Gedanke zu „:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.