:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Wobei es immer dann, wenn das Drehbuch es erfordert – etwa, um Gabriel in die Handlung einzuführen – eben doch geht. Zur Not läßt man ein paar Beißer weniger aufmarschieren. „Realität“ ist also in der Serie auch von den Autoren so zugerichtet, wie es eben gerade paßt; möglich oder unmöglich, was jeweils benötigt wird. So wie auch wir aus den Angeboten ethischer Verhaltensregeln das herauspicken, was uns gerade opportun erscheint. Darin imitiert die Serie unser eigenes Verhalten, bzw. inszeniert es dramaturgisch.

Man kann einwenden, daß wohl niemand eine einzelne, oder auch mehrere eindeutig fiktionale Serien als philosophischen Leitfaden oder gar Handlungsanweisung auffassen wird; wogegen mit Anders zu sagen wäre, daß nicht die einzelne Sendung, sondern die Gesamtheit des Gesendeten unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit konstituiert. So wie Werbung uns sicher nicht dazu bringt, wie hypnotisiert vom Fernseher weg in den Supermarkt zu marschieren, um uns eine Pulle Käpt’n Schotenbruch zu holen, aber als Ganzes eine Haltung erzeugt – die, daß man sich durch Konsum Ersatzbefriedigung für emotionale Bedürfnisse verschaffen könne, durch Besitz von Produkten die Anerkennung der sozialen In-Group, und so fort.

Und so wimmelt es neben den genannten Serien von „Wirklichkeit“ konstruierenden Beispielen. Die Scripted Reality-Shows, die uns zeigen, daß wir von Heeren idiotischer Versager umgeben sind; die True Crime-Dokumentationen, die uns belehren, daß hinter jeder Ecke Scharen psychotischer Mörder und Kindesmißhandler lauern (obwohl die Verbrechensraten sinken); die Omnipräsenz der Börsenberichte, die uns ständig spüren lassen, daß globale Verwerfungen unsere Existenz bedrohen können; sie alle präsentieren uns in ihrer Summe eine Welt, in der man sich ständig bedroht fühlen, vor dem anderen hüten, ihn verdächtigen muß.

Falls unsere Vermutung plausibel ist, daß TWD uns als „Wirklichkeit“ präsentiert, was wir als solche sehen wollen, bestätigt uns die Serie wohl eher, was wir bereits „wissen“, als daß sie uns ein Weltbild erst vermitteln müßte. Dann allerdings diente sie uns als weiterer Baustein zur Rechtfertigung eines faulen Zynismus, der uns im Zustand allgemeiner Paranoia und Entsolidarisierung entgegenkommt: Jeder Fremde ist ein Schuft, Mißtrauen gegenüber Allen immer angebracht; mehr noch, die vorauseilende eigene Schurkerei gerechtfertigt, um der unausweichlichen des Gegenübers zuvorzukommen.

Unsere Zivilisation, heißt es in einer älteren Spiegel-Kolumne zur Zombie-Welle, beruhe darauf, „dass alles, was über eine gewisse Grenze getragen wird, auch dort bleibt – das reicht von der Kanalisation über die Müllabfuhr bis hin zu unseren Friedhöfen. “

Nehmen wir probehalber an, das gälte auch für soziale Grenzen.

Träfe dies zu, ließen sich die wandelnden Leichen auch als die „Randgruppen“ der Gesellschaft interpretieren – die Armen, Arbeits- und Obdachlosen, deren Andrang beim Versuch, wieder herein zu kommen in die Gesellschaft, die sie verwarf; fortwarf. Die Entscheidung, einen Menschen nicht vor den Zombies zu retten, könnte dann als Beschluß interpretiert werden, seinen sozialen Abstieg nicht zu verhindern (weil er potentiell ohnehin wertlos ist; schließlich kann er sich nicht selbst retten, wie es Ricks Leute, die Leistungsträger der neuen Ordnung, schaffen); also als Ausdruck der Entsolidarisierung in der kapitalistischen Gesellschaft. Jemanden den Zombies aktiv auszuliefern (indem man ihn etwa aus einer Safe Zone verbannt), hieße dann, ihn auf seinen Platz zu verweisen – bei denen, die „draußen“ sind, da er durch irgendein Vergehen bewies, daß er nicht besser als sie ist. Seine Verwandlung ordnet ihn nur dort ein, wohin er ohnedies gehört – in einen Raum, wie es die bürgerliche Mitte gern formuliert, „außerhalb der Gesellschaft“; er wird zu einem von „denen“.

So wahrgenommen diente The Walking Dead weniger als sozialer Kommentar denn als antisoziale Agenda – Handlungsanweisung und Rechtfertigung für Verhaltensweisen und Einstellungen in der kapitalistischen Gesellschaft (und der globalisierten – Zombiekatastrophen sind nie lokal begrenzt).

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