:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Strapazieren wir die These ruhig ein wenig. Lizzie, das Mädchen, das die Walkers nicht als Monstren, sondern einfach nur etwas „andere“ Leute betrachtet, erweist sich zuletzt als wahnsinnig und hochgefährlich; muß darum selbst getötet werden. Seine Schwester starb zuvor zwecks Bestätigung von Carols These, daß umkäme, wer „Gutes in sich trägt“.

Erwachsene wissen, daß kleine Kinder oft spontan Mitleid mit Bettlern und Obdachlosen bekunden, und von ihnen weggezerrt werden müssen. Wenn The Walking Dead die Rechtfertigung des mitleidlosen Egoismus der sozialen Eliten ist, wäre Lizzie gewissermaßen des Vergehens schuldig gewesen, nicht zu hören, wenn man ihr sagt, „die da“ links liegen zu lassen.

Und der Quengler, der „Hilfe! Hilfe!“ schreit, aber von Rick & Co. leider einmal mehr nicht gerettet werden „kann“, ist eben noch so einer, der in der U-Bahn nervt, weil er ein schäbiges Bißchen Leben im Wert eines Euros abhaben will.

In TWD trägt Jeder den Zombievirus bereits in sich – auch wen Menschen töten, der wird verwandelt (sogar mit größerer Wahrscheinlichkeit). Wer Menschen zu sehr vertraut, noch „Gutes in sich hat“, ist besonders gefährdet – und gefährdet auch seine In-Group.

Bist du empathisch, solidarisch, könnte daher ein wirtschaftsliberaler Subtext der Serie lauten, wirst du einer von denen – diesen sozialen Absteigern, die zerlumpt und ausgehungert, geistlos (also ungebildet) durch die Gegend schlurfen; die bettelnd ihre Hände ausstrecken, weil sie etwas von dir haben wollen. Die Armen, hieße das, wollen uns zu sich hinabziehen in sozialistischer Gleichmacherei; oder uns gleich ganz ausplündern, bis zu den Organen. Wer „sozial“ denkt und handelt, unterstützt sie dabei.

Das mag überinterpretiert scheinen, illustriert jedoch den Punkt.

Die These vom an sich und primär „bösen“ Menschen ist nicht neu. Wie ihre Gegenthese, daß der Mensch immanent ausschließlich gut sei, beruht sie auf einer Wahrnehmungsverzerrung.

Dialoge wie der zwischen Rick und seinem Sohn, andere Gespräche und Situationen, inszenieren nur dramaturgisch die Unsicherheit, die wir in unserer gesellschaftlichen Realität empfinden angesichts wirtschaftlicher Existenzbedrohung, wachsender globaler Konkurrenz und Umbruch alter Strukturen, zuletzt und aktuell in der Flüchtlingskrise. Die Beschreibung des menschlichen Zustands erscheint uns darum so plausibel, weil wir sie zu kennen glauben. Mord und Totschlag unter den Überlebenden (statt solidarischer Kooperation) spiegeln unsere beruflichen Konkurrenzkämpfe wieder, so wie das paranoide Verhältnis des Menschen zum Mitmenschen unser eigenes im brutalen Kapitalismus.

Versteht man The Walking Dead jedoch als getreues Abbild eines Naturzustandes, wird die Serie zum Lieferanten einer zynischen Legitimation, sich im alltäglichen Überlebenskampf (als der sich das gesellschaftliche Gegeneinander-statt-Miteinander inzwischen für Viele anfühlt) wie ein Arschloch zu verhalten – die anderen sind ja auch welche. Hielte man sich zurück, sie kämen einem bloß zuvor.

Ausgeblendet wird bei solcher Rezeption, daß dieser „naturgegebene“ Zustand unserer Gesellschaft in Wirklichkeit erst von uns geschaffen wird. Wir sind die entsolidarisierten, in existenzbedrohende Konkurrenzkämpfe verwickelten Gegner unserer Nachbarn – weil wir da mitmachen; unsere Entschuldigung, wir hätten ja keine Wahl, bestätigt uns noch einmal The Walking Dead.

Die Serie zeigt uns ja, daß die Menschen schlecht, jeder eine Bedrohung ist; blöd nur, daß die Beweise fingiert, die Situationen (etwa die Vorgeschichte der Kannibalensiedlung Terminus) so konstruiert sind, daß sie die These belegen. Als realistisch empfinden wir die Erzählung, da sie unseren Erwartungen entspricht, bestehende Vorurteile aufgreift. So übersehen wir gern, daß jedes Geschehen, jedes Verhalten der handelnden Personen, immer noch frei erfunden ist; eben dafür gesorgt wurde, daß sich hauptsächlich „schlechte“ Menschen begegnen, stets die schlimmste Wendung eintritt, immer die inhumane Entscheidung unausweichlich ist, oder von vornherein die bessere gewesen wäre.

Wir wollen diesen Themenbereich einstweilen verlassen, um in der nächsten Folge zu fragen, ob die Autoren der Serie das, was hier beschrieben wurde, intendieren könnten, oder nicht.

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