:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (IV)

In Teil II dieser Erörterung wurde schon darauf hingewiesen, daß die Vermittlung der vermeintlichen „Botschaft“ der Serie nicht deren primären Zweck darstellen muß; sondern daß die Botschaft womöglich selbst einem Zweck dient. Dem, den Zuschauer durch Konflikte zu unterhalten; ihn aufzuwühlen; ihm Schockmomente zu liefern.

Das dabei diskutierte Beispiel Alexandrias verweist auf einen weiteren möglichen Zweck. Konflikte zwischen Protagonisten, die unterschiedliche ethische Standpunkte vertreten, ermöglichen dem Zuschauer die Parteinahme; er kann mit den einen oder den anderen fiebern, sich über die bloße Zeit des Anschauens einer Folge hinaus mit ihren Erlebnissen befassen. Mehr noch – ihre Auseinandersetzungen kann er öffentlich und im Freundeskreis diskutieren, und so die Serienwirkung und seine Bindung an die Franchise zeitlich und kommunikativ ausweiten.

Die Debatte in Online-Foren, das Gespräch mit Bekannten, erweitern das Serienerlebnis über den Fernsehabend hinaus; und Konflikte, die an die Grundfesten unseres Menschenbildes und unserer Moralvorstellungen rühren, sind hervorragend geeignet, diese Wirkung zu erzielen.

Dennoch – Belege für eine hauptsächlich vertretene Botschaft werden immer wieder geliefert, und das weit häufiger als Gegenbeispiele.

„Gut“ zu sein oder kein Mörder, wird in Dialogen explizit mindestens als Dummheit, ggf. als gefährlicher Wahn dargestellt; die Mehrzahl der Situationen, in die Protagonisten geraten, rechtfertigen diese Sichtweise. Wobei man genauer sagen sollte: die Situationen, in die sie von den Autoren gebracht werden.

Denn die zombiekatastrophale Welt ist wie gesagt eine künstliche, die gezielt so eingerichtet wurde, daß sie sozialdarwinistische Thesen bestätigt; ist, unter Ausblendung anderer Faktoren, wie zu deren Beweis konstruiert. Das immerhin läßt sich von ihr sagen, unabhängig von der konkreten Intention ihrer Erbauer.

Ähnliches gilt für andere fiktive Welten, etwa die von Game Of Thrones. Was sich hier realistisch mittelalterlich gibt, ist lediglich authentisch – im kommunikationswissenschaftlichen Sinn des Wortes, d.h., daß es Realismus nur geschickt vortäuscht.

Als Ausdruck solcher Wirklichkeitstreue wird häufig gelobt, daß auf Westeros auch die Guten sterben (sogar bevorzugt); was vielleicht deswegen so regen Zuspruch findet, weil es unseren Wunsch nach der tröstlichen Botschaft befriedigt, daß Idealismus sich nicht lohnt. Wozu also die Anstrengung? Und wie bei den wandelnden Toten lautet auch hier der Subtext: die Anderen sind ja auch Arschlöcher. Irgendwann muß man eh zum Schwein werden, um sich ihrer zu erwehren, also was soll’s.

Und als Glenn während der Flucht aus Terminus darauf beharrt, einen weiteren Gefangenen der Kannibalen zu befreien, gefährdet dies prompt das eigene Entkommen; der Gerettete entpuppt sich dabei als offenbar Wahnsinniger. Eine erneute Inszenierung des Beweises, daß Helfen falsch ist (der Bursche hätte ja auch nützlich sein können; keine Wirklichkeit, sondern die Autoren entschieden, daß er es nicht war). Glenns Ausruf „Wir sind noch so!“ überführt ihn, noch der alten, als Schein entlarvten Wirklichkeit des „vor der Katastrophe“ anzuhängen – ein fataler Fehler. Er besteht in Menschlichkeit und Mitgefühl.

Noch einmal: Verweist das auf eine Botschaft?

In Teilen. Ob sie beabsichtigt ist, sei dahingestellt. Betrachten wir die Ereignisse in Alexandria, zeigt sich deutlich, daß es den Autoren vornehmlich um emotional aufwühlende Konflikte geht; während Terminus und die Wolves in erster Linie Anlaß zu Splatter-Grauen geben. Das erste Ziel ist also die Schaffung fesselnder Unterhaltung.

Und das ist gut so, soll auch keine Klage gegen die profitorientierten Könner darstellen; nur die Perspektive zurechtrücken. Sie schreiben keine Anthropologie samt Anleitung zum Leben.

Ob den Autoren unabhängig von bewußter Absicht eben ihr Menschenbild in die Story rutscht, kann dabei als belanglos betrachtet werden, so lange nicht das Publikum Lehren aus reiner Unterhaltung zu ziehen sucht, die diese eben einfach nicht enthält – die dieses Publikum aber enthalten wünscht.

Denkbar ist, daß die Autoren ohne bewußte Absicht Menschen- und Weltbilder reproduzieren, die ihnen selbst geläufig sind oder plausibel erscheinen.

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