:: A propos de Cologne II – Anzeigenflut

Im ersten Beitrag ging es um die Reaktion der konservativen Männlichkeit auf Frauen, die angesichts der Untaten von Köln darauf hinweisen, daß sie schon seit Langem Übergriffe europäischer Männer vergeblich beklagen. Tenor: Das sei alles gar nicht wahr; die Silvesternacht beweise, was für Ungeheuer da aus dem Orient herankrebsen, jeder Vorwurf an westliche Männer hingegen sei weiterhin weibliche Hysterie (das Wort belehrt den Lateiner: sowas kommt von der Gebärmutter; physiologisch bedingter Schwachsinn eben). Kurios dabei, wie diese Helden des Abendlandes sich zugleich dahingehend äußern, die renitenten Weibsbilder müßten bloß mal ordentlich und so weiter.

Kurz, der bisher gegen jeden Aufschrei“ bei Twitter oder sonstwo aufrecht erhaltene Mythos, Männer täten so etwas nicht, Feministinnen etc. würden bloß Unfug reden, soll weiter bestehen (ab jetzt nur mit der Ausnahme des Fremden).

So lassen sich auch Kommentatoren nicht lumpen und fabulieren, diese Frauen betrieben „Relativierung“. Behaupten also, daß Frauen, die sonst gegen Männergewalt eintreten, diesmal die Täter schützen bzw. deren Taten leugnen wollten – aus ideologischer Verblendung, oder aus, na, Gründen halt, weil, vermutlich weiß der betreffende FAZ-Kommentator das auch nicht so genau. Sein „Argument“: Die Anzahl der Übergriffe, die Frauenberatungsstellen und Feministinnen melden, wären erfunden, sein „Beweis“: es gäbe nicht entsprechend viele Anzeigen. Nur angezeigte Taten existieren – die Angaben irgendwelcher Beratungsstellen, wie viele Frauen sich an sie wenden würden, sind kraft feuilletonistischer Order Quatsch.

Nun liegen diesmal, da es sich um nichteuropäische Täter handelte, Anzeigen in enormer Zahl tatsächlich vor; daran gibt’s nichts zu deuteln. Sie sind ein Hauptargument derer, die Frauenverachtung einseitig am fremden Mann feststellen möchten. Gerade dem Fremdenhasser dienen sie als „Beweis“, daß „der Ausländer“ des Teufels sei.

Und so schreit er nun, daß man die unbequemen Wahrheiten endlich aussprechen müsse, das furchtbare Diktat der political correctness aufheben; doch daß Frauen oft nicht wagen, Übergriffe anzuzeigen, weil sie wissen, daß ihre Schilderung reflexartig bezweifelt, ihnen selbst die „Schuld“ zugeschoben wird („Warum muß die auch im Minirock …“), daß für sie eventuell mit einer Anzeige der Horror erst beginnt (auch wenn all das besser geworden scheint), ist auch eine „Wahrheit“.

Hypothese: Hängt die enorm hohe Anzeigenzahl nach Silvester vielleicht damit zusammen, daß sich diesmal einfach mehr Opfer trauen, eine Anzeige zu erstatten, weil sie bemerkt haben, zur Abwechslung einmal ernst genommen zu werden? Und zwar, weil der Täterytp der Öffentlichkeit, der Politik, der Gesellschaft opportun erscheint? Weil sie die Taten diesmal also, ohne weitere Erniedrigungen fürchten zu müssen, anzeigen dürfen?

Herr Sathom hält das immerhin für möglich: Da sich alle xenophoben Lieblingsphantasien an diesen Tätern hervorragend abarbeiten lassen, darf diesmal endlich wirklich passiert sein, was sonst abgestritten wird. Immerhin sickerten die Anzeigen (deren Strom ja nicht sofort begann) erst spärlich, nach den ersten Tagen jedoch immer stärker – d.h. sobald das öffentliche Echo den Opfern signalisierte, diesmal wären deutsche Männer und Medien schockiert, empört, schenkten ihnen Glauben.

Wie wär’s denn stattdessen damit: Doch, es kann auch beim Oktoberfest, in der U-Bahn, im Alltag so viele Übergriffe geben, wie Frauenorganisationen mitteilen. Nur daß diesmal die Öffentlichkeit den Opfern zeigt, daß sie auf allgemeinen Glauben hoffen dürfen, statt sich nur verschämt einer Beratungsstelle anvertrauen zu können. Und dort loszuwerden, wovon die empörte Männlichkeit nachher erzählt, es sei nicht passiert, und Frauenorganisationen spinnen ja. Insofern wirkt auffällig, daß diejenigen Frauen, die jetzt auf die Übergriffe auch deutscher Männer hinweisen, wie Nestbeschmutzerinnen behandelt werden.

Die Anzeigenzahlen selbst sind allerdings nur bedingt verläßlich. Dienstag abend war die Anzeigenflut laut Videotext auf über 800 geschwollen, davon 521 wegen sexueller Übergriffe; am Samstag auf 880, von denen plötzlich weniger – 414 – auf Übergriffe entfielen, der Rest auf Taschendiebstähle und andere Kinkerlitzchen. Ein Teil also auf Delikte, die vermutlich jede Silvesternacht, bei jeder Massenveranstaltung überhaupt, zustande kommen – aber nicht weiter breitgetreten, oder überhaupt der Polizei gemeldet werden. Der Anteil sexueller Delikte ist, konkrete Zahlen einmal beiseite, immer noch hoch und erschreckend. Würde nun jemand behaupten, mit diesen Anzeigen, die Wochen nach den Taten eintrudeln, stimme etwas nicht – sie würden sich z.B. irgendwo auf einem Computer selbst schreiben – würde das zu recht als Verschwörungstheorie zurückgewiesen. Daß aber Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen für Frauen Sexualdelikte erfinden sollen, verkaufen uns die Leugner pausbäckig als Fakt.

Sie sind echt, diese Anzeigen, gewiß (bei den Abweichungen können Irrtümer und „stille Post“ eine Rolle spielen) – doch kämen sie auch ohne die öffentliche Solidarität mit den Opfern, und vor allem, kamen sie zuvor nie, weil stattdessen öffentliche Ablehnung drohte? Einer Sache ist Herr Sathom nämlich auch gewiß: Würden plötzlich hunderte Übergriffe eindeutig deutscher Männer von Frauenorganisationen behauptet, und in der Folge lawinenartig angezeigt, wären wohl längst Stimmen laut geworden, die Menge der Anzeigen sei absurd, so viele Vorkommnisse könne es gar nicht gegeben haben; eine Verschwörung der Emanzen müsse dahinterstecken (Der männliche Leser, der sich das nicht vorstellen kann, mag sich einer kurzen Selbstprüfung unterziehen. Würde er es glauben? Glaubte bisher den Frauen, die ohne Anzeigen argumentierten?).

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