:: A propos de Cologne II – Anzeigenflut

Der Verdacht drängt sich auf, daß die lauthalse Aufregung über die primitiven Fremden nicht nur xenophoben Zwecken dient, sondern auch dazu, den Dreck vor der eigenen Tür weiterhin zu verbergen, indem der Schmutz der Anderen darüber gekehrt wird. Die Botschaft lautet: Westlich sozialisierte Männer tun „so etwas“ nicht, basta – selbst wenn sie es tun. Irgendwie „macht“ ihre fortschrittliche Kultur, daß sie bloß freundlich waren, und diese Frau da muß paranoid sein, irgendwie die Hormone, hahaha, diese Weiber halt. Selbstblindheit: „Ich kann gar nicht frauenfeindlich handeln, denn ich bin ja Kulturmensch. Meine Absichten waren lauter, ich wurde bloß mißverstanden von diesen tollwütigen Emanzen, aber dieser Dschungelmann da, der …“ usw., usf.

So kommt „der Ausländer“ gerade recht, um von einem selbst abzulenken; der selektive Blick faßt da, wo es opportun ist, scharf ins Auge, was er am eigenen Leib ignoriert. Besser noch – der Beobachter kann sich gegenüber dem Biest aus dem Ausland über das empören, was er bisher überhaupt leugnete: das bloße Vorkommen solcher Übergriffe. Eine schöne Möglichkeit für den deutschnationalen wie gesellschaftlich gemitteten Minipatriarchen, sexuelle Gewalt endlich zu thematisieren – ohne selbst Thema zu werden. Die Sicht auf eigene Probleme, die unsere immer noch reichlich patriarchale Gesellschaft aus vergangenen Zeiten mitschleppt, soll weiterhin verstellt bleiben; dabei gäb’s da Einiges zu sehen.

Wußten Sie beispielsweise, daß in Deutschland bis 1997 Vergewaltigung als „außerehelich“ definiert, Vergewaltigung in der Ehe somit kein Straftatbestand war? Erst die Aufhebung des Fraktionszwangs ermöglichte, daß ein fraktionsübergreifender Gruppenantrag der weiblichen Abgeordneten für die rechtliche Gleichstellung ehelicher und außerehelicher Vergewaltigung sorgte, was CDU/CSU-Männer noch in den 80ern regelmäßig abschmetterten. Eben die Art konservativer, deutscher Männer also, die jetzt lautstark den hormontriefenden Urwaldunhold beschwören. Wie wenig weit Sensibilitäten europäischer Männer übrigens reichen: Der Spiegel-Artikel spricht sich für die Position der Frauen aus, die das Gesetz ändern wollen; aber was soll das dazugehörige Titelbild ausdrücken? Voyeurismus?

Da ist es schon komisch, lächerlich nämlich und fast ein wenig erbärmlich, wenn sich ausgerechnet unsere noch immer Anti-Emanzipierten nun als Ehrenretter der Frauen aufspielen möchten, als wären sie Ritter aus dem, äh, Moment – oh. Dem Mittelalter. Oder wenn Männer den Frauen vorwerfen, die Kölner Ereignisse zu relativieren, nachdem das Männerkartell noch bis knapp vor der Jahrtausendwende vergewaltigenden Ehemännern carte blanche geben wollte.

Auch das auffällig, nicht wahr? Treten die Frauen selbst für ihr Recht auf Unversehrtheit ein, wollen ihnen dieselben Leute übers Maul fahren. Nun aber reißen sie das Anliegen der Frauen an sich: Männersache. Wehe, wenn frau sich selbst verwahren, verteidigen, auflehnen möchte, das ist dann PMS. Man gewinnt beinahe den Eindruck, als ob sie das nach Auffassung konservativer Männer nicht dürfe. So wie die Herren der Schöpfung ihr bisher stets vorschreiben wollten, wie sie ein Geschehen hätte wahrnehmen sollen, diktieren sie ihr jetzt, wessen Taten sie einzig und allein als Übergriff zu empfinden hätte.

Diesen erklärt ab jetzt die Herkunft – er wird nicht mehr grundsätzlich geleugnet, sondern als ethnisch-kulturelles Problem ausschließlich der Anderen verortet. Das grelle Licht, in das Köln und Hamburg getaucht werden, soll wohl die Augen, die sich davor nicht schließen dürfen (was ja richtig ist), zugleich verschleißen, erblinden lassen für das, was mit dem eigenen Kulturgut nicht stimmt. Denn, nicht wahr, daß aufrechte Hiesige ihre Kultur in einer Wertegemeinschaft erwerben könnten, die ihre Männlichkeit mittels Frauenklischees in Boulevardschmierblättern und im Puff sozialisiert, ist ja wohl undenkbar. Daß sie sich entsprechend aufführen könnten, noch mehr.

Falls es noch einmal betont werden muß: Die in Köln und anderswo in der Silvesternacht begangenen sexuellen Übergriffe und Straftaten sind widerlich, abscheulich, abstoßend; gegen die Urheber muß vorgegangen werden. Streng, scharf, unnachsichtig. Und wenn da kriminelle Netzwerke am Machen sind, aufdecken, ausheben, wenn es sich um ausländische Clans handelt, das natürlich auch so benennen, ohne auf alle Migranten zu verallgemeinern. Herr Sathom kann sich schließlich nicht erinnern, daß jemand wegen Herrn Hoeneß alle Deutschen zu Steuerhinterziehern, oder wegen VW zu Wirtschaftskriminellen aus Veranlagung erklärt hätte.

Und das ist eigentlich alles.

Stattdessen geschehen derzeit drei Dinge. Erstens, die Untaten vermutlich organisierter Krimineller sollen zum Generalverdacht gegen alle Flüchtlinge, Migranten, nennt sie wie Ihr wollt, ausgeweitet werden, und damit bestätigt, daß die Inhaber des Vorurteils die ganze Zeit recht hatten. Zweitens soll es bei der Gelegenheit den Befürwortern der Einwanderung und anderen Warmduschern („Multikulti-Romantikern“ etc.) mal wieder so richtig gezeigt werden. Und wenn man schon dabei ist, kann die Frauenbewegung auch noch gleich ein paar mit dem Ellbogen abkriegen. Drittens aber wollen diejenigen, die sich über ein „Schweigekartell“ ereifern und fordern, jetzt müsse aber mal endlich die Wahrheit heraus, das von ihnen selbst gewünschte Schweigen festigen – es den Menschen, die auch das Verhalten kulturell „deutsch“ geprägter, patriarchalischer Männer kritisieren, neu auferlegen. Weg mit dem politisch korrekten Maulkorb, aber den ums Emanzenmundwerk bitte wieder schön festzurren.

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