:: A propos de Cologne II – Anzeigenflut

Die momentanen Debatten haben insofern ein doppeltes Gepräge. Sie sind nicht nur xenophob. Daß es ein massives Problem sexueller Übergriffe überhaupt gibt, wurde bisher männlicherseits als weibliche Propaganda behandelt. Da die Frauen es nun erneut thematisieren, muß es (von den Männern) neu eingeordnet werden. Die aktuelle Strategie besteht darin, das Problem narrativ aufzuteilen – in eines, das existiert (als Migrationsproblem) und eines, das sich die Frauen weiterhin „nur einbilden“ oder „zusammenlügen“.

Denn wir reden hier letzten Endes von Narrativen; davon, daß jeder Mensch eine biographische Erzählung hat. Mittels dieser teilen wir uns selbst mit, wer wir sind, wozu wir „niemals fähig“ wären, welchen gesellschaftlichen Anforderungen wir entsprechen und zustimmen, warum wir welche Erfolge und Mißerfolge hatten, und so fort. Nicht nur wir als Individuen, auch gesellschaftliche Gruppen haben gemeinsame Narrative, und ebenso die sie umfassende Gesamtgesellschaft – wir sind aufgeklärt, ein Volk von Ingenieuren, nicht mehr im Mittelalter, dies oder jenes. Das individuelle Narrativ mag – abhängig von unserer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis – mit der eigenen Wirklichkeit deckungsleicher sein, als gelegentlich behauptet wird; mit zunehmender Abstraktion von Einzelpersonen wird es – als gesellschaftliches etwa – einigermaßen fiktional.

Zum Narrativ der Männer – konservativ-patriarchalischer in diesem Fall – gehören etwa Ansichten wie: Ich bin gar nicht „patriarchalisch“; Frauen sind überempfindlich; worüber sich die Emanzen beschweren, gibt’s alles nicht wirklich, das weiß ich, also müssen die Unsinn reden.

In der Auseinandersetzung um Deutungshoheiten, Herrschaftsansprüche und Mitspracherechte gegenüber den Herrschenden werden die Narrative zu Waffen – es geht darum, wer seines als gültig durchsetzen kann, das des Anderen als unrealistisch in Abrede stellen. Stimmt das Narrativ der ’68er, oder das ihrer Gegner? Das der Frauenbewegung oder das alter Herren, die „natürlich“ nicht finden können, daß etwas im Argen liege? Und so geht es hier darum, die Darstellung der Feministinnen als unglaubwürdig zu zeichnen; ihre Wahrnehmungen als falsch darzustellen, als Ausdruck davon, daß mit ihnen etwas nicht stimmt (statt mit ihrer Umgebung, in diesem Fall der männlichen). Es geht darum, wer recht hat und darum Herrschaftsansprüche stellen, oder diese abweisen, Veränderungen fordern darf – sie, die immer noch bestehende Strukturen von Frauenfeindschaft und Frauenunterdrückung beklagen, oder wir, denen diese Strukturen dienen, deren bloße Existenz wir zugleich abstreiten müssen (sonst würden sie nicht funktionieren; „Ich unterdrücke dich gar nicht“ ist schwerer anzugreifen als „Klappe, sonst setzt’s was“). Neu ausgestellt werden sollen, meint Herr Sathom wenigstens, die von unserer Gesellschaft erteilten Lizenzen zur „Selbstdeutung“ übergriffigen Verhaltens durch den Übergreifer. Ein stets griffbereites narratives Arsenal erlaubt deutsch sozialisierten Männern, den Charakter ihres Verhaltens auch vor sich selbst zu leugnen. Es widerspricht ihrem Selbstbild, daß einzelne Aspekte ihres Verhaltens oder Denkens frauenfeindlich sein könnten – sie bei Angehörigen anderer Kulturen zu kritisieren, dient auch dazu, sich selbst als über jeden Verdacht erhaben zu inszenieren.

Verpaßte Chance also? Es wäre doch eine Möglichkeit, das Thema sexueller Übergriffe endlich einmal allgemein, als gesamtgesellschaftliches Problem, offen und ehrlich auf den Tisch zu bringen. So lang die Ereignisse noch „frisch“ sind, nicht vom nächsten Skandal überholt, sich als Mann vielleicht auch mal an die eigene Pfeife zu fassen. Es könnte eine Möglichkeit sein, jenes weiter als gewünscht verbreitete, bisher verharmloste Männerverhalten zu überdenken, über das wir bisher hinwegschauten. Gewiß – danach sieht es nicht aus; denn thematisiert werden darf es wohl auch weiterhin nicht. Denn der begierige Griff nach der Gelegenheit, den Blick von sich selbst abzulenken, sexuelle Übergriffe als alleiniges Phänomen und Problem anderer Kulturen darzustellen, ist längst spürbar. So wird der Aufruhr wegen der Silvesterattacken vielleicht sogar dazu dienen, verstärkt so zu tun, als seien hiesige Männer Heilige – das Andere einseitig bei denen da zu verorten. Daß viele Deutsche ohne Migrationshintergrund Frauen gegen ihren Willen zwischen die Beine fassen, würde dann für die öffentliche Wahrnehmung weiterhin nicht vorkommen; jetzt gerade nicht mehr.

Die Chance hingegen: daß Frauen jetzt ernster genommen werden, auf mehr Glauben hoffen dürfen, egal, woher der Täter stammt. Besser noch, wenn endlich Männer, und zwar alle, wirklich begreifen würden, daß ihr gebauter Scheiß eben auch Scheiß ist. Der Weg dahin dürfte – leider – länger sein.

P.S.: Ehre, wem Ehre gebührt – Herr Sathom hat inzwischen entdeckt, daß dieser „Taz“-Artikel die obige Hypothese schon vor über einer Woche am Rande aufwarf (Herrn Sathom kam der Verdacht erst, als die Zahl der Anzeigen diese Woche exorbitant wurde). Der dortige Beitrag ist auch insgesamt lesenswert, ein Schlaglicht auf die alltägliche Belästigungssituation, die jetzt erneut verschleiert wird. Von einer anderen, angeblich im Tagesspiegel geäußerten These (Herr Sathom ist dieser Spur nicht nachgegangen, kennt sie also nur als Gerücht), daß manche Anzeigen vielleicht von fremdenfeindlichen Frauen erstattet wurden, die gar nicht attackiert worden sind, hält er hingegen nichts. Er meint, daß die Übergriffe durchaus passiert sind. Nur, daß sie in einem anderen Klima vielleicht nicht angezeigt worden wären, bzw. daß vergleichbares Handeln westlicher Männer weiterhin nicht angezeigt wird, aus hier erörterten Gründen.

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