:: A propos de Cologne III – Hirnforschung am männlichen Subjekt

Darum verknallt sich .B. Mina Harker in Francis Ford Coppolas Dracula in den Grafen, obwohl der vorher noch als Werwolf verkleidet ihre Freundin Lucy vergewaltigt hat (die ihn danach auch richtig geil findet). Anders als im Roman liebt Mina den Vampir Film zuletzt wirklich, wiewohl das Machwerk unseren postmodernen Zeiten entstammt (das ist also kein veraltetes Klischee); liebt den mordlüsternen Schurken, weil er einer ist. Auch Lucy, über die er als Ein-Mann-Gang-Rape gekommen ist, verfällt ihm deswegen.

Außerdem verschmäht Mina in ihrem Anverlobten den Einheimischen, und das für einen Hallodri (den „Pfähler“!), der trotz seiner „ewigen Liebe“ zu ihrer früheren Inkarnation Jahrhunderte lang in seinem Sarg mit den drei Tanten da fremdgepoppt hat. Und: Ausländer ist er auch noch – vom Balkan!

Mina Harker ist hier natürlich nur eine von vielen; verhielte sie allein sich so, spielte es keine Rolle. Doch das Klischee, das sie verkörpert, gehört zum Bilderschatz unserer „Kultur“, heißt Das verräterische Weib. Das insgeheim auf King Kong abfährt; auf Blutsauger aus Transsexualien; auf die gesamte Invasion vom Mars. Und so könnte dem Sympathievorwurf also auch ein beleidigtes „nur bei uns zicken sie rum“ unterliegen.

Die Frauen, die jetzt auf das Tun dieses hier kultivierten Mannes hinweisen, wollen zwar weder von ihm noch von Fremden („Werwölfen“) auf dem Friedhof sexuell bedrängt werden; aber er nimmt zunächst eines wahr: Ihm verweigert sie sich kollektiv und ständig, sexuell (Belästigungsvorwurf) und anderweitig (gibt Widerworte). Angesichts solchen Verhaltens der selbstbestimmten Frau fährt die Phantasie des Mannes Fahrrad; noch weit schrecklichere Möglichkeiten ahnt er in ihr lauern. Jetzt, wo doch eindeutig der da der Täter war, kommt sie sofort wieder ihm mit Vorwürfen? Wozu das? Nimmt sie den etwa in Schutz?

So ist das also! Heimlich will sie das Monster, obwohl – weil – es eines ist; daß seinesgleichen sie auch belästige, nur eine Ausrede, um ihn abzuweisen. Beweis: Bei dem stört sie das gar nicht! Das also steckt dahinter!

Klingt blöd? Absurd? Zumindest die Unterstellung „Die sympathisieren auch noch mit denen“ ist allerdings gerade so idiotisch im Terminus „Kölnrelativierung“ enthalten.

Nun will Herr Sathom derartige Vorgänge im Kopf mancher Kommentatoren keineswegs behaupten (wüßte er, was da drin vorgeht, ginge es ihm vermutlich wie nach ausgiebiger Lektüre des Necronomicon); doch der wahnwitzige Vorwurf, Frauenrechtlerinnen würden Übergriffe männlicher Täter relativieren wollen, wurde nun einmal erhoben. Er ist blödsinnig. Erklärt werden kann er eigentlich nur durch die Annahme entsprechend absurder Abläufe in den Hirnen seiner Urheber/Anhänger – oder als absichtlich lancierte Lüge.

Die zweite Erklärung klingt rationaler. Aber von rationaler Absicht reden wir hier nicht, zumal sie noch viel eher eine Unterstellung wäre (der „patriarchale Mann“, von dem oben die Rede ist, meint wie gesagt nicht den Autor jenes FAZ-Artikels als Person; er bezeichnet einen Typus, dessen Merkmale unterschiedlich ausgeprägten Einfluß auf unser Denken und Handeln haben können). Die Behauptung, daß Frauen, die sonst sexuelle Übergriffe anklagen, nun bestimmte Täter in Schutz nehmen wollen, ist in sich widersprüchlich; ein psychologischer Mechanismus kann durchaus erklären, warum ein solcher Widerspruch nicht wahrgenommen, sogar überhaupt erst konstruiert wird (anderenfalls müßte man annehmen, die ihn erheben wären lediglich dumm). Jede Einzelheit, aus der sich die These der „Kölnrelativierung“ zusammensetzt, spiegelt in der Wahrnehmung ihrer konservativen Propagandisten Realität wieder: daß Frauenverachtung einzig ein Problem anderer Kulturen sei; daß Frauenrechtlerinnen linke Bazillen wären, die dauernd eine gar nicht existierende Vorherrschaft des Mannes phantasieren; daß dieser Mischmasch aus Linken und Feministinnen nicht „wahrhaben“ wolle, was für Verbrechertypen da über die Grenze schwappen. All diese Versatzstücke faßt die These zusammen – und da sie, einzeln für sich genommen, nach Auffassung des Konservativen die Wirklichkeit wiedergeben, kann er den Widerspruch, in dem sie stehen, gar nicht bemerken. Es ist doch „wahr“ – wie kann die Addition des Wahren Unwahres ergeben?

Ihr Narrativ (eine Wirklichkeit deutende Erzählung) hält der FAZ-Autor den gemeinten Frauen vor; dabei hat er selbst eines. Anders als ihres ist seines vollkommen abstrus, was ihm nicht einmal auffällt. So können die Betrachter, die ihm mißfallen, in einer Bildunterschrift auch munter als „ideologisiert“ bezeichnet werden (als Betrachterinnen kommen sie schon vor Begeisterung nicht mehr vor), während ihm das surreale Gemälde seiner eigenen ideologischen Farben so schön wahrheitsfarben scheint.

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